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Dr. Günther Mensching

Thomas von Aquin

(1225–1274): Mit ihm erreichte das Denken des Mittelalters (A) einen seiner Höhepunkte. In seinen Werken vereinigen sich auf eigentümliche Weise die wichtigsten Traditionen des christlichen Zeitalters mit einem durch die arabische und jüdische Wissenschaft völlig neu motivierten Verständnis der aristotelischen Philosophie. Deshalb liegt seine Leistung in der Synthese dieser auseinander weisenden Elemente. Schon bald nach seinem Tode, seit seiner Heiligsprechung 1323, wurde er für Jahrhunderte der wichtigste Lehrer der katholischen Kirche. Das hat die Rezeption seines philosophischen Denkens bis in die Gegenwart hinein nachhaltig geprägt. Mit fortschreitender Säkularisierung von Kunst und Wissenschaft seit der Renaissance (A) erschien der offizielle kirchliche Thomismus als Inbegriff geistiger Rückständigkeit, eine Philosophie, die es nur zu einer komplizierten, aber zutiefst sophistischen Rechtfertigung der Dogmatik gebracht hat. So wurde Thomas in der Neuzeit (A) zumeist ganz verzerrt interpretiert. Seine Bedeutung in der Geschichte der Philosophie wurde entweder grotesk übersteigert oder zumeist völlig ignoriert.

Zunächst ist Thomas ein charakteristischer Zeuge seiner Epoche, über deren Grenze sein Denken indessen weit hinausweist. Der Familie der Grafen von Aquino wurde er wahrscheinlich 1225 auf Schloss Roccasecca im Königreich Sizilien geboren und von seinen Eltern zum geistlichen Stande bestimmt. Nachdem er von 1230 oder 1231 an die Schule des Benediktinerklosters Monte Cassino besucht und 1239 bis 1244 an der von Kaiser Friedrich II. gegründeten Universität Neapel die sieben freien Künste studiert hatte, trat er in den noch neuen Bettelorden der Dominikaner ein. Der heftige Widerstand seiner Familie, die ihn entführte und ein Jahr lang gefangen hielt, machte ihn nicht gefügig, und so ging er 1245 zum Studium bei Albertus Magnus nach Paris. 1248 folgte er seinem Lehrer nach Köln an die neu gegründete Ordenshochschule der Dominikaner, wo er bis 1252 blieb. In diesem Jahr wurde er von seinem Orden nach Paris geschickt, wo er zuerst im Dominikanerkonvent, dann seit 1259 an der erst etwa sechs Jahrzehnte alten Universität lehrte. Hier wurde er in den politischen Streit um die Rolle der Bettelorden an der Universität verwickelt, eine Kontroverse, in der die historisch neue Institution Universität ihre geistige Aufgabe und ihre Stellung in der Gesellschaft überhaupt erst zu bestimmen suchte. 1256 erhielt Thomas den Magistergrad der Theologie, den höchsten akademischen Titel der damaligen Universität. Von 1259 bis 1268 lebte er in Italien, erfüllte Lehraufgaben an verschiedenen Ordensstudien und hielt sich auch länger am päpstlichen Hofe auf. Um in dem inzwischen heftig entbrannten Konflikt um Rezeption und Interpretation des Aristoteles Stellung zu beziehen, wurde Thomas 1269 nochmals an die Universität Paris berufen, wo er bis 1272 seine größte akademische Aktivität entfaltete und seine literarisch produktivste Periode hatte. Seine Gegner standen auf zwei Seiten, die weltlichen Aristoteliker auf der einen und die konservativ-augustinischen Franziskaner auf der anderen. Im Jahre 1272 wechselte Thomas an die Universität Neapel, wo er noch kurze Zeit lehrte, bis er am 7. März 1274 auf dem Wege zum Zweiten Konzil von Lyon in Fossanuova starb. Er hat stets alle hohen kirchlichen Ämter, die ihm angeboten wurden, abgelehnt und war in der Hierarchie nie mehr als ein einfacher Ordensbruder.

Das überaus umfangreiche Werk des Thomas von Aquin umfasst vor allem Schriften, die in engem Zusammenhang mit seiner Lehre an der Universität entstanden sind. Die großen systematischen Schriften sind als Lehrbücher konzipiert. Der Kommentar über die Sentenzen des Petrus Lombardus (1254–1256) ist die erste Darstellung der gesamten Theologie. Die Summa contra gentiles (Summe gegen die Heiden , 1256–1259 ) untersucht eingehend die Argumente der islamischen Philosophie und verteidigt die christliche Lehre mit den auch von den Gegnern beanspruchten rein philosophischen Mitteln. Die berühmte Summa theologiae (1267–1273) ist die umfassendste, in vielen Einzelheiten auch konziseste Darstellung dessen, was im 13. Jh. überhaupt Gegenstand wissenschaftlichen Denkens sein konnte, zugleich eine spekulative Konstruktion der Weltordnung, die sich aus der Lösung hunderter von Einzelfragen ergibt. Die literarische Form der Quaestio (Frage) entstammt der Disputation an der mittelalterlichen Universität: Einander entgegengesetzte Positionen zu einer wissenschaftlichen Einzelfrage waren entweder zu widerlegen oder miteinander zu vermitteln, um eine Lösung zu ermöglichen. Seine Quaestiones disputatae (1256–1269) , die Erörterten Streitfragen über die Wahrheit, die Macht Gottes, das Böse, die Seele und andere Gegenstände sind als Niederschlag der vielen Disputationen zu lesen, in denen Thomas vor allem in Paris Stellung nehmen musste. Die Grundlage seiner selbstständigen Schriften sind seine Kommentare zu Teilen der Bibel und vor allem zu Aristoteles, dessen wichtigste Werke Thomas Abschnitt für Abschnitt interpretiert hat. Hatte sein Lehrer Albertus Magnus die aristotelische Lehre breit dargestellt, so dringen die Kommentare des Thomas von Aquin spekulativ in die bei Aristoteles ungelösten Probleme ein und haben in vielem deren Verständnis überhaupt erst erschlossen.

Die geistige Leistung des Thomas von Aquin wird häufig darin gesehen, dass er die aristotelische Philosophie christianisiert habe. Davon ist so viel richtig, dass Thomas die überkommene neuplatonisch-augustinische Orientierung der Theologie mit aristotelischen Mitteln so kritisiert hat, dass die profane Welt als Gegenstand der Theorie ganz neu entdeckt werden konnte. Galten die Natur und besonders die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen in der Tradition als durch den Sündenfall grundsätzlich verderbt, so waren sie für Thomas Ordnungen des Seienden (Sein), die nach göttlicher Vernunft eingerichtet sind und deshalb der menschlichen Erkenntnis offen stehen. Die Untersuchung der einzelnen Naturgegenstände auf ihre wesenhafte, d. h. gesetzmäßige Struktur hin ist nach Thomas geradezu eine Bedingung für die Erkenntnis Gottes, welche nach wie vor das höchste Ziel aller Erkenntnis ist. Die asketisch-spirituelle Abwendung von der Welt und die Überzeugung, alle Gewissheit, zu der menschliches Denken gelangen kann, entstamme göttlicher Erleuchtung, werden von Thomas aufgegeben.

Gegenüber diesen Motiven der augustinischen Tradition entwickelt Thomas eine Theorie, nach der Erkenntnis nicht länger ein vornehmlich kontemplatives Verhalten ist, sondern vielmehr eine produktive Tätigkeit, in welcher der Gegenstand und der erkennende Verstand sich wechselseitig bestimmen. Der Intellekt löst abstraktiv das Wesen, die allgemeinen und notwendigen Bestimmungen, aus den zumeist sinnlich gegebenen Einzeldingen heraus. Die Begriffe, die aus der Arbeit des Verstandes resultieren, lassen den Rückschluss auf die göttliche Ursache aller logisch bestimmbaren Ordnung zu, sodass die Wissenschaften vom endlichen Seienden in der Theologie begründet sind. Andererseits ist seine Erkenntnistheorie, die weit über ihre aristotelische Quelle hinaus getrieben wird, ein Zeugnis dafür, dass die thomasische Wissenschaft gegenüber der Welt eine produktive Haltung einnimmt. Der aktive Intellekt löst die Wesensformen abstraktiv aus den konkreten Dingen heraus, um sie dem aufnehmenden intellectus possibilis , der mit dem Gedächtnis verbunden ist, als dem Schatz der begrifflich fixierten Erfahrung einzuprägen. Neue Erkenntnis wird gewonnen, indem die bereits bestimmten Begriffe die Erfahrung leiten.

Im Zusammenhang mit der Erkenntnislehre aber auch aufgrund anderer Teile seines Œuvres macht Thomas klar, dass für ihn die Theologie eine Wissenschaft ist. Deren Gegenstand erschließt sich nicht einem vernunftlosen Glauben, sondern dem logisch darstellbaren Wissen. Der Glaube darf der Vernunft nicht widersprechen, denn er liefe sonst dem menschlichen Wesen zuwider und verstieße gegen die von der göttlichen Vernunft erzeugte Natur. Für Thomas wie für die meisten Theologen seiner Zeit waren Glauben und Wissen noch nicht getrennte Bereiche des Geistes. Deshalb gründet die Philosophie in der Glaubenslehre, aber diese muss dem objektiven Anspruch der Vernunft genügen, deren Maßstab Thomas vor allem dem antiken Denken und seiner Kommentierung durch Araber und Juden entnimmt.

Unter diesen Voraussetzungen konnte Thomas seine Lehre von der natürlichen Ordnung der Welt (ordo naturae ) als Metaphysik entfalten. Im Anschluss an Aristoteles und über ihn hinaus hat Thomas von Aquin die Theorie von Sein, Seiendem und Wesen so entwickelt, dass die extremen Positionen des mittelalterlichen Streites um die Realität der Allgemeinbegriffe (Universalienstreit) vermieden werden konnte und das Problem gelöst erschien. Hatten die neuplatonischen Realisten nur den allgemeinen Wesensbestimmungen der Gattung und der Art ein Sein zugeschrieben, während das Individuum nur eine Vereinigung unwesentlicher Merkmale (Akzidenzien) sein sollte, so hielten die Nominalisten des 12. Jhs. nur die von sich aus unverbundenen individuellen Dinge für real, während die Allgemeinbegriffe lediglich subjektive Zeichen sein sollten. Für Thomas ist diese Kontroverse gegenstandslos geworden, denn er geht wie Aristoteles von dem sinnlich gegebenen Einzelding aus und fragt nach den Bedingungen dafür, dass es so ist, wie es ist. Die letzten substanziellen Momente jedes Seienden sind die unbestimmte, aber des Bestimmtwerdens fähige Materie und die in sich bestimmte, die Materie bestimmende Form. Beide können nur vereinigt existieren. Die Wesensform der vielen Exemplare einer Spezies prägt sich der aufnahmefähigen Materie stets in gleicher Weise als Qualität ein. Daher ist diese als bloß quantitativ bestimmte das Prinzip der Individuation. Das Allgemeine hat danach Existenz im Individuum, das seinerseits durch sein Wesen mit den anderen Individuen seiner Art in seinem Sein verbunden ist.

Diese Metaphysik der Seinsanalogie erlaubte es Thomas, die Welt als kontinuierliche Verwirklichung der göttlichen Vernunft zu konzipieren. Wie der Handwerker die Form seines Produkts im Kopf hat, ehe er sie im Material seiner Arbeit verwirklicht, so hat Gott die Wesensformen aller natürlichen Dinge von Ewigkeit gedacht und durch die Schöpfung der Materie eingeprägt. Die überindividuellen und unanschaulichen platonischen Ideen vereinigt Thomas mit den sinnlich gegebenen individuellen Dingen. Dies war nicht ohne Widerspruch möglich und stieß, schon eine Generation nach Thomas, auf die Kritik des ockhamschen Nominalismus. Dennoch ist Thomas’ groß angelegter Versuch, Allgemeines und Besonderes spekulativ zusammenzubringen, ein epochaler theoretischer Entwurf, der untergründig bis zu Leibniz und Hegel Modellcharakter hatte.

Nach Thomas ist Gott der reine, sich durch sich selbst wissende Intellekt, also vollkommenes Selbstbewusstsein. Als solches ist er reine Wirklichkeit (actus purus ), also nichts bloß Mögliches, das zu etwas noch nicht Seiendem werden könnte. In dieser Bestimmung Gottes, die von der neuzeitlichen sehr verschieden ist, liegt der für Thomas charakteristische Primat der Vernunft beschlossen. Der Wille Gottes untersteht in diesem Sinne seiner Vernunft, sodass Gott nichts Widervernünftiges wollen kann. Für die Menschen, die Gott durch ihren Verstand ähnlich sind, gilt der Primat des Intellekts über den Willen ebenfalls. Ihre Freiheit liegt nicht in der grundlosen Spontaneität des Willens, sondern in der vernünftigen Erkenntnis dessen, was ist, und dessen, was sein soll. Das reine Selbstverhältnis Gottes wird für den menschlichen Intellekt als imago trinitatis , als Bild der Dreieinigkeit, bestimmend.

Aus der Unwandelbarkeit des göttlichen Willens folgt die Grundlage des thomasischen Naturrechts. Da dieser Wille wesenhaft vernünftig ist, können die Menschen das ihrer eigenen Natur entsprechende moralische Gesetz erkennen. Ihre Vernunft ist notwendig gesellschaftlich. Jeder Einzelne kann daher das gesellschaftlich und politisch Gebotene einsehen, ohne durch herrschaftliche Gewalt zum Gehorsam gezwungen zu werden. Der oberste Zweck jedes Gemeinwesens aber ist dessen gemeinsames Wohl (bonum commune ). Gegen eine Herrschaft, die gegen diesen obersten politischen Zweck verstößt, ist nach Thomas Widerstand geboten.

M. D. Chenu, Das Werk des hl. Thomas von Aquin , Heidelberg / Graz 1960

R. Heinzmann, Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Denken , Stuttgart 1994

G. Mensching, Thomas von Aquin , Frankfurt 1995

J.-P. Torrell, Magister Thomas. Leben und Werk des Thomas von Aquin , Freiburg/Br. 1995

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt