Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das UTB-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Lic. phil. Gerhild Tesak

Bacon, Francis

(1561–1626): Geboren in London; gestorben in Highgate bei London; gilt als einer der Vorläufer des englischen Empirismus und hat durch seine Schriften die Entstehung und Verbreitung der modernen Naturwissenschaften gefördert. Er war von Beruf Jurist (kein ausgebildeter Philosoph) und hatte die politische Laufbahn eingeschlagen, da er in der Politik die Basis zur Verwirklichung seiner Ideen und Ideale gegeben sah. Sein Hauptinteresse galt der wissenschaftlichen Forschung seiner Zeit, sein größtes Ziel sah er in der Reformierung der zeitgenössischen Wissenschaften und der damit verbundenen Neubegründung der Philosophie als strenger Wissenschaft. Für die schwere skeptische Krise, in welcher sich Philosophie und Wissenschaften seiner Zeit befanden, machte Bacon die Vorherrschaft der aristotelischen Philosophie verantwortlich. Seine Schriften, die fast alle Fragment geblieben sind, versteht er in ausdrücklicher Opposition zu diesem aristotelisch geprägten Paradigma in Philosophie und Wissenschaft.

Eine systematische Entwicklung seiner Gedanken findet sich vor allem in seinen Werken Nova Atlantis (1627) , wo Bacon in der Form eines utopischen Reiseberichts das ideale Bild einer scientific community entwirft, und in der mehrbändig angelegten Instauratio magna (1605–1622) , worin er die Kritik an der zeitgenössischen Wissenschaft mit dem programmatischen Entwurf einer modernen Wissenschaft, wie sie ihm vorschwebt, verbindet. Bacons Kritik an der wissenschaftlichen Forschung seiner Zeit ist umfassend und richtet sich sowohl gegen Ziel als auch gegen Methode derselben. So kritisiert er die herkömmliche Wissenschaft, weil sie Erkenntnis um ihrer selbst willen sucht, während das Ziel wissenschaftlichen Forschens nach Bacon immer nur die menschliche Praxis sein darf bzw. sich an deren Bedürfnissen und Problemen orientieren muss. Die in den Wissenschaften allgemein angewandte Methode der Deduktion ist seiner Meinung nach nicht nur gänzlich ungeeignet zum Auffinden neuer Erkenntnisse, sondern blockiert geradezu jeden Fortschritt in der Wissenschaft. Da sie sich in der Vergangenheit als unbrauchbar erwiesen hat, die ihr gestellten Probleme zu lösen, fordert Bacon einen Wechsel der Methode: Die deduktive Methode in den Wissenschaften muss durch das Verfahren der Induktion abgelöst werden. Statt wie bisher sich nur im Kreise der durch Autorität gestützten Theorie zu drehen, soll nun umgekehrt die Forschung bei den konkreten Einzelerfahrungen ansetzen und erst allmählich durch systematische Beobachtung derselben zu allgemeineren Erkenntnissen fortschreiten. Dabei soll nicht von irgendwelchen zufälligen Erfahrungen ausgegangen werden, sondern die Erfahrungen müssen methodisch gewonnen werden.

So besteht der erste Schritt induktiv angelegter Forschung in der systematischen Planung von Experimenten, die durch wohl durchdachte Anordnung eine Annäherung an das in Frage stehende Phänomen erlauben sollen. Dabei muss versucht werden, durch Variation der experimentellen Anordnung all jene Momente herauszufinden und in der Folge auszuschließen, die nicht notwendig zum Wesen der untersuchten Erscheinung gehören. In einem zweiten Schritt sollen alle Experimente – nach bestimmten Kriterien geordnet – schriftlich fixiert werden, worauf in einem dritten Schritt erst die hypothetische Formulierung allgemeiner Gesetze erfolgt. Hypothetisch deshalb, weil auch in diesem Stadium der Forschung immer noch nach Daten gesucht werden muss, die mit der ›gefundenen Erkenntnis‹ nicht übereinstimmen. Erst wenn es – modern gesprochen – nicht gelingt, die induktiv gewonnenen Erkenntnisse zu falsifizieren, gelten diese nach Bacon als gesichert.

Bacons wissenschaftstheoretische Überlegungen beruhen auf der Annahme, dass allen Dingen der Wirklichkeit eine Form zugrunde liegt, welche prinzipiell erkenntnismäßig erfasst werden kann. Allerdings kann diese Form, unter der Bacon allgemeine Gesetze, also Strukturprinzipien versteht, nicht direkt ›erschaut‹, sondern nur indirekt erschlossen werden. Diesem Umstand trägt die Methode der Induktion Rechnung, deren Ziel somit nicht einfach in der Verallgemeinerung des Vorgefundenen besteht, sondern durch welche die Erkenntnis der Formen ermöglicht werden soll. Das beschriebene Verfahren soll verhindern, dass durch unsystematisches oder vorschnelles Verallgemeinern falsche Schlüsse auf das Allgemeine gezogen werden.

Daneben besteht eine mögliche Fehlerquelle aber auch in der Verunreinigung des Geistes durch Vorurteile. Nach Bacon gibt es vier verschiedene Arten von Vorurteilen (Idole genannt), welche die richtige Erfassung der Formen durch den Verstand verhindern können. Diese Vorurteile sind idola tribus, idola specus, idola fori und idola theatri . Unter die Vorurteile der ersten Kategorie zählt Bacon jene, welche ihre Wurzeln in der menschlichen Natur beziehungsweise in der menschlichen Gattung haben. Hierzu nennt er beispielsweise die teleologische Interpretation der Natur, die das Resultat einer anthropomorphisierenden Sichtweise sei, aber auch bestimmte menschliche Eigenschaften, wie etwa die gefühlsmäßige Beeinflussbarkeit von Urteilen, das Festhalten an einmal gewonnenen Überzeugungen und das Bestreben, alles Neue im Lichte bereits bekannter Tatsachen deuten zu wollen. Die zweite Kategorie umfasst Vorurteile jener Art, wie sie sich der Mensch durch Erziehung, Milieu und andere äußere Umstände erwirbt und welche sich jeder Wahrnehmung unbemerkt, aber nachhaltig beimischen. Die dritte Kategorie der idola fori bilden Vorurteile, die durch die sozialen Beziehungen der Menschen zustande kommen. Eine der Grundursachen für die verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit sieht Bacon hier in der menschlichen Kommunikation. Insofern die Sprache nicht nur im alltäglichen Umgang ihren praktischen Zweck erfüllt, sondern auch in der wissenschaftlichen Kommunikation verwendet wird, führt sie das menschliche Erkenntnisvermögen in die Irre. Sie tut dies durch die Verwendung von Wörtern, denen entweder gar kein Objekt der Wirklichkeit entspricht (beispielsweise der Ausdruck ›Schicksal‹) oder die durch fehlerhafte Abstraktion gebildet wurden. Neben diesen sprachlichen Fehlerquellen seien als vierte Kategorie noch die idola theatri genannt. Als Idole des Theaters bezeichnet Bacon weltanschaulich fundierte philosophische Systeme, da in ihnen wie im Theater eine ›falsche Welt‹ vorgegaukelt wird. Von solchen vorgefassten Weltbildern muss sich der Geist erst befreien, um die Formen der wirklichen Welt vorurteilslos aufnehmen zu können.

Die Reinigung des Geistes von allen Vorurteilen der Art, wie Bacon sie in der Idolenlehre aufzählt, könnte fälschlicherweise dahin ausgelegt werden, dass er die Rolle des Geistes im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess als eine rein passive definiert, die sich in der ungetrübten Aufnahme des Sinnlichen erschöpft. Dem ist jedoch nicht so. Bacon vergleicht das ›geistlose Sammeln‹ der Empiriker mit dem Tun der Ameisen, die nur zusammentragen und gebrauchen, kritisiert gleichzeitig aber auch die Vorgehensweise der Rationalisten, welche (in seinen Worten) wie die Spinnen ihr Netz aus sich selbst heraus produzieren. Damit grenzt Bacon seine eigene Theorie von beiden Strömungen gleichermaßen ab. Da sowohl der Verstand als auch die Sinne Täuschungen erliegen und irren können, besteht die einzig mögliche Methode nach Bacon darin, beide gemeinsam zur Anwendung kommen zu lassen, sodass sie sich in der Anwendung gegenseitig korrigieren. Er wählt, um diese Art des Vorgehens zu illustrieren, das Bild der Biene, die den von ihr eingesammelten Blütenstaub verwandelt und durch eigene Kraft verarbeitet. So hält Bacons induktives Verfahren die Mitte zwischen den Extremen der Empiriker und der Dogmatiker.

Wozu dient die auf solche Weise zustande gekommene Erkenntnis der Formen beziehungsweise worin besteht der von Bacon geforderte Nutzen dieser Kenntnis für die Gesellschaft? Erkenntnis der Formen der Wirklichkeit ist nach Bacon immer Erkenntnis der kausalen Beziehungen, die dieser Wirklichkeit zugrunde liegen. Zwar können diese Beziehungen selbst nicht verändert werden, doch das Wissen um die Ursachen eines Phänomens kann dahingehend nutzbar gemacht werden, dass es die Möglichkeit eröffnet, diejenigen Ausgangsbedingungen, unter denen bestimmte Kausalgesetze wirksam werden, künstlich herzustellen. So können die in der Natur herrschenden Gesetze zwar nicht manipuliert, wohl aber zweckvoll eingesetzt werden: Man beherrscht die Natur, indem man ihr gehorcht. In diesem Sinne ist, wie Bacon selbst es formuliert, Wissen Macht. Bereits Bacon sieht klar, dass dieser von ihm gezeichnete Weg einer systematisch vorgehenden Wissenschaft nicht von einzelnen Forschern allein beschritten werden kann. Eine in solchem Maßstab betriebene Forschung bedarf der gemeinsamen Anstrengung einer großen Anzahl von Wissenschaftlern und der kompetenten Koordination ihrer Arbeit. In dem Utopie-Fragment Nova Atlantis zeichnet Bacon das Bild einer solchen scientific community . Das von ihm geschilderte ›Haus Salomon‹ entspricht unserer heutigen Vorstellung eines modernen Forschungszentrums, wo Wissenschaftler der verschiedensten Richtungen in kleinen Teams Grundlagenforschung betreiben. Arbeitsteilung, zentrale Organisation und Unabhängigkeit von Seiten staatlicher Einmischung prägen das Bild dieser Institution. Ein für Bacon wesentlicher Aspekt besteht in der engen Beziehung dieser Forschergemeinschaft zur Gesellschaft, zu deren Nutzen sie forscht. So ist ein wesentlicher Teil der Aufgaben des Hauses Salomon der Ausarbeitung und Aufbereitung der Forschungsergebnisse für die Öffentlichkeit gewidmet – wenn auch die Auswahl des zu publizierenden Materials dabei den Forschern selbst überlassen bleibt.

Wenn Bacon aus heutiger Perspektive demjenigen Denken, das er seinem Selbstverständnis entsprechend heftig bekämpft, in gewisser Hinsicht doch noch verbunden ist, so wurde er trotzdem zum Wegbereiter der neueren Philosophie und der Naturwissenschaften. Seine in Nova Atlantis entwickelten Ideen wurden durch die vierzig Jahre nach seinem Tod erfolgte Gründung der Royal Society gewissermaßen in die Tat umgesetzt. Durch die hohe Wertschätzung, die er der Erfahrung im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess zuteil werden lässt, ebnete er den Weg zur Entstehung des Empirismus. Spätere Kritiker (unter ihnen Popper) stellen ihn jedoch zu Unrecht in das Feld der von Bacon selbst als ›Ameisen‹ verspotteten Empiriker. Wenn Bacon auch fest von der Möglichkeit der Verifikation überzeugt ist, so mutet doch das von ihm entwickelte und propagierte Prinzip der Wissenserweiterung durch Irrtumsbeseitigung sehr modern an und auch seine Idolenlehre als altertümliche Fassung einer Theorie wissenschaftlicher Paradigma ist nicht ohne Aktualität.

W. Frost, Bacon und die Naturphilosophie , München 1927

E. Siegl, Das Novum Organon von Francis Bacon , Innsbruck 1983

W. Krohn, Francis Bacon , München 1987

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt