Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Prof. Dr. Karl Bormann

Plotin

(um 205–270): Der Geburtsort ist unbekannt; Plotin begann 244 in Rom mit seiner Lehrtätigkeit. Sein Anliegen war die Erneuerung und Interpretation der platonischen Philosophie mit Ausnahme der Sokratik und der Staatslehre; einbezogen sind nicht nur Platons Schriften, sondern auch in hohem Maße die ungeschriebenen Lehren. Vieles verdankt er anderen Philosophen, vor allem Aristoteles; die Epikureer verachtete er. Von Platon übernimmt Plotin die Unterscheidung der Wirklichkeit in unveränderlich Seiendes (Sein), welches nur durch das Denken erfassbar ist, und in sinnenfällig Veränderliches, das aufgrund der Teilhabe am Seienden das ist, was es jeweils ist. Zwischen diesen Bereichen, aber noch dem Intelligiblen als Unterstes zugehörig, befindet sich die Psyche, das Seelische, das in die Regionen des Veränderlichen absteigen und in den Seinsbereich aufsteigen kann. Alles aber, was irgendwie ist, ist eine Weise von Einheit, und nur aufgrund seines Einheitscharakters ist es überhaupt. In den einzelnen Bereichen ist die Einheitsweise mehr oder weniger stark ausgeprägt: Die unveränderlichen Seienden sind in höherem Maße Einheit als die Seele, diese ist mehr Einheit als ein Organismus, und ein Organismus ist mehr Einheit als die Artefakten, etwa ein Haus. Die Einheit begründet also das Sein, was auch für die unveränderlichen Seienden zutrifft. Diese Überordnung der Einheit über alle Vielheit hat nicht logische, sondern ontologische Bedeutung: Als seinsbegründend transzendiert das Eine den Seinsbereich; als überseiend ist es weder Idee noch Wesenheit, sondern Quelle des Lebens, Ursache des Seienden und des Guten, Wurzel der Seele, ohne etwas von dem zu sein, dessen Quelle, Ursache und Wurzel es ist. Als Grund jeder Vielheit ist es im ontologischen Sinne vor aller Vielheit. Weil es Ursache von allem ist, kann nichts sein ohne das Eine. Daher ist das Eine alles, so aber, dass es nichts von allem ist. Alles ist mit ihm als der Ursache von allem vereint, es selbst aber ist von allem getrennt; es ist in allem anwesend, zugleich aber von allem abwesend, und so ist es überall und nirgends, es ist weder in der Zeit noch in der Ewigkeit. Weil nichts sein oder gedacht werden kann, das nicht von dem Einen abhängig oder von seiner unendlichen Mächtigkeit (dynamis ) nicht umschlossen wäre, gibt es nichts, das dem Einen übergeordnet wäre. Es ist nur es selbst. Als absolut transzendente Ursache von allem ist es identisch mit dem ›Guten‹ des platonischen Sonnengleichnisses und dem ›Einen‹ aus Platons Parmenides und als solches auch Grund jeder Erkennbarkeit und jedes Erkennens, eben deshalb aber weder erkennbar noch erkennend; denn der Grund oder die Ursache ist nichts von dem Begründeten oder Verursachten. Hieraus ergibt sich, dass sich von ihm im strikten Sinne nur das aussagen lässt, was es nicht ist; es hat keinen Namen und ist unaussprechbar. Auch die Bezeichnungen ›Eines‹ und ›Gutes‹ sind wie alle Bezeichnungen, die dem Einen beigelegt werden, metaphorisch verwendet und verhelfen nicht zu affirmativen Aussagen über das absolut Transzendente; denn das absolut Transzendente hat weder Einheit noch Gutheit, es bedarf ihrer nicht, noch ist es Eines und Gutes. Da aber die dem überseienden Einen angemessene verneinende Aussageweise das Verhältnis der nachgeordneten Realität zu ihrem Urgrund nicht erklären kann, müssen die verneinenden Aussagen durch affirmative ergänzt werden, wobei immer die absolute Transzendenz des Einen berücksichtigt werden muss. Die Weise des Hervorgehens von allem aus dem Einen wird vielfach als Emanation (Ausfließen, Ausströmen) bezeichnet; Plotin hingegen lehnt eine Emanation ab. Das Eine strömte gleichsam über, und seine Überfülle schuf etwas anderes. Das aber ist lediglich ein Bild; das Eine verweilt unveränderlich in sich selbst, weder entströmt ihm etwas, noch wird ihm etwas hinzugefügt; es erschafft, was es selbst nicht ist. Alles ist im Einen so, wie Farben im Licht sind. Wie Farben nicht ohne das Licht gesehen werden können, so kann nichts ohne das Eine bestehen, und wie die Sonne nicht aufgrund eines Entschlusses, sondern mit Notwendigkeit strahlt und alles erleuchtet, so schafft das Eine mit Notwendigkeit, und zwar im zeitlosen Verursachen. Das, was als seinsmäßig Erstes in unzeitlicher Weise entstand, ist sowohl seinem Ursprung als auch sich selbst zugewandt und durch diese Hinwendung als denkender Geist (nous ) konstituiert. Der Geist ist Seinsheit und Seiendes; Denken und Sein sind in ihm dasselbe; daher sind seine Inhalte, die Ideen, nicht von ihm verschieden; auch sie sind Seinsheit und Seiendes (bereits Platons zweiter Nachfolger, Xenokrates, verstand die Ideen als Inhalte des göttlichen Geistes). Als Einheit von Denken und Sein ist der Geist Einheit und Zweiheit zugleich. Der Geist als Ideenwelt ist Urbild von allem ihm Nachgeordneten. Ideen von Schlechtem und Bösem gibt es aufgrund der Vollkommenheit des Geistes nicht. Als Gesamtheit der Seienden ist er alles Seiende; insofern er vollkommen ist und immer denkt, ist er vollkommenes Leben, für das es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt, sondern das ewige Gegenwart ist. Ewigkeit als die Seinsweise des Geistes ist das Leben des Seienden im Sein, zugleich, in seiner Gesamtheit und in seiner Fülle, ohne Unterbrechung und allenthalben. Hieraus ergibt sich des Weiteren, dass der Geist reine Wirklichkeit ohne Beimischung irgendwelcher Möglichkeit und als solcher höchste Mächtigkeit (dynamis ) ist. Die Klassen des Geistes, abgehoben von den Kategorien der Körperwelt, ergeben sich aufgrund folgender Argumentation: Das lebendige Sein des Geistes ist Bewegung, die nicht zur Veränderung führt, sondern deren Wesensform die Ständigkeit ist. Durch Ständigkeit als Wesensform der Bewegung hat das Intelligible Bestand. Da für den Geist Denken und Sein dasselbe sind, kommt ihm die Selbigkeit wesentlich zu. Weil andererseits Denkendes und Gedachtes voneinander verschieden sind, schließt die Tätigkeit des Geistes die Verschiedenheit oder Andersheit ein. Dieses Ergebnis führt zu scheinbar paradoxen Aussagen: Bewegung ist von der Ständigkeit und vom Sein verschieden und nicht verschieden; ebenso sind Selbigkeit und Andersheit voneinander verschieden und nicht verschieden. Auch insgesamt sind die fünf Klassen verschieden und nicht verschieden. – Der unterste Bereich des Intelligiblen ist die Region der Seele. Die Seele ist Äußerung (logos ) und Wirkungskraft des Geistes, wie der Geist Äußerung und Wirkungskraft des überseienden Einen ist. Als solche ist die Seele vom Geist nicht wesensverschieden, sie ist aber als Erzeugnis des Geistes diesem seinsmäßig nachgeordnet. Der Geist und die Ideen wirken nicht unvermittelt auf die Materie ein; die Seele verleiht der Körperwelt Leben und Bewegung und ist wesensmäßig Leben und Bewegung, was bedeutet, dass sie unvergänglich und ohne Anfang ist, denn sie wird nicht Leben, sondern ist Leben. Wegen ihrer Blickrichtung auf den Geist erkennt sie in diesem die Ideen. Das Erkannte ist im Erkennenden gemäß der Weise des Erkennenden; daher sind die Ideen, welche die Seele im Geist erkennt, in ihr auf seelische Weise die Keimkräfte der Körperwelt. Somit befindet sich die Seele zwischen Geist und Körperwelt, und ihre Aufgabe besteht darin, sich beiden Bereichen zuzuwenden. Das vermag sie, weil sie sowohl der Geistregion als auch der Region der Körperwelt angehören kann. Wenn sie auf den Geist blickt, wird sie Geist, behält aber ihre Identität; schaut sie vom Geist weg, dann strahlt sie die niedere Realität aus, ohne in ihr aufzugehen. Dass es zur Abwendung vom Geist kommt, beruht darauf, dass eine unruhige Seelenkraft danach drängt, das im Geist Geschaute anderem zuzutragen und dadurch eine neue Wesensart zu schaffen. Indem die Seele die Region des Geistes verlässt, verlässt sie auch das Leben des Seienden im Sein, d. h. die Ewigkeit. Nicht mehr immerwährende Gegenwart ist jetzt ihre Seinsweise, sondern ein fortgesetztes Übergehen zum Künftigen und immer anderen. In diesem kontinuierlichen Übergehen, das nie endet, wird die unveränderliche Gegenwart der Ewigkeit in unvollkommener Weise nachgeahmt. Die Zeit entsteht also als Abbild der Ewigkeit dadurch, dass die Seele die Geistregion verlässt und sich verzeitlicht. Zeit als wesentliche Bewegung der Seele ist das Leben der Seele, die in ihrer Bewegung von einer Lebensform zur anderen übergeht. Auf der Stufe der Menschen ist sie denkend oder vermutend, auf der Stufe der Tiere wahrnehmend, in den Pflanzen wirkt sie als Wachstumskraft. Was im Anorganischen an Formen, Energie und Kräften vorhanden ist, entstammt ebenfalls der Seele. Nichts in der Körperwelt ist ohne Seele als gestaltendes Prinzip. Da kein Teil des Weltalls ohne Seele ist, ist die Welt als Ganze eine lebendige Einheit, deren Teile in Wechselwirkung (sympatheia ) stehen. Die Weltseele verharrt in der oberen Welt; daher ist sie nicht im Weltleib, sondern der Weltleib ist in der Weltseele, und alle Einzelseelen sind in der Weltseele eine Einheit. Somit ist die Seele Einheit und Vielheit, geteilt und ungeteilt. Ungeteilt ist sie, weil sie bleibt, was sie ist, und als unkörperliche nicht teilbar ist; geteilt ist sie insofern, als sie in der Körperregion gemäß den vielen Seelenkräften wirkt. Anders als die Weltseele vollziehen die Einzelseelen den Abstieg in die Körperwelt; denn das Materielle bedarf der Seele, weil es ohne Seele als gestaltendes und belebendes Prinzip ungestaltet und unbelebt wäre. Indessen vermengt oder vermischt sich die Seele nicht mit dem Materiellen. Dass aus der an ihr selbst ungeformten und unbelebten Materie geformte und lebendige Körper werden, beruht darauf, dass die Seele gleichsam ein Bild ihrer selbst ausstrahlt. Dieses ›Seelenbild‹ geht in die Materie ein und bildet aus der Materie den geformten, mit Kraft, Energie, Leben ausgestatteten Körper. Der Abstieg bringt indessen für die Einzelseele die Gefahr mit sich, dass sie im Materiellen wie in einem Morast versinkt. Die Materie als das von sich her Unbestimmte ist das Nichtgute, als solches das Nichtseiende, im Lichtvergleich das Lichtlose. Einerseits erscheint also der Abstieg der Seele als etwas Gutes, weil dadurch die ungeformte Materie Gestaltung erhält, andererseits ist es für die Seele ein Unglück, dass sie sich vom Geist entfernte und in die Materie, in das Schlechte abstieg. Schlecht wird die Seele jedoch nicht in ihrer Wesenheit; denn die Materie als das Schlechte gelangt nicht in die Seele hinein, sondern das Schlechte besteht für die Seele in ihrer Beziehung zur materiellen Welt; wenn sie sich vom Materiellen beherrschen lässt, wird sie schlecht. Vergisst die Seele sich selbst und ihre eigentliche Aufgabe, auf den Geist zu schauen, dann bleibt sie im Materiellen versunken, bis sie die Kraft findet, sich vom Körperlichen abzuwenden und sich über es zu erheben. Durch den Abstieg in seinsmäßig niedere Regionen wird das Streben nach Aufstieg geweckt; dem Streben kann sich der Aufstieg anschließen, sofern die Seele dem Streben folgt. Eingeleitet wird der Aufstieg dadurch, dass sie sich vom Materiellen abwendet und ihren Blick auf das Geistige richtet. Hieraus erwächst eine Gesinnung, welche die Handlungen bestimmt. Gleichsam die Wegweiser des Aufstiegs sind die ethischen Vortrefflichkeiten (aretai ), was besagt, dass nur die Seele die ethischen Vortrefflichkeiten besitzt, welche die Loslösung vom Materiellen vollzogen hat und auf dem Weg zum Intelligiblen ist, es aber noch nicht erreicht hat. Da es Unterschiede im Fortschreiten auf das Ziel gibt, ist zwischen niederen und höheren Vortrefflichkeiten zu unterscheiden. Die niederen aretai ermöglichen der Seele die Reinigung vom Materiellen und die Herrschaft über es; die höheren erlangt sie, wenn sie so weit fortgeschritten ist, dass sie das Intelligible aus der Distanz schaut, so wie etwas gesehen wird, das vor einem steht, in das man aber noch nicht eingedrungen ist. Hieraus ergibt sich: Wenn sie das Intelligible schaut, hat sie sich von den Verstrickungen des Materiellen befreit; löst sie sich aber erst vom Materiellen, dann ist sie dem Intelligiblen noch nicht so nahe, dass sie es erkennen kann. Im Einswerden mit dem Geist und dem überseienden Einen ist das angestrebte Ziel erreicht; der Zwischenbereich ist verlassen, und die Seele befindet sich im Geist und im Einen so, dass sie selbst Geist und Eines ist. Dann aber bedarf die Seele der aretai nicht mehr, so wie ein Wanderer, der am Ziel angekommen ist, auf keinen Wegweiser mehr angewiesen ist.

Plotini opera , hg. von P. Henry / H. R. Schwyzer, 3 Bde, Paris / Bruxelles / Leiden 1951–1973 [editio maior]; Oxford 1964–1982 [editio minor]

Plotins Schriften , übers. von R. Harder. Neubearbeitung mit griech. Lesetext u. Anm., fortgeführt von R. Beutler / W. Theiler, 6 Bde in 12 Teilbänden, Hamburg 1956–1971

W. Beierwaltes, Lux intelligibilis. Untersuchungen zur Lichtmetaphysik der Griechen , München 1957

W. Beierwaltes, Plotins Metaphysik des Lichtes , in: Die Philosophie des Neuplatonismus, hg. von C. Zintzen, 75–117, Darmstadt 1977

J. Halfwassen, Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin , Stuttgart 1992

Chr. Horn, Plotin über Sein, Zahl und Einheit , Stuttgart 1995

K. H. Volkmann-Schluck, Plotin als Interpret der Ontologie Platons , 3. Aufl. Frankfurt/M. 1966

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt