Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Detlef Thiel

Derrida, Jacques

(1930–2004): Geboren in El Biar, Algerien; 1949–1956 Philosophiestudium in Paris (Lycée Louis-le-Grand, École normale supérieure, seit 1968 zahlreiche regelmäßige Seminare an mehreren europäischen und amerikanischen Universitäten (John Hopkins, Yale, Cornell u. a.) sowie viele Vortragsreisen, seit 1979 auch nach Moskau, Afrika, Japan, Südamerika, Australien. Aufgrund seiner freundschaftlichen und kollegialen Verbindungen steht Derrida im Geflecht fast aller bekannten Namen der französischen Philosophie und Literatur seit 1950. Ab 1970 wird seine Arbeit auch außerhalb Frankreichs rezipiert, vor allem in den USA, in England, Italien, Deutschland. Seine erste Publikation von 1962 ist ein langer Kommentar zu einem Forschungsmanuskript des späten Husserl (Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie , München 1987). Fast alle Texte sind mehrfach gedruckt und in zahlreiche Sprachen übersetzt, bis ins Russische, Arabische, Chinesische. Ein definitives systematisches Hauptwerk gibt es ebenso wenig wie eine lineare Entwicklung mit eindeutigen Phasen oder Zäsuren. Vielmehr entfaltet Derrida unaufhaltsam die in den Arbeiten der 1960er Jahre angelegten Keime. Zusammen mit einer fortlaufenden Selbstinterpretation im steten Kreuzfeuer von Rezeption und Kritik führt dies zu einer Verdichtung oder Vernetzung all seiner Texte. Derrida erreicht seine entscheidenden Wirkungen durch Lektüren anderer Autoren. In dem von Phänomenologie und Existenzialismus (Sartre, Merleau-Ponty) beherrschten intellektuellen Klima im Paris der 1950er Jahre orientiert er sich an Husserls Texten selbst und an Interpreten wie Lévinas und Heidegger. In den Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins entwickelt Husserl den augustinischen Gedanken einer unauflöslichen Verkettung der Zeitmomente Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft bzw. Retention, »Urimpression« (Wahrnehmung), Protention. Derrida fasst das radikaler. Das mittlere Moment, die Präsenz, ist niemals rein oder absolut, sondern immer schon verknüpft mit Alterität und affiziert durch Momente der Absenz. Diese Verflechtung ist ein ›Text‹, in dem nichts irgendwo und irgendwann einfachhin anwesend oder abwesend ist und der schlechthin alles einbegreift. Damit wird eine Fülle von Variationen und Applikationen eröffnet: Das Selbe als Effekt des Anderen, der reine Selbstbezug als Produkt der Tradition, die Kontamination der Ursprünge. Aus der von Derrida ebenso eigenständig rezipierten Psychoanalyse Freuds kommen weitere Motive hinzu: Nachträglichkeit des Bewusstseins, Aufschub der Präsenz (bzw. der Lust), die Spur eines nicht stattgefundenen Ereignisses, das Original als Ergebnis der Reproduktion. Und aus der nicht minder intensiven Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus Saussures, entfaltet in Literaturtheorie und Ethnologie, gewinnt Derrida das Motiv einer stets wirksamen Differenz sowie den Gedanken, dass jedes System notwendig offen sei, strukturell unabschließbar, wesentlich unvollständig. Wenn das Zentrum einer Struktur, ihr Ursprung bzw. Ziel, leerer Ort eines unendlichen Austauschs oder Spiels von Signifikanten wie Signifikaten ist, so genießt es kein Privileg. Die entschlossene Suche nach einer letzten Bedeutung, nach der Sache selbst, gerät zu einem Prozess, in dem jegliche Bedeutung wieder zu einem Bedeutenden werden kann. Für einige Jahre der Gruppe Tel Quel (Philippe Sollers, Julia Kristeva) verbunden, findet Derrida weitere Gewährsleute in Blanchot und Mallarmé; dieser etwa setzt dem platonischen Mimesisbegriff (›A mimt B‹) ein ›A mimt‹ entgegen: Spiegelung ohne Gespiegeltes. Kürzel, Quelle und Medium solcher Theoreme ist für Derrida die écriture . Husserl zeigte, dass die Konstitution idealer Objektivitäten als allzeitliche, universale Wahrheiten, etwa der geometrischen Axiome, einzig durch die Schrift ermöglicht wird. Idealität entspringt einer beliebigen Wiederholbarkeit. Doch diese ist auf keine Weise zu garantieren; die reine Iterabilität bleibt Programm, Postulat, Phantasma. Die Schrift ist Instrument und Bedrohung des Gedächtnisses zugleich. Insofern sie Archivierungen des Wissens und Rückfragen durch die Traditionen hindurch ermöglicht, ist sie ein Segen, aber ein Fluch, insofern sie mitsamt dem ihr Anvertrauten verbrennen kann. Damit ist ein ungeheurer, von der klassischen Philosophie kaum bedachter Materialbestand thematisiert: Genese und Struktur des Zeichenbegriffs, der Schriften und Notationen, der Schriftkulturen, des Buches, der Enzyklopädie, der Produktions-, Distributions- und Dokumentationsapparate (Editions-, Bibliotheks-, Archivwesen), der Techniken und Medien der Kommunikation (Telefon, Funk, Kinemato- und Phonographie, Fax, E-Mail, CD-ROM), der Beglaubigungspraktiken (Signatur, Datierung, Kryptierung) usw. Derrida nimmt die Genese und Struktur der gesamten abendländischen Tradition der Metaphysik in den Blick. Trotz aller Brüche und Verschiebungen, aller Umwege und Wiederaufnahmen erweist sich diese als einigermaßen kohärente Struktur, deren Zentrum, Ziel oder Organisationsprinzip im Lauf der Geschichte nur verschieden benannt wurde: Eidos, Idee, Wesen, Logos, Parusie, Präsenz (Gegenwart, Anwesenheit), Sache selbst, transzendentales Signifikat usw. Davon abgeleitet erscheint eine in den Axiomen der Logik (Satz der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten, des zureichenden Grundes) formalisierte Binarität, eine offene Reihe von Oppositionen: Leib – Seele, Gesetz – Natur, Selbes – Anderes, Einzelnes – Allgemeines, Eigenes – Fremdes, Leben – Tod, usw. Derrida beschäftigt sich immer wieder mit Themen, die von jener »Metaphysik der Präsenz« (Logozentrismus, Ontologie, Theologie, Teleologie usw.) scheinbar vergessen, marginalisiert, hinausgeworfen wurden. Zwar klammert er einen Teil dieser Metaphysik aus seinen Lektüren weitgehend aus, nämlich Spätantike, Mittelalter, Renaissance und Humanismus (A Renaissance – Humanismus); doch vermag er ein scharf umrissenes und äußerst detailliert belegtes Modell zu liefern, das bis auf weiteres einer gewissen Orientierung dienen kann. Das auf den ersten Blick oft Paradoxe seiner in immer neuen Kontexten vorgebrachten und an praktisch allen Gebieten des Wissens und der Kultur erprobten Thesen hat nicht bloß provokatorische Funktionen. Es soll vor allem eingefahrene Selbstverständlichkeiten aushebeln, ungedachte oder verschwiegene Aporien erkennbar und gewaltsame Grenzziehungen befragbar machen. Das kann nicht frontal geschehen, sondern nur aus genauer Kenntnis der jeweiligen Strukturen und Texte. Solche Tiefenlektüre nennt Derrida »Dekonstruktion«, und er hütet sich, daraus eine Methode zu machen, die bald zu einem Programm erstarrt, zu einer Technik der Regulierung, die keinen Platz mehr frei hielte für Unvorhersehbares, für das ›Ereignis‹. Wie die Präsenz immer schon gespalten ist, so präsentiert sich auch jeder Text als heterogenes Ergebnis konträrer Kräfte. Gleichzeitiges Pro und Contra, Auf und Ab, Zickzack. Derrida kondensiert die Oppositionen auf möglichst ökonomische Weise in einzelnen Wörtern, deren wahre Bedeutung unter allen Umständen ›unentschieden‹ bleibt: écriture, différance, trace, texte, supplément, don, chóra usw. ad infinitum. Kurz: Dekonstruktion ein für alle Mal zu definieren, heißt sie zu vernichten. Von hier knüpfen sich Fäden zu Derridas permanenter Frage nach der Übersetzung, Übertragung, translation . Diese gibt es auch innerhalb einer Sprache, sogar innerhalb eines Wortes, aber in jeder Übersetzung entbrennt ein Kampf zwischen dem Unersetzlichen, Idiomatischen und dem Universalen, Wiederholbaren, zwischen dem Proprium (auch dem Eigennamen) und dem Allgemeinen der Bedeutung. Der restlos übersetzbare Text verschwindet, der restlos unübersetzbare stirbt. Das dekonstruktive Motiv der von Anfang an bereits kontaminierten Ursprünge macht Derrida vor allem für Ethik, Politik- und Rechtstheorie fruchtbar (Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität« , 1991 ). Derrida engagiert sich vielfältig wissenschaftlich, politisch und kulturell. Insofern er unermüdlich nach den Bedingungen der Möglichkeit fragt, die zugleich Bedingungen der Unmöglichkeit sind, ist Derrida gleichsam ein rationalistischer Transzendentalphilosoph, der das Transzendente nur streicht, um es, realistischerweise, aufzuschieben. Im Zwischenraum betreibt er subtil und umsichtig eine ebenso intensive wie generelle Kulturkritik, deren Wirkungen noch kaum absehbar sind.

G. Bennington, J. Derrida, Jacques Derrida. Ein Porträt , Frankfurt/M. 1994

C. Malabou, J. Derrida, La contre-allée , Paris 1999

H.-D. Gondek, B. Waldenfels (Hg.) Einsätze des Denkens. Zur Philosophie von Jacques Derrida , Frankfurt/M. 1997

H. Kimmerle, Derrida zur Einführung , 5. Aufl. Hamburg 2000

D. Thiel, Über die Genese philosophischer Texte. Studien zu Jacques Derrida , Freiburg / München 1990

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt