Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das UTB-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Prof. Dr. Claudius Strube

Cicero

(106–43): Nachdem er in allen Jahrhunderten ein viel gelesener und geschätzter philosophischer Autor gewesen war, wurde sein Ansehen im 19. Jh. in kurzer Zeit fast gründlich zerstört. Ungewollt dazu beigetragen hat das Entstehen des so genannten geschichtlichen Bewusstseins, wie es sich in der Philosophiegeschichtsschreibung ausbreitete. Denn in dem historisch-kritischen Bemühen, alle überlieferten Texte auf ihre ursprünglichen Quellen zurückzuführen und frühere, verloren gegangene Texte und damit frühere Epochen zu rekonstruieren, sind seine Schriften von der Philosophiegeschichtsschreibung als Fundstätten hellenistischer Lehrmeinungen ausgebeutet worden. Ciceros Selbstdisziplin, die Vorlagen, die ihm noch zur Verfügung standen, genau zu referieren und philosophische Lehrstücke möglichst ›objektiv‹ darzustellen, machten ihn dazu in besonderem Maße geeignet. In dem Maße aber, wie die Rekonstruktion der Vorlagen gelang, erschien er als römischer Epigone. Seine Zurückhaltung bei eigenen Urteilen, ja bisweilen sein erklärter Widerstand, eine eigene Meinung zu äußern, und sein Hang, die auftretenden Widersprüche zwischen den einzelnen Lehrmeinungen zu mildern oder gar durch eine Synthese auszugleichen, ließen ihn schließlich als unoriginellen Denker erscheinen. Erst allmählich erfährt nunmehr dieses in mehrfacher Hinsicht falsche Bild eine Revision. Dabei wird verstärkt den spezifischen Bedingungen des römischen Philosophierens Rechnung getragen.

Cicero war es freilich in der Tat nie eingefallen, wie in Griechenland üblich, ein ›reiner‹ Philosoph werden zu wollen. Wer in der römischen Öffentlichkeit erfolgreich sein wollte, musste Redner und Anwalt werden. Griechische Bildung und gar Philosophie dienten hierbei lediglich zur Unterfütterung. Ciceros erster philosophischer Lehrer wurde im Jahre 88 Philo von Larissa, das damalige Oberhaupt (princeps ) der Neuen Akademie, die unter Karneades gegenüber der Alten Akademie, der Schule Platons, eine Wende zum Skeptizismus vollzogen hatte. Philon musste in der Zeit der Anfangserfolge des Mithridates zusammen mit den Rom treuen athenischen Optimaten nach Rom fliehen und nahm dort eine erfolgreiche Lehrtätigkeit auf, bei der er – ganz ungewöhnlich für Philosophen, die zumeist aufgrund der sokratisch-platonischen Sophistenkritik rhetorikfeindlich waren – auch rhetorische Übungen einflocht. Cicero war, wie er später im Brutus , seinem Werk über die Geschichte der römischen Beredsamkeit, berichtet hat, mit voller Begeisterung für ihn und seine Philosophie. Nach seinem ersten großen Erfolg als Redner und Anwalt verbrachte Cicero 78/79 ein halbes Jahr in Athen bei Antiochos von Askalon, dem Nachfolger Philons. Von diesem übernahm er die synoptische Auffassung, dass die Unterschiede zwischen der Alten Akademie (den Platonikern), dem Peripatos (den Aristotelikern) und der Stoa nicht so sehr in der Sache als vielmehr in der Wahl der Termini bestünde.

Im Jahre 76 entschied sich Cicero, die Senatorenlaufbahn, den cursus honorum (Quaestor, Aedil, Praetor, Consul) einzuschlagen. Bei dieser Entscheidung muss er sich bewusst gewesen sein, höchstens den Rang eines Prätors erreichen zu können. Die Nobilität war immer bemüht gewesen, einen homo novus , einen Mann aus dem niederen Adel (ordo equester ), möglichst vom höchsten Amt fernzuhalten. Dennoch erreichte Cicero im Jahre 63 (suo anno ) das Konsulat. Mit der Aufdeckung und Niederschlagung der catilinarischen Verschwörung konnte er schließlich sein politisches Programm, immer wieder das Einvernehmen zwischen Ritter- und Senatorenstand (concordia ordinum ) herbeizuführen, verwirklichen. Wie sich hier schon zeigte, huldigte Cicero zeit seines Lebens dem Konsensideal. Und was für den Politiker galt, sollte auch für den Philosophen gültig werden. Mit mangelnder Originalität hat das nichts zu tun.

Sein erstes bedeutsames literarisches Werk De oratore schrieb Cicero im Jahre 55, bezeichnenderweise während des ersten Triumvirats, in der Zeit, in der die republikanische Verfassung lahm gelegt und jede politische Betätigung für ihn unmöglich geworden war. Scheinbar bloß eine Schrift über Rhetorik, enthält sie bereits den Leitgedanken seiner politischen Philosophie: Die höchste Aufgabe des wahren Redners ist die Leitung der staatlichen Gemeinschaft (gubernatio civitatis ). Zur ersten Entfaltung kommt dieser Gedanke mit der gleich nach Beendigung von De oratore begonnenen, aber erst 51 fertig gestellten Schrift De re publica , eine Schrift über den bestmöglichen Zustand der staatlichen Gemeinschaft und über den besten Staatsmann. Die philosophische Frage nach dem Staat bleibt für Cicero nie abstrakt, sondern verknüpft sich sofort mit der Frage nach dem Charakter der Menschen, die den Staat tragen. Aus der Geschichte könne man lernen, dass die Staaten stets so gut waren wie ihre führenden Männer. Das bedeute aber auch, dass bereits das unmoralische Verhalten weniger principes ausreicht, um die politischen Sitten (mores civitatis ) in einer staatlichen Gemeinschaft gründlich zu korrumpieren.

Dies vor Augen hat sich Cicero immer wieder gegen Caesar gestellt. Ebenso oft begegnete ihm dieser jedoch mit Noblesse und Milde, der berühmten clementia Caesaris . Die Begnadigung im Jahre 46 muss Cicero freilich mit seiner endgültigen politischen Entmachtung bezahlen. Um dem Gemeinwesen wenigstens indirekt, nämlich durch Belehrung, noch dienen zu können, beginnt er eine rege literarische Tätigkeit. In schneller Folge verfasst er bis zu seiner Ermordung am 7. Dezember 43 durch die Häscher des Antonius etwa fünfzehn größere Schriften, darunter die philosophisch bedeutsamen Werke: De finibus bonorum et malorum (Über das höchste Gut und das größte Übel ), Tusculanae disputationes (Gespräche in Tusculum ), De natura deorum (Über das Wesen der Götter ) und das nicht ganz vollendete Hauptwerk De officiis (Über das rechte Handeln ).

Äußerlich treten an die Stelle der politischen Erörterungen solche zur persönlichen Lebensführung. Die immer wieder vorgenommene Frage lautet: Ist die Tugend das einzig wahrhaft Gute im Leben und sind alle anderen Güter – wie gesellschaftliche und politische Stellung, ›Reichtum‹ und ›Ehre‹ – nur scheinbare, nie wirklich gesicherte Güter, auf die wir uns in unserem Streben nach einem glückseligen Leben auch nicht ausrichten sollten? Scheinbar ist in dieser ethischen Fragestellung der ursprünglich politische Impuls von Ciceros Philosophie völlig untergegangen, und man hat geglaubt, diese Wende mit seiner damaligen existenziellen Situation erklären zu müssen: dem plötzlichen Tod seiner geliebten Tochter, seiner endgültigen politischen Bedeutungslosigkeit, der Scheidung von seiner Frau, der finanziellen Dauermisere. In Wirklichkeit sucht er für sein politisch-philosophisches Programm eine ethisch-naturrechtliche Verallgemeinerung. Ganz entsprechend zu seiner Anfangsfrage nach dem bestmöglichen Zustand der staatlichen Gemeinschaft galten seine späteren Fragen dem bestmöglichen Zustand des menschlichen Lebens überhaupt.

Gemäß dieser Begründungsabsicht schließt sich an die erste Frage als zweite die nach den ›Anforderungen‹ an, denen eine richtige Führung des Lebens entsprechen muss. Diese Anforderungen nennt Cicero officia . Das Wort officium wurde zuvor selten verwendet. Es leitet sich von opificium her, das aus opus (Arbeit, Werk, Tun) und facio (handeln, machen, verfertigen) zusammengesetzt ist und das Anfertigen einer Arbeit oder das Verrichten eines Dienstes meint. Erst indem Cicero dieses Wort als Terminus für ein Handeln verwendete, das aus der Natur der Sache erfolgt oder den vernünftigen Erfordernissen einer praktischen ›Angelegenheit‹ (res ) zu entsprechen versucht, erhielt es seine prägnante Bedeutung. Von dieser hat sich wiederum Notker Teutonicus bei seiner Übersetzung von officium mit Pflicht bestimmen lassen. Das deutsche Wort ›Pflicht‹ leitet sich von dem Verb ›pflegen‹ ab. Dieses vereinigte ursprünglich die Bedeutungsrichtungen ›sorgen für etwas‹, ›die Gewohnheit haben zu‹, ›versprechen, etwas zu tun‹, sodass sich so unterschiedliche Begriffe wie Pflege, Gepflogenheit und Pflicht ausdifferenzieren konnten. Ersichtlich betont Pflicht im Unterschied zu officium mehr die Haltung als das effektive Handeln. Die eigentlich verdoppelnde Übersetzung von officium mit ›pflichtgemäßem Handeln‹ ist daher durchaus sinnvoll.

Die Pflichten sind Ausdruck des Naturgesetzes. Die Natur ist bei Cicero die Verkörperung des Logos, der göttlichen Allvernunft. In ihr ist daher alles zu einer erkennbaren, zweckmäßigen Ordnung eingerichtet. Dem gemäß hat sie auch die Vormundschaft für alle ihre Wesen und deren Entwicklung übernommen, für den Menschen allerdings nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Von diesem ab übernimmt der Logos in ihm die Führung und der Mensch beginnt über sein Tun und Lassen selbst zu entscheiden. Bis dahin leitet ihn die Natur, indem sie ihm eine ›Selbstliebe‹ eingepflanzt hat, d. h. die Fähigkeit, das für seine Selbsterhaltung Geeignete – das für ihn persönlich wie auch für sein Leben in der Gemeinschaft Bedeutsame – instinktiv erkennen und wählen zu können. Wie wir unsere Glieder zur Bewegung bereits benutzen können, ohne ihre volle Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit erkannt zu haben, so sind wir Glieder der natürlichen Gemeinschaft, ohne dass wir den vollen Sinn unserer Mitgliedschaft noch den der Gemeinschaft, ihren Gesamtnutzen und ihre Gerechtigkeit, bereits verstanden hätten. Wenn der Mensch aber mündig geworden ist, dann werden diese instinktiv zweckmäßigen, lebensnotwendigen Tätigkeiten zu officia , d. h. zu ausdrücklichen Handlungen, in denen die Natur, die das Vernünftige selbst ist, zum einzigen Maßstab genommen wird. Daher ist das allererste officium , das in allen weiteren officia enthalten ist, das Handeln, das den Forderungen (Vorschriften) der Natur gemäß ist, oder die Aufgabe, sein Leben in Übereinstimmung mit der – an sich vernünftigen – Natur zu führen (convenienter naturae vivere ).

In dieser Unterordnung unter das Naturgesetz ist auch die Humanität begründet. Keiner, der wirklich naturgemäß handelt, kann einem Mitmenschen schaden, nicht einmal dann, wenn es darum geht, uns selbst, unsere Kinder, Angehörigen und Freunde vor einem Übel zu bewahren. Wer glaubt, man könne in Kauf nehmen, dass einem anderen Unrecht geschieht, wenn man dadurch Schaden für sich selbst und seine Nächsten abzuwenden vermag, der hebt im Menschen den Menschen auf. Ebenso scharf urteilt Cicero in einem parallelen Fall. Das Naturgesetz will auch, dass jedem Menschen, wer es auch sei, also unabhängig davon, welcher Rasse, welchem Staat und welcher Religion er angehört, einzig aus dem Grunde, dass er ein Mensch ist, Sorge zuteil wird. Wer dagegen glaubt, dass hierbei die eigenen Staatsbürger zuerst Berücksichtigung zu finden hätten und dann erst die Ausländer, der beendet die universelle Gemeinschaft der ganzen Menschheit.

Auch wenn Cicero das politische Prinzipat, auf das er nach dem Tode Cäsars noch einmal Anspruch erhoben hatte, bei der Bildung des zweiten Triumvirats endgültig verloren hat, das moralisch-pädagogische Prinzipat hat man ihm nicht nehmen können. Es reichte geschichtlich über den Horizont hinaus, in dem ein römischer Staatsmann denken konnte. Cicero wurde einer der Gründungsväter des europäischen Humanismus (A Renaissance – Humanismus).

G. Gawlick, W. Görler, Cicero , in: Grundriss der Geschichte der Philosophie, Bd. 4.2, Basel 1994, S. 991–1168

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt