Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das UTB-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Lic. phil. Gerhild Tesak

Adorno, Theodor Wiesengrund

(1903–1969): Philosoph, Soziologe, Psychologe, Musikwissenschaftler, Komponist und kompetenter Literatur- und Kulturkritiker in einer Person. Die Hälfte seines Lebens war er Mitglied des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, das in den 20er Jahren zur interdisziplinären, kritischen Analyse der Gesellschaft gegründet worden war. Neben den marxschen Frühschriften, welche die ideologische Grundlage für die Forschungen des Instituts bildeten, war es vor allem Benjamin, dessen Gedanken einen nachhaltigen Einfluss auf Adorno ausübten. Durch das von Adorno zusammen mit Horkheimer in der amerikanischen Emigration verfasste Buch Dialektik der Aufklärung (erschienen 1947) wurde Adorno zum Mitbegründer und Hauptvertreter der kritischen Theorie, einer philosophischen Denkrichtung, welche in der Folge vor allem von den Mitgliedern des Frankfurter Instituts vertreten wurde.

Die Katastrophe zweier Weltkriege, die Verdinglichung des Menschen in der modernen Industriegesellschaft, die gewaltsame Manipulation menschlicher Bedürfnisse und Wünsche in der Massen- und Konsumgesellschaft des 20. Jhs. sind nur einige der Phänomene, welche Adorno in seiner Analyse der zeitgenössischen Gesellschaft dazu veranlassen, dieser Gesellschaft ein Höchstmaß an Negativem zu diagnostizieren. Die gesellschaftliche Entwicklung hat sich in seinen Augen der Beeinflussung der Menschen entzogen und eine Eigendynamik entwickelt, als deren Produkt am Ende nur noch Negatives steht (»Das Ganze ist das Falsche«). Dem kann nur durch den Versuch begegnet werden, die Gesellschaft als Ganze zu verändern. Einen Gedanken Benjamins aufnehmend, der die Wirklichkeit als Deutungsprodukt der Wahrnehmung interpretiert, kann die Veränderung der Gesellschaft nach Adorno nur über eine Veränderung der Wirklichkeitswahrnehmung erfolgen. Neben einer scharfen Zurückweisung des Bestehenden und einer großen Skepsis gegenüber heilsversprechenden Alternativmodellen teilt Adorno mit anderen Mitgliedern der Frankfurter Schule eine eingefleischte Abneigung gegen jegliches Systemdenken, da durch dieses die Wirklichkeit in erstarrten Begriffen festgelegt wird. Seine Gedanken verfasst er denn auch bevorzugt als Essays, Aufsätze oder Aphorismen, ohne ihnen die Form eines Systems zu geben. Im Folgenden soll zuerst nach der Ursache des von Adorno diagnostizierten ›Negativen‹ gefragt und danach auf die Rolle der Philosophie und der Kunst in diesem Zusammenhang eingegangen werden.

Für Adorno liegt der Ursprung all des Negativen, welches die Gesellschaft hervorbringt und unter welchem sie gleichzeitig leidet, in einer bestimmten Art von Denken begründet, welches er das »Denken der Identität« nennt. In demselben Maße, wie die logischen, die mathematischen und die Naturwissenschaften immer dominanter wurden, hat sich gleichzeitig auch ihre Methode, ihr Zugriff auf Wirklichkeit im Bewusstsein nicht nur der Wissenschaftler, sondern auch der Allgemeinheit immer mehr durchgesetzt. Die Naturwissenschaft wurde nicht nur zum Inbegriff und Leitbild für Wissenschaftlichkeit, sondern das Wirklichkeitsbild dieser Wissenschaften wurde bestimmend für das, was Wirklichkeit für alle sein sollte. Die Optik, die diese Wahrnehmung prägt, hat nach Adorno ihr Spezifikum im Vereinheitlichen und Gleichmachen. Dieses identifizierende und unter Allgemeines systematisierende Verfahren beweist seine Stärke durch seine Erfolge auf naturwissenschaftlichem Gebiet, wo das Individuelle um des Zieles einer allgemeinen (und eben gerade nicht spezifisch gebundenen) Anwendbarkeit willen ausgeschaltet werden muss. Zur Erfassung der Wirklichkeit ist dieses Denken jedoch ungeeignet, weil es die Dimension des Individuellen und Einmaligen – somit das konkrete Leben selbst – vernachlässigt. Nach Adorno ist die zunehmende Versachlichung des Menschen, seine Entfremdung nicht nur gegenüber der Arbeit, sondern gegenüber allem, mit dem der Mensch Umgang pflegt, die unmittelbare Wirkung solch vereinheitlichenden Denkens. Als schrecklichste Konsequenz war auch Auschwitz nur möglich unter der Voraussetzung eines Denkens, das den Menschen entmenschlicht, indem es ihm seine Individualität nimmt. Ein Mensch wird auf das Faktum einer Nummer reduziert, bürokratisch verwaltet – bürokratisch erledigt.

Wie kommt es dazu, dass das Denken der instrumentellen Vernunft oder technologischen Rationalität sich gegen den Menschen selbst richtet? Der Ursprung für diese Entwicklung liegt nach Adorno in den Anfängen der menschlichen Kultur begründet. Aus Angst vor der Macht der Natur versucht der Mensch diese im Mythos zu bändigen. Durch die Kategorien von Ursache und Wirkung wird das Bedrohliche ›erklärt‹, durch die Anwendung derselben als Mittel und Zweck ›beherrschbar‹ gemacht. Nach und nach unterwirft sich dieses Prinzip jedoch alle vorgefundenen Verhältnisse und Beziehungen inklusive der menschlichen, welche in dieser Optik nur noch unter dem Aspekt des Verfügens, der Kontrolle und der Herrschaft wahrgenommen werden können. Der in der technologischen Rationalität befangene moderne Mensch beherrscht die Phänomene in Natur und Gesellschaft, indem er sie rationalisiert und kategorisiert, und wird, indem er die technologische Rationalität als für sämtliche Lebensbereiche alleinig zuständig erklärt, schließlich selbst Opfer dieser Prinzipien. So hat der Mensch die unmittelbare Erfahrung dessen, was ist, ersetzt durch die Erfahrung desjenigen, was er versteht, respektive durch die Weise dieses Verstehens: Er hat die Erfahrungsordnung mit dem Erfahrenen identifiziert. Die Aufgabe der Philosophie besteht nun nach Adorno gerade darin, auf diese Verwechslung hinzuweisen, ja sie anzuprangern. Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das Nicht-Identische zur Sprache zu bringen. Doch wie kann das geschehen? Wie mit den Kategorien der Begriffe dasjenige fassen, das ihnen entschlüpft? Nach Adorno gelingt dies nur einer ganz spezifischen Form von Kritik. In dieser Kritik geht es darum, aufzuweisen, dass das, was ist, nicht alles ist – beziehungsweise, dass das, was ist, auch anders sein könnte. Eine solche Kritik muss selbst negativ sein, das heißt, sie darf nicht von dem sicheren Standort des Wissens aus das Bestehende als schlecht kritisieren, indem sie es mit einem positiv gefassten Anderen vergleicht. Die von Adorno gemeinte Kritik muss kritisieren ohne Vergleich und ohne die Vorstellung eines Besseren. Von dem Hier und Jetzt ausgehend, muss sie die Möglichkeit des Anders-Seins eröffnen, ohne ein konkretes Anderes an die Stelle des Kritisierten zu setzen. Anknüpfend an Benjamins Vorstellung, wonach die Wirklichkeit die Geordnetheit disparater Elemente ist, kann die negative Kritik nach Adorno nur in der permanenten Neuordnung der Wirklichkeitselemente bestehen. Nur aus diesem Prozess ständiger Verflüssigung erstarrter Vorstellungen, nur aus der Destruktion durch permanente Neuordnung erwächst das Bewusstsein der Möglichkeit des Anders-Sein-Könnens ohne die positive Schilderung dieses Anderen. Damit die Neuordnung nicht ihrerseits wieder zur Form erstarrt, muss jeder Darstellung zugleich das Versprechen auf ihre Destruktion gleichsam mitgegeben sein. Negative Kritik ist immer Metakritik. Sie beinhaltet die Kritik an etwas, das sich sagen und infolgedessen mit Worten kritisieren lässt, und muss gerade deshalb sich selbst als unzureichend und ergänzungsbedürftig kritisieren, weil sie nur das aktuell Vorhandene betrifft. In seinem Aufsatz Wozu noch Philosophie? bestimmt Adorno Philosophie solchermaßen als Kritik. Ohne Standpunkt hat sie kein Ziel, das über die Kritik des Gegebenen hinausgeht: Sie lebt in der Einheit des Problems und der Argumente. Es ist offenbar, dass eine solche philosophische Kritik auch vor den philosophischen Systemen selbst nicht Halt macht. Es sind vor allem Husserl und Heidegger, denen Adorno vorwirft, ihre eigene Erkenntnisstruktur zu verabsolutieren und im System zu einer Abstraktion der Wirklichkeit gerinnen zu lassen.

Während Philosophie als Kritik das Nichtidentische nie erfassen, sondern immer nur dessen Möglichkeit andeuten kann, gibt es nach Adorno einen Bereich, der das Nichtidentische unmittelbar erfahrbar machen kann: die Kunst. Insofern Adorno in der posthum veröffentlichten Schrift Ästhetische Theorie (1970) Kunst als eine Form der naturbeherrschenden Vernunft verstanden wissen will, mag diese Behauptung auf den ersten Blick paradox erscheinen. Denn das Kunstwerk als ein Produkt des Menschen ist durch seine Genese zugleich immer auch Produkt der menschlichen Rationalität. Indem in ihm Materialien der unterschiedlichsten Art zu einer Einheit geformt werden, ist das Kunstwerk immer Ergebnis einer rationalen Ordnung – und sei es nur die Ordnung des konsequent provozierten Zufalls. Doch wenn auch das Werk durch die Bedingung seiner Entstehung nicht frei von jeglicher Rationalität ist, so provoziert es doch im Kunsterlebnis die Erfahrung des Nichtidentischen. Dies gelingt durch die Radikalität, mit welcher die Rationalität im Kunstwerk – als die rationale Konstruktion des Materials – gewissermaßen auf die Spitze getrieben wird. Wie ist das zu verstehen? Die Entstehung eines Kunstwerks verdankt sich einem Prozess, in dessen Verlauf rationale Gestaltungskraft sich verwirklicht. Bei der Rezeption des Werks wird der Betrachter oder Hörer nun mit der Totalität dieser verwirklichten Rationalität konfrontiert, ein Erlebnis, das seine Fähigkeit, das Ganze aus der Erkenntnis der Teile aufzubauen durch die Unendlichkeit der im Werk verwirklichten Bezüge überfordert. Während die Entstehung beispielsweise eines Bildes das Ergebnis einer endlichen Anzahl von Verrichtungen darstellt, ist das Produkt in sich selbst unendlich und in seiner Totalität unbeschreibbar. Dem kategorisierenden Zugriff durch Überforderung entzogen, wird das Material in seiner Individualität freigesetzt und als das Nicht-Kategorisierte, das Nichtidentische erfahren.

Th. W. Adorno, Aufarbeitung der Vergangenheit. Reden und Gespräche , (5 CDs) München 1999

G. Schweppenhäuser, Theodor W. Adorno zur Einführung , Hamburg 2000

W. van Reijen, Adorno , Hannover 1980

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt