Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Prof. Dr. Claudius Strube

Bergson, Henri Louis

(1859–1941): Mit seinem Versuch, gegen die Vorherrschaft des physikalischen Zeitbegriffs zu einem ursprünglicheren Zeitbegriff zu gelangen, der eine Beschreibung von spontanen Entwicklungen ermöglichen soll, hat Bergson neben Heidegger, diesen mit beeinflussend, dafür gesorgt, dass die Zeit zu einem der Hauptthemen der Philosophie des 20. Jhs. geworden ist. Zuletzt bekannte Prigogine in seinem Lebenslauf, schon in seiner Gymnasialzeit mit Begeisterung und nicht ohne Folgen für seine Interessenrichtung Bergson gelesen zu haben. Immerhin erhielt er 1977 den Nobelpreis für seine Theorie nichtlinearer Prozesse, d. h. solcher Prozesse, bei denen Systeme plötzlich ganz neue Ordnungsgebilde, dissipative Strukturen, entwickeln können. Bei der naturphilosophischen Aufarbeitung seiner Erkenntnisse hat er dann stets Bergsons Grundthese »Die Zeit ist Zeugung oder sie ist schlechthin nichts« in den Mittelpunkt gestellt.

Bergson wurde am 18. Oktober 1859 in Paris geboren. Seine Ausbildung absolvierte er auf französischen Eliteschulen. Zweimal erhielt er Ehrenauszeichnungen, für Mathematik und für Rhetorik (Literatur). Zunächst war er völlig von der positivistischen Philosophie Spencers und deren Suche nach präzisen Begriffen eingenommen. Ganz im Sinne dieses Ansatzes galt seine erste Arbeit der methodischen Reinigung der psychologischen Grundbegriffe von allem, was in ihnen nicht wirklich gegeben ist. Der Titel Abhandlung über die unmittelbaren Bewusstseinstatsachen (1889, deutsch 1911) will dies zum Ausdruck bringen. Ähnlich verfuhr er in seiner zweiten Schrift Materie und Gedächtnis (1896, deutsch 1908) , in der er sich mit dem Problem des psychophysischen Zusammenhangs auseinander setzte. In seinem Hauptwerk Schöpferische Entwicklung (1908, deutsch 1912) hat er diese Ergebnisse in eine kosmologische Gesamtkonzeption eingebracht und vertieft. Von Anfang an metaphysischen Fragen nicht aus dem Weg gehend hat er schließlich eine neue Metaphysik entwickelt, die einerseits Bezüge zur neuplatonischen Mystik nicht leugnete und andererseits sich keineswegs gegen die moderne Wissenschaft richtete. Am deutlichsten kommt dieser Ansatz in der späten Aufsatzsammlung Denken und schöpferisches Werden (1934, deutsch 1948) zum Ausdruck.

Sicherlich ein Höhepunkt in Bergsons Leben war 1922 die Begegnung mit Albert Einstein. Aufgrund seiner Annahme eines kreativen Kosmos hat er noch im selben Jahr in der Abhandlung Dauer und Gleichzeitigkeit eine Kontroverse über die naturphilosophische Bedeutung der einsteinschen Relativitätstheorie in Gang gebracht, die viel Aufsehen erregte. 1928 erhielt Bergson wegen des literarischen Ranges seiner wissenschaftlichen Prosa – als zweiter Philosoph nach Eucken – den Nobelpreis für Literatur. Damit gewann er in Frankreich nationalen Rang. Offensichtlich deswegen blieb er 1940 trotz seiner bekannten jüdischen Herkunft von den antisemitischen Maßnahmen der deutschen Besatzer verschont. Als er am 4. Januar des folgenden Jahres starb, wurde die Totenmesse – er hatte um ein christliches Begräbnis gebeten – in Notre Dame gelesen.

Der deutsche Titel von Bergsons erster Schrift lautet Zeit und Freiheit (1911) . Tatsächlich gibt dieser Titel wesentlich besser das eigentliche Thema an. Bergson glaubte nämlich, dass sich das metaphysische Problem der Freiheit bzw. der Streit zwischen den Deterministen und ihren Gegnern auflösen ließe, wenn man der Tatsache gerecht werden könnte, dass jede freie Handlung sich in der ablaufenden Zeit vollzieht und nicht in der abgelaufenen. Der Anschein eines Determinismus tritt nach Bergson eben nur auf, wenn wir von fertigen Handlungen ausgehen und ihren Verlauf in der bereits abgelaufenen Zeit zu rekonstruieren versuchen. Dann ist in der Tat der Vollzugs- und Kreativcharakter der Handlung verschwunden, und die Zeit, in der sich die Handlung vollzogen hat, nimmt raumartige Züge an, als ob die einzelnen Zeitmomente gewissermaßen nebeneinander aufgereiht bestünden. Wird aber die ursprüngliche Sukzession mit der Gleichzeitigkeit vermengt, kann das Phänomen spontaner Entwicklung nicht mehr verstanden werden. Um den Grund dieser Vermengung aufzudecken, gilt es nach Bergson, das Psychische und Physische deutlich zu unterscheiden. Dabei geht er von dem Grundphänomen aus, dass psychische Zustände im direkten Erleben sich nie äußerlich zueinander verhalten, sondern sich gegenseitig durchdringen und dabei in einem ununterbrochenen Wandlungsprozess miteinander verschmelzen. Das ist uns beim Hören einer Melodie selbstverständlich. Während ich die einzelnen Töne im Gedächtnis behalte, bringe ich sie zu den anderen in eine innere Verbindung. Lückenlos dehnt sich hier das Vergangene in das Jetzige hinein, nagt am Zukünftigen und schwillt im Vorrücken an. Wegen dieser Lückenlosigkeit nennt Bergson die ursprünglich erlebte Zeit Dauer (durée ). Zu einer anderen Zeiterfahrung kommt es aber, wenn wir bei sukzessiven Empfindungen aus dem direkten Erleben heraustreten. Das ist z. B. der Fall, wenn wir nicht mehr nur dem Ertönen der Glockenschläge folgen, sondern uns vornehmen, die Glockentöne zu zählen. Dann müssen wir sie aus ihrer Verbindung lösen und damit ihrer spezifischen Qualität entkleiden, die ja ihrer spezifischen Verschmelzung entspringt. Isolieren wir sie aber gegeneinander, sodass sie wie materielle Teilchen zu wohl unterschiedenen, summierbaren Elementen werden, dann entstehen zwischen ihnen leere Intervalle, die beharren, während die Töne vorübergehen. Da aber Zeitmomente nicht wirklich beharren können, zeigt sich, dass der Wille, psychische Zustände abzählbar zu machen, nur realisiert werden kann, wenn die ursprüngliche Zeit, die reine Dauer, in den Raum projiziert wird. Die ursprüngliche Zeit wird geometrisiert und erscheint als ein homogenes Medium, in dem wie in einem Raum alle psychischen Zustände und Vorgänge als nebeneinander geordnet auftreten. Das ursprüngliche Vermögen der Zeit, alles in einer ständigen Durchdringung zu wandeln und immer wieder Neues entstehen zu lassen, wird durch diesen ›Bastardbegriff‹ der Zeit allerdings bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Die technische Novität des Films, in dem durch die schnelle Aneinanderreihung starrer Momentbilder Bewegung künstlich rekonstruiert wird, war Bergson sozusagen der lebende Beweis für die ständige Vermengung von ursprünglicher, wandelnder Sukzession und Gleichzeitigkeit, von Qualität und Quantität, von Dauer und Ausdehnung. In der kinematographischen Methode hat er schließlich auch das Geheimnis der Physik erkannt. Das bedeutet aber, dass diese gar nicht an der Verwandlungsfähigkeit der eigentlichen Zeit interessiert ist. Wenn der Physiker den künftigen Zustand eines physikalischen Systems nach Ablauf der Zeit berechnet, so hindert ihn nichts an der Annahme, dass bis dahin dieses System entschwindet, um plötzlich wieder aufzutauchen. Einzig der Zeitpunkt t zählt für ihn, was aber während des Intervalls geschieht, nämlich die wandelnde, eigentlich verändernde Zeit, geht in seine Rechnung nicht ein.

Das setzt der physikalischen Beschreibung des Universums allerdings eine wesentliche Grenze. Sie kann das Universum nicht in seiner schöpferischen Potenz beschreiben. Diese wiederzuentdecken, bleibt Aufgabe der Philosophie. Das Universum ist nicht ein fertig Entstandenes, sondern war und wird auch zu allen Zeitpunkten ein Entstehendes sein. »Das Universum dauert. Je tiefer ins Wesen der Zeit wir eindringen, desto tiefer begreifen wir, dass Dauer Erfindung, Schöpfung von Formen bedeutet, ununterbrochenes Hervortreiben von absolut Neuem.«

G. Deleuze, Henri Bergson zur Einführung , Hamburg 1997

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt