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Holm Bräuer

Postulat

Von lat. postulare , ›fordern, verlangen, beanspruchen‹: Annahme, die von der Sache her notwendig ist und nicht eigens bewiesen werden muss oder nicht bewiesen werden kann, wenn es sich um ein Grundprinzip handelt. In der Mathematik, der Wissenschaftsmethodologie und in der mathematischen Logik wird Postulat häufig auch synonym mit Grundsatz oder Axiom gebraucht.

In Aristoteles’ wissenschaftstheoretischen Schriften hat Postulat eine etwas andere Bedeutung. Er unterscheidet verschiedene Arten des Wissens: Beweise, Prinzipien oder Axiome, Voraussetzungen und Postulate. Während Beweise aus den Prinzipien abgeleitet werden können, lassen sich die Prinzipien nur aus sich selbst heraus einsehen. Sie können nur evident gemacht, aber nicht eigens bewiesen werden. Postulate und Voraussetzungen heißen demgegenüber Sätze, die zwar beweisbar sind, aber nicht bewiesen werden, da sie entweder schon klar sind, und akzeptiert werden oder aufgrund unzureichender methodischer Mittel in der Argumentation noch nicht bewiesen werden können. Diese Differenzierung zwischen nicht bewiesenen Sätzen, die prinzipiell beweisbar sind und solchen, die es nicht sind, ist jedoch schon bei Euklid wieder eingeebnet worden. Er unterscheidet in seinen Ausführungen über Geometrie nicht mehr klar zwischen Axiomen und Postulaten, obwohl im Rückgriff auf Euklid in der deutschen Schulphilosophie durch Wolff wieder eine deutlichere Unterscheidung getroffen worden ist: Axiome sind theoretisch allgemeine Sätze, Postulate praktisch allgemeine Sätze, beide jedoch beziehen sich auf das beobachtungsunabhängige Wissen, welches durch Definitionen zum Ausdruck gebracht wird.

Die Unterscheidung zwischen Axiom und Postulat hat bei Kant einen völlig anderen Sinn. Neben dem Urteilen hat der Verstand nach Kant auch die Funktion der Ausbildung so genannter »Grundsätze der Erfahrungserkenntnis«. Diese Regeln der Anwendung von Verstandesbegriffen auf Erscheinungen teilt er in vier Gruppen ein: 1. Axiome der Anschauung, 2. Antizipationen der Wahrnehmung, 3. Analogien der Erfahrung, 4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt. Die Axiome und Antizipationen betreffen das Verhältnis der Begriffe zu den Anschauungen, die Analogien geben das Verhältnis der Erfahrungen untereinander wieder, die Postulate schließlich dienen der Beurteilung der Erfahrungen durch den Verstand und werden durch die Modalitäten ›möglich‹, ›wirklich‹ und ›notwendig‹ ausgedrückt. In der praktischen Philosophie spricht Kant dagegen von »Postulaten der reinen praktischen Vernunft«. Dabei handelt es sich um Bedingungen, die mit der Gültigkeit des moralischen Gesetzes, dem kategorischen Imperativ, gegeben sein müssen, aber selbst nicht beweisbar sind: die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes.

Im Sinne der Wissenschaftstheorie des Neupositivismus nennt Schlick ein Postulat die hypothetische Geltung induktiver Wahrheiten. Es stellt die Vorstufe eines exakten wissenschaftlichen Gesetzes dar, welches im Fortgang der jeweiligen Wissenschaft beseitigt und zu einer theoretischen Erkenntnis transformiert werden kann. Im alltäglichen Leben allerdings, wo es nicht auf die völlige Gewissheit und Sicherheit in der Wahrheitsfindung ankommt, haben Postulate ihren natürlichen Platz, indem sie uns helfen, praktische Schlüsse aus dem Auftreten einer geringen Anzahl von Ereignissen zu ziehen, um damit unter den gegebenen Verhältnissen das Eintreten zukünftiger Ereignisse in begrenzter Reichweite voraussagen zu können.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt