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Manuel Bremer

Wissenschaftstheorie

Man kann zwischen der allgemeinen Wissenschaftstheorie und wissenschaftstheoretischen Fragen einzelner Wissenschaften unterscheiden. Während wissenschaftstheoretische Fragen bezüglich der Methodik einzelner Wissenschaften (z. B. die Verlässlichkeit von Stichproben in Meinungsumfragen) in Kontinuität zur einzelwissenschaftlichen Theoriebildung stehen und oft von den Einzelwissenschaftlern selbst bearbeitet werden, befasst sich die allgemeinere Wissenschaftstheorie mit Kennzeichnungen von Wissenschaften oder wissenschaftlichen Tätigkeiten, die Einzelwissenschaften oder Gruppen von Einzelwissenschaften übergreifen und den Bereich der Wissenschaft grundsätzlich vom Alltagsleben der Religion oder der Kunst abgrenzen. Darin steht sie in Kontinuität zur philosophischen Erkenntnistheorie und wird meist von Philosophen betrieben oder von Einzelwissenschaftlern, insofern sie in der Theoriebildung auf die Grundlagen ihres Faches reflektieren.

Die Wissenschaftstheorie ist Theorie der Wissenschaft. Aber sie ist es nicht in dem Sinne, wie die Medienwissenschaft die Wissenschaft von den Medien ist. Denn die Wissenschaftstheorie beschreibt und systematisiert nicht bloß, welche Wissenschaften es gibt, was dort getan wird und in welchen geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhängen die Wissenschaften auftreten. Vieles davon geschieht in der Wissenschaftsgeschichte oder der Wissenschaftssoziologie. Die Wissenschaftstheorie muss zwar die Ergebnisse der historischen und empirischen Untersuchungen der Wissenschaften bzw. des wissenschaftlichen Handelns berücksichtigen, doch zeichnet sie sich durch ein besonderes Verhältnis zu ihrem Gegenstand, der Wissenschaft, aus: Zum einen ist sie ja selbst Wissenschaft, muss also zum Betreiben von Wissenschaft ein reflexives Verhältnis besitzen, in dem sie nach den Grundbedingungen des eigenen und anderen wissenschaftlichen Tuns fragt, die in solchem Fragen immer schon vorausgesetzt werden müssen. Hier fragt die Wissenschaftstheorie nach dem Selbstverständnis der Wissenschaften und versucht, wichtige Grundbegriffe (wie den der Erklärungen) zu rekonstruieren. Zum anderen bezieht sie die Wissenschaft auf bestimmte erkenntnistheoretische Grundnormen und Grundwerte wie Wahrheit und intersubjektive Überprüfbarkeit von Wahrheitsansprüchen. Durch die Orientierung an diesen Maßstäben besitzt sie normativen Charakter. Sie fragt nun nicht nur, inwieweit die Grundbegriffe und -praktiken der Wissenschaften kohärent rekonstruierbar sind, sondern dabei speziell, wie bestimmte Grundbegriffe und Praktiken angelegt sein müssen, sollen sie die Wissenschaft den Zielen der Wahrheit oder des technischen Erfolges näher bringen. In diesem Sinne ist das Festlegen von Standards der Wissenschaftlichkeit eine normative Tätigkeit. Und bezogen auf die Praktiken der Wissenschaften stellt die Wissenschaftstheorie sich technologische Probleme der effektivsten Vorgehensweisen, die Ziele der Wissenschaft zu erreichen: Die Methoden der Wissenschaftler leiten den Prozess der Theoriegewinnung und Theorieüberprüfung an; die Methodologie im engeren Sinne (als Teil der Wissenschaftstheorie) befasst sich mit Fragen der Zuverlässigkeit, Effektivität oder auch Lernbarkeit von Vorgehensweisen, die den Untersuchungsbereich sowohl wissenschaftlich beschreibend erschließen als auch die Überprüfung von Prognosen erlauben. Die Wissenschaftstheorie ist also gegenüber dem Forschungsprozess nicht neutral: Kriterien der Wissenschaftlichkeit grenzen, indem sie auf bestimmte Tätigkeiten zutreffen, wissenschaftliches Handeln ab und legen den Gebrauch des Ausdrucks ›Wissenschaft‹ fest. Nichts sonst ist Wissenschaft.

Die Erkenntnistheorie fragt, wie wir etwas wissen können, was die Bedingungen des Wissens sind. Fragen nach dem Informationsfluss zwischen kognitivem System und Umwelt und der Adäquatheit von Repräsentationen der Umwelt stehen hier im Mittelpunkt: Was entnehmen wir der Wahrnehmung? Können wir Täuschungen überhaupt systematisch entdecken? Wann ist eine Aussage wahr, ein Bild zutreffend? Wer ist das Subjekt der Wahrheit?

Die letzten Werte und Normen übernimmt die Wissenschaftstheorie aus der Erkenntnistheorie, seien dies theoretische Werte wie Wahrheit oder praktisch-prozedurale Normen wie die gleichberechtigte Teilnahme aller Forscher am Wissenschaftsprozess. Nach den Folgen von Wissenschaft und ihrer Anwendung (etwa in der Technik) fragt die Wissenschaftsethik, nicht die Wissenschaftstheorie. Die Wissenschaftstheorie knüpft da in der Erkenntnistheorie an, wo wir fragen, wie wir die Adäquatheit unserer bildlichen oder sprachlichen Repräsentationen gewährleisten können. Sie befasst sich mit den Versuchen der systematischen Gewährleistung von Wahrheit. Dazu untersucht sie zum einen die Praktiken, die dabei auftreten – dies führt zu einer Methodenlehre. Zum anderen kennzeichnet sie die Art und Weise der Systematisierung, die Wissenschaftlichkeit unseren Erkenntnisansprüchen verleihen will. Dabei stehen der Begriff der Wissenschaftssprache sowie der Begriff der Theorie im Mittelpunkt.

Insofern Wissenschaft in Sprache betrieben und niedergelegt wird, bezieht sich die wissenschaftstheoretische Reflexion auf die Wissenschaftssprache. Die Wissenschaftstheorie systematisiert die Grundbegriffe der Wissenschaften. Sie fragt bezüglich eines Begriffs, ob und wie er einheitlich verwendet wird. Wird ein Begriff vage oder uneinheitlich verwendet, muss ein präziserer Begriff eingeführt werden. Der Begriff wird expliziert. Das heißt: Der vorgefundene Begriff dient als explicandum , das durch eine Neufestsetzung zu bestimmen ist. Die Erläuterungen und Systematisierung seiner Verwendungsweisen liefern ein explanans des Begriffs: Sie führen zu einer Festsetzung (oder bei uneinheitlichen Verwendungsweisen zu mehreren Festsetzungen) seiner nun neu reglementierten Verwendungsweisen. Meist geschieht diese Explikation durch die Einordnung eines explizierten Begriffs in das Begriffssystem der betreffenden Einzelwissenschaften oder, im Falle eines methodologischen Begriffs (wie ›Einfachheit‹), in das Begriffssystem allgemeiner methodologischer Begriffe. Innerhalb des Korpus der wissenschaftlichen Begriffe werden dann Typen von Begriffen unterschieden: Klassifikatorische Begriffe teilen den Objektbereich einer Wissenschaft ein (z. B. Arten in der Biologie); komparative Begriffe (wie ›wärmer als‹) dienen bei der Beschreibung von Relationen im Objektbereich; metrische Begriffe dienen der standardisierten Beschreibung von Größen, die eine Theorie bezüglich ihres Objektbereichs einführt.

Neben der Aufgabe, Begriffe inhaltlich und formal zu explizieren, gehören in die wissenschaftstheoretische Sprachreflexion auch Fragen nach der logischen Form wissenschaftlicher Aussagen, Theorien und Schlussweisen. Deshalb wird Wissenschaftstheorie oft mittels formalsprachlicher Untersuchungen betrieben. Eine Wissenschaftssprache ist idealerweise eine vereindeutigte Sprache, die durch Einführung von Fachtermini und Formalisierungen den logischen Aufbau wissenschaftlicher Argumente und Theorien ausdrückt. Eine danach reglementierte Form der Wissenschaftssprache unterscheidet wissenschaftliche Aussagen von Erkenntnisansprüchen, die wir in der Umgangssprache vortragen.

Wissen soll systematisch sein. Die Wahrheitsanwärter unter unseren Repräsentationen werden in einem System angeordnet. Zunächst recht vage werden wir einen Zusammenhang zwischen den Repräsentationen in einem solchen System und die Vermeidung von Widersprüchen verlangen. Bei der Erörterung der Bedingungen der Systematizität fragt die Wissenschaftstheorie, wie Mengen von Aussagen bzw. Meinungen geordnet werden sollen, damit eine kohärente Theorie entsteht, also etwas, das Aussicht hat, wahr zu sein. Der Zentralbegriff der Wissenschaftstheorie ist derjenige der Theorie, welche die Vorgänge des Untersuchungsbereiches ›erklärt‹. Eine Theorie ist eine Menge von Aussagen, die alle wahr sein sollen. Jedoch ist eine Theorie nicht bloß eine Anhäufung von Aussagen, sondern sie bringt diese vielmehr in einen Zusammenhang. Zwischen den Aussagen, die eine Theorie macht, bestehen Implikationsbeziehungen. Insbesondere interessiert hier das Verhältnis der Erklärung. Theorien haben die Aufgabe, Fragen nach dem Warum des Auftretens von Phänomenen zu beantworten. Gesucht wird eine möglichst einfache Theorie mit der größten Erklärungsstärke. Allgemeinere Aussagen (u. a. Gesetzesaussagen) dienen dazu, andere herzuleiten. Die Erklärung eines Phänomens durch eine Theorie besteht darin, dass wir eine Aussage über das Auftreten des Phänomens aus den Gesetzesaussagen der Theorie und Aussagen über Randbedingungen ableiten. Allgemeinere Gesetzesaussagen können dazu dienen, speziellere Gesetzmäßigkeiten herzuleiten. Demgemäß ergibt sich eine Hierarchie, indem Aussagen, von denen die meisten oder gar alle anderen abhängen, im Zentrum der Theorie liegen, während sich dann weitere Schichten an dieses Zentrum anlagern. Am äußeren Rand liegen die von der Theorie akzeptierten bzw. prognostizierten Beobachtungsaussagen. Beobachtungsaussagen hängen in ihrer Bewährung direkt von den Perzeptionen des Beobachters ab, theoretische Aussagen sind solche, bei denen dies nur indirekt (nämlich über Beobachtungsaussagen) der Fall ist. Wie Beobachtungsaussagen getroffen und überprüft werden, darin unterscheiden sich erkenntnistheoretische Positionen. Allgemein geteilt wird aber die Ansicht, dass es einen Unterschied zwischen theoretischen Aussagen und Beobachtungsaussagen gibt, selbst wenn einige den Übergang für fließend halten. Beschreibungen von Gegenständen, die erst mit den theoretischen Aussagen in die Theorie eingeführt werden, bezeichnen theoretische Entitäten; was zunächst nichts anderes besagt, als dass solche Entitäten nicht direkt beobachtet werden können (z. B. Elektronen). Welche theoretischen Entitäten wir akzeptieren, hängt davon ab, welche Erklärungskraft die Theorie, die sie behauptet, besitzt. Die theoretischen Entitäten, welche die einfachste und erklärungsstärkste Theorie mit sich bringt, halten wir für Entitäten, die wirklich vorhanden, aber nicht direkt beobachtbar sind.

Theorien können die Voraussetzung für andere Theorien sein (etwa wenn sich die Theorie politischer Parteien auf die Gruppensoziologie beruft). Auch können ganze Wissenschaften die Voraussetzungen anderer Wissenschaften liefern (etwa wenn der Biologe sich auf die Chemie bezieht). Der Bezug verschiedener Theorien oder gar ganzer Einzelwissenschaften aufeinander bildet so ein umfassenderes und zusammenhängenderes Theoriensystem, welches einen großen Bereich der Wirklichkeit unter zusammenhängende Gesetze und damit Erklärungen bringt. Dabei mag der Gesamtbereich, von dem die vorausgesetzte Theorie handelt, in die Beobachtungssprache der Theorie der komplexeren Phänomene fallen (wird also als gegeben vorausgesetzt), dann wäre das Theoriensystem hierarchisch aufgebaut. Oder dieses Verhältnis ist im Sinne einer Erweiterung so zu denken, dass mit dem Übergang zu komplexeren Phänomenen sowohl Beobachtungssprache als auch Theoriesprache erweitert werden, sodass das Theoriensystem ein umfangreicheres Netz bildet, das die Daten interpretiert und erklärt.

Meinungssysteme von Personen werden de facto den Ansprüchen, die wir an Theorien stellen, oft nicht genügen. Doch sie enthalten Theorieversatzsstücke. Jemand, der begründet etwas meint, mag dabei Theorien heranziehen oder selbst aufstellen. Im ersten Fall macht er sich eine Theorie zu eigen. Im zweiten Fall versucht er, eine Rechtfertigung einer Meinung, die ähnlich verfährt wie das Theoretisieren, auch wenn die methodischen Standards und Fähigkeiten im Alltag weit hinter die Wissenschaft zurückfallen. Wissenschaftliche Theorien sind über den Weg der Methodenexplizitheit erreichte Hochstilisierungen von Meinungssystemen. Die Methodenexplizitheit bringt dabei sowohl intersubjektive Überprüfung durch Reproduzierbarkeit von Bewährungssituationen als auch eine Reglementierung der Sprache der Theorie mit sich.

Je nach der Art, wie eine Theorie aufgebaut wird und welche Praktiken sie zustande bringt oder überprüft, lassen sich Typen von Wissenschaften bilden. So wird die naturwissenschaftliche Theoriebildung von der geisteswissenschaftlichen unterschieden. Solche Typen unterscheiden sich z. B. in der Dominanz eines bestimmten Erklärungs- oder Ordnungsprinzips. Während in den Naturwissenschaften strenge oder statistische Kausalerklärungen im Vordergrund stehen (sollen), kommen in den Geisteswissenschaften auch Rationalisierungen vor (d. h. Erklärungen historischer Vorgänge nach den Gründen der beteiligten Akteure). Ein klassisches Problem der Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften z. B. ist die Frage nach Form und Gültigkeit von induktiven Schlüssen. Die unterschiedlichen Wissenschaftstypen arbeiten alle gemeinsam gemäß allgemeiner Merkmale der Wissenschaftlichkeit und verfolgen das gemeinsame Ziel der Herausbildung eines intersubjektiv gültigen Wissens in Form einer Theorie.

G. Boyd, P. Gasper, J. Trout (Hg.) The Philosophy of Science , Cambridge/Mass. 1991

M. Curd, J. Cover (Hg.) Philosophy of Science , New York / London 1998

K. Lambert, G. Brittan, Eine Einführung in die Wissenschaftsphilosophie , Berlin / New York 1991

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt