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Prof. Dr. Katia Saporiti

Berkeley, George

(1685–1753): Geboren am 12.3. in Dysert Castle nahe der Ortschaft Kilkenny in Südirland, gestorben am 14.1. in Oxford. Berkeley gehörte der anglikanischen Kirche an, war Priester und wurde 1734 zum Bischof von Cloyne ernannt. Sein Werk ist in vielerlei Hinsicht von theologischen Überlegungen bestimmt und als Reaktion auf weltanschauliche und naturwissenschaftliche Entwicklungen in der frühen Neuzeit (A) zu interpretieren. Dennoch sind seine philosophischen Schriften weit mehr als religiös motivierte Streitschriften. Auf besonders kenntnisreiche und scharfsinnige Weise kritisiert Berkeley die Grundlagen der Mathematik und der Naturwissenschaft seiner Zeit, erörtert viele heute noch aktuelle Probleme der Erkenntnistheorie und entwickelt ein bemerkenswertes philosophisches System, das ohne die Annahme einer vom Geist unabhängig existierenden Materie auskommt.

In seinem philosophischen Hauptwerk, dem 1710 erschienenen Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge , präsentiert Berkeley die zentrale These seiner Philosophie: Jedes Sein besteht darin, wahrgenommen zu werden, wahrzunehmen oder etwas zu wollen. Nur ein geistiges Wesen kann etwas wahrnehmen oder wollen. Nur Ideen können vom Geist wahrgenommen werden. Alles, was existiert, muss daher entweder ein Geist oder eine Idee sein. Berkeley zufolge sind sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften oder Qualitäten wie z. B. die Farbe oder der Geruch eines Apfels Ideen. Wahrnehmbare Gegenstände sind Ideen bzw. Bündel von Eigenschaften (Ideen), die wir, weil sie so häufig gemeinsam auftreten, zusammenfassen und mit einem Namen wie z. B. ›Apfel‹ versehen. Eine materielle Substanz, der die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften inhärierten, wie es dem in der abendländischen Philosophie grundlegenden Modell von Substanz und Modus entspräche, gibt es nicht (Immaterialismus). Da eine Idee nur in einem Geist existieren kann, hängt die Existenz wahrnehmbarer Dinge davon ab, dass sie wahrgenommen (perzipiert) werden (Idealismus). (Berkeley bezeichnet einerseits das sinnliche Wahrnehmen als Perzipieren, andererseits aber auch das Haben von Ideen im Allgemeinen.)

Der Geist ist nach Berkeley gänzlich verschieden von den Ideen, die er perzipiert. Während die Ideen vollkommen passiv sind, ist der Geist aktiv. Er hat Ideen und wird auf verschiedene Weise an ihnen tätig. Wir können den Geist weder perzipieren, denn er ist keine Idee (und perzipierbar sind nur Ideen), noch können wir eine Idee vom Geist haben, denn Ideen können nach Berkeley nur Ideen ähneln – und jede Idee von etwas ähnelt dem, wovon sie eine Idee ist. Zur Kenntnis des Geistes gelangen wir auf andere Weise: Wir sind uns unser selbst unmittelbar bewusst und erwerben in der Reflexion intuitives Wissen um die Existenz und Beschaffenheit unseres Geistes. Auf diese Weise können wir uns einen Begriff (notion ) vom Geist machen, ohne über eine Idee des Geistes zu verfügen. Von der Existenz anderer Geister wissen wir nur vermittels der Ideen, die sie in uns hervorrufen. Im Falle endlicher Wesen erlaubt uns deren Ähnlichkeit mit uns selbst einen Analogieschluss darauf, dass sie mit Geist begabt sind. Die Existenz Gottes offenbart sich uns hingegen in der systematischen Ordnung der Ideen sinnlich wahrnehmbarer Dinge, die Gott uns eingibt.

Der Geist ist nach Berkeley eine unteilbare Substanz, ein aktives Prinzip, dessen Existenz im Denken, Wollen und Wahrnehmen besteht. Während Berkeley also die materielle Substanz preisgibt, hält er an der Existenz einer geistigen Substanz fest. Dies hat ihm vielfach den Vorwurf eingetragen, seine Position sei in sich widersprüchlich, da seine berechtigte Kritik am Begriff der Substanz auch die geistige Substanz betreffe. Im Unterschied zum Begriff einer geistigen Substanz ist der Begriff einer materiellen Substanz laut Berkeley jedoch entweder leer oder selbstwidersprüchlich. Die materielle Substanz soll der Träger sinnlich wahrnehmbarer Eigenschaften sein; sie soll etwas Nicht-Geistiges sein, das gänzlich passiv ist und weder denken noch fühlen oder wollen kann; etwas, das im Gegensatz zu den Eigenschaften, die ihr inhärieren, selbst nicht wahrnehmbar ist. Sie soll dasjenige sein, was als Substrat übrig bliebe, zögen wir von einem wahrnehmbaren Ding alle seine wahrnehmbaren Eigenschaften ab. Laut Berkeley bliebe nach diesem Abziehen jedoch nichts übrig, auf das wir uns mit dem Ausdruck ›materielle Substanz‹ beziehen könnten. Darüber hinaus sei die angenommene Beziehung, in der die materielle Substanz zu ihren Modi stünde, gänzlich unklar. Was könne es denn heißen, fragt Berkeley, dass die Substanz der Träger wahrnehmbarer Eigenschaften sei oder dass die Eigenschaften der Substanz inhärierten? In sich widersprüchlich ist der Begriff der materiellen Substanz nach Berkeley insofern, als eine wahrnehmbare Eigenschaft (Idee) nur in einem Geist existieren kann, der sie perzipiert, nicht aber in etwas vollkommen Passivem. Weil wir etwas Widersprüchliches nicht denken können, können wir von einer materiellen Substanz ebenso wenig eine Idee gewinnen wie von einer geistigen. Der Begriff einer geistigen Substanz birgt Berkeley zufolge keinen Widerspruch in sich und während nichts in unserer Erfahrung auf die Existenz einer materiellen Substanz hinweist, haben wir von der Existenz und Beschaffenheit unseres Geistes unmittelbar und intuitiv Kenntnis. Während die Beziehung der Trägerschaft zwischen materieller Substanz und wahrnehmbarer Eigenschaft unbegreiflich ist, steht jeder Mensch zu seinen Ideen in der Beziehung einer geistigen Substanz zu ihren Ideen. Der Geist perzipiert Ideen. Diese Beziehung glaubt Berkeley voraussetzen und seiner Philosophie zugrunde legen zu können.

Berkeley will seinen Immaterialismus und Idealismus mit einem Realismus verbinden, dem zufolge es eine vom Menschen unabhängige Welt wahrnehmbarer Dinge gibt. Auf den ersten Blick scheint dies schwer möglich zu sein. Wenn es keine materiellen Gegenstände gibt und wahrnehmbare Dinge nichts anderes sind als Ideen, dann scheint sich die Wirklichkeit auf eine Art Traum oder Einbildung zu reduzieren. Wer die Existenz des Wahrnehmbaren mit dessen Wahrgenommenwerden gleichsetzt, der scheint das Bestehen einer vom Menschen unabhängigen physikalischen Welt zu leugnen und den Unterschied zwischen Schein und Sein aufzuheben. Und doch versichert Berkeley, dass er an die Wirklichkeit der Dinge nicht rühre und dass seine Philosophie dem gesunden Menschenverstand weniger zumute als die Auffassung derer, die eine materielle Substanz postulieren. Obwohl wahrnehmbare Dinge Ideen(bündel) sind, deren Existenz in ihrem Perzipiertwerden besteht, hören sie Berkeley zufolge nicht auf zu existieren, wenn niemand auf Erden sie mehr wahrnimmt. Denn sie werden von Gott wahrgenommen oder existieren in seinem Geist. Dem Einwand, dass die Gleichsetzung wahrnehmbarer Dinge mit Ideen es unmöglich macht, zwischen wirklichen und bloß vorgestellten, halluzinierten oder geträumten Dingen zu unterscheiden, begegnet Berkeley, indem er Folgendes feststellt: Erstens gehorcht die Wirklichkeit den Naturgesetzen. Wirkliche Dinge weisen im Gegensatz zu imaginierten in sich und in ihrer Abfolge eine große Beständigkeit, Ordnung und einen inneren Zusammenhang auf. Zweitens hängen die wirklichen Dinge nicht in der gleichen Weise von unserem Willen ab wie die nur vorgestellten. Insbesondere die Ideen sinnlich wahrnehmbarer Dinge stellen sich unwillkürlich ein. Drittens schließlich affizieren die wirklichen Dinge den Geist stärker, während bloß Vorgestelltes schwächer, matter, unbestimmter und weniger lebhaft erscheint. Mit diesen Thesen unterscheidet Berkeley zwischen zwei Arten von Ideen: Sinnesideen und Vorstellungsideen. Tische und Äpfel, Töne und Gerüche, alle die Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, sind Sinnesideen. Einbildungen, Erinnerungen usw. sind Vorstellungsideen. Während wir Vorstellungsideen selbst hervorbringen, werden unsere Sinnesideen ausnahmslos von Gott verursacht. Sie rühren nicht, wie Descartes oder Locke dies angenommen hatten, von äußeren Gegenständen her. Gott ist es, der die Objektivität der sinnlich wahrnehmbaren Welt garantiert. Er gewährleistet nicht nur die kontinuierliche Existenz sinnlich wahrnehmbarer Gegenstände, sondern auch deren intersubjektive Beobachtbarkeit, indem er allen Menschen zur passenden Gelegenheit und in systematischer Reihenfolge die richtigen Ideen eingibt. Wir nehmen diese Ideen, d. h. die sinnlich wahrnehmbaren Dinge, unmittelbar wahr: Es gibt nichts, das zwischen ihnen und uns vermittelte – keine weitere Idee oder Repräsentation, kein geistiges Bildchen, das in unserem Geist für die Dinge stünde oder sie repräsentierte. Sinnesideen sind nicht Ideen von wahrnehmbaren Dingen, sie sind die Dinge selbst. Auch für Descartes war die Idee eines Gegenstands der Gegenstand selbst in eben der Seinsweise, in der Gegenstände im Geist sind. Für Berkeley ist das die einzige Seinsweise wahrnehmbarer Dinge.

Berkeley leugnet die Existenz einer vom Geist unabhängigen Materie mit dem Ziel, den Atheismus und den Skeptizismus zurückzudrängen. Mit den zunehmenden Erfolgen der Naturwissenschaften hatte sich ein mechanistisches Weltbild durchgesetzt, das nach Berkeleys Dafürhalten sowohl dem Unglauben als auch dem grundsätzlichen Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen Vorschub leistete. Die Welt wurde mit einem gigantischen Uhrwerk verglichen und die Funktion Gottes drohte auf die des Schöpfers einer Maschine reduziert zu werden, die, einmal in Gang gesetzt, auch ohne sein Zutun funktioniert. Immer weniger der in der Natur beobachteten Vorgänge wurden durch das Wirken Gottes erklärt und stattdessen auf die Struktur, Beschaffenheit und Bewegung von Materieteilchen zurückgeführt. Locke, an dessen Theorie sich Berkeleys Kritik im Besonderen entzündet, hatte versucht, den in den Wissenschaften zugrunde gelegten Annahmen über Materie und Bewegung gerecht zu werden, indem er die Existenz einer vom Geist unabhängigen, materiellen Außenwelt annahm. Aber aus seiner Auffassung, nach der wir die Gegenstände der äußeren Welt niemals direkt, sondern nur vermittels der Ideen wahrnehmen, die sie in uns hervorrufen, hatten sich uneinheitliche und skeptische Konsequenzen ergeben. Wahrnehmbare Gegenstände bleiben im Rahmen dieser Auffassung für uns grundsätzlich hinter einem ›Schleier der Ideen‹ verborgen. Indem Berkeley wahrnehmbare Dinge mit Bündeln von Eigenschaften (Ideen) identifiziert, hebt er diesen Schleier. Die Frage, ob die wahrgenommenen Dinge wirklich existieren, erübrigt sich ebenso wie die Frage danach, welche Eigenschaften sie wirklich besitzen – die Dinge sind ihre Eigenschaften. Dem Skeptiker, der behauptet, dass wir nicht wissen können, wie die wahrgenommenen Dinge tatsächlich beschaffen sind, weil wir es stets nur mit ihren Erscheinungen bzw. den von ihnen in uns hervorgerufenen Ideen zu tun haben, und dass wir genau genommen nicht einmal wissen, ob die Dinge, die wir wahrzunehmen meinen, tatsächlich existieren, ist damit die Grundlage seiner Argumentation entzogen. Dafür scheint sich ein anderes Problem zu verschärfen, das sich dadurch ergibt, dass Berkeley seine immaterialistische und idealistische Philosophie mit dem Realismus des common sense vereinbaren möchte. Es genügt nicht, Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden um die Wirklichkeit zu bewahren; auch Schein und Sein müssen im Rahmen einer realistischen Konzeption der Welt voneinander unterscheidbar bleiben. Wahrnehmbare Dinge scheinen oft Eigenschaften zu besitzen, die sie in Wirklichkeit nicht haben. Wenn die Dinge nichts anderes sind als die jeweils perzipierten Ideen bzw. Eigenschaften, wie können wir uns dann jemals über die Natur wahrgenommener Dinge täuschen? Berkeley vertritt die bemerkenswerte und konsequente Auffassung, dass dies nicht möglich ist. Was rot aussieht, ist rot. Allerdings verleiten uns unsere Sinnesideen gelegentlich zu falschen Schlussfolgerungen. Dies geschieht beispielsweise dann, wenn wir annehmen, dass ein zur Hälfte ins Wasser getauchter und gekrümmt aussehender Stock sich auch gekrümmt anfühlen wird. Wahrnehmungsfehler sind nach Berkeley falsche Urteile darüber, welche Sinnesideen wir unter welchen Umständen haben werden. Vor solchen Fehlurteilen können wir uns durch besondere Vorsicht und durch die genaue Beobachtung und Erforschung der Natur schützen.

Mit seiner Lehre von einem unangreifbaren Wahrnehmungswissen postuliert Berkeley ein sicheres Fundament menschlicher Erkenntnis, gleichzeitig zwingt ihn diese Lehre aber, sich weit von unserem alltäglichen Verständnis der Dinge zu entfernen. Berkeley zufolge können in einem philosophisch strikten Sinn niemals zwei Menschen gleichzeitig denselben Gegenstand wahrnehmen und niemand kann denselben Gegenstand mit verschiedenen Sinnen oder zu verschiedenen Zeitpunkten wahrnehmen. Zwar gibt Berkeley zu, dass die – in seinen Augen philosophisch ungenaue – Art und Weise, in der wir von wahrnehmbaren Gegenständen reden, für unsere alltäglichen Belange zweckmäßig ist. Ob es ihm aber gelingt, seine Philosophie mit dem common sense zu vereinbaren, entscheidet sich nicht an diesem Zugeständnis, sondern daran, ob unsere Redeweise im Rahmen seiner Theorie auch gerechtfertigt und philosophisch untermauert werden kann.

Wie Locke und Hume ist Berkeley dem Empirismus verpflichtet, dem zufolge sich alle Geistesinhalte auf die Erfahrung zurückführen lassen. Aber während Berkeley glaubt, dass uns die Erfahrung lehrt, wie wahrnehmbare Dinge tatsächlich beschaffen sind – nämlich genau so, wie sie uns erscheinen –, geht Locke davon aus, dass unsere Ideen den sie verursachenden Dingen nur hinsichtlich ihrer primären, nicht jedoch hinsichtlich ihrer sekundären Qualitäten ähneln. Zu den primären Eigenschaften rechnet er u. a. Gestalt, Bewegung und Größe der Dinge, zu den sekundären u. a. Farbe, Geruch und Temperatur. Berkeley wendet ein, dass es unverständlich sei, wie eine Idee überhaupt etwas anderem als einer Idee ähneln könne, und weist auf die Unhaltbarkeit der Unterscheidung zwischen primären und sekundären Eigenschaften hin. Weil primäre Eigenschaften nur zusammen mit sekundären Eigenschaften vorkommen (etwas sichtbar Ausgedehntes muss immer auch eine Farbe haben), sei es unsinnig zu behaupten, die einen existierten in den Gegenständen und damit außerhalb und unabhängig vom Geist, die anderen aber nur im Geist des Wahrnehmenden. Berkeley zeigt, dass die Argumente, die Locke und andere zugunsten der These angeführt hatten, den Dingen selbst kämen keine sekundären Eigenschaften zu, sich auch gegen eine vom Geist unabhängige Existenz der primären Eigenschaften anführen ließen – wenn sie funktionierten. Denn die Abhängigkeit der Wahrnehmung von den Wahrnehmungsbedingungen, aus der sich der besondere Status der sekundären Eigenschaften ergeben soll, ist im Hinblick auf alle wahrnehmbaren Eigenschaften gegeben. Ein Gegenstand fühlt sich beispielsweise nicht nur umso wärmer an, je kälter die Hand ist, mit der wir ihn betasten; er sieht auch umso kleiner aus, je weiter wir von ihm entfernt sind. Aber genauso wenig, wie man dieser Beobachtung entnehmen kann, dass der Gegenstand gar nicht warm oder kalt ist und die Temperatur nur vom Wahrnehmenden empfunden wird, kann sie als Beleg dafür gelten, dass der Gegenstand selbst keine bestimmte Größe hat.

Von der empiristischen Grundannahme ausgehend, dass alle unsere Ideen letztlich der Erfahrung entstammen, war Locke zu der Auffassung gelangt, dass allgemeine Ausdrücke wie ›Dreieck‹ oder ›rot‹ für abstrakte Ideen stehen, die jeweils das erfassen, was allen Dreiecken und allen Rotschattierungen, die uns in der Erfahrung gegeben sind, gemeinsam ist. Locke hatte angenommen, dass jedes Wort für eine Idee stehen müsse um sinnvoll verwendet werden zu können. Berkeley bestreitet sowohl diese kognitivistische These als auch die Existenz abstrakter Ideen. Wir können seiner Ansicht nach nicht von allem abstrahieren, was verschiedene Dreiecke oder verschiedene Vorkommnisse von Rot voneinander unterscheidet. Die abstrakte Idee eines allgemeinen Dreiecks, das weder spitz- noch stumpfwinklig, weder gleich- noch ungleichschenklig ist oder diese Eigenschaften gleichzeitig besitzt, ist nach Berkeley ein Ding der Unmöglichkeit. Sprachliche Ausdrücke verdanken ihre Allgemeinheit nicht abstrakten Ideen, für die sie stehen, sondern der Art und Weise, in der wir sie verwenden. Wir verwenden sie, um uns gleichermaßen auf jedes beliebige Element einer bestimmten Klasse von Einzeldingen zu beziehen, z. B. auf jedes beliebige Dreieck oder auf jedes beliebige Vorkommnis von Rot. Für Berkeley ist auch die Idee eines wahrnehmbaren Gegenstands, der unabhängig von seinem Wahrgenommenwerden existiert und von allen seinen Eigenschaften verschieden ist, eine abstrakte Idee, die zu bilden wir nicht in der Lage sind. Wir können einen wahrnehmbaren Gegenstand gedanklich nicht von allen seinen wahrnehmbaren Eigenschaften trennen.

Berkeley leugnet nicht nur die Existenz materieller Gegenstände, sondern auch das Bestehen kausaler Beziehungen in der wahrnehmbaren Welt. Wahrnehmbare Dinge sind nach seiner Ansicht vollkommen passiv und unfähig etwas zu verursachen. Unser Begriff der Verursachung gründet sich auf die Erfahrung des willentlichen Hervorbringens von Ideen und kann von dieser Erfahrung nicht abstrahiert werden. In den Abfolgen unserer Sinnesideen lässt sich nichts im eigentlichen Sinn Tätiges oder Hervorbringendes entdecken. Wir können zwar beobachten, dass Ereignisse eines bestimmten Typs regelmäßig auf Ereignisse eines anderen Typs folgen, aber nichts in unserer Erfahrung weist darauf hin, dass ein Ereignis notwendig auf ein anderes folgt. Ursachen aber ziehen ihre Wirkungen notwendig und nicht nur regelmäßig nach sich. Mit diesen Feststellungen nimmt Berkeley einen Teil der Kritik vorweg, die nach ihm Hume am Kausalitätsbegriff üben sollte. Anders als Hume gelangt er zu dem Ergebnis, dass nur geistige Substanzen etwas verursachen können. Die Veränderungen und Vorgänge, die wir in der wahrnehmbaren Welt beobachten, sind nach Berkeley keine kausalen Prozesse, sondern Abfolgen von Ideen, die Gott in uns hervorruft. Zwischen diesen Ideen bestehen keinerlei notwendige Verknüpfungen, denn Gott könnte unsere Ideen auch in anderer Weise aufeinander folgen lassen. Darin, dass Gott unsere Sinnesideen in einer für uns erkennbar geordneten Weise miteinander kombiniert und aufeinander folgen lässt, offenbart sich seine Existenz und Güte: Täte Gott dies nicht, stünden wir dem Naturgeschehen hilflos gegenüber und wüssten nicht, wie wir uns verhalten müssen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen und unsere Ziele und Zwecke zu erreichen.

Berkeley begreift das Naturgeschehen als Äußerung Gottes. Die wahrnehmbare Welt ist ein System sprachlicher Zeichen, dessen Elemente von Gott nach bestimmten Regeln in eben der Weise miteinander kombiniert und verbunden werden, in der die Wörter einer Sprache verwendet werden, um die verschiedensten Dinge mitzuteilen. Gott tut kund, welche Sinnesideen wir unter welchen Umständen zu erwarten haben. Das Feuer, an dem wir uns verbrennen, ist nicht die Ursache des empfundenen Schmerzes, sondern ein Zeichen, das uns vor ihm warnt. Naturgesetze sind Regelmäßigkeiten in den Abfolgen unserer Sinnesideen, und die Aufgabe der Naturwissenschaften besteht darin, die geordnete Art und Weise zu erforschen, in der Gott in uns Ideen hervorruft. Wissenschaftlicher Fortschritt besteht in der Erweiterung unserer Kenntnis der Zeichen und grammatischen Regeln der Sprache Gottes. Je mehr Äußerungen wir verstehen, die in der ›universalen Sprache der Natur‹ formuliert sind, desto besser können wir Krankheiten heilen, Brücken bauen oder schnell und sicher reisen. Mit diesem semiotischen Modell des Naturgeschehens will Berkeley eine Alternative zum cartesischen Bild der Welt als gigantisches Uhrwerk geben. Er setzt dem mechanistischen Weltbild ein deozentrisches entgegen, in dem sich Gottes Wirken, seine Güte und Kraft in jedem Stück Natur offenbaren, das der Mensch erlebt und wissenschaftlich erforscht. Vor dem Hintergrund dieses Bildes hofft Berkeley, eine Neubegründung der Wissenschaften nach streng empiristischen Prinzipien erreichen und das richtige Verständnis menschlicher Erkenntnis wiederherzustellen zu können, das mit dem Aufkommen der neuen Wissenschaften und deren hastiger Rationalisierung verloren gegangen war.

D. Berman, George Berkeley. Idealism and the Man , Oxford 1994

W. Breidert, George Berkeley 1685–1753 , Basel 1989

A. Kulenkampff, George Berkeley , in: N. Hoerster (Hg.), Klassiker des philosophischen Denkens, Bd. 1, München 1982, S. 321–350

G. S. Pappas, Berkeley’s Thought , Ithaca 2000

K. P. Winkler, Berkeley. An Interpretation , Oxford 1989

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt