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Ullrich Wille

Positivismus

Eine hauptsächlich im 19. und 20. Jh. verbreitete Haltung von Wissenschaftlern und Philosophen, die allein das erfahrungsmäßig Gegebene, d. h. das Positive, als die letzte Instanz wissenschaftlicher Erkenntnis ansehen. Der Positivismus ist gekennzeichnet durch folgende Prinzipien: 1. Erkenntnis ist nur möglich in Anknüpfung an unmittelbar Gegebenes. 2. Eine Erkenntnis, die eine Person gewonnen hat, kann prinzipiell auch von jeder anderen Person gewonnen werden. 3. Erkenntnis ist vermittelbar: Eine Erkenntnis, die ich habe, kann ich (prinzipiell) jeder anderen Person mitteilen und ich kann sie anderen Personen gegenüber ausweisen. Es gibt keine Erkenntnisse, die prinzipiell unausdrückbar wären, keine Behauptungen, die intersubjektiv nicht überprüfbar sind. 4. Es gibt nicht mehrere, miteinander völlig unzusammenhängende Erkenntnisbereiche. Vielmehr lassen sich die in einem Erkenntnisbereich formulierten Gesetzmäßigkeiten zurückführen auf eine einheitliche, übergreifende Gesetzmäßigkeit. 5. Es gibt keinen Wirklichkeitsbereich, der dem Erkenntnisvermögen prinzipiell unzugänglich ist. Es gibt keine prinzipiell unlösbaren Probleme.

Als Begründer des Positivismus gilt Comte, der die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes nach einem theologischen und einem metaphysischen nun in einem positivistischen Zeitalter angelangt sieht, in dem sich die wissenschaftliche Forschung auf die Untersuchung gesetzmäßiger Zusammenhänge zwischen beobachtbaren Phänomenen beschränkt und auf metaphysische Erklärungen verzichtet. Zu den Hauptvertretern des so genannten älteren Positivismus zählen außerdem Mill, Spencer und Mach.

Vom älteren Positivismus unterscheidet sich der logische Positivismus (auch logischer Empirismus, Neupositivismus) des Wiener Kreises um Carnap, Schlick, Hahn und Neurath vor allem durch seine Auffassung logischer und mathematischer Sätze als analytische, nicht empirische Sätze.

In Bezug auf das erste der oben genannten Prinzipien des Positivismus stellt sich sofort die Frage: Was ist denn das unmittelbar Gegebene? Die Antwort des Positivisten auf diese Frage wird lauten: Das unmittelbar Gegebene ist das, was durch die Erfahrung gegeben ist. Positivismus stellt sich somit als eine Form des Empirismus dar. Er leugnet die Möglichkeit von Erkenntnis durch ›reines Denken‹, ohne Rückgriff auf Erfahrung.

Die Rede vom unmittelbar (durch Erfahrung) Gegebenen kann in zwei verschiedenen Weisen verstanden werden: Man könnte diese Formulierung in einem absoluten Sinne verstehen, dahingehend, dass es elementare Einsichten, ›Urerlebnisse‹, gibt, die nicht weiter ausgewiesen werden können oder müssen. Diese Auffassung findet sich beim frühen Wittgenstein, bei Schlick und teilweise beim frühen Carnap.

Man kann die Rede vom unmittelbar Gegebenen aber auch in einem relativen Sinne verstehen, nämlich dahingehend, dass man in einem bestimmten Kontext gewisse Beobachtungen als unmittelbar gegeben ansieht, d. h. darauf verzichtet, die das Vorliegen dieser Beobachtungen konstatierenden Sätze weiter zu überprüfen, ohne aber die Möglichkeit auszuschließen, dass diese Sätze später doch noch überprüft und möglicherweise verworfen werden. Diese Sichtweise ist vor allem von Neurath und Popper vertreten und von Carnap aufgegriffen worden.

Von anderen Formen des Empirismus, wie etwa Berkeleys Idealismus oder einer solipsistischen Position, unterscheidet sich der Positivismus jeweils durch eines oder mehrere der oben genannten Prinzipien 2 bis 5. So stehen die Prinzipien 2 und 3 im Widerspruch zum Solipsismus: Während der empirische Solipsist annimmt, dass die Welt zusammenfällt mit der Gesamtheit seiner Erfahrungen, anerkennt der Positivist die Existenz anderer Individuen, die ebenfalls Erfahrungen machen, die jeweils von seinen Erfahrungen verschieden sein können, aber auch mit Erfahrungen, die er gemacht hat, identisch sein können.

Aus einer solipsistischen oder idealistischen Position heraus könnte man argumentieren: Für mich ist doch das unmittelbar Gegebene das, was mir (jetzt und hier) unmittelbar gegeben ist, also meine Sinnesempfindungen. Meine Sinnesempfindungen aber können nicht gleichzeitig die Sinnesempfindungen eines anderen Individuums sein. Was mir unmittelbar gegeben ist, kann einer anderen Person höchstens mittelbar gegeben sein. Wie gelange ich von meinen subjektiven Sinnesdaten zu Erkenntnissen, die ich mit anderen Individuen teilen kann? Der Solipsismus bekäme also Probleme mit der vom 3. Prinzip geforderten Ausweisbarkeit und intersubjektiven Überprüfbarkeit von Behauptungen: Wie kann eine Überprüfung intersubjektiv sein, wenn sie letztlich auf subjektive Sinnesdaten rekurrieren muss? Wie kann man das Vorliegen subjektiver Sinnesdaten überhaupt formulieren, ohne intersubjektiv zu werden und die Unmittelbarkeit zu verlieren?

Für einen Positivisten, der die oben beschriebene relative Auffassung bezüglich des unmittelbar Gegebenen vertritt, kann dieses Problem nicht entstehen: Wenn und so lange ich mich entschließe, den Bericht einer anderen Person über von ihr gemachte Beobachtungen zu akzeptieren und bei der Überprüfung einer Theorie heranzuziehen, sind diese Beobachtungen für mich genau so unmittelbar gegeben wie meine eigenen Beobachtungen. Natürlich kann es sein, dass ich den Beobachtungsbericht der anderen Person später in Zweifel ziehe (sie kann sich geirrt oder mich belogen haben), aber genau so kann ich an meinem eigenen Beobachtungsbericht zweifeln (ich kann mich beim Ablesen einer Messskala vertan haben, eine Sinnestäuschung oder eine Halluzination gehabt haben etc.).

Aber auch Positivisten, die das unmittelbar Gegebene in einem absoluten Sinne aufgefasst haben, haben betont, dass es kein Subjekt besitzt. Es gibt kein Ich, das der Träger oder Eigentümer des unmittelbar Gegebenen wäre. Vor allem Schlick hat dies in Anknüpfung an Wittgenstein betont.

Das 4. Prinzip scheint zu besagen, dass es möglich ist, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, auch solche von höchster Allgemeinheit, da zwischen allen Erkenntnisbereichen gesetzmäßige Verknüpfungen bestehen. Daraus folgt, dass es im Grunde nur eine Wissenschaft gibt, die ›Einheitswissenschaft‹ in der Terminologie des logischen Positivismus. Im Zusammenhang mit diesem Prinzip stellt sich die Frage, wie es möglich ist, die empirischen Einzelelemente, welcher Form diese auch immer sein mögen, so zu verknüpfen, dass man zur Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten kommt. Das ist das Induktionsproblem. Es hat für den Positivismus eine besondere Dringlichkeit, da dieser es ablehnt, die Verknüpfung etwa einer intellektuellen Anschauung zuzuschreiben oder die Gesetzmäßigkeiten für a priori gültig zu erklären.

Man beachte aber, dass in der Formulierung des 4. Prinzips nicht davon die Rede ist, dass Gesetzmäßigkeiten erkannt, sondern davon, dass sie formuliert werden. Das Induktionsproblem lässt sich also dadurch lösen (oder besser: auflösen), dass man sagt: Wir gelangen nicht zur Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten durch Verknüpfung von empirischen Einzelelementen, sondern wir formulieren Gesetzesaussagen hypothetisch und vergleichen sie mit den von uns aufgestellten Beobachtungsaussagen (dem unmittelbar Gegebenen). Objektiv waltende Naturgesetze, die von uns erkannt werden können, gibt es nicht. Daher lässt sich auch nicht von der Wahrheit oder Falschheit einer Gesetzesaussage sprechen, sofern man darunter das Herrschen bzw. Nichtherrschen von Naturgesetzen versteht, die durch die Gesetzesaussage formuliert worden wären. Von einer Gesetzesaussage lässt sich nur sagen, ob sie sich bewährt hat und deshalb beibehalten wird oder ob sie sich nicht bewähren konnte und daher fallen gelassen wird. Dieser von den Positivisten vertretene Instrumentalismus ist besonders deutlich von Hahn favorisiert worden – im Gegensatz etwa zu Popper, der zwar auch den hypothetischen Charakter von Gesetzesaussagen betont, aber einen Realismus vertritt, demzufolge der wissenschaftliche Fortschritt in einer immer größeren »Annäherung an die (objektiv bestehende) Wahrheit« besteht.

Entsprechend bedeutet die Forderung nach intersubjektiver empirischer Überprüfbarkeit von Gesetzesaussagen nicht, dass Gesetzesaussagen (und überhaupt alle Aussagen) »nur von Beobachtbarem handeln« dürfen, d. h. dass alle in einer Gesetzesaussage auftretenden Termini empirisch konstituierbar sein müssen. Im Gegensatz zu Mach stellten die Vertreter des Wiener Kreises keine derartige Forderung an eine empirische Theorie. Eine solche Forderung würde nicht nur Aussagen über Atome, Elektronen, Quarks, Superstrings etc. ausschließen (die Mach als »provisorische Hilfsmittel« gelten ließ bzw. gelten gelassen hätte), sondern alle Gesetzesaussagen überhaupt, worauf Hahn (und später auch Popper) hingewiesen hat. Denn Gesetzesaussagen haben die Form einer Allaussage. Ein Ausdruck, der als Allquantor interpretiert wird (wie der Ausdruck ›alle‹ in ›Alle Körper dehnen sich bei Erwärmung aus‹), ist jedoch empirisch unkonstituierbar, wenn der Quantifikationsbereich unendlich ist (es kann nicht durch Beobachtung festgestellt werden, dass alle Körper sich durch Erwärmung ausdehnen). Der Ausschluss theoretischer Termini, die empirisch nicht konstituierbar sind, würde also sämtliche Wissenschaft unmöglich machen. Unter Voraussetzung eines wissenschaftlichen Instrumentalismus, wie er oben skizziert wurde, ist aber das Zulassen theoretischer Termini mit einer empiristisch-positivistischen Haltung vereinbar: Gesetzesaussagen sind dann keine Behauptungen im eigentlichen Sinne, können aber verwendet werden, um Voraussagen zu machen, welch letztere Behauptungen darstellen, die keine theoretischen Termini mehr enthalten. Um von Gesetzesaussagen mit theoretischen Termini zu empirisch überprüfbaren Voraussagen zu gelangen, werden Regeln angegeben, die als Gebrauchsanweisungen für theoretische Termini betrachtet werden können (die Regel der universellen Instantiierung aus der Prädikatenlogik wäre etwa eine Gebrauchsanweisung für den Allquantor).

Ein weiterer Unterschied zum klassischen Empirismus betrifft die Stellung von Mathematik und Logik. Es wurde oben gesagt, dass der Positivismus, wie jeder Empirismus, die Möglichkeit von Erkenntnis durch ›reines Denken‹ ablehnt: Erkenntnis ist nur aufgrund von Erfahrung möglich. Dies führt zu einem Problem bei der Interpretation von Sätzen der Logik und der Mathematik, deren Wahrheit oder Falschheit doch anscheinend nicht aufgrund von Erfahrung eingesehen wird, auch nicht in dem schwachen Sinne, dass empirisch überprüfbare Vorhersagen aus ihnen gewonnen werden können. Der Empirist hat hier nur die Wahl, entweder zu leugnen, dass Logik und Mathematik uns irgendwelche Erkenntnisse liefern können, oder aber zu behaupten, dass sie doch irgendwie empirisch sind. Letztere Auffassung wurde insbesondere von Mill vertreten, gilt aber heute als gescheitert: Eine empirische Auffassung von Logik und Mathematik kann der Rolle von Beweisen nicht gerecht werden und die Tatsache nicht erklären, dass ein einmal bewiesener Satz nicht später doch noch widerlegt werden kann.

Demgegenüber entscheidet sich der logische Positivismus für die erste der beiden genannten Alternativen: Logik und Mathematik liefern uns keine Erkenntnisse, ihre Sätze sind Tautologien. Logik und Mathematik gehören also gewissermaßen in den Bereich des ›reinen Denkens‹, aber das Einzige, was dieses reine Denken zu leisten vermag, besteht in tautologischen Umformungen gegebener Sätze, d. h. in der Explizitmachung von etwas, das in diesen Sätzen implizit bereits enthalten war.

A. Comte, Discours sur l’esprit positif , Paris 1844 [dt.: Abhandlung über den Geist des Positivismus, hg. von F. Sebrecht, Leipzig 1915]

E. Mach, Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologie der Forschung , Leipzig 1905 [Neudruck Darmstadt 1980]

R. Carnap, H. Hahn, O. Neurath, Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis , Wien 1929 [Verein Ernst Mach, Neudruck in: H. Schleichert (Hg.), Logischer Empirismus – der Wiener Kreis. Ausgewählte Texte mit einer Einleitung, München 1975, 201–222]

R. Carnap, H. Hahn, O. Neurath (Hg.) Logischer Empirismus – der Wiener Kreis. Ausgewählte Texte mit einer Einleitung , München 1975

R. Haller, Neupositivismus. Eine historische Einführung in die Philosophie des Wiener Kreises , Darmstadt 1993

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt