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Holm Bräuer

Nominalismus

Von lat. nomen , ›Name, Wort‹: wird meist in Abgrenzung zum (Universalien-)Realismus, Platonismus oder Essenzialismus verwendet. Nominalistische Positionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Allgemeinen die Existenz von Begriffen, Klassen, Eigenschaften und anderen ›allgemeinen‹ Gegenständen (Universalien) leugnen und demgegenüber nur die Annahme ›individueller‹ Gegenstände zulassen. Es lassen sich mehrere Varianten des Nominalismus unterscheiden. Für den starken Nominalismus ist die Annahme von Universalien überhaupt verfehlt. So wird im Konzeptualismus die Auffassung vertreten, dass allgemeine Begriffe nur durch Abstraktionsprozesse des Bewusstseins gebildet werden und daher keinen realen Gegenständen entsprechen. Allgemeinbegriffe gelten als bloße Worte, die keine Dinge bezeichnen. Man kann aber auch schwächere Positionen wie den Formalismus, für den lediglich die Beurteilung formaler Eigenschaften begrifflicher Unterscheidungen im Vordergrund steht, den Konstruktivismus, der allgemeine Gegenstände (wie z. B. Klassen) als Konstrukte des abstrahierenden Handelns auffasst und den Fiktionalismus, der diese als bloße Ideen ohne eine Entsprechung in der Erfahrung ansieht, als Versionen des Nominalismus bezeichnen. Auch die Vertreter des klassischen Empirismus bzw. Sensualismus gelten mitunter als Nominalisten, da für sie der menschliche Erkenntnisprozess bei den konkreten Einzeldingen beginnt und erst auf dieser Grundlage – durch verschiedene Abstraktions- und Vergleichsprozesse – allgemeine Begriffe gebildet werden können. Diese Einteilung ist allerdings umstritten. So wurde z. B. die Theorie von Wilhelm von Ockham, der als ein herausragender Vertreter des Nominalismus in der Spätscholastik gilt, von anderen nominalistischen Positionen als ›platonistisch‹ bezeichnet. Um Verwirrungen zu vermeiden, müssen mindestens drei Etappen der Auseinandersetzung um den Nominalismus unterschieden werden, die nur wenig miteinander zu tun haben: der die Scholastik dominierende Universalienstreit; eine neuzeitliche Phase, die vom Empirismus beherrscht ist, und schließlich der modernen Diskussionsstand, in dem die Probleme der logischen Interpretation und der logischen Notation der Sprache vorherrschend sind.

Die klassischen Positionen des Nominalismus stehen im Kontext des mittelalterlichen Universalienstreits. Die Auseinandersetzung betrifft vor allem das Problem, ob in den Allgemeinbegriffen (Universalien) Erkenntnisse über die Gegenstände selbst enthalten sind, was bedeutet, dass es eine ontologische Entsprechung zwischen Allgemeinbegriff und Ding geben muss, oder ob dies nicht der Fall ist, da zur Erklärung der Erkenntnis ausschließlich individuelle Gegenstände ausreichend sind. Eng verbunden mit dieser erkenntnistheoretischen Frage sind in den mittelalterlichen Auseinandersetzungen Probleme hinsichtlich der theologischen Interpretation von Glaubenssätzen und Fragen nach der Existenz Gottes. Es werden auch unterschiedliche Auffassungen über die methodologischen Grundlagen der wissenschaftlichen Arbeit vertreten. Durch den nominalistischen Einfluss wurden unter der Hand traditionelle Probleme der Ontologie in solche der Logik verwandelt. Durch den Einfluss von Porphyrios und Boethius, die beide die Logik als eine Wissenschaft von den Worten und nicht von den Dingen selbst konzipierten, wurde im frühen Mittelalter (A) erstmals von Roscelin de Compiègne ein extremer Nominalismus vertreten. Für ihn sind die Universalien (insbesondere die Gattungs- und Artbezeichnungen) keine Dinge, sondern nur Worte, wofür er die Wendung flatus vocis (Worthauch, Wortschwall) gebraucht haben soll. Von Abaelard wurde diese Position durch eine Theorie der Ähnlichkeit weiter ausgebaut. Ihm zufolge stellen die Universalien nicht bloße Worte dar, sondern haben eine Bedeutung (significatio ), die darin besteht, dass sich die Allgemeinbegriffe auf einzelne Gegenstände mittels Ähnlichkeitsbildungen beziehen, die den abstrahierenden Leistungen des Denkens entspringen. Wilhelm von Ockham gilt als der Begründer des Nominalismus in der Spätscholastik. Sein Realitätskonzept lässt nur individuelle Substanzen zu. Er fasst die Begriffe als Zeichen auf und lehnt die Abstraktionstheorie ab. Erkenntnis kommt nach ihm durch einen intuitiven Erkenntnisakt zustande, in welchem ein unmittelbarer Kausalzusammenhang zwischen dem Begriff und dem unmittelbar gegenwärtigen Gegenstand existiert. Aufgrund dieser kausalen Verbindung zwischen Begriff und Bezeichnetem bezieht sich unsere Erkenntnis auf die Wirklichkeit. Der Vorteil seiner Theorie besteht in einer ›ökonomischen‹, d. h. sparsamen Verwendung ontologischer Entitäten, da er ohne die Annahme allgemeiner Gegenstände oder abstraktiv gewonnener Begriffe auskommt. Dieser Sachverhalt ist als Ockham ’s razor (Ockhams Rasiermesser) in die Philosophiegeschichte eingegangen.

Nominalisten und Realisten der Spätscholastik haben unterschiedliche Auffassungen zur Logik. Während die Realisten sich auf eine Begriffslogik stützen und in der grammatica speculativa nach der durch den Begriff zum Ausdruck gebrachten wesentlichen Bedeutung fragen, gehen die Nominalisten im Allgemeinen von einer Satzlogik aus. Der Gegensatz zwischen beiden Positionen wird auch gern als der Gegensatz zwischen der via antiqua und der via moderna bezeichnet. Mit via moderna meint man die nominalistischen Prinzipien der Denkökonomie, der Konzentration auf das Individuelle und der Orientierung an der Sprache in der Logik sowie ein empirisches Realitätsverständnis. Die realistische via antiqua orientiert sich eher an der Ontologie und der Theologie und sieht die Aufgabe der Wissenschaft in der Suche nach dem Wesen der Dinge.

In der Neuzeit (A), vor allem im englischen Empirismus, geraten die theologischen Probleme langsam aus dem Blickfeld. Auf dem Verhandlungstisch liegen nun Fragen der Begriffsbildung und der Rolle von Allgemeinbegriffen in den empirischen Wissenschaften. Für die Universalien, wie die Gattungs- und Artbegriffe, sind nach Hobbes die Ähnlichkeitsbeziehungen grundlegend. Universalien benennen lediglich Individuen und Einzelgegenstände, die sich in der einen oder anderen Eigenschaft ähneln. Außer diesen allgemeinen Benennungen gäbe es nichts Weiteres in der Welt, was allgemein ist. Auch für Locke sind die Universalien nur Zeichen, und zwar Zeichen für abstrakte Ideen im Sinne anschaulicher geistiger Bilder, welche durch eine Abstraktionsleistung des Verstandes aufgrund bestehender Ähnlichkeiten zwischen den Gegenständen gebildet werden. Sie repräsentieren daher keine allgemeinen, sondern viele einzelne Dinge. Es war Berkeley, der Lockes konzeptualistische These von den abstrakten Ideen hart kritisiert hat. Für Berkeley war die Annahme abstrakter Ideen, die als eine Art Vermittler zwischen Allgemeinbegriffen und individuellen Gegenständen dienen, unnötig und irreführend. So fragt er in einer Kritik an Locke, wie z. B. eine allgemeine Vorstellung von einem Dreieck aussehen solle. Ist sie rechtwinklig, dann passt sie nicht zu schiefwinkligen, ist sie aber schiefwinklig, dann passt sie umgekehrt nicht zu rechtwinkligen usw. Es reiche demgegenüber aus, bei der Aufstellung allgemein gültiger Urteile von einem konkreten Gegenstand, wie z. B. einem einzelnen Dreieck, auszugehen und diesen Gegenstand – unter Absehung differenter Eigenschaften – als einen Stellvertreter für alle Gegenstände mit der betreffenden Eigenschaft anzusehen. So kann z. B. ein Urteil, welches die Gleichseitigkeit eines Dreiecks betrifft, auch auf alle anderen gleichseitigen Dreiecke übertragen werden, so sehr sich diese auch in anderen Merkmalen (wie Größe, Färbung usw.) unterscheiden. Dazu benötigen wir keine allgemeine Idee eines gleichseitigen Dreiecks, die abstraktiv aus dem Vergleich vieler gleichseitiger Dreiecke gewonnen wurde. Darüber hinaus lehnt Berkeley die Annahme ab, dass sich unsere Worte auf Gegenstände beziehen, die völlig außerhalb unserer sinnlichen Vorstellungswelt liegen.

Der moderne Nominalismus baut auf den Resultaten der logisch-mathematischen Grundlagenforschung und der Wissenschaftstheorie auf. Er wendet sich vor allem gegen platonistische Interpretationen der klassischen Logik und der Mathematik, sowie gegen einige Positionen in der modernen Semantik. Quine, einer der wichtigsten Vertreter des modernen Nominalismus, hat ein Unterscheidungskriterium entwickelt, mit dem sich (Theorie-)Sprachen des Platonismus, wie er die Gegenposition nennt, von solchen des Nominalismus unterscheiden lassen. Demnach werden von einer nominalistischen Theorie nur Individuen als Gegenstandsvariablen akzeptiert, während von einer platonistischen Theorie auch Entitäten wie Mengen, Begriffsumfänge (Umfang des Begriffs), Eigenschaften, Klassen oder sonstige allgemeine Gegenstände als Gegenstandsbereich einer Theorie zugelassen werden. Die strenge Begrenzung des Bereichs der angenommenen Gegenstände im Sinne eines ökonomischen bzw. sparsamen Theorieinventars ist ein zentrales Anliegen im Nominalismus. Ein nominalistischer Logikkalkül unterscheidet sich insofern z. B. von einem platonistischen, dass die Prädikate nicht auf eine Klasse von Gegenständen angewandt werden, sondern auf so genannte ›konkrete Ganzheiten‹. In dieser Weise bezeichnet der Ausdruck ›rot‹ nicht die Klasse aller roten Gegenstände, sondern einen diskontinuierlich über die ganze Welt verteilten großen Rot-Gegenstand, der sich aus allen Rot-Vorkommnissen zusammensetzt. Eine nominalistische Sprache, die nur raum-zeitliche Gegenstände in unmittelbarer Gegebenheitsweise zulässt, ist daher sehr ausdrucksarm und verlangt einen erheblichen Aufwand in ihrer Ausformulierung, um alle sprachlichen Phänomene abdecken zu können. Demgegenüber hat die platonistische Position große Probleme bei der Vermeidung von Antinomien, wie sie z. B. von Russell in der mengentheoretischen Logiksprache von Frege nachgewiesen wurden. Der Streit um die Angemessenheit und Leistungsfähigkeit eines nominalistischen oder platonistischen Standpunktes ist noch nicht ausgefochten. Auch Quine hat seine radikale Position zum Teil zurückgenommen, da er zu der Ansicht gekommen ist, dass durch einen radikal nominalistischen Standpunkt große Teilgebiete der Mathematik nicht sinnvoll reformuliert werden können.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt