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Holm Bräuer

Nihilismus

Von lat. nihil , ›nichts‹: Bezeichnung für eine Reihe kaum oder locker in Verbindung stehender Positionen, die in irgendeinem Sinne die Annahme bestehender oder an sich seiender Werte, Glaubenssätze, Verhältnisse oder die Voraussetzung einer für sich bestehenden Wirklichkeit ablehnen. Diese Bezeichnung wurde auf so unterschiedliche philosophische Theorien wie den Solipsismus, den Atheismus, den Pantheismus, den Anarchismus, den Idealismus oder den Materialismus angewandt. Daneben wird er unterschiedlichen literarischen, religiösen oder politischen Ansichten zugesprochen. Man muss zumindest einen religiösen, einen politischen, einen erkenntnistheoretischen, einen ethischen und einen ästhetischen Nihilismus unterscheiden.

Obwohl der Begriff in einem erkenntnistheoretischen Sinne schon früher auftaucht, hat er durch seine Verwendung bei Jacobi einen großen Einfluss erlangt. Jacobi kritisiert den Kerngedanken der kantischen und fichteschen Philosophie als Nihilismus, da sie durch ihre Konstruktionen die Wirklichkeit in die Tätigkeit eines absoluten Ich auflösten. Die erkenntnistheoretischen Thesen Fichtes wurden in der Frühromantik von Novalis und F. Schlegel zu einem ästhetischen bzw. poetischen Nihilismus umgedeutet. Das unendliche, grenzenlose Schöpfertum des individuellen Ich wird dabei zu einer ästhetischen Kategorie. In einem ganz anderen Sinne taucht die Bezeichnung Nihilismus auch bei moderneren Autoren wie Benn oder Jünger auf. Sie gehen davon aus, dass der derzeitige Zustand unserer Epoche nihilistische Züge aufweist und setzen ihm die künstlerische Formgebung (Benn) oder die theologische Interpretation der Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften (Jünger) entgegen. Auch die Beschäftigung mit der indischen Philosophie, insbesondere aber mit dem Buddhismus hat der deutschen Romantik den Vorwurf des Nihilismus eingebracht.

In der Mitte des 19. Jhs. verbindet sich in Russland der literarische Nihilismus mit den politischen Ideen des Anarchismus. Einen besonderen Einfluss hatte dabei die Novelle Väter und Söhne von Turgenjew. Nihilistisch nannten die russischen, anarchistischen Revolutionäre eine Haltung, die von der Missachtung aller geltenden Werte, der sie tragenden Ideologie und der sie vertretenden politischen Autorität geprägt ist. Diese sozialkritischen Impulse waren gegen das despotisch-patriarchalische Russland gerichtet und sowohl von frühsozialistischen als auch von liberalen Ideen gefärbt.

In religiösen Kontexten steht der Nihilismus für die Verneinung der Wirksamkeit und Existenz Gottes, kann aber auch die pantheistische These der Leugnung einer außerweltlichen Personalität Gottes bedeuten. Dieser Vorwurf wurde z. B. Hegel gemacht, der sein logisches Programm als die Darstellung Gottes konzipierte. Auch die bibel- und religionskritischen Schriften der Linkshegelianer Strauß, Bauer und Feuerbach sind nihilistisch genannt worden.

Seit Nietzsche ist Nihilismus ein Schlagwort zur Beschreibung der europäischen Geistesgeschichte geworden. Für ihn ist der Nihilismus der Grundzug unserer platonisch-christlichen Tradition. Er sieht die Weltabkehr in allen Ziel- und Wertvorstellungen als die Folge der christlich moralischen Weltverneinung. Nachdem diese ihre Ordnung in keine Jenseitigkeit mehr verlegen kann, endet sie notwendig im Nihilismus. Dieser Abwertung aller Werte setzt er eine Perspektive der »Umwertung aller Werte« entgegen, die vom Prinzip des Willens zur Macht getragen und in einem Übermenschen seine schöpferische Ausprägung erfahren wird. Nietzsche sieht sich damit zugleich als der Schlusspunkt und Überwinder des europäischen Nihilismus an. Auch Heidegger interpretiert den Nihilismus als »die Grundbewegung der Geschichte des Abendlandes« und überbietet ihn noch, insofern er Nietzsches Versuch der Überwindung des Nihilismus als dessen höchste Stufe auffasst. Nach Heidegger vollzieht sich die Aufhebung des Nihilismus im »Andenken an das Sein«. In der Existenzphilosophie (Jaspers, Sartre, Camus) herrscht die Tendenz vor, den Nihilismus zum gesellschaftlichen Normalzustand zu erklären.

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt