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Holm Bräuer

Naturrecht

Eine in der Rechtsphilosophie in sehr unterschiedlichen Varianten vertretene Auffassung, nach der sich aus der Naturordnung oder der allgemeinen Natur des Menschen eine ur- oder vorbildliche Rechtsordnung der menschlichen Gesellschaft ableiten lässt. Die Bestimmung dessen, was Naturrecht ist, hängt im Wesentlichen von dem vorausgesetzten Naturbegriff und von den praktischen Zwecken ab, denen das Recht im Allgemeinen dienen soll. Oft wird das Naturrecht im Gegensatz zum positiven Recht verstanden, dem es entweder als Grundlage dient oder demgegenüber es eine zeitlose Gültigkeit in Anspruch nehmen kann. In diesem Sinne lässt es sich auch korrigierend oder kritisierend auf die positiven Rechtsverhältnisse beziehen. Dagegen nutzen eher sozialkonservative Naturrechtsvertreter die Annahme eines natürlich geltenden Rechts zur Legitimierung der bestehenden Rechtsverhältnisse. Für die Begründung eines neben oder über den historisch entstandenen Rechtsgrundsätzen stehenden Naturrechts gibt es mehrere Varianten. Die wichtigsten Instanzen auf die ein natürlich gegebenes Recht zurückgeführt wurde, sind die Ordnung der Natur, das Wesen des Menschen, die göttliche Schöpfungsordnung, anthropologische Gegebenheiten sowie die menschliche Vernunft.

Schon in der Antike gab es naturrechtliche Überlegungen, obwohl hier die Fragen nach der Begründung und Legitimation rechtlicher Verhältnisse noch im Hintergrund standen. Bei den Vorsokratikern wird das Recht entweder aus einem kosmischen Prinzip (Anaximander, Heraklit, Parmenides), aus der Natur des Menschen (Protagoras) oder aus der physischen Überlegenheit des Stärkeren (Thrasymachos, Thukydides) abgeleitet. Platon entwickelt unter dem Leitbild seiner Ideenlehre eine Konzeption, die es gestattet, die Werte unabhängig von den faktischen Zuständen zu thematisieren. Die vom Philosophen erkannten objektiven Werte werden zum Vorbild einer vollkommenen Staatsverfassung, die sich im Widerspruch zur bestehenden Ordnung seiner Zeit befand. Platon wird damit zum Schöpfer einer normativen Naturrechtslehre. Sein Problem besteht insbesondere in der Frage, wie ein gerechter Staat möglich ist. Denn ein gerechter Staat sollte sich durch die Gleichstellung aller Personen auszeichnen, obwohl es faktisch verschiedene subjektive Dispositionen und Machtpositionen gibt, durch die ein unterschiedlicher Einfluss auf die politischen Verhältnisse gewonnen werden kann. Seiner Ansicht nach kann eine politische Ordnung nur dann gerecht sein, wenn die gesellschaftlichen Funktionen den Menschen entsprechend ihren von Natur aus verschiedenen Anlagen zugeordnet werden. Im Gegensatz dazu hat Aristoteles eine Naturrechtskonzeption vertreten, der zufolge die Prinzipien des Gemeinschaftslebens aus der sozialen Natur des Menschen und der faktischen Genese seiner sozialen Ordnungen abzuleiten sind. Obwohl dadurch die Grenze zwischen Naturrecht und positivem Recht verschwimmt, hält Aristoteles an einer Trennung zwischen natürlicher und konventionalistischer Gerechtigkeit fest. In der stoischen Philosophie werden zwei Arten von Naturrecht unterschieden. Das erste Naturrecht ergibt sich aus den menschlichen Trieben, das zweite wird von der Vernunft bestimmt, indem sie Einsicht in das universell geltende Weltgesetz gewinnt, welches im Naturrecht widergespiegelt wird. Das positive Recht steht in unterschiedlichen Graden schon mit dem Naturrecht in Übereinstimmung und es ist die Aufgabe der Vernunft, diese Übereinstimmung zu erhöhen. Von Cicero wird die stoische Lehre weiterentwickelt und in den Prozess der Rechtsentstehung übertragen. In De inventione unterscheidet er drei Rechtsbereiche, deren Ursprung in der Natur, in der Gewohnheit und im staatlich sanktionierten Gesetz liegen. Dabei wird das naturwüchsig entstandene Recht im Laufe der historischen Entwicklung vom gewohnheitsmäßigen Recht abgelöst, welches wiederum Bestandteil des positiven, niedergeschriebenen Rechts werden kann.

Die Naturrechtslehren des Platon, des Aristoteles und der Stoa gehören drei unterschiedlichen Typen an. Die platonische Konzeption entwickelt gegenüber der jeweiligen historischen Situation ein kontrafaktisches Idealbild, das entweder – wie bei Platon oder später auch bei Rousseau – in kritischer Distanz zur bestehenden Rechtsordnung steht oder – wie bei Hobbes oder Fichte – eine fiktionale Grundlage für die Begründung der Einführung einer den Individuen gegenüberstehenden staatlichen Gewalt liefert. Hobbes geht bei seiner Begründung der Notwendigkeit eines Herrschaftsvertrages auf einen (hypothetischen bzw. kontrafaktischen) Naturzustand zurück, in dem alle Individuen ein Recht auf alles besitzen. Dies führt zu einem »Krieg aller gegen alle« (bellum omnium contra omnes ). Das Recht auf die Selbsterhaltung kann nun nur noch durch die Einführung einer staatlichen Zwangsgewalt (Herrschaftsvertrag) gesichert werden. Die neuzeitlichen Naturrechtskonzeptionen unterscheiden sich von den antiken und mittelalterlich-christlichen Theorien insbesondere darin, dass sie dem einzelnen Menschen als einem frei handelnden Individuum nicht nur natürliche Pflichten, sondern auch natürliche Rechte zuordnen. Wenn die individuelle Freiheit als ein Grundrecht des Naturzustandes aufgefasst wird, dann sind weitere Argumentationsschritte nötig, um die im positiven Recht formulierten Einschränkungen der individuellen Handlungsfreiheit zu begründen. Die Naturrechtstheorie von Hobbes ist darin ein gutes Beispiel. Gerade aus der uneingeschränkten natürlichen Freiheit aller Individuen ergibt sich ein ständiger Zustand des Krieges, der dazu zwingt, einen absoluten Souverän einzusetzen und anzuerkennen, der durch seine Autorität und sein Recht die individuellen Freiheiten beschränken und einen Friedenszustand erzwingen kann. Mit Einschränkungen kann man auch Kant diesem Typus einer kontrafaktischen Naturrechtstheorie zuordnen, obgleich sein Naturrechtsbegriff hauptsächlich auf das Problem der Begründung gesetzgeberischer Autorität (Legalität) beschränkt bleibt. Kant unterscheidet Fragen, die die Moralität einer Handlung betreffen (Ethik), von Fragen, die die Legalität einer Handlung betreffen (Rechtslehre). Beide Bereiche werden aber durch ein Sittengesetz konstituiert, welches auf Prinzipien a priori beruht, die der reinen Vernunft angehören. Der Rechts- sowie der Tugendlehre wird daher eine allgemeine Pflichtenlehre vorgeordnet, in der die formalen Prinzipien der Pflicht – wie z. B. der kategorische Imperativ – formuliert werden. Kants Begründung des Rechts kann demnach auch vor und unabhängig von der bürgerlichen Gesellschaft geleistet werden, weshalb man einen Naturzustand annehmen muss, in dem zwar Rechte – wie das natürliche Recht oder das Privatrecht –, jedoch keine Zwangsgesetze möglich sind, die erst durch die Institution des Staates gesichert werden. Der Übergang vom natürlichen in den bürgerlichen Zustand kommt in Anlehnung an Rousseau durch einen Gesellschaftsvertrag zustande.

Eine schwächere Position vertritt der aristotelische Typ des Naturrechts, bei welchem auf eine mehr oder weniger hermeneutische Weise aus der sozialen Konstitution des Menschen oder aus Annahmen über die göttliche bzw. menschliche Vernunft sittliche Prinzipien des Gemeinschaftslebens abgeleitet werden. Zu diesem Typ gehören viele christlich-mittelalterliche Naturrechtsauffassungen (Augustinus, Thomas von Aquin), sowie die Konzeptionen von Leibniz und Hegel. Nach Augustinus wird im Dekalog das Gesetz Gottes (lex aeterna ) geoffenbart, welches sich im natürlichen Bewusstsein und im positiven Recht widerspiegelt. Die Kirche wacht über die Wahrung der natürlichen Rechtsordnung in den letzten beiden Bereichen. Thomas von Aquin zufolge streben die praktische Vernunft des Menschen und seine natürlichen Neigungen zu den Zielen der natürlichen Gesetze, die von der göttlichen Weisheit geleitet werden. Auch hier besteht das Naturrecht in einer Widerspiegelung der göttlichen Ordnung, die der Mensch durch seine Teilhabe an der göttlichen Vernunft erkennen kann. Das positive Recht ist dann verbindlich, wenn es dem göttlichen Naturrecht entspricht. Leibniz teilt das natürliche Recht in drei Stufen ein. Die erste Stufe bildet die justitia commutativa (ausgleichende Gerechtigkeit), die der Aufrechterhaltung des friedlichen Zustandes dient; auf der zweiten Stufe gebietet die caritas (Nächstenliebe), der Gemeinschaft zu nützen; die pietas (Pflichtgefühl) zielt schließlich auf die Erfüllung der Pflichten gegenüber Gott und den anderen Menschen ab. Auch Hegel nimmt in seinen frühen Schriften einen – wie man es nennen könnte – ›sittlichen Naturzustand‹ an, welcher aber später mit dem ›Kampf um Anerkennung‹, aus welchem die absolute Sittlichkeit und der Staat hervorgeht, vermittelt wird.

Der dritte Typ von Naturrechtskonzeptionen geht von der stoischen Auffassung eines universalen Natur- oder Vernunftgesetzes aus. Dieses ewige, mit der Weltvernunft identische Weltgesetz, dient als universales Richtmaß für die positive Rechtspraxis. Besondere Bedeutung hat diese Variante in der Neuzeit (A), in den Naturrechtskonzeptionen der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) und des Humanismus (A Renaissance – Humanismus), erlangt. Die insbesondere von Grotius, Pufendorf, Thomasius und Wolff konzipierten Entwürfe münden allesamt in Systemen, die zur unmittelbaren Anwendung fähige Rechtssätze ableiten. Pufendorfs Naturrechtssystem war wohl am einflussreichsten und ist in zahlreiche Gesetzeswerke eingegangen. Nach dem Zusammenbruch der Naturrechtslehren durch die Kritiken der historischen Schule und des Rechtspositivismus wird in der modernen Diskussion – vor allem in Anschluss an Kant, aber auch an Hegel – versucht, oberste regulative Prinzipien zu formulieren, die einen normativ-kritischen Maßstab für politische Gerechtigkeit abgeben können.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt