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Dr. Hartmut Pätzold

Naturphilosophie

Seit der frühen Neuzeit (A) ist der Begriff doppeldeutig. Diese Tatsache prägt auch die Situation am Beginn des 21. Jhs. Sofern sich die Naturphilosophie mit der Natur selbst befasst, betreibt sie nicht selten deutliche Wissenschaftskritik und stößt deshalb in Teilen der Öffentlichkeit auf den Vorbehalt des ›Unzeitgemäßen‹; als Metawissenschaft der Naturwissenschaften beschreibt und analysiert sie dagegen deren Grundlagen und philosophische Implikationen und erfreut sich als Wissenschaftstheorie eines nicht unbedeutenden Ansehens auch über die Grenzen der Philosophie hinaus. Angesichts des großen Einflusses, den der Wiener Kreis des logischen Empirismus um Schlick, Carnap und Reichenbach auf die Naturphilosophie des 20. Jhs. gewinnen konnte, schien es nach dem Niedergang der romantischen Naturphilosophie lange Zeit so, als könne es in einer zeitgemäßen Naturphilosophie um nichts anderes mehr gehen als um die Überprüfung der semantischen Basis naturwissenschaftlicher Theorien, also um sehr spezielle wissenschaftstheoretische Probleme. Wenn man jedoch inzwischen davon spricht, dass seit den späten siebziger Jahren des 20. Jhs. eine breite Renaissance naturphilosophischen Denkens zu beobachten sei, so meint man damit nicht den wissenschaftstheoretischen Zweig, sondern die ganzheitliche philosophische Naturbetrachtung. Für diese Entwicklung, die im Gegensatz zu dem immer noch vorherrschenden Trend zur Wissenschaftsgläubigkeit steht, gibt es klar diagnostizierbare Gründe.

Wie die gängigen Gegensatzpaare Natur – Geist, Natur – Vernunft, Natur – Kunst und Natur – Technik belegen, wird unter »Natur in materieller Bedeutung« (Kant) seit den Anfängen philosophischer Begriffsbildung bei den Sophisten jener Teil des sinnlich Wahrnehmbaren verstanden, der im Gegensatz zum vernünftig planenden und handelnden Menschen und zu den von ihm willentlich geschaffenen Bereichen der Technik und der Kultur steht. In dem Maße nun, wie die griechische Grundüberzeugung, Natur sei eine sinnvolle, sich selbst gestaltende Ordnung, in der Neuzeit dahingehend radikalisiert wurde, dass es immer ausschließlicher darauf ankam, diese Ordnung als berechenbaren, kausalmechanischen Gesetzeszusammenhang zu begreifen und dadurch für die technische Manipulation zu erschließen, geriet die phänomenologische Naturbetrachtung ebenso ins Abseits wie der aus dem Mittelalter (A) herübergerettete christliche Versuch, Naturerfahrung als Umgang mit der Schöpfung zu interpretieren. Mit der Heraufkunft des naturwissenschaftlichen Zeitalters wandelt sich das Naturverstehen zu einer Aufgabe des mathematisierenden Verstandes, dessen Interesse an empirisch-experimentellen Erklärungen die Natur zu einer quantitativ bestimmbaren Größe werden lässt. Wenn aber nur noch das an der Natur als verstanden gilt, was im Sinne einer kausalen Gesetzeshypothese methodisch konstruierbar und experimentell nachvollziehbar ist, dann muss eine dem Sinnverstehen verpflichtete Naturphilosophie in den Verdacht geraten, Weltanschauungen auf empirisch unausgewiesenen Spekulationen aufbauen zu wollen.

Insbesondere die Naturphilosophie des deutschen Idealismus (A), die den Gegensatz zwischen Natur und Geist spekulativ dadurch aufzuheben suchte, dass sie die Natur als das »Außer-sich-Sein« des Geistes (Hegel) oder als »sichtbaren Geist« (Schelling) bestimmte, hat nachhaltig zu der bis heute nur unvollständig überwundenen Diskreditierung einer Disziplin beigetragen, deren Spannungsverhältnis zu den exakten Naturwissenschaften als ebenso gefährlich wie anmaßend und borniert geschmäht werden konnte (so noch 1981 durch den bedeutenden Physiker und Nobelpreisträger Ilya Prigogine). Die Durchsetzung des mechanistischen Weltbildes und der mit ihm verbundenen technologischen Naturauffassung bedeutete allerdings gleichzeitig einen Verzicht auf die Befriedigung weltanschaulicher und moralischer Bedürfnisse des Menschen. Die traditionelle Rolle der Natur als normative Instanz zur Beurteilung eines gesunden und deshalb als erstrebenswert erscheinenden Lebens verlor an Bedeutung. Die über Jahrhunderte in den Theorien des Naturrechts zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung des Natürlichen, die mit einer Geringschätzung alles Künstlichen, vom Menschen willkürlich Gesetzten verbunden war, musste schon allein deshalb ihre Glaubwürdigkeit einbüßen, weil das Natürliche in zunehmendem Maße als etwas prinzipiell technisch Machbares verstanden wurde und damit seine Vorrangstellung einbüßte. Erst das ökologische Krisenbewusstsein der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jhs. bahnte den Weg für eine erneute, vorsichtige Einstellungsänderung gegenüber der Natur und ermöglichte – parallel zur erstarkenden Wissenschaftskritik – das Wiederaufleben naturphilosophischer Betrachtungen im organizistisch-holistischen Sinne. Ihr Anknüpfungspunkt ist die Erfahrung, dass die vom Menschen hervorgerufenen Veränderungen der äußeren Natur »am eigenen Leibe negativ spürbar werden« (G. Böhme). Dieses Schockerlebnis hat in der zeitgenössischen Naturphilosophie zu drei Arbeitsschwerpunkten geführt: 1. der wissenschaftskritischen Untersuchung des neuzeitlichen Naturbegriffs, 2. der systematisch und historisch verfahrenden Erneuerung (Restitution) eines lebensweltlichen Naturverständnisses und 3. der Ausarbeitung einer ›Leibphilosophie‹, die das Bewusstsein des Menschen für seine eigene ›Natürlichkeit‹ zu schärfen sucht.

1. Eine Kritik des rein wissenschaftlichen Naturbegriffs wurde zwar von Goethe über die Romantik bis hin zu Horkheimer und Adorno – man vgl. ihr 1947 erschienenes, Epoche machendes Buch Dialektik der Aufklärung – von verschiedenen metaphysischen und metaphysikkritischen Denkansätzen aus unternommen, sie blieb aber angesichts der wirkmächtigeren Position des positivistischen Umgangs mit der Natur und der an den Naturwissenschaften orientierten Fortschrittsreligion der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jhs. letztlich über lange Zeit ohne großes Echo. Umso bemerkenswerter ist es, dass selbst systematische und philosophiehistorische Untersuchungen zum wissenschaftlichen Naturbegriff inzwischen eine gewisse Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregen. Analysen wie die von Hartmut und Gernot Böhme, Gloy oder C. F. von Weizsäcker machen Ernst mit der späten Einsicht der sprachanalytischen Philosophie, dass auch deskriptive Aussagen über die Welt in verdeckter Form ethische Vorstellungen enthalten, was bestimmte Einsichten und Handlungen fördert, andere aber hemmt und tabuisiert.

Seit F. Bacon und Kant gehört es zu den Gemeinplätzen jeder Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften, dass nur mit Hilfe mathematischer Grundsätze und Operationen aus der lediglich Fakten sichtenden und ordnenden Naturlehre eine Naturwissenschaft entstehen kann. Diese Rolle der ›Königsmacherin‹ kommt der Mathematik zu, weil sie für jeden Objektbereich quantifizierbare begriffliche Konstruktionen ermöglicht, die auf Grund ihres Anschauungsbezuges eine objektive Realität besitzen. Infolgedessen wird die strikte Trennung von deskriptiven und normativen Sätzen über die Natur zum Entscheidungskriterium für ihre Wissenschaftlichkeit. Emotionale Erlebnisweisen, ästhetische Stimmungen und moralische Erbauung an der Schönheit und Wohlgeordnetheit des natürlichen Kosmos gelten als unwissenschaftlich; sie bleiben den Sphären der individuellen, speziell der künstlerischen Phantasie bzw. der religiösen Glaubensüberzeugung vorbehalten und besitzen deshalb bestenfalls noch kompensatorische, den Gefühls- und Empfindungshaushalt des Einzelnen stabilisierende Funktionen (Popper, Joachim Ritter, Lübbe).

Von zentraler Bedeutung für den wissenschaftlich-technischen Umgang mit der Natur erweist sich eine anthropozentrische Einstellung, die dem aus der Natur heraustretenden, sich von ihren Kräften bedroht fühlenden Menschen eine Herrschaftsrolle zuweist, die auf Kontrolle sowie aktive Schutz- und Eingreifmöglichkeiten zielt. Schon F. Bacon und Kant haben die neuzeitliche Erkenntnissituation in Bezug auf die Natur im Bild einer Gerichtsszene veranschaulicht. Einem Richter vergleichbar stellt der Wissenschaftler im Experiment die Fragen, auf welche die Natur genaue Antworten zu geben hat, und macht sie so zu einem physikalischen Konstrukt, das er seinen eigenen Erkenntnisinteressen unterwirft und zunehmend zu manipulieren sucht (Habermas). Dass die menschliche Herrschaft über die Natur längst nicht mehr nur den (über)lebensnotwendigen Zwecken einer gattungsspezifischen Existenzsicherung dient, hat die Ideale der Naturwissenschaft im ausgehenden 20. Jh. ins Zwielicht gebracht.

2. Die Anhänger einer organizistischen, lebensweltlich orientierten Naturauffassung stellen, angeregt vom Erklärungsmodell der Selbstorganisation und vom Tatbestand der ökologischen Vernetztheit der Naturphänomene sowie von Überlegungen der Chaostheorie, mit wachsendem Erfolg dem mechanistischen Naturverständnis eine ganzheitliche Naturvorstellung entgegen. Der Mensch soll sich wieder als ein in die natürlichen Prozesse integriertes Wesen verstehen, das denkend, wollend, fühlend und handelnd ein partnerschaftliches Verhältnis zur Natur als seiner Mitwelt entwickelt. Diese zum Beispiel von Capra und Meyer-Abich vertretene, als Holismus bezeichnete Naturphilosophie nimmt Motive der idealistisch-spekulativen (Schelling) und der romantisch-ästhetischen Tradition (Novalis) auf und greift auf vitalistische Ansätze (V. von Weizsäcker) aus der ersten Hälfte des 20. Jhs. zurück. Sie fühlt sich aber auch alten mythologischen und religiösen Leitbildern der europäischen Kultur verpflichtet, die von der Naturzugehörigkeit des Menschen künden. Dadurch, dass nicht länger die isolierten Interessen des Menschen, sondern die Belange der gesamten Natur im Sinne natürlichen Mitseins zum Maßstab des menschlichen Handelns gemacht werden sollen, gewinnt diese ihre alte ethische Bedeutung zurück und wird zum normativen Modell einer umfassenden Kulturkritik. Die Naturphilosophie überwindet damit die neuzeitliche Beschränkung auf rein erkenntnistheoretische Fragestellungen und öffnet sich für die Diskussion praktisch-politischer Probleme.

Der Lebenszusammenhang der Natur wird in Analogie zu partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen gedeutet. Der natürliche Erfahrungsraum erscheint nicht mehr mathematisch verengt und abstrakt, sondern ist bestimmt durch Erlebnisakte wie Sympathie und Antipathie oder Freundschaft und Feindschaft. In ihrer stärksten Variante (z. B. bei Singer oder Jonas) deutet die holistische Naturphilosophie die Natur als juristische Person mit dem Rechtsanspruch auf Schutz von Tieren, Pflanzen, Landschaften, ja der gesamten Ökosphäre. Dieses Projekt einer »Rechtsgemeinschaft mit der Natur« (Meyer-Abich) führt jedoch, weil es aus Gründen gefühlsmäßiger Überhöhung der Natur deren aggressive und gefährliche Seite außer Acht lässt, in ein unaufhebbares Dilemma, das schon die Ethik Schweitzers in exemplarischer Weise sichtbar gemacht hat: Im Ernstfall geht es um die Frage, ob der Mensch im Kampf ums Überleben auch das Existenzrecht von Schädlingen und Krankheitserregern zu respektieren hat, sich also selbst aus Ehrfurcht vor dem Leben aufgeben soll.

3. Vielleicht lässt sich der unentschiedene Streit zwischen der naturwissenschaftlich-technologischen Rationalität und dem sympathetischen, am menschlichen Harmoniebedürfnis orientierten Naturverstehen durch ein bereitwilligeres und nüchterneres Sich-Einlassen des Menschen auf seine eigene Natur eines Tages schlichten.

Die von Philosophen wie Sartre, Merleau-Ponty, G. Schulte und vor allem Schmitz ausgearbeitete ›Leibphilosophie‹ versucht Schluss zu machen mit der von der Tradition vorgegebenen Auffassung von der Natur als demjenigen Seinsbereich, der dem Menschen als Vernunftwesen äußerlich ist. Wenn der Mensch sein Selbstsein in phänomenologischer Weise als Natursein wahrnimmt, sein Ich als eingelassen in die Antriebskräfte des Körpers erfährt, mag es sein, dass er sich bereit findet, diese Naturkräfte in sich nicht nur zu disziplinieren und zu sublimieren, sondern sie auch in ihrer Selbsttätigkeit in einem stärkeren Maße gewähren zu lassen, als dies vor dem Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte geschehen ist. Eine von der inneren Natur gezähmte Vernunft wäre ein gegenüber dem Herrschafts- und dem Ehrfurchtsverhalten neues Paradigma für den Umgang mit unserer endlichen Existenz in einer endlichen Welt.

G. Böhme (Hg.) Klassiker der Naturphilosophie. Von den Vorsokratikern bis zur Kopenhagener Schule , München 1989

K. Gloy, Das Verständnis der Natur , Bd. 1: Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens; Bd. 2: Die Geschichte des ganzheitlichen Denkens, München 1995 / 1996

K.-M. Meyer-Abich, Praktische Naturphilosophie. Erinnerung an einen vergessenen Traum , München 1997

G. Scherer, Welt – Natur oder Schöpfung? , Darmstadt 1990

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt