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Dr. Andreas Preußner

Materialismus

Bezeichnung einer Gruppe von philosophischen Schulen. Der Materialismus geht von der metaphysischen Grundannahme aus, dass es nur zwei Prinzipien gibt: Körper und Bewegung. Alles Seiende (Sein) ist aus den Kombinationen der ausgedehnten Materie und ihrer Bewegung in der Leere erklärbar. So ergibt sich die Gestalt des Atomismus: Auf geraden Flugbahnen bewegen sich die verschiedengestaltigen Atome (atomon, ›das Unteilbare‹) nebeneinander her. Durch Zufall können sie ihre Bahn verlassen (declinamen atomi ) und sich mit anderen verbinden. So können zusammengesetzte Körper entstehen. Die strenge Gesetzmäßigkeit der geraden Fallbewegung paralleler Atome wird durch Störungen dazu gebracht, kompliziertere Gestalten zuzulassen. Die Atome können dann einfach zusammenhaften, oder durch ihre besondere Form (rund, eckig, hakenförmig etc.) spezifische Verbindungen eingehen. Alles Geschehen lässt sich also auf Umlagerung, Vereinigung und Trennung der Atome zurückführen. Das hat zur Folge, dass der Atomismus streng mechanistisch denkt, wobei dem Zufall die Rolle der produktiven Störung zukommt. Die Materie wird als ewig, unzerstörbar und – als aus Atomen bestehend – auch undurchdringlich gedacht. Allein die Leere ist Garant für die Möglichkeit von Bewegung. Von Demokrit systematisch ausgearbeitet, fand der Atomismus später durch Lukrez weite Verbreitung.

Der Materialismus kann aufgrund seines auf Kausalverhältnisse gegründeten Bewegungssystems als Determinismus auftreten, der, da die Bewegung der Körper keinem anderen Einfluss unterworfen ist, keine (Willens-)Freiheit zulässt. Andererseits kann aber der Zufall gerade als Ermöglichung der Freiheit geltend gemacht werden, sodass der Materialismus auch als Indeterminismus in Erscheinung tritt. Der Materialismus steht immer vor dem Problem, mit Phänomenen des Geistes (Gedanken, Bewusstsein, Selbstbewusstsein) fertig zu werden. Sie müssen deshalb entweder als Scheinprobleme entlarvt oder einer genuin materialistischen Lösung zugeführt werden. Die erste Möglichkeit geht dahin zu konstatieren, es werden bei allem Geistigen die Gehirnfunktionen bloß noch einmal gedacht, d. h. sinnlos verdoppelt. Die Materie, die mit dem Vermögen des Denkens ausgestattet ist, schafft sich selbst eine Scheinwelt, die dann fälschlicherweise als real angesehen wird. So verurteilt der Materialismus die Metaphysik, da sie Gegenstände behandelt, die sich als bloße Hirngespinste entpuppen. Die zweite Möglichkeit nimmt die Probleme der Metaphysik ernst. Sie lehnt die Vorstellungen von nicht materiellen Gegenständen nicht von vornherein ab, sondern sucht sie als notwendige Produkte des Denkens zu beschreiben. Nicht Materielles erweist sich dann als mehr oder minder erforderliche Projektion des rein physiologisch erklärbaren Denkens. In der komplizierten Welt mit ihren zum Teil undurchschaubaren Phänomenen erweist sich die Unterstellung von Größen wie Gott, Geist, Idee als nützlich für das Leben. Die Strategie des sich organisch Entwickelnden zielt auf eine Reduzierung von Komplexität, indem metaphysische Begriffe dazu ersonnen werden, um verwickelte Zusammenhänge, deren Kausalbeziehung noch nicht durchschaut worden ist, erklärbar zu machen. Die Projektionstheorie gipfelt dann in der Aussage, dass das Geheimnis der Theologie in der Anthropologie liege. Der Materialismus dieser Spielart übernimmt also die philosophisch wichtige Aufgabe, die Gegenposition – in diesem Falle die der Metaphysik – in ihrer Entstehung erklären zu können. Der konsequente Materialismus nimmt also keine bloße Abwehrhaltung gegen andere philosophische Lehrmeinungen ein, sondern versucht sie positiv zu überwinden, indem ihre Unhaltbarkeit dargelegt werden soll.

Auf besonders fruchtbaren Boden fällt der Materialismus im Zeitalter der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung). Durch das Bedürfnis, Kirche und Theologie ihrer Macht zu entkleiden, erwächst die Notwendigkeit, ihre metaphysischen Fundamente offen zu legen und zu zertrümmern. So gehen in diesem Falle philosophische Überzeugungen und politisches Engagement Hand in Hand. Indem der Materialist zeigt, dass es keine transzendenten Wesenheiten (richtender Gott, Hölle, Paradies) gibt, beraubt er die staatlich-kirchliche Politik ihrer Grundfesten. Daraus ergibt sich selbstverständlich eine radikal atheistische Auffassung, die keine Begründung der Moral aus theologischen bzw. religiösen Gründen mehr zulässt. Als Gegenbewegung erfolgt von Seiten der metaphysisch geprägten Philosophie der Vorwurf, ein solches Denken gefährde das Wohl des Staates und das Heil der Seele. Demgegenüber muss der Materialist zeigen, dass es auch eine atheistische Grundlegung der Moral gibt. Dabei muss er auf gewisse natürliche Konstanten zurückgreifen, etwa dass Gutes zu tun mehr Nutzen eintrage als schlecht zu handeln. Diese Annahmen sind nicht genuin materialistisch, sondern werden auch von anderen philosophischen Schulen mitgetragen. Zwar kann der Materialismus aufgrund seiner radikalen Jenseitsverneinung zum Hedonismus werden, andererseits kann er auch zum Kosten-Nutzen-Kalkül tendieren, was dann den umgangssprachlichen Sinn von ›materialistisch‹ ausmacht. Durch seine Ausschaltung von Transzendenzen ist dem Materialismus daran gelegen, die Naturwissenschaften voranzutreiben, um möglichst viel – am Ende alles – durch Körperbewegung erklären zu können. Von daher neigt er zu einem Stufenmodell, das, von der Physik aufsteigend, zu einer Wissenschaft des menschlichen Bewusstseins gelangt.

So stellt sich notwendigerweise das Leib-Seele-Problem (Dualismus Leib – Seele) ein. Der Materialismus kann den Phänomenbestand der Gedankenwelt nicht leugnen; also muss er plausibel machen, wie aus chemischen und elektrischen Funktionen so etwas wie das Wissen um das eigene Sein entstehen kann. Da der Materialist den Ort des Bewusstseins im Gehirn sieht, muss er diesem Organ einen besonderen Stellenwert beimessen, ebenso wie der Disziplin der Neurophysiologie. Der Mensch wird in der extremen Form des Materialismus schlicht als Maschine betrachtet (l’homme machine ), die nicht anders funktioniert als die anderen Naturdinge auch. Alle Empfindungen und Erfahrungen lassen erkennen, dass die gewöhnlichen, der Seele zugeschriebenen Fähigkeiten vom natürlichen Temperament, vom Milieu, der Ernährung und vom Gesundheitszustand des Körpers abhängen. Das Denken ist vollständig mit materiellen Vorgängen verknüpft, ›geistige‹ Verwirrtheiten werden ausschließlich durch organische Störungen bewirkt. Mit Ausnahme der Sprache hat der Mensch in allem weniger ausgeprägte Instinkte als viele Tiere. Erst die sprachliche Bezeichnung einzelner Dinge bewirkt es, dass sich in der Einbildungskraft aus den Wörtern, Vorstellungen und Ideen bilden. Damit wird die Annahme apriorischer Erkenntnisse strikt zurückgewiesen. Die Seele ist bloß zu erfassen als Äußerung der sich bewegenden Materie, als die Triebfeder der Maschine, aus der sich alle Bewegungen des Körpers herleiten lassen.

Anders als der Materialismus der Aufklärung, der seine Anstöße vor allem aus dem Fortschritt der Naturerkenntnis bezieht, lehnt sich der historische Materialismus an die Dialektik an, wie sie von Hegel herausgearbeitet worden ist. Gegenstand des historischen Materialismus ist allerdings nicht wie bei Hegel die Selbstbewegung des Begriffs, sondern die Umwälzung in der politischen Ökonomie sowie die Kritik der bürgerlichen Welt, die ihre Kategorien als allgemeinen Ausdruck naturgegebener Verhältnisse betrachtet. Aufgabe des historischen Materialismus ist es also, die geschichtliche Bewegung dieser Kategorien nachzuzeichnen und ihre Widersprüche zu entfalten. Dabei werden sie einerseits als objektive Gedankenformen der Bewegungsgesetze der bürgerlichen Gesellschaft gefasst, andererseits aber auch als historisch bestimmter und notwendiger Schein bloß gelegt. So wird eine spezifische Dialektik zutage gebracht, die diesen Bewegungen zu Grunde liegt: das innergesellschaftliche Verhältnis zwischen herrschender und beherrschter Klasse. Der Materialismus hat also zwei Tendenzen, die miteinander gehen können, es aber nicht müssen: Auf der einen Seite steht die Annäherung an die Naturwissenschaften als der kompetenten Instanz für die Bewegung der Körper; auf der anderen Seite findet sich die politische Ausrichtung hin zu einem Staat, der seine Rechtfertigung nicht aus metaphysischen oder politischen Quellen schöpfen kann.

Der starke Impetus, der den Materialismus begleitet, rührt von seiner leichten Nachvollziehbarkeit her, die allerdings bisweilen in die mangelnde Wissenschaftlichkeit des Vulgärmaterialismus führt. In seiner Auseinandersetzung mit dem Idealismus hat der Materialismus zunächst immer den Vorteil, auf unmittelbare Tatsachen verweisen zu können, da bewegte Körper das Nächstliegende in der Alltagserfahrung sind, während die komplizierten Reflexionen des Idealismus einen Zugang erschweren, zumal seine Thesen der natürlichen Einstellung entgegenstehen (Hegel: »Die Welt auf dem Kopfe«). Gleichwohl muss der Materialismus auch Zugeständnisse machen. So ist seine Grundthese, das Seiende sei Materie, eine Position innerhalb der metaphysischen Diskussion. Es ist nicht damit getan, die Metaphysik als bloßen Widerpart zur Kenntnis zu nehmen, wenn deren genuine Fragen vom Materialismus berührt werden. Mit seinem Selbstanspruch, alles aus dem Prinzip bewegter Körper erklären zu können, begibt sich der Materialist ins Innerste der Ontologie, in die Frage nach dem Sein des Seienden. Damit erstehen aber die Probleme, mit denen sich auch die nicht materialistische Philosophie befasst: Wie ist Erkenntnis der Welt möglich? Was ist der Anfang der Bewegung? Warum gibt es überhaupt etwas? etc. Damit ist der zunächst gewonnene Vorteil gegenüber dem Idealismus geschwunden. Der Materialismus hat sich gegenüber dem Idealismus insofern durchgesetzt, als der Primat der Naturwissenschaften etabliert ist; doch hat er die Fragen der Metaphysik, in die er ja selbst mit hinein gehört, nicht befriedigend beantworten können. So existiert der Materialismus heute hauptsächlich noch in zwei Richtungen: der dogmatisch-politischen im Sinne des historischen Materialismus, und der neurophysiologischen, die in der Frage nach der psycho-physischen Einheit des Menschen zum Tragen kommt.

J. Habermas, Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus , Frankfurt/M. 2001

A. Wittkau-Horgby, Materialismus. Entstehung und Wirkung in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts , Göttingen 1998

G. Klimaszewsky (Hg.) Weltanschauliche und methodologische Probleme der materialistischen Dialektik , Berlin 1976

J. O’Connor (Hg.) Modern Materialism , New York 1969

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt