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Prof. Dr. Karl Bormann

Thales von Milet

(um 624–546): Gilt seit Aristoteles als Urheber der ionischen Naturphilosophie; seit dem 5. Jh. wird er zu den sieben Weisen gezählt. Unser Wissen über ihn ist sehr lückenhaft und ganz von antiker Berichterstattung abhängig. Dass er ein Buch geschrieben hat, ist möglich; ein direktes Zitat gibt es nicht; bereits Aristoteles hat offensichtlich keine Schrift des Thales gesehen, in der großen Bibliothek von Alexandria gab es kein Buch von ihm. Er sagte die Sonnenfinsternis vom 28. 5. 585 voraus; ob er schon die Ursache einer Sonnenfinsternis kannte oder aufgrund babylonischer Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu der Voraussage kam, ist unbekannt. Vermutet wird, dass er eine Theorie über die Gestirne und die Verfinsterung der Sonne vorlegte. Jedenfalls galt er wegen der Voraussage als großer Astronom, der auch die Geometrie, mit der er in Ägypten vertraut geworden sein soll, in Griechenland einführte; ihm wurden einige geometrische Lehrsätze zugeschrieben, darunter der bekannte ›Satz des Thales‹: Der Peripheriewinkel im Halbkreis ist ein rechter. Dieser Satz wurde indessen schon von den Babyloniern benutzt. Sicher scheint zu sein, dass er als Kaufmann Ägypten bereiste, dort die Nilschwellen kennen lernte und für sie eine Erklärung bot: Die in der Ägäis jährlich im Sommer wehenden Nordostwinde hindern den Nil, ins Meer zu fließen. Von politischer Weitsicht zeugt der nicht befolgte Vorschlag, die Ionier sollten in Teos eine gemeinsame Bundesregierung einrichten. Als Urheber der Naturphilosophie gilt Thales nicht wegen der Lehre, Wasser sei der Urgrund für alles, die Erde und die Welt seien aus dem Wasser entstanden und die Erde schwimme wie ein Schiff auf dem Urmeer, sondern deswegen, weil er auf mythische Erklärungen verzichtet haben soll.

Die Leistung des Thales kann darin bestehen, dass er sich von der Autorität des Mythos befreite und seine These nicht mit einem Mythos umkleidete und sie vielleicht sogar rational begründete; sicher ist das keineswegs, zumal nach einer antiken Überlieferung nicht Thales, sondern Anaximander als Urheber der ionischen Naturphilosophie galt. Aristoteles nennt jedenfalls Thales den ersten Naturphilosophen. Trotz dieser aristotelischen Bezeugung ist Vorsicht geboten, denn Aristoteles wusste sehr wenig von Thales, und vom Leben und von der Lehre des Thales ist zu wenig Zuverlässiges überliefert, als dass ihm der Schritt ›vom Mythos zum Logos‹ mit Sicherheit zugeschrieben werden dürfte. Die Bedeutung des Wassers als des Ursprungs der Natur wird im Mythos oft hervorgehoben, was nicht erstaunlich ist; denn ohne Wasser und Feuchtigkeit gibt es kein Leben. Dass Okeanos, der Vater des Meeres, der Flüsse und aller Brunnen zusammen mit seiner Gemahlin Thetys, der Meergöttin, Urvater von allem ist, war seit Homer eine geläufige Vorstellung griechischer Mythologie; Parallelen hierzu, möglicherweise sogar Vorlagen, gab es im babylonischen Schöpfungsmythos in den Repräsentanten des Süßwassers (Apsu ) und des Meeres (Ti’amat ) sowie im Ägyptischen: Die Erde entstand aus dem Urwasser. Im Hebräischen sind ähnlich Auffassungen nachweisbar: Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser; das trockene Land soll aus dem Wasser auftauchen; Gott hat die Erde über dem Wasser ausgebreitet.

Sehr wahrscheinlich ist, dass Thales solchen Vorstellungen verhaftet blieb; unsicher ist, dass er sie in nicht-mythischer Form vortrug und rational begründete. Wenn Thales auf mythische Erklärungen verzichtete, können über seine rationalen Begründungen nur Vermutungen angestellt werden. Hinzu kommt die Frage, ob Thales nicht nur lehrte, die Erde, alle Lebewesen und der Kosmos seien aus dem Wasser entstanden, sondern hiermit die Erklärung verband, Wasser sei der Stoff, aus dem alles besteht, wie Aristoteles die Lehre des Thales deutet. Die Begründung für beides, die sich neuzeitlichem Denken als wahrscheinlich anbietet, ist, dass das Wasser entsprechend seiner Temperatur verschiedene Aggregatzustände (fest, flüssig, gasförmig) annimmt; aber sie entspricht archaischem Denken nicht, sondern ist erstmals in stoischem Kontext belegt. Am meisten beachtenswert ist die Auskunft des Aristoteles, das Wasser sei nicht nur das, aus dem alles entstand, sondern es sei auch der Stoff, aus dem alles besteht; zu dieser Annahme sei Thales vielleicht deshalb gelangt, weil er sah, dass die Nahrung aller Dinge feucht ist und dass das Warme aus dem Feuchten entsteht, außerdem deswegen, weil die Samen aller Dinge feucht sind, das Wasser aber natürlicher Ursprung für das Feuchte ist. Obschon Aristoteles nur vermutet, was Thales veranlasst haben könnte, das Wasser als den Urgrund zu bestimmen, aus dem Erde, Lebewesen und der gesamte Kosmos nicht nur entstanden, sondern auch bestehen, kann die aristotelische Vermutung sich dem Denken des Thales nähern und zwar deshalb, weil in den aristotelischen Angaben das Wasser als Urgrund und Stoff aller Dinge in Beziehung zum Leben steht. Ohne Flüssigkeit gibt es kein Leben; Sitz der Lebenswärme ist das flüssige Blut. Überdies mag vielleicht ein sprachliches Argument die aristotelische Auskunft bekräftigen. Das griechische Adjektiv hygros vereinigt in sich die Bedeutungen, die das Lebendige, Funktionstüchtige charakterisieren: feucht, fließend, strömend, saftig, geschmeidig; hygros ist z. B. der Rücken des Adlers, die Beine eines schnellen Pferdes sind hygroi . Ferner ist das Interesse an Zeugung, Geburt und allen mit dem Sexus zusammenhängenden Phänomenen für archaische Gemeinschaften charakteristisch, und wenn Aristoteles einen möglichen Grund dafür, dass Thales das Wasser als Grundstoff aller Dinge annahm, in dem Umstand sieht, dass der Samen feucht ist, kann er das Richtige getroffen haben. Aristoteles bringt hiermit nicht einen Gedanken ins Spiel, der dem Thales noch fern lag; auch in den Mythen des vorderen Orients ist die Meinung, alles sei aus dem Wasser entstanden, verbunden mit der Auffassung vom Wasser als dem Spender des Lebens. Nicht abzuweisen ist indessen das Bedenken, die Lehre vom Wasser als dem Grundstoff der Dinge habe Aristoteles nicht bei Thales gefunden, von dem er nur das wusste, was alle wussten, nämlich dass die Welt aus dem Wasser entstanden sei, sondern bei Hippon von Rhegion, der die Lehre des Thales erneuerte und eindeutig das Wasser als Grundstoff der Dinge bestimmte. Vielleicht genügte Aristoteles die Auskunft, alles sei aus dem Wasser entstanden, für die weiterführende Annahme, gemäß Thales sei Wasser der Grundstoff von allem. Thales kann jedoch gelehrt haben, alles sei aus dem unvorstellbar weit ausgedehnten Urwasser entstanden, ohne damit die Auffassung verbunden zu haben, Erde, Pflanzen, Tiere, Menschen und alles in der Welt bestehe aus Wasser.

Andererseits ist es nicht ratsam, die aristotelischen Auskünfte über Thales als unbegründet abzulehnen; Thales kann durchaus die damals neue Auffassung vertreten haben, Wasser sei der alles konstituierende Elementarkörper. Unklar ist, ob Thales schon wie später Anaximenes annahm, durch Verdichtung und Verdünnung des Urstoffes entstünden die Dinge. Unabhängig hiervon ist zu fragen, was die Ursache des Entstehens und Vergehens ist, d. h. ob zusätzlich zum Wasser ein Prinzip der Bewegung und Veränderung (das griechische Wort kinesis bedeutet beides) angenommen werden muss. Die Antwort ist negativ: Leblose, von sich aus gänzlich unbewegte Materie scheint es für das archaische Denken kaum gegeben zu haben; demzufolge ist es nicht erforderlich, eine eigene Wirkursache der Bewegung und Veränderung anzusetzen, die vom Urstoff verschieden wäre; der Urgrund, das Wasser, ist lebendig. Diese Theorie wird bisweilen Hylozoismus (Stofflebenstheorie) genannt. Beachtet werden muss, dass dieser Titel nicht eindeutig ist und mindestens drei verschiedene Positionen bezeichnen kann: 1. Alle Dinge sind lebendig; 2. die Welt ist so mit Leben durchsetzt, dass manches, das unbelebt zu sein scheint, in Wirklichkeit lebendig ist; 3. die Welt als Ganze ist ein lebendiger Organismus. Nun sind zwei dem Thales zugeschriebene Lehren zu erklären; unser Gewährsmann ist wiederum Aristoteles: 1. Thales scheint die Psyche (Seele) für etwas Bewegendes gehalten zu haben; er sagte nämlich, der Magnetstein habe eine Seele, weil er das Eisen bewege. 2. Einige sagen, die Seele sei mit dem All vermischt, weshalb vielleicht auch Thales glaubte, alles sei von Göttern erfüllt. Aristoteles wusste offenbar nur, dass Thales dem Magnetstein eine Psyche zuschrieb, und hatte dies wahrscheinlich dem Lesebuch wissenswerter Dinge des Sophisten Hippias entnommen; die Folgerung, die er vorträgt, dürfte aber richtig sein. Die Psyche gilt allgemein als Prinzip des Lebens sowie der Bewegung und Veränderung, und das nicht nur in archaischer Zeit: Platon setzt eine Weltseele als Ursache der Bewegung, Veränderung und des Lebens im Kosmos an. Bekannt ist, dass entsprechend archaisch-mythischer Auffassung Flüsse, Bäume usw. als etwas Beseeltes oder als von einer Gottheit Bewohntes aufgefasst wurden und zwar deswegen, wenn auch nicht ausschließlich, weil sie die Fähigkeit zur Selbstbewegung und Veränderung besitzen.

Die Auffassung des Thales geht – soviel lässt der knappe Bericht erkennen – über die mythische Auffassung hinaus, steht aber doch wohl in Verbindung mit ihr. Allerdings ist auf etwas Wichtiges hinzuweisen: Der scheinbar unbelebte Magnetstein kann sich nicht selbst bewegen, vermag aber etwas anderes, nämlich Eisen, zu bewegen und zwar ohne Druck und Zug. Zur Erklärung dieses Phänomens bietet sich die Deutung an, dass sich in ihm eine Kraft befinden muss, die anderes in dieser Weise bewegen kann. Diese den Dingen immanente Kraft, ohne Druck und Zug sich selbst und anderes oder, wie im Falle des Magnetsteins, nur anderes zu bewegen, ist entsprechend altgriechischem Verständnis wesentliches Merkmal der Psyche. Psyche bedeutet »Leben, Lebenshauch, Lebenskraft, Lebensprinzip«; somit ergibt sich, dass scheinbar leblose Dinge wie der Magnetstein, nach einem anderen Bericht auch der Bernstein, lebendig sind. Zur zweiten Angabe (alles ist von Göttern erfüllt): Wenn diese Aussage von Thales stammt und nicht einer der herrenlosen Sprüche ist, die bald dieser, bald jener Autorität zugewiesen wurden, kann es sich um eine Verallgemeinerung der Lehre handeln, der Magnetstein habe eine Psyche. Als eines der Merkmale der Psyche gilt nämlich keineswegs nur in archaischer Zeit die Unvergänglichkeit, und hiermit ist die Möglichkeit gegeben, die Psyche als göttlich oder als Gott zu bezeichnen. Fraglich könnte es scheinen, ob alles wörtlich zu verstehen ist oder ob lediglich eine unbestimmt große Anzahl gemeint ist, was bedeuten würde, dass die Welt in ihrer Gesamtheit beseelt ist, wodurch nicht ausgeschlossen wäre, dass einige Dinge nicht beseelt sind. Wenn aber Thales nicht nur lehrte, alles sei aus dem Wasser entstanden, sondern hiermit die Auffassung verband, Wasser sei der Stoff, aus dem alles besteht, ist die Möglichkeit gegeben, den Satz »Alles ist von Göttern erfüllt« naturphilosophisch zu erklären: Das Wasser ist nicht einfachhin lebloser Stoff, sondern identisch mit der Kraft der Bewegung und Veränderung, d. h. Wasser ist Seelenstoff, und als solcher ist es unvergänglich, alles gestaltend, bewegend und verändernd, es ist theion und theos , göttlich und Gott. Alles besteht aus Wasser; demzufolge ist die Welt von der ›göttlichen‹ Grundsubstanz erfüllt, was in der Sprache der Popularreligion heißt: »Alles ist von Göttern erfüllt.«

Alle diese Überlegungen sind Vermutungen; wir wissen nicht, ob Thales solche Gedanken geäußert hat; von einem kosmologischen System des Thales zu reden ist angesichts der dürftigen einigermaßen wahrscheinlichen Berichte abwegig. Abwegig ist weiterhin, in Thales den Vorläufer moderner Naturwissenschaft zu sehen, weil wir nicht einmal sicher sein können, dass er sich von mythischen Erklärungen befreite und tatsächlich der Begründer der ionischen Naturphilosophie ist. Was in späterer Zeit Thales an Entdeckungen zugeschrieben wurde, wie z. B. die Berechnung der Größe von Sonne und Mond, dürfte in das Reich der Legende gehören.

Die Fragmente der Vorsokratiker , hg. von H. Diels / W. Kranz, Bd. 1, 1989 [Nachdr. der 6. Aufl. Berlin 1952]

J. Mansfeld, Die Vorsokratiker (Auswahl) , Bd. 1, Stuttgart 1983

The Presocratic Philosophers. A Critical History with a Selection of Texts , by G. S. Kirk / J. E. Raven / M. Schofield, 2. Aufl. Cambridge 1983 [dt. von K. Hülser, Stuttgart 1994]

Geschichte der Philosophie: Die Philosophie der Antike 1, von Thales bis Demokrit , von W. Röd, 2. Aufl. München 1988

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt