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Prof. Dr. Karl Bormann

Pythagoras von Samos

(6. Jh. v. Chr.): Gemäß antiker Auffassung Urheber der italischen Philosophie, verließ im fünften Jahr der Herrschaft des Polykrates (532/531) Samos und siedelte sich in Kroton in Unteritalien an, wo er große Autorität erlangte, eine religiöse Gemeinschaft gründete und anscheinend die Interessen der Aristokraten vertrat. Der Widerstand der Bewohner Krotons gegen die Aktivitäten der Anhänger des Pythagoras führte zu einem Aufstand, der Pythagoras in hohem Alter veranlasste, in das am Golf von Tarent gelegene Metapont zu entweichen, wo er bis zu seinem Tode blieb. Der politische Einfluss der pythagoreischen Gemeinschaften hielt sich noch einige Zeit nicht nur in Kroton, sondern auch in anderen unteritalischen Städten, bis er wegen des Vordringens demokratischer Tendenzen verschwand; Pythagoreer wanderten nach Griechenland aus und ließen dort pythagoreische Gedanken wirksam werden. Der politische Einfluss, den Pythagoras wahrscheinlich hatte und den die pythagoreischen Gemeinschaften mit Sicherheit besaßen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Pythagoreertums. Bei seinen Schülern galt Pythagoras als der vollkommene Weise, dessen Lebensführung und Worte Manifestationen unübertrefflicher Einsicht waren und deshalb normative Bedeutung hatten.

Weil Pythagoras seine Lehren nicht schriftlich fixierte und seine Schüler zu strenger Geheimhaltung verpflichtet waren, kann über seine Lehren nur sehr wenig Sicheres gesagt werden; hinzu kommt, dass aufgrund der uneingeschränkten Verehrung, die Pythagoras von seinen Anhängern entgegengebracht wurde, es sehr bald zu einer üppig wuchernden Legendenbildung kam, die dazu führte, dass die Überlieferung hinsichtlich des Pythagoras gleichsam durch dichten Nebel verhüllt ist. Auch was die Pythagoreer der zweiten und dritten Generation lehrten, kann nur mit großen Vorbehalten angegeben werden; ganz unklar ist, was hiervon Pythagoras selbst zuzuweisen ist. Durch frühe Zeugnisse gesichert ist der Kenntnisreichtum des Pythagoras. Zusammen mit dem, was von seiner legendär ausgeschmückten Lebensführung einigermaßen deutlich wird, ergibt sich weiterhin, dass Pythagoras erstaunliche seelische Fähigkeiten gehabt zu haben scheint, was auch Aristoteles dadurch bezeugt, dass er Pythagoras in eine Zwischenstufe zwischen Menschen und Göttern einordnet. Ferner wird immer wieder auf die mathematischen Studien der Pythagoreer hingewiesen; anscheinend hat Pythagoras diese zumindest angeregt. Relativ gut bezeugt ist, dass Pythagoras eine Lehre von der Seelenwanderung vertrat, deren Einzelheiten freilich unklar sind, weil diese Lehre auch außerhalb pythagoreischer Gemeinschaften unterschiedlich ausgestaltet wurde. Gemäß den Spottversen des Xenophanes erkannte Pythagoras im Geschrei eines Hundes, der Schläge erhielt, die Stimme eines lieben Freundes, was bedeutet, dass der Freund sich in seinem früheren Leben wie ein Hund, d. h. wie ein unverschämtes Tier, aufgeführt hat. Wenn in diesem Spott ein wahrer Kern enthalten ist, lehrte Pythagoras, dass die menschliche Seele nach der Trennung vom Leib in andere Lebewesen – auch Pflanzen werden genannt – eingeht; und zwar gelangt sie aufgrund eines göttlichen Richterspruchs in solche Lebewesen, deren Charakter sie während der Einkörperung in einem Menschenleib angenommen hat.

Überlieferungen zu Pythagoras selbst sprechen davon, dass die Seele des Pythagoras immer in Menschenleiber einging. Diesen Überlieferungen liegt wohl die Voraussetzung zugrunde, dass Pythagoras die Seelenwanderungslehre dadurch sicherte, dass er angab, in welchen menschlichen Körpern seine Seele sich vor dem gegenwärtigen Leben befand. Altpythagoreische Lehre scheint demnach zu sein, dass die Seele unsterblich ist und nach der Trennung vom Leib sich mit einem anderen Körper vereinigt. Unklar bleibt, ob diese Vereinigung unmittelbar nach dem Tod erfolgt oder ob die Seele, wie aus anderen Berichten zu entnehmen ist, vor einer erneuten Inkarnation einige Zeit körperlos in der Luft umherschweift. Weiterhin ist unklar, ob bereits Pythagoras annahm, dass einige Seelen schließlich bis zum Beginn eines neuen Weltzyklus vom Zwang der Inkarnationen befreit werden. In enger Verbindung mit der Lehre von der Seelenwanderung steht die Auffassung vom Leib als Grab oder Gefängnis der Seele und von der ewigen Wiederkehr. Dass die Seele infolge bestimmter Strafanordnungen mit dem Körper verbunden ist und sich in ihm wie in einem Grab oder Gefängnis befindet, ist wahrscheinlich altpythagoreische Lehre.

Die für die Pythagoreer bezeugte Theorie von der ewigen Wiederkehr aller Dinge, der zufolge es nichts wirklich Neues gibt und jede Seele in jeder Weltperiode unter denselben Umständen lebt wie in den früheren, lässt sich nicht mit Sicherheit für die Zeit des Pythagoras ansetzen; sie scheint auch im Widerspruch zu der Forderung nach Reinigung und Vervollkommnung der Seele zu stehen, wodurch für zukünftige Leben bessere Voraussetzungen geschaffen werden sollen. Anscheinend gab es im Pythagoreertum keine einheitliche, vollkommen ausgearbeitete Seelenwanderungslehre, wodurch erklärbar ist, dass die Nachrichten über sie oft widersprüchlich sind. Aus der Seelenwanderungslehre ergeben sich gewisse Verbote und Gebote, während andere Vorschriften archaischen Ursprungs zu sein scheinen. Zu nennen sind 1. das Verbot, Bohnen zu essen, das in unterschiedlicher Weise begründet wird und möglicherweise medizinisch oder auch symbolisch zu verstehen ist; 2. das Verbot, Fleisch zu essen. Fleischabstinenz scheint eine natürliche Konsequenz der Seelenwanderungslehre zu sein, indessen ist hierzu Widersprüchliches überliefert: Keine Tiere dürfen getötet, geopfert, gegessen werden; bestimmte Tiere dürfen nicht getötet, geopfert, gegessen werden; alle Tiere dürfen getötet, geopfert und verzehrt werden, ausgenommen Pflugochsen und Widder.

Für das Pythagoreertum des 5. Jhs. kann die erste dieser drei Überlieferungen nicht belegt werden. Unabhängig von diesen dubios überlieferten Verboten ist sicher, dass Befleckung der Seele durch ungerechtes Handeln weitaus schlimmer ist als die Verunreinigung des Körpers durch den Genuss bestimmter Speisen. Reinheit der Seele ist Voraussetzung für das Erlangen von Erkenntnis und Einsicht; nur eine reine Seele ist der Erkenntnis fähig. Fortwährende seelische Reinheit ist ohne askesis (Übung, Training) nicht möglich; denn die Weise der Lebensführung bleibt nicht ohne Einwirkung auf die Seele. Somit tritt neben das Reinheitsgebot die Forderung asketischer Lebensführung. Ein Handbuch pythagoreischer Ethik ist aus Gründen der Geheimhaltung nie verfasst worden; als Regeln der Lebensführung galt alte Spruchweisheit, die Pythagoras zugeschrieben wurde und zum Teil ethische Anweisungen enthält, teils der Magie entstammt und im ethischen Sinne interpretiert wurde, wie z. B. »nicht mit einem Messer im Feuer stochern« (= nicht die Affekte eines Menschen durch scharfe Worte erregen). Die durch seelische Reinheit und Askese ermöglichte Einsicht (sophia , Weisheit) ist nicht auf die Praxis bezogenes Wissen, sondern Erkenntnis der in der Welt herrschenden Gesetzlichkeit, der innerweltlichen Harmonie. Das Streben nach dieser Einsicht oder Weisheit heißt Philosophie; das Wort philosophos soll nach einer weit verbreiteten Erzählung erstmals von Pythagoras verwendet worden sein. Erkenntnis der in der Welt herrschenden Gesetzlichkeit umfasst auch die Einsicht in die Bedeutung von Leben und Tod; denn Welt und Mensch sind aufgrund der Verwandtschaft aller Lebewesen eine Einheit, die durch Zahlenverhältnisse konstituiert ist. Zahlen- und Maßverhältnisse bestimmen alle Bereiche der Welt, sowohl die Elementarkörper als auch die aus ihnen bestehenden Dinge, die Menschen ebenso wie die Gestirne, des weiteren Seele und Verstand, Beschaffenheiten wie z. B. Gerechtigkeit – womit die Bedeutung der Zahlenverhältnisse für die Ethik dokumentiert ist – sowie den richtigen und entscheidenden Zeitpunkt. Seele und Verstand sind wahrscheinlich durch die Eins bestimmt, Gerechtigkeit durch die erste Quadratzahl (Vier), der entscheidende Zeitpunkt anscheinend durch die Zahl Sieben entsprechend ihrer Bedeutung für das menschliche Leben (z. B. Durchbruch der ersten Zähne nach sieben Monaten, Beginn der Pubertät im vierzehnten Lebensjahr, Reife im einundzwanzigsten Jahr usw.). Aufgrund der Lehre des Pythagoras, dass alles Zahl ist, stellt sich dem pythagoreischen Philosophen die Aufgabe, die Zahlenverhältnisse zu erkennen. Hierdurch sind die mathematischen Studien der Pythagoreer zu erklären, welche die Grundlage boten für die Erforschung der kosmischen Harmonie. Wer diese Harmonie, vornehmlich die Gesetzlichkeit der Gestirnumschwünge, erkennt, gestaltet sein Leben harmonisch, d. h. wendet sie auf sein ethisches Verhalten an und schafft hierdurch die Möglichkeit, dass er im zukünftigen Leben als Mensch, der nach Einsicht strebt, und nicht als Tier wiedergeboren wird. Ursprung aller Weisheit ist die Einsicht in die tetraktys , die Gruppe der ersten vier natürlichen Zahlen (1+2+3+4); sie wird als ›delphisches Orakel‹ bezeichnet, was besagt, dass sie wie Orakelsprüche gedeutet werden muss. »Sie ist die Harmonie, in der die Sirenen singen«, was von Platon als Harmonie der Gestirnsphären gedeutet wird, sie »enthält Quelle und Wurzel der ewig fließenden Natur«. Die Summe der ersten vier natürlichen Zahlen ist die vollkommene Zahl zehn; in der Zehn ist die gesamte Zahlenreihe ausgefaltet, weil alle Zahlen oberhalb der Zehn nur Wiederholungen sind; folglich enthält die tetraktys in sich alle Zahlen und somit die Wesenheiten von allem; denn die Wesenheiten sind Zahlen. Diese Hochschätzung der tetraktys steht in engem Zusammenhang mit astronomischen Vorstellungen. Dass die Gestirne einschließlich der Sonne, des Mondes und der damals bekannten fünf Planeten ewig und göttlich sind, steht für alle Pythagoreer fest; aus der Göttlichkeit der Gestirne ergibt sich, dass sie die vollkommene Gestalt der Kugel haben, was auch für die Erde zutrifft, weiterhin, dass sie die vollkommene Bewegung, die Kreisbahn, vollführen. Während entsprechend dem ältesten astronomischen System der Pythagoreer die Erde sich im Mittelpunkt der Welt befindet und alle Gestirne um sie kreisen, kam es im 5. Jh. zu einer Änderung, anscheinend aufgrund der Verehrung der tetraktys : Im Mittelpunkt der Welt befindet sich das Zentralfeuer, darum herum bewegen sich die Erde, zusammen mit der von der Erde aus nicht sichtbaren ›Gegenerde‹, die sieben Planeten (Sonne und Mond galten als Planeten) und die Fixsternsphäre. Es ergeben sich also in Übereinstimmung mit der vollkommenen Zahl, die in der tetraktys enthalten ist, zehn Gestirnsphären. Die Harmonie der Gestirnsphären äußert sich klanglich; denn dass der Umschwung der Sterne Töne erzeugt, ist für die Pythagoreer selbstverständlich. Der Zusammenklang dieser Töne ergibt einen musikalischen Akkord. Der einzige Mensch, der die Sphärenharmonie hören konnte, ist der Legende zufolge Pythagoras; alle anderen haben sich an den lauten Klang gewöhnt und hören ihn nicht. Für die mathematische Harmonielehre stellt sich die Aufgabe, die Abstände der Gestirnsphären zu berechnen und die Umlaufgeschwindigkeit zu bestimmen, damit die Sphärenharmonie exakt angegeben werden kann. Instrumental- und Vokalmusik als ›Abbild‹ dieser Harmonie ziehen in sekundärer Weise Nutzen aus solchen Berechnungen, deren Ausgangspunkt Versuche am Monochord (einsaitiges Instrument mit beweglichen Stegen) waren, die Pythagoras vorgenommen haben soll. Die altpythagoreische Prinzipienlehre (Begrenzt – Unbegrenzt – Ungerade – Gerade, die Eins besteht aus beidem) wurde mit Sicherheit nicht von Pythagoras aufgestellt. Dass manche Lehren der Pythagoreer sich nicht auf Pythagoras zurückführen lassen, ist dadurch bedingt, dass bereits in der Generation nach Pythagoras sich zwei Gruppen bildeten; die eine wollte nur das von Pythagoras Gehörte überliefern (Akusmatiker), weil die von Pythagoras geoffenbarte Weisheit unübertrefflich sei, während die andere das Überkommene vornehmlich durch mathematische Untersuchungen vermehren wollte (Mathematiker).

Die Fragmente der Vorsokratiker , hg. von H. Diels / W. Kranz, Bd. 1, Hamburg 1989 [Nachdr. der 6. Aufl. Berlin 1952]

J. Mansfeld, Die Vorsokratiker (Auswahl) , Bd. 1, Stuttgart 1983

The Presocratic Philosophers. A Critical History with a Selection of Texts , by G. S. Kirk / J. E. Raven / M. Schofield, 2. Aufl. Cambridge 1983 [übers. von Karlheinz Hülser, Stuttgart 1994]

Geschichte der Philosophie: Die Philosophie der Antike 1, von Thales bis Demokrit , von W. Röd, 2. Aufl. München 1988

W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft , Nürnberg 1962

B. L. van der Waerden, Die Pythagoreer, religiöse Bruderschaft und Schule der Wissenschaft , Zürich / München 1979

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt