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Prof. Dr. Lutz Geldsetzer

Hermeneutik

Eine vorzugsweise in den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften angewandte methodologische Disziplin. Nach einem berühmten Wort Diltheys ist sie auf das Verstehen von in Kulturdokumenten und Lebensäußerungen manifestiertem Sinn ausgerichtet, und dies im Gegensatz zur Methodologie der Naturwissenschaften, die auf die Erklärung sinnfreier Naturphänomene abziele. Die Bezeichnung verweist auf den griechischen Götterboten Hermes, der den Menschen göttliche Botschaften und den Göttern des Olymps Nachrichten von den Menschen überbringen sollte und der sich somit als ›Makler‹ und Vermittler zwischen Irdischem und Überirdischem betätigte. In der Hermeneutik geht es um die ›Vermittlung‹ zwischen Geist, Sinn und Bedeutung einerseits und materiell-sinnlichen Ausdrücken oder Zeichen andererseits.

Platon machte in seinem enzyklopädischen Curriculum der sieben freien Künste die Mathematik im Quadrivium zur Hauptmethodologie der Naturwissenschaften. Mathematik ist seither die Grundmethodologie des Erklärens in den Naturwissenschaften. Für das Verstehen blieben daher vorwiegend die Disziplinen des so genannten Triviums übrig, aus denen später die Geisteswissenschaften hervorgingen. Es handelt sich dabei um Grammatik, Rhetorik und Logik, die den Umgang mit geschriebener und gesprochener Sprache sowie die denkende Erfassung ihrer Sinngehalte methodisieren. Grammatische, logische und rhetorische Methodologie sind in der Hermeneutik vereinigt.

Aristoteles hat mit seiner Schrift Über die Interpretation (Peri hermeneias / De interpretatione ) die Hermeneutik als Teildisziplin der Logik begründet. Es heißt hier (16 a): »Die Sprache ist Zeichen und Gleichnis für die seelischen Vorgänge, die Schrift wieder für die Sprache. Und wie nicht alle dieselben Schriftzeichen haben, bringen sie auch nicht dieselben Laute hervor. Die seelischen Vorgänge jedoch, die sie eigentlich bedeuten sollen, sind bei allen die gleichen, und auch die Dinge, die sie nachbilden, sind die gleichen.« Damit formulierte er im Rahmen seiner realistischen Erkenntnislehre eine Bedeutungstheorie, nach welcher Bedeutungen (Sinngebilde) mentale Abbilder der sinnlich wahrgenommenen materiellen Wirklichkeit sind. Laut- und Lautschriftzeichen gehören selbst zur materiellen Wirklichkeit. Schriftzeichen (von Lautschriften) evozieren im Bewusstsein Laut-Bilder, Laute evozieren Abbilder erfahrener Wirklichkeit. Diese aristotelische Bedeutungsdefinition ist bis heute für die meisten, insbesondere die zetetischen (forschende) hermeneutischen Theorien verbindlich geblieben.

Die Hermeneutik ist von Aristoteles als Kritik an der platonischen Ideenlehre entwickelt worden. Nach dieser sind die – mit einem ›geistigen Auge‹ zu schauenden – Ideen selbst Sinngebilde bzw. Bedeutungen und diese sind die wahre Wirklichkeit. Sie bilden nicht Dinge ab, sondern verleihen den sonst flüchtigen und vielfältigen Erscheinungen der sinnlichen Erfahrungswirklichkeit erst Realität, Einheitlichkeit und Stabilität durch Teilhabe (methexis , participatio ) an ihnen. Da aber auch Lautungen und Schriftzeichen der Sprache zu den sinnlich wahrgenommenen Phänomenen gehören, erhalten auch diese Sinn und Bedeutung nur durch die Teilhabe an der Sinnwirklichkeit der Ideen. Auch die platonische Bedeutungslehre ist in mehr oder weniger deutlicher Gestalt bis heute aktuell geblieben und gibt den Hintergrund für eine Reihe moderner idealistischer, insbesondere aber auch für dogmatische Hermeneutiktheorien ab.

Der Gegensatz der aristotelisch-realistischen und der platonisch-idealistischen Auffassung vom Verhältnis der Sinngebilde zur Wirklichkeit liegt auch dem mittelalterlich-scholastischen Universalienstreit zugrunde. Hier vertraten die radikalen Aristoteliker bzw. Nominalisten die Meinung, dass nur die Zeichen als Teile der materiellen Wirklichkeit ›real‹ seien. Sinn und Bedeutung (die Universalien) entstünden erst nach und gemäß den Dingen (post rem ) als Denkbilder mittels der Zeichen im Bewusstsein. Umgekehrt vertraten die (von den Aristotelikern so genannten) ›Ideenrealisten‹ bzw. Platoniker die Meinung, dass Sinn und Bedeutung unabhängig und selbstständig vor den materiellen Zeichen und Dingen (ante rem) bestünden und erst im Nachhinein gewisse materielle Dinge durch In-Beziehung-Setzung auf solchen Sinn zu Zeichen würden. Vermittelnd traten die gemäßigten Aristoteliker auf, die Sinn und Bedeutung in die Zeichen selbst setzten.

Auf diesem Hintergrund ist Verstehen von Texten für die Aristoteliker wesentlich ein ›Ausschöpfen‹ von Sinn und Bedeutung aus den Textzeichen und somit ein Lernprozess des Lesers hinsichtlich der Bildung seines subjektiven Wissens aus verstandenem Textsinn. Für die Platoniker aber bleiben die Textzeichen nur ein Anlass, immer schon vorgegebenes und an den Text herangebrachtes Wissen (hermeneutische ›Vorurteile‹) im Bewusstsein zu aktualisieren: Der Text wird zu einer Art materieller Evokationsmaschine von Ideen im Bewusstsein des Lesers, die als Sinndeutung und Interpretation theoretische Gestalt annehmen und an die Textzeichen herangetragen werden. Die Texte und Dokumente haben so im Bereich des Verstehens eine analoge Funktion wie die Spiegel im optischen Bereich: Sie erzeugen die Illusion, dass in ihnen zu sehen bzw. zu verstehen sei, was man doch hinzubringen und vor sie hinstellen muss.

Diese gegensätzlichen idealistischen und realistischen Einstellungen bestimmen dann auch das Verhältnis des Lesers zum Buch und allgemeiner des Intellektuellen zur Buch- und Schrift- bzw. Zeichenkultur in der Neuzeit (A). Für den aristotelisch realistischen Interpreten wird jeder Text und jedes Kulturdokument zum Forschungsgegenstand, aus dem nach bestimmten hermeneutischen Regeln der in ihm vorausgesetzte Sinn bzw. die Bedeutung erschlossen und gelernt werden kann und soll. Für den platonisch idealistischen Interpreten sind Texte und Dokumente nur Gedächtnisstützen, anhand derer ein je gegenwärtiges Wissen in Interpretationen exemplifiziert und evokativ aktualisiert wird.

Die beiden hermeneutischen Grundeinstellungen haben in der Geschichte der Hermeneutik in zwei unterschiedlichen Typen von Hermeneutiken bzw. hermeneutischer Methodologie ihren Niederschlag gefunden. Sie lassen sich als zetetische (forschende) und dogmatische Hermeneutik näher beschreiben.

Die dogmatische Hermeneutik entwickelt sich aus den platonisch-idealistischen Voraussetzungen. Sie ist die Methodologie des interpretierenden Umganges mit institutionell ausgezeichneten ›autoritativen‹ Texten und Dokumenten. Zu diesen gehören in erster Linie so genannte heilige Schriften und in Geltung stehende Gesetzestexte, die ihrerseits die Grundlage für die Ausbildung der dogmatischen Disziplinen Theologie und Jurisprudenz darstellen. Die dogmatische Hermeneutik wurde jeweils im Rahmen dieser Disziplinen als biblische Hermeneutik der Theologie und als juristische Hermeneutik des Rechts entwickelt. Nach ihrem Beispiel sind spätestens seit der Renaissance (A) auch die so genannten Klassiker der Profanliteratur in der Philologie dogmatischen Interpretationsverfahren beim Übersetzen unterworfen worden. In den Philologien sind im Laufe der Zeit die autoritativen Wörterbücher und Grammatiken zu hermeneutischen Regelkanons dafür geworden, wie ein und derselbe Sinn in zwei oder mehreren Sprachen durch Wörter und Wendungen ausgedrückt werden kann und soll.

In der klassischen Philologie und darüber hinaus in allen philologischen Disziplinen haben sich im Laufe der Zeit bestimmte Verstehensmuster als Vorbilder für jede Verstehensbemühung der relevanten Texte entwickelt, die man dann selber als ›klassisch‹ auszeichnet. Durch diese Auszeichnung erhalten die Bezugstexte eine institutionelle Funktion als bedeutsam, wichtig und maßgeblich für die ganze Kultur oder Teilbereiche derselben. In der Moderne sind dann auch die literarischen Arbeits- und Lehrtexte aller Disziplinen, wie Lexika und Enzyklopädien, Lehr- und Handbücher, als ›dogmatische‹ Texte behandelt worden, sodass der Umgang mit ihnen ebenfalls durch die dogmatische Hermeneutik gesteuert wird.

Trotz der traditionellen Einschränkung der Hermeneutik auf die Anwendung in den Geisteswissenschaften ist aber auch im Zusammenhang der naturwissenschaftlichen und der formalen (logischen und mathematischen) Methodologie vielfach von Interpretation die Rede. Man spricht hier von Interpretation bzw. Deutung von Fakten und Phänomenen (in statistischen Erhebungen, Versuchsprotokollen u. ä. – oft auch ›Bewertung‹ genannt) einerseits und von der Interpretation formaler Kalküle andererseits. Ersichtlich geht es auch hierbei um Übersetzung bzw. Übertragung des strukturellen Sinnes von Formalismen (Kalkülen, Strukturkernen von Theorien) auf Phänomene und ihre Zusammenhänge, und umgekehrt von Eigenschaften und Zügen phänomenal-anschaulicher Gegebenheiten (Modelle) auf formale Strukturen. Auch diese stehen unter Regeln einer dogmatischen Hermeneutik.

Solche Regeln gebieten z. B., dass Theorien zu exhaurieren und nicht ohne Not aufzugeben sind; dass Phänomene zu ›retten‹ und nicht ohne besondere Gründe als artifizielle Produkte von Versuchsanordnungen oder gar Messfehlern gedeutet werden sollten; dass formale Kalküle durch mindestens ein Modell deutbar sein müssen, u. ä. Freilich sind diese hermeneutischen Einschüsse in der Methodologie der Naturwissenschaften, die auf die neuplatonische Tradition einer Naturinterpretation (interpretatio naturae ) zurückgehen, noch keineswegs in einem angemessenen Klärungszustand. Gleichwohl wird man auch sie als Ausprägungen dogmatischer hermeneutischer Verfahren charakterisieren können.

Die Einstellung des ›Dogmatikers‹, sei er Theologe, Jurist oder Lehrer eines bestimmten Faches, ist – noch immer gut platonisch – die, dass er sein Vorwissen anhand der Texte konkretisiert und dokumentiert. Und er tut es in der Regel nur ad hoc, aus gegebenem Anlass zur Beantwortung einer bestimmten Glaubens- oder Gewissensfrage, zur Entscheidung eines Rechtsfalles, zur Aufführung eines bestimmten Schauspiels oder Musikwerkes oder zur Vergewisserung über einen bestimmten Lehrgegenstand.

Die dogmatische Hermeneutik weist daher im Unterschied zur zetetischen spezifische Charakteristika auf. 1. Sie ist streng und strikt fachgebunden (disziplinär), d. h. sie hat immer von den in den relevanten Theorien vorgegebenen Vorverständnissen des jeweiligen Faches auszugehen, die im Fache als letzter Stand des Wissens gelten. Diese theoretischen Vorverständnisse erschließen kanonische Spielräume für die Interpretationen. Der Fachmann muss sie kennen und unterscheidet sie in der Regel sehr genau von allen ›Allotria‹ dilettantischer, unfachlicher oder fachfremder Interpretationsgesichtspunkte. 2. Vor allem macht die dogmatische Hermeneutik keine Wahrheitsansprüche und kennt daher auch keine Wahrheitskriterien. Wenn gleichwohl in jeder Dogmatik mehr oder weniger emphatisch die Wahrheit z. B. der Heiligen Schrift, des Gesetzes, eines Kunstwerkes oder eines Lehrgehaltes beschworen wird, so kann damit nur die jeweilige Kulturbedeutung des Artefakts gemeint sein. Die dogmatische Hermeneutik richtet sich daher 3. ausschließlich nach Kriterien der Qualität und Effizienz. Eine dogmatische Interpretation kann gut oder schlecht, fachgerecht oder dilettantisch, elegant oder überzwerch, scharfsinnig oder dumm, im Grenzfall noch zulässig oder abwegig genannt werden, nicht aber wahr oder falsch. 4. Das Effizienzerfordernis besagt, dass eine dogmatische Interpretation immer gelingen muss (Non-liquet- Verbot) und somit ein Ergebnis zu zeitigen hat, das den Bezugstext als ›sinnvoll und einschlägig‹ für die erwünschten Antworten erscheinen lässt. Dabei setzt man 5. bei dogmatischen Texten immer eine ›überschießende Sinnfülle‹ voraus, die grundsätzlich nicht auszuschöpfen ist: Die Heilige Schrift ist ›höher als alle Vernunft‹, das Gesetz ist ›klüger als der Gesetzgeber‹, der Klassiker ›hat uns immer noch etwas zu sagen‹, Musiknoten und Drehbücher können zu immer neuen Aufführungen dienen, und auch das gute Lexikon oder Lehrbuch ›bietet mehr, als man ad hoc gerade verwenden kann‹.

Für die Durchführung von Einzelinterpretationen haben die Jurisprudenz und Theologie spezifische Regeln – hermeneutische Kanons – entwickelt. Sie sind darauf ausgerichtet, die jeweiligen dogmatischen Texte als Bezugstexte auszuzeichnen und von anderen Textsorten abzugrenzen und zugleich die Fachgebundenheit, Qualität und Effizienz sowie notwendiges Gelingen der Auslegungen zu gewährleisten.

In der Theologie sind paradigmatisch dafür die Kanons vom zwei- oder mehrfachen Schriftsinn. Der buchstäbliche (Literal-)Sinn oder vordergründige Sinn wird vom eigentlichen (kerygmatischen) Sinn oder Hinter-Sinn (sensus mysticus ) unterschieden. Letzterer kann seinerseits wieder in mehrere Sinnrichtungen verfolgt werden nach der bekannten Regel: Littera gesta docet, quid credas allegoria; moralis quid agas, quo tendas anagogia (»Der buchstäbliche Sinn lehrt die Fakten, die Allegorie den Glaubensinhalt, der moralische Sinn das, was zu tun ist, der ›erbauliche‹, wonach zu streben ist«).

Der Jurist hat für Gesetzesinterpretationen mehrere in Alternativen verknüpfte Auslegungskanons zur Verfügung. Der Gesetzestext ist entweder eindeutig gemäß ›planem‹ Wortverständnis oder er lässt mehrere Deutungen zu. Ist er mehrdeutig, so wird er nach vorgängigem Beispiel höherer Instanzen (Präjudiz) interpretiert (das ist am sichersten). Die Präjudizien sind selbst Interpretationen, die aus dem Kontext der behandelten Materie (ratio legis ) oder auch gemäß der historischen Intention des Gesetzgebers (›Wille des Gesetzgebers‹) gewonnen wurden. Verschränkt damit kann ein einzelner Gesetzesterminus gegebenenfalls im üblichen Wortsinn oder restriktiv (eingeschränkter Begriffsumfang) oder erweitert (ausgeweiteter Anwendungsbereich des Begriffs, im Strafrecht unzulässig!) interpretiert werden. Vielerlei Denkfiguren für die Verknüpfung von Rechtsbegriffen zu Auslegungstopiken lassen sich aus der Analogie zu Denkfiguren in jeweils anderen Rechtsbereichen gewinnen. Hierin bewährt sich am meisten juristischer Takt und Gespür für das, was unter besonderen Umständen als Argumentation für eine Interpretation überzeugen kann.

Als wesentlich wird bei der dogmatischen Hermeneutik gewöhnlich der ›applikative Aspekt‹ herausgestellt – die Anwendungsbezogenheit. Sie besteht darin, dass eine dogmatische Auslegung nur ad hoc, d. h. zur Beantwortung bestimmter Fragen und zur Lösung von bestimmten Problemen (Glaubensfragen, Rechtsfällen) eingesetzt wird. Durch die dogmatische Interpretation wird ein (institutionell gestützter) Textsinn so aufbereitet, dass er für die Anwendung auf praktische Fragen nutzbar wird. Gleichwohl sollte man auch hier genau zwischen der eigentlichen Interpretation und der Anwendung des dadurch gewonnenen Textsinnes auf die Probleme unterscheiden. Die Anwendung auf den Fall unterliegt ihrerseits nicht hermeneutischen, sondern logischen Regeln der Subsumption des Einzelnen und Besonderen (des Falles bzw. des Problems) unter das Allgemeine (des hermeneutisch festgestellten Textsinnes): Der festgestellte Textsinn liefert die logischen Prämissen für die schlussmäßige Deduktion einer Antwort auf die gestellten Fragen bzw. eines Urteils über den anstehenden Fall.

Die zetetische Hermeneutik ist aus der dogmatischen nach aristotelischen Voraussetzungen entstanden. Sie beruht auf Kriterien, die sich – aus der Kritik an der dogmatischen Hermeneutik entwickelt – als Gegensätze dazu darstellen. Sie setzt voraus, dass grundsätzlich alles Textmaterial, darin eingeschlossen auch die dogmatischen Texte und darüber hinaus auch alle Arten von Kulturdokumenten, in ihren Gegenstandsbereich fallen können. Ebenso setzt sie voraus, dass alle Dokumentarten in ihrem Zeichenvorrat schon bestimmten Sinn und Bedeutung enthalten, den es in der jeweiligen Interpretation ›auszuschöpfen‹ und mittels der Interpretation wiederzugeben, zu rekonstruieren oder auch abzubilden gelte. Kritisch-zetetische Einstellung wird dabei wesentlich in vorurteilsloser Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber dem, was sich als Sinn der Texte zeigen soll, gesehen. Ihr Ziel ist daher auch die Erstellung von Interpretationen als Theorien, die diesen Sinn eindeutig, vollständig und adäquat darstellen bzw. ›abbilden‹ sollen.

Als Kriterien der zetetischen Hermeneutik lassen sich herausstellen:

1. Sie ist als Methodendisziplin grundsätzlich interdisziplinär – im Gegensatz zur Fachgebundenheit der dogmatischen Hermeneutik. Das schließt nicht aus, dass spezielle Text- und Dokumentarten zum Gegenstandsbereich jeweils spezifischer Disziplinen gehören. Interdisziplinarität meint einerseits die ›Universalität‹ und ubiquitäre Anwendbarkeit der zetetisch-hermeneutischen Methodologie in grundsätzlich allen Disziplinen. Andererseits bedeutet sie auch, dass das zum zetetischen Verstehen notwendige Wissen grundsätzlich aus allen jeweils einschlägigen Disziplinen gleichsam zusammengeholt werden muss. Der zetetische Interpret muss in der Lage sein, auch über seine Fachgrenzen hinaus Vorwissen aufzunehmen und sich für seine Verstehensbemühung zunutze zu machen.

2. Die zetetische Hermeneutik ist strikten Wahrheitskriterien unterworfen. Das heißt, dass nur die Resultate zetetischer Interpretationen als wahr, falsch oder ggf. auch als wahrscheinlich gekennzeichnet werden können. In der zetetischen Hermeneutik kommt es, wie viele ihrer Klassiker schon frühzeitig bemerkt haben, häufig auch darauf an, bei überhaupt wahrheitsrelevanten (etwa wissenschaftlichen) Texten neben der evtl. Wahrheit auch evtl. Falschheit ›richtig zu verstehen‹, sodass eine wahre Interpretation durchaus gerade auch die Falschheit eines sinnvollen Gedankens bzw. Textes verständlich macht. Als Wahrheitskriterium wird nach herrschender realistischer Erkenntnistheorie in der Regel die Korrespondenz zwischen (vorausgesetztem) Textsinn und Interpretationssinn angenommen. Die Interpretation gilt dann als wahr, wenn sie dem Sinn des Textes genau entspricht bzw. ihn abbildet. Eine idealistische Erkenntnistheorie kritisiert daran, dass sich so etwas wie selbstständiger Textsinn und (diesen abbildender) Interpretationssinn nicht unterscheiden lassen, sondern dass die Interpretation selbst den Textsinn erst konstruiert. Insofern kommen für eine idealistische Erkenntnistheorie nur die Wahrheitskriterien der logischen Kohärenz und der Umfassendheit (Komprehensibilität) der jeweiligen Interpretation selbst in Frage.

3. Spricht man überhaupt von der Qualität einer zetetischen Interpretation, so kann es sich nicht um gut oder schlecht, zulässig oder unzulässig u. ä. handeln wie bei der dogmatischen Interpretation, sondern nur um die Einbettung der vorgeschlagenen Interpretation in den Kontext des einschlägigen interdisziplinären Wissens. Von einer zetetischen Interpretation wird man daher mit Recht verlangen können, dass sie sich ›auf dem letzten Stand der Wissenschaft‹ befindet und das Fachwissen dabei vermehrt und vertieft.

4. Bei zetetischen Interpretationen ist auch mit einem Non liquet (›nicht klar‹), also negativen Ergebnissen zu rechnen wie das bei jedem Forschungsunternehmen möglich ist. Dies ist ein heikler Punkt, den kein Forscher gern eingesteht, weil ein Non-liquet -Ergebnis allzu leicht individueller Inkompetenz angelastet wird. Ein vager ›Sinnlosigkeitsverdacht‹, wie er häufig polemisch geäußert wird (›das verstehe ich nicht‹ oder ›Nonsens‹) genügt in keinem Fall. Selbst wenn er substanziiert und bewiesen würde, so würde er den Interpretationsgegenstand nur aus der Klasse der Artefakte ausschließen und in die der ›sinnfreien‹ Gegenstände befördern. Gleichwohl kommt es nicht allzu selten vor, dass trotz bestehendem ›Sinnhaftigkeitsverdacht‹ von Texten und Artefakten der genuine Sinn mangels einschlägigem Wissen nicht festgestellt werden kann. Die Sinnvermutung kann dann allenfalls zu hypothetischer Wahrscheinlichkeit der zetetischen Interpretation führen.

5. Man setzt beim zetetisch zu interpretierenden Dokument historisch und systematisch beschränkten Sinngehalt voraus, sodass – wie Kant schon bemerkte – in der Regel ›der Autor besser verstanden werden kann, als er sich selbst verstanden hat‹.

Die Kanons bzw. Regeln der zetetischen Hermeneutik sind heute nichts weniger als unumstritten und die Verabsolutierung des einen Kanons unter Vernachlässigung anderer bestimmt nachhaltig die Kontroversen über das, was eigentlich Hermeneutik sei. Manche Autoren wie etwa Schleiermacher oder Gadamer gehen sogar davon aus, dass es hierbei überhaupt keine Regeln geben könne, da das forschende Interpretieren eine Sache des Taktes, der kühnen Hypothesen, der Divination oder gar der ›künstlerischen‹ Intuitionen sei. Um sich jedoch über die faktischen Regeln zu vergewissern, tut man auch heute noch gut daran, sich an dem von Aristoteles für alle Forschung aufgestellten Schema der ›vier Ursachen‹ zu orientieren, welches Erklärungsgründe, also auch Interpretationsargumente, in vier verschiedenen Dimensionen aufzusuchen empfiehlt.

Nach diesem vierdimensionalen Forschungsschema gilt es a) die materiale Textbasis eines zu interpretierenden Dokumentes bibliographisch und kontextuell zu sichern; b) die formalen Bedingungen der Textgestalt (Disposition, Gattungszugehörigkeit) und die die Ausdrucksformen prägenden Ideen in ihrer grammatischen und logischen Form zu eruieren; c) den Ursprung und die Herkunft des Textes (ggf. von einem Autor, aus einer Schule, aus einer Epoche) nach Anlass und Umständen seiner Entstehung und den Wirkfaktoren bzw. Traditionen, die hierauf Einfluss ausübten, festzustellen; d) den Zweck bzw. die Intention eines Textes (man sagt allerdings meist: des Autors) zu klären, wozu man sich bei älteren Texten der Einbeziehung der Wirkungsgeschichte bis auf das eigene gegenwärtige Interesse des Auslegers an seinem Text versichern muss.

Man kann diese Dimensionen gewiss noch weiter differenzieren, gerät damit aber nur in Details, auf die man wegen ihrer Trivialität gewöhnlich nicht achtet und die doch nach festen Regeln der wissenschaftlichen Fairness und des geisteswissenschaftlichen Know-how getätigt werden. Zum ersteren gehört etwa die Regel der ›hermeneutischen Billigkeit‹ (charity principle ), nach der man einem Autor bis zum Beweis des Gegenteils Redlichkeit darin unterstellt, dass er auch gemeint habe, was er sage. Umgekehrt muss dann auch gelten, dass man nicht mit ›maliziösen‹ Unterstellungen auslege.

Zum allgemeinen Know-how dürfte auch das Prozedere nach dem hermeneutischen Zirkel gehören. Er besagt, dass man sich beim Interpretieren vom Einzelnen und Besonderen zum Allgemeinen und Ganzen erheben und von da wieder zum Einzelnen hinabsteigen müsse. Er beschreibt damit sehr zutreffend logische Induktion und Deduktion als Verfahren, die wie in jeder Theoriebildung so auch in der zetetischen Interpretationsgewinnung anzuwenden sind. Das Einzelne und Besondere ist hier die Elementarbedeutung der Wörter eines Textes, von der man zum Satz- und Argumentsinn bis zum Sinn des ganzen Textes – und ggf. darüber hinaus bis zum Gesamtsinn eines umfassenden Kontextes – fortschreitet (Induktion), während man umgekehrt wieder vom Gesamtsinn als Resultat der Induktion oder auch als hypothetisch-antizipierender Sinnvermutung zur Bedeutungsfestlegung der Einzelheiten herabsteigen kann (Deduktion). In der Praxis handelt es sich freilich kaum jemals um einen einzigen induktiv-deduktiven Kreislauf, sondern um viele in Antizipationen und Bestätigungen sich gegenseitig kontrollierende Schritte, sodass eher von ›hermeneutischen Kreiseln‹ zu reden wäre. Damit wird jedenfalls gesichert, dass die zetetische Interpretation eines Dokumentes sich als widerspruchslose und kohärente Theorie aufbauen lässt, was seinerseits eine notwendige Bedingung ihrer Wahrheitsfähigkeit darstellt.

Die gegenwärtige Lage der Disziplin Hermeneutik ist durch außerordentlich lebhafte und kontroverse Diskussionen und damit einhergehend durch eine kaum mehr übersichtliche Literatur und Nomenklatur gekennzeichnet. Man tut gut daran darauf zu achten, wovon jeweils die Rede ist. Zu unterscheiden sind auf jeden Fall: 1. Die Interpretation im Sinne der Sinndeutung, Auslegung (Exegese) bzw. des Verstehens einzelner Textstellen oder Texte und Kontexte nach den genannten kanonischen (dogmatischen oder zetetischen) Regeln. 2. Die Theorie dieser Regeln bzw. Kanons selbst, die zur hermeneutischen Methodologie gehören. 3. Hermeneutik als Bezeichnung der methodologischen Disziplin insgesamt.

Der Schwerpunkt der Debatten dürfte beim letzten Punkt liegen. Es geht um die Einschätzung des Status und der wissenschaftlichen Dignität der Hermeneutik überhaupt. Auf der einen Seite wird vom analytisch-positivistischen Lager aus die Hermeneutik – vor allem wegen ihrer dogmatischen Verfahren – als un- oder vorwissenschaftliche Pseudomethodologie verworfen (K. Albert) oder allenfalls als heuristische Vorstufe für die ›logische Rekonstruktion‹ von Theoriesinn anerkannt (W. Stegmüller). Auf der anderen Seite stehen hermeneutizistische Ansätze, die die Universalität der Hermeneutik in allen Erkenntnisfragen behaupten (Nietzsche: »Alles ist Interpretation«; Heidegger: »Verstehen als existenzialer Weltentwurf«; H. Lenk: »Philosophie als Interpretationskonstruktionismus«, Gadamer: »Unhintergehbarkeit des sprachlichen Verstehens«). Gleichwohl werden auch bei universalhermeneutischen Ansätzen die faktischen Interpretationsweisen mathematischer und logischer formaler Systeme und naturwissenschaftlicher Fakten, Daten und Phänomene zu wenig beachtet und hermeneutisch bewertet. Hier dürfte künftige hermeneutische Forschung noch ein fruchtbares Feld vor sich haben. Insgesamt können von der gegenwärtigen Hermeneutikdiskussion im Spannungsfeld solcher Extreme wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften und darüber hinaus der allgemeinen Wissenschaftstheorie zu erwarten sein.

N. Henrichs, Bibliographie der Hermeneutik , 2. Aufl. Düsseldorf 1972

W. Alexander, Hermeneutica generalis. Zur Konzeption und Entwicklung der allgemeinen Verstehenslehre im 17. und 18. Jahrhundert , Stuttgart 1993

H. Albert, Kritik der reinen Hermeneutik. Der Antirealismus und das Problem des Verstehens , Tübingen 1994

E. Betti, Allgemeine Auslegungslehre als Methodik der Geisteswissenschaften , Tübingen 1967

E. Coreth, Grundfragen der Hermeneutik , Freiburg/Br. 1969

A. Bühler, L. Cataldi Madonna (Hg.) Hermeneutik der Aufklärung (Aufklärung 8/2) , Hamburg 1993

H.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik , Gesammelte Werke 1, 5. Aufl. 1986; Ergänzungen und Register, Gesammelte Werke, 2, 2. Aufl. 1993

L. Geldsetzer (Hg.) Instrumenta Philosophica Series Hermeneutica (Klassikernachdrucke mit Einleitungen) , Düsseldorf 1965 ff.

H.-U. Lessing (Hg.) Philosophische Hermeneutik , Freiburg/Br. 1999

H. Seiffert, Einführung in die Hermeneutik. Die Lehre von der Interpretation in den Fachwissenschaften , Tübingen 1992

B. Vedder, Was ist Hermeneutik? Ein Weg von der Textdeutung zur Interpretation der Wirklichkeit , Stuttgart / Berlin 2000

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt