Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Prof. Dr. Karl Bormann

Platon von Athen

(427 bis 348/347): Schloss sich wohl 407 Sokrates an, der mit Ausnahme der Gesetze in allen Werken Platons am Gespräch mehr oder weniger beteiligt ist. Die Schriften, zu denen die Referate über Platons innerakademische Vorträge (= Ungeschriebene Lehren ) eine wichtige Ergänzung darstellen, weil sie Aufschluss über Platons Prinzipienlehre gewähren, wenden sich an ein gebildetes Publikum und wollen zur philosophischen Problematik und Lebensweise hinführen, was mit sich bringt, dass Platon von seinen Lehren jeweils nur soviel vorträgt, wie für sein Vorhaben erforderlich ist. Die Hauptthemen der frühen Schriften bilden Fragen nach dem Wesen der ethischen Vortrefflichkeit (arete ) und ihrer Lehrbarkeit. Zu einer positiven Beantwortung kommt es nicht; falsche Begriffsbestimmungen werden abgelehnt, die Gespräche enden in der Aporie, wenngleich Hinweise auf die richtige Lösung nicht fehlen. An manchen Stellen zeigt sich, dass nicht Weniges im Ansatz vorweggenommen ist, was später ausgestaltet wird. Das gilt auch für die Ideenlehre, die für alle seine Schriften charakteristisch ist. Breiten Raum nimmt in Platons frühen Dialogen die Auseinandersetzung mit den Sophisten ein. Da diese sich für ihre Lehrtätigkeit bezahlen lassen, wirft Platon ihnen vor, sie seien eine Art von Händlern und verkauften Güter, von denen sich die Seele nährt; das angebliche Wissen, das sie ihren Schülern vermitteln wollten, sei Scheinwissen; zudem hätten die Sophisten kein Interesse an der Wahrheitsfindung, seien deshalb zu einem philosophischen Gespräch untauglich und verwendeten die Rhetorik ausschließlich zum persönlichen Vorteil. Philosophie hingegen bedeutet Streben nach Einsicht in das, was ist. Unter dem, was ist, oder dem Seienden sind nicht die Gegenstände der Sinneswahrnehmung zu verstehen; Sein bedeutet bei Platon ebenso wie bei Parmenides ›unveränderlich bestehen‹. Zu diesem unveränderlich Bestehenden dringen wir niemals mit Hilfe der Sinneswahrnehmung vor, sondern nur durch intuitive Vernunfteinsicht, die sich von der Sinneswahrnehmung und allen Begierden und Affekten des Leibes freimacht. Befreiung der Seele vom Leib ist Sterben. Philosophie als Streben nach Seinserkenntnis ist also Streben nach dem Tod. Solange die Seele mit dem Leib verbunden ist, sind wir zwar der Erkenntnis des Seienden am nächsten, wenn die Seele soweit wie möglich die Gemeinschaft mit dem Leib aufgibt; aber die mit dem Leib vereinigte Seele kann sich, solange sie mit dem Leib vereinigt ist, nie so auf sich zurückziehen, dass die Gemeinschaft mit dem Leib nicht mehr besteht. Völlige Erkenntnis des Seienden ist erst dann möglich, wenn die Seele nicht mehr mit dem Leib vereinigt ist, d. h. nach dem physischen Tod. Hieraus darf nicht gefolgert werden, der Philosoph solle sich selbst umbringen, um die erstrebte Vernunftschau möglichst schnell zu erlangen. Dass die Seele in den Leib gleichsam eingekerkert ist, beruht auf einer übermenschlichen, einer göttlichen Verfügung; daher muss sie so lange im Körper verweilen, bis die Götter verfügen, dass sie aus ihm befreit wird. Philosophie als Streben nach dem Tod ist zugleich Streben nach Angleichung an das Immerwährende, Unveränderliche, über das Menschen keine Gewalt besitzen, an das Göttliche (göttlich heißt alles, das menschlicher Verfügungsgewalt entzogen ist). Also ist Philosophie Angleichung an das Göttliche. Die so verstandene Philosophie entfaltet sich in vier Bereichen: Seinslehre, Anthropologie, Staatslehre, Kosmologie.

Seinslehre: Dass Platon unveränderlich Seiendes, die Ideen ansetzt, ergibt sich aus dem Problem allgemein gültiger Aussagen. Allgemein gültige Aussagen haben weder in der Sinneswahrnehmung, die es stets mit Veränderlichem zu tun hat, noch in den sich wandelnden Meinungen der Menschen einen Halt. Andererseits gibt es allgemein gültige Aussagen; als Beispiel diene der Satz 7 + 5 = 12. Dieser Satz ist innerhalb eines dekadischen Zahlensystems unveränderlich wahr. Also muss auch der in diesem Satz ausgesagte Sachverhalt unveränderlich sein. Da es in der veränderlichen Welt nichts Unveränderliches gibt, besteht das Unveränderliche nicht in Raum und Zeit, sondern getrennt von ihnen. Zwar ist das Mathematische unveränderlich und somit unentstanden und unvergänglich, aber innerhalb des Mathematischen gibt es viel Gleichartiges und dieses Gleichartige ermöglicht es dem Mathematiker, in der Arithmetik, Geometrie, Stereometrie (von der Platon jedoch sagt, sie sei noch sehr wenig entwickelt), Astronomie und Harmonielehre, deren Gegenstand vornehmlich die Sphärenharmonie ist, seine Berechnungen durchzuführen. Mathematische Erkenntnis übersteigt die Sinneswahrnehmung, kann sich aber nicht gänzlich von ihr lösen, weil diskursiv-mathematisches Denken, von Platon dianoia genannt, immer an die Vorstellungskraft gebunden bleibt. Deswegen ist mathematische Erkenntnis nicht das von jeder Sinneswahrnehmung gelöste reine Denken. Intuitive Vernunftschau (noesis ) transzendiert nicht nur die Sinneswahrnehmung, sondern auch die dianoia und ihren Bereich; sie dringt im Ausgang vom Mathematischen, das ihr als »Stufen und Ausgangspunkte« (hypotheseis ) dient, in den Bereich der an sich bestehenden Wesenheiten (Ideen) vor. Seinsmäßig unterscheiden sich die Ideen vom Mathematischen dadurch, dass jede Idee einmalig und unwiederholbar ist und es bei den Ideen keine Gleichartigkeit wie im Mathematischen gibt. Die durch die Sinne erfahrbare Welt verhält sich zu den Ideen wie das Abbild zum Urbild, woraus sich ergibt, dass in den Ideen in urbildhafter Weise alles enthalten ist, was die Dinge der Erfahrungswelt in der Weise von Abbildern sind. Alle Gattungen und Arten der Erfahrungswelt sind jeweils durch Teilhabe an einer Idee konstituiert; jedes Individuum einer Art hat darüber hinaus jeweils an so vielen Ideen teil, wie es Eigenschaften besitzt. Hierbei ist wesentliche und unwesentliche Teilhabe zu unterscheiden. Teilhabe ist bildhafter Ausdruck dafür, dass die Ideen die Kräfte sind, welche die erfahrbaren Dinge formen, und dass diese, solange sie existieren, in Beziehung zu den Ideen stehen. Eine Idee ist immer dann anzusetzen, wenn das Denken eine Einheit in der Vielheit erfasst, woraus sich ergibt, dass es Ideen nicht nur der Naturdinge und des ethischen und ästhetischen Bereichs gibt, sondern auch von Produkten der Kunst und Technik, weiterhin von Hässlichem, Schädlichem und Bösem. Die Ideen selbst stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander; übergeordnete Ideen enthalten in sich die gesamte Seinsfülle der untergeordneten. Zehn höchste Ideen entsprechend der ersten Dekade der natürlichen Zahlen, nahm Platon an, ferner gibt es größte Seinsbereiche, von denen er sechs nennt: Seiendes, Ruhe, Bewegung (= Relation der Ideen zueinander), Identität, Andersheit, Proportion. Leben und Denken kommen der Ideenwelt in eminenter Weise zu. Absolut höchstes Prinzip, das sogar den Ideenkosmos transzendiert, ist das Gute oder Eine; ihm steht das Vielheitsprinzip, die unbegrenzte Zweiheit, gegenüber. Die Methode der Ideenerkenntnis ist die Dialektik, die vom Mathematischen ausgehend in die Ideenwelt vordringt und im zergliedernden (dihairetischen) Abstieg in der Ideenregion verweilt; die gewonnenen Einsichten werden freilich in der Sprache der dianoia formuliert, die uns Menschen gemäß ist. Das höchste Prinzip kann nur durch Verneinungen umschrieben werden; auch ›Gutes‹ und ›Eines‹ bezeichnen es nicht adäquat. Mit dem Phaidon liegt die Ideenlehre vollständig vor; in den späteren Schriften werden Teilprobleme geklärt.

Anthropologie: Schon in den Frühschriften gilt die Frage nach der Beschaffenheit der Seele, die der eigentliche Mensch ist, als eine der wichtigsten philosophischen Fragen; zu einem eigenen Thema wird sie im Zusammenhang mit der Ideenlehre. Die Ideen können nur durch etwas erkannt werden, das ihnen ähnlich und verwandt ist. Das bedeutet nicht, dass die Seele eine Idee ist, sondern dass sie wie die Ideen ewig ist, sowie vor der Verbindung mit einem menschlichen oder tierischen Leib entsprechend ihrer Wahl und nach der Trennung von ihm existiert. Dem Nachweis dieses Sachverhalts sind umfangreiche Teile der platonischen Schriften gewidmet. Alles Lernen im Bereich der Mathematik, der Ideen- und Prinzipienlehre ist Wiedererinnerung (anamnesis ) an das, was die Seele vor dem Eintritt in den Leib geschaut hat. Wenn die Seele sich fortwährend dem Unveränderlichen zuwendet und sich hierdurch über die Körperwelt erhebt, stößt sie nach dem leiblichen Tod die Zusätze ab, die sich aufgrund der Vereinigung mit dem Leib an ihr festsetzen, nämlich den mutig-zornigen und den begehrenden Seelenteil. Diese beiden vernunftlosen Seelenteile sind das Sterbliche an der Seele, das indessen so an ihr haften kann, dass die Seele bei der Trennung vom Leib nicht von ihm frei wird. Während der Vereinigung mit dem Leib ist für den besten Zustand, für die arete der Seele zu sorgen: Wenn der vernünftige Seelenteil weise, tapfer und besonnen, der mutig-zornige tapfer und besonnen, der begehrende besonnen ist, ist die Seele als Ganze gerecht. Gerechtigkeit als umfassende ethische Vortrefflichkeit bedeutet: »Das Seine tun und nicht vielgeschäftig sein«.

Staatslehre: Jeder Staat ist so beschaffen, wie die Seelen seiner Bürger beschaffen sind. Der beste Staat, der ein unerreichbares Ideal ist, hat drei Stände, die der uneingeschränkt guten Seele entsprechen: Philosophenherrscher, ein kleines Heer zur Verteidigung, werktätige Bevölkerung. Diese drei Stände sind durchlässig, d. h. jeder soll in den Stand aufgenommen werden, für den er am besten geeignet ist. Männer und Frauen sind ohne Einschränkung gleich gestellt. Für die Regenten und die Angehörigen des Heeres gelten absolute Besitzlosigkeit sowie Frauen- und Kindergemeinschaft; die Familie im herkömmlichen Sinne und auch Eigentum gibt es im werktätigen Stand. Militärherrschaft, Herrschaft des Kapitals, gesetzlose Demokratie und Tyrannei sind die Verfallsstufen des Philosophenstaates, insofern die Herrschaft auf den mutig-zornigen und auf den vielgestaltigen begehrenden Seelenteil übergeht. In den Gesetzen entwirft Platon einen Gesetzesstaat als eine Mischung aus Monarchie und Demokratie. Unter anderem Aspekt führt er im Politikos den absolut guten Staat des Philosophenherrschers, der über den Gesetzen steht, und drei relativ gute Staatsformen vor: Gesetzestreue Königsherrschaft, Aristokratie und Demokratie. Ihnen entsprechen drei schlechte Formen: Gesetzlose Demokratie, die von den schlechten Formen die beste ist, Oligarchie (Kapitalistenherrschaft) und Tyrannei.

Die im Timaios entfaltete Kosmologie steht in enger Verbindung mit der Ideen- und Prinzipienlehre. Der Weltgestalter (Demiurg) als vernünftig wirkende Ursache formt aufgrund seiner Gutheit, an der er alles teilnehmen lassen will, das durch Unordnung charakterisierte materielle Prinzip im Hinblick auf den Ideenkosmos, der das vollkommene intelligible Lebewesen ist und alle intelligiblen Lebewesen, nämlich die Ideen, in sich enthält. Hieraus ergibt sich: Da es nur eine Ideenwelt gibt, gibt es auch nur eine sichtbare Welt. Sie ist der Ideenwelt möglichst ähnlich, zwar entstanden, aber in ihrer Gesamtheit unvergänglich, weil dies dem Wunsch des Demiurgen entspricht, und hat die vollkommene Kugelgestalt. Mit der Ordnung des Weltalls entsteht die Zeit als in bestimmten Maßen fließendes Abbild der in Einheit beharrenden Ewigkeit. Grundbausteine aller geformten Materie sind kleinste, stereometrisch geformte Körper, die Elementarkörper; das Feueratom ist eine Pyramide, das Erdatom ein Würfel, die zwischen Feuer und Erde vermittelnden Luft- und Wasseratome sind achtflächige und zwanzigflächige regelmäßige Körper. Unklar ist die Bedeutung des fünften Elements, des regelmäßigen zwölfflächigen Körpers. Alle diese stereometrischen Gebilde sind entsprechend der Dimensionenfolge auf zwei Elementardreiecke zurückzuführen. Bewegende Kraft des Kosmos ist die Weltseele, die den Kosmos von innen und außen zusammenhält, geometrisch strukturiert und vielfältig aus dem Unteilbaren der Ideen und dem Teilbaren der stofflichen Welt gemischt ist und deshalb Ideen und Körper erkennen kann. Die Einzelseelen bestehen aus den gleichen Bestandteilen wie die Weltseele, sind aber von minderer Qualität; ihre Teile sind im Kopf, in der Brust und zwischen Zwerchfell und Nabel angeordnet. Weitere Untersuchungen betreffen die Organe des menschlichen Körpers und ihre Funktionen, seelische und körperliche Krankheiten und ihre Heilung.

Platonis opera rec. I. Burnet , Oxford 1900 ff.

Platon , Werke in acht Bänden, griech. u. deutsch, 2. Aufl. Darmstadt 1990

K. Bormann, Platon , 3. Aufl. Freiburg / München 1993

K. Gaiser, Platons ungeschriebene Lehre , 2. Aufl. Stuttgart 1968

J. Halfwassen, Der Aufstieg zum Einen. Untersuchungen zu Platon und Plotin , Stuttgart 1992

H. J. Krämer, Arete bei Platon und Aristoteles. Zum Wesen und zur Geschichte der platonischen Ontologie , 2. Aufl. Amsterdam 1967

G. Reale, Zu einer neuen Interpretation Platons. Eine Auslegung der Metaphysik der großen Dialoge im Lichte der ›ungeschriebenen Lehre‹ , Paderborn 1993

T. A. Szlezák, Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie , Berlin / New York 1985

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt