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Prof. Dr. Karl Bormann

Nikolaus von Kues

(1401–1464): Geboren in Kues an der Mosel, gestorben am 11. 8. in Todi in Umbrien, auch genannt Nicolaus Cusanus, Nicolaus de Cusa, Familienname Chryfftz oder Krebs. Er war Kardinal und päpstlicher Legat, hinterließ ein umfangreiches Werk von philosophisch-theologischen, kirchen- und staatstheoretischen, mathematisch-naturwissenschaftlichen Schriften sowie ca. 300 Predigten. Hauptthemen seines philosophisch-theologischen Denkens, das in hohem Maße vom Platonismus geprägt ist, sind Gott, Universum, Mensch. Die Existenz Gottes und die Trinität werden vorausgesetzt; sie können nicht Gegenstand rationaler Argumentation sein. Unser gesamtes Bemühen um Erkenntnis beruht auf der Voraussetzung, dass das uns Bekannte zu dem Unbekannten zwar nicht in einem messbaren Verhältnis, aber doch in einem solchen Bezug steht, dass das Unbekannte in Analogie zum Bekannten annäherungsweise bestimmt werden kann. Hierbei handelt es sich nicht um das Kennenlernen empirischer Fakten, sondern um den Versuch der Wesenserkenntnis. Adäquat erkennbar ist etwas nur durch den Intellekt, dem es das Sein verdankt. Das Mathematische ist eine Schöpfung des menschlichen Geistes, der als lebendiges Abbild des göttlichen Geistes dessen Schöpfertätigkeit nachahmt, und ist daher für den menschlichen Geist vollständig erkennbar; demzufolge hat jedes Suchen nach Wesenserkenntnis vom Mathematischen auszugehen. Erkennen vollzieht sich im Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten; der Erkenntnisprozess ist Setzen von vergleichenden Beziehungen, wobei Deckungsgleichheit des Verglichenen nie in einem Verfahren erreicht werden kann, das zwar vom Mathematischen ausgeht, aber nicht im Mathematischen endet. Folglich ist jede angestrebte Wesenserkenntnis durch zweierlei charakterisiert: 1. Höchste Genauigkeit des Erkennens ist unmöglich, Erkennen ist letztlich Nichtwissen (ignorantia ); 2. die höchste erreichbare Genauigkeit der Erkenntnis oder des Wissens ist dann gegeben, wenn der erkennende Geist einsieht, dass alles Wissen Unwissen ist (ausgenommen hiervon ist die Mathematik), und dann ist sein Unwissen belehrte Unwissenheit (docta ignorantia ). Belehrte Unwissenheit ist Ausgangspunkt einer mystischen Theologie, die fortwährendes Bemühen um Erkenntnis erfordert und zu dem Wissen gelangt, dass Gott nicht gewusst werden kann. Besteht schon im Bereich der uns umgebenden Körperwelt die Unmöglichkeit genauer Wesenserkenntnis, so vornehmlich dann, wenn das Erkennen im Ausgang von gesetzten Zeichen (dem Mathematischen), die immer endlich sind, zu Gott als dem aktual Unendlichen vordringen will. Das aktual Unendliche ist unerkennbar, weil es sich jedem Vergleich entzieht; denn das Unendliche steht in keinem messbaren Verhältnis zum Endlichen. Hieraus ergibt sich die Regel der belehrten Unwissenheit: Wo es Überschreitendes und Überschrittenes, Mehr oder Weniger gibt, gelangt man nicht zum einfachhin Größten, da Überschreitendes und Überschrittenes, Mehr oder Weniger endliche Größen sind. Für die Wahrheitsfindung ergibt sich: Die Wahrheit lässt kein Mehr oder Weniger zu – es geht hierbei vornehmlich um die ontologische Wahrheit (rerum veritas ), welche die Wesenheit der Dinge ist –, daher ist die Wahrheit und Wesenheit des Seienden als einfachhin Größtes identisch mit dem aktual Unendlichen, das von keinem endlichen Geist erfassbar ist. Menschliches Bemühen um Erkenntnis ist zwar ein beständiger Annäherungsprozess an das Gesuchte, es gibt zweifellos Fortschritte in der Erkenntnis; aber keine Erkenntnis ist so genau, dass sie nicht noch genauer sein könnte. Mit dieser Feststellung begnügt Nikolaus von Kues sich nicht. Das einfachhin Größte gestattet keinen vergleichenden Bezug zu anderem, es steht über jedem Gegensatz; es ist alles, was sein kann und was es sein kann. Hieraus folgt: Das einfachhin Größte ist das, demgegenüber nichts Größeres sein kann. Des Weiteren kann es selbst nicht größer sein als es ist, weil es alles ist, was es sein kann und was sein kann; aus demselben Grund kann es auch nicht kleiner sein. Das aber, was nicht kleiner sein kann, ist das uneingeschränkt Kleinste. Somit ist das absolut Größte ineins auch das absolut Kleinste. Der Zusammenfall des absolut Größten mit dem Kleinsten ist ein Beispiel für den von Nikolaus behaupteten Zusammenfall aller möglichen konträren und kontradiktorischen Gegensätze im uneingeschränkt Größten. Diese Lehre vom Zusammenfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum ) im einfachhin Größten oder aktual Unendlichen besagt keineswegs, dass in Gott das Endliche mit dem Unendlichen koinzidiere in der Weise, dass das Endliche selbst Unendliches oder das Unendliche Endliches werde; das Verursachte ist nicht in seiner Vielheit und Gegensätzlichkeit in der Ursache, sondern insofern, als die eine Ursache das viele Verursachte in sich schließt, ohne etwas von dem Verursachten zu sein oder zu werden. Hier offenbart sich kein Mangel an logischem Denken, sondern ein Philosophieren, das schwierigste Gedankengänge in immer neuen Ansätzen verdeutlichen will und auf ein nicht begreifendes Sehen oder Schauen Gottes hin tendiert, das über jedes Wissen hinausgeht. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ist kein universales Seins- oder Erkenntnisprinzip; er gilt nur für den Bereich des Verstandes (ratio ); die Vernunft (intellectus ) erhebt sich über den Verstandesbereich zur Koinzidenz der Gegensätze. Ihre Methode ist das ›Erforschen im Symbol‹ (symbolice investigare ). Ausgangspunkt sind gezeichnete mathematische Figuren wie Linie, Dreieck, Kreis und Kugel. Ein erster Überstieg (transcensus ) ist von den gezeichneten Figuren zu den nur denkbaren mathematischen Gebilden zu vollziehen, deren Eigenschaften und Wesensbeschaffenheiten zu untersuchen sind. Alsdann wird in einem zweiten transcensus das Mathematische verlassen; die Beschaffenheiten der mathematischen Gebilde werden auf aktual unendliche Figuren übertragen. Das geschieht beim Dreieck in der Weise, dass die Winkel und die Seiten als unendliche gesetzt werden; denn jeder Teil des Unendlichen ist selbst unendlich. Die Peripherie des unendlichen Kreises ist die aktual unendliche Gerade; Mittelpunkt und Durchmesser des unendlichen Kreises sind mit der unendlichen Geraden identisch. Das Ergebnis dieses Verfahrens ist eine aktual unendliche Linie, die zugleich Dreieck, Kreis und Kugel ist. Nun erfolgt in einem dritten transcensus die Übertragung der Beschaffenheiten der unendlichen Figur auf das aktual Unendliche selbst in seiner Gelöstheit von allem Figürlichen. Hieraus ergeben sich Nikolaus von Kues zufolge Einsichten in das Wesen des Mathematischen. Das durch den zweiten transcensus erreichte unendliche Gebilde ist alles in Wirklichkeit, was die endlichen mathematischen Figuren sein können, und zwar so, dass die Möglichkeit der endlichen Figuren aus der Wirklichkeit der unendlichen Figur hervorgeht, die aber aufgrund ihrer Unendlichkeit von den endlichen Figuren durch einen unendlichen Abstand getrennt ist. Entscheidend sind indessen die Einsichten in der Weise des »nicht begreifenden Erkennens«, die sich durch den Überstieg zum nicht figürlichen Unendlichen ergeben: Es ist in unendlicher Weise alles in Wirklichkeit, was das Endliche in endlicher Weise ist; es ist Wesensgrund von allem und somit das Sein der Seienden. Das Sein der endlichen Dinge ist auf eine für uns unbegreifliche Weise vom absoluten Sein verursacht. Verdeutlicht wird dies durch das der Schule von Chartres entnommene Begriffspaar »Einfaltung – Ausfaltung« (complicatio – explicatio ) und durch die Lehre von den vier Einheitsregionen. Gott als das Sein der Seienden und als unendliche Einheit schließt alles in sich zur Einheit zusammen. Das wird von Nikolaus »Einfaltung« genannt und durch Beispiele erklärt: Die Eins als Prinzip der Zahl ist »Einfaltung der Zahl«; der Punkt ist Einfaltung von Linie, Fläche und Körper. Wie beim Zählen die Eins in Vielheiten ausgefaltet wird und zugleich die Vielheiten zu neuen Einheiten zusammengefasst werden und wie entsprechend der Dimensionenfolge die Linie erste Ausfaltung des Punktes ist, Fläche und Körper zweite und dritte Ausfaltungen sind, so entsteht bei der Ausfaltung der unendlichen Einheit die Vielheit der abgestuften Einheiten, der Geschöpfe. Ohne die unendliche Einheit sind die Geschöpfe nichts; die Vielheit der Dinge entsteht dadurch, dass Gott im Nichts ist, was unbegreiflich ist; denn das Nichts hat kein Sein. Zweifellos existieren die Geschöpfe, aber wir haben keine Möglichkeit, ihr Sein, das Abhängigsein ist, zu erkennen. Ausfaltung ist zugleich »Einschränkung« (contractio ): Jedes Individuum ist Einschränkung der Seinsstufe, zu der es gehört; dasselbe gilt jeweils für die untergeordneten Seinsstufen im Hinblick auf die übergeordneten; und keine übergeordnete Seinsstufe wird in dem ihr Untergeordneten zu dem, was sie selbst ist. Erste Ausfaltung der unendlichen Einheit oder des uneingeschränkt Größten ist das Universum; es ist in eingeschränkter Weise Sein und Wesenheit aller Dinge. Während Gott als das uneingeschränkt Größte ohne die Geschöpfe sein kann, kann das Universum nicht ohne die erschaffenen Seienden sein; denn diese sind Teile des Universums. Mit dem Universum erlangten also auch seine Teile Sein, und das Universum als erste Einschränkung der unendlichen Einheit ist in allen seinen Teilen in eingeschränkter Weise das, was jedes Einzelne in eingeschränkter Weise ist. Aufgrund dessen schließt jedes Seiende alle Einschränkungen in sich ein und ist auf diese Weise alles. Die Einheit des Universums besteht aus Möglichkeit, Wirklichkeit und Verknüpfung; diese drei sind immer miteinander verschränkt und in der Verschränkung sind sie eine allgemeine Seinsweise. Die Anwendung der Regel der belehrten Unwissenheit auf die Kosmologie ergibt: Weder die Erde noch sonst ein Planet oder Fixstern kann Mittelpunkt der Welt sein. Da die Welt keinen Mittelpunkt hat, kann sie auch nicht kugelgestaltig sein; sie ist zwar nicht aktual unendlich, hat aber keine Grenzen, innerhalb deren sie eingeschlossen wäre. Die Erde ist ein Stern unter Sternen; sie kann nicht kugelförmig sein, wenngleich sie sich der Kugelgestalt nähert. Des Weiteren kann sie nicht ohne Bewegung sein; denn nichts in der Welt befindet sich in absoluter Ruhe. Bewegung ist immer nur als relative Bewegung erkennbar. Die Auffassung, dass es Lebewesen auf anderen Sternen gibt, wird akzeptiert. Dieses alles versteht Nikolaus als »Aussagen, die an der Wahrheit, wie sie ist, in Andersheit teilhaben«. – In der Selbstreflexion begreift der menschliche Geist (mens ) sich als vierfache Einheit; er umgreift alles in der Weise des uneingeschränkten Schauens (visio absoluta ), in der Weise der Vernunft, des Verstandes und der Sinne. Den vier Erkenntnisweisen entsprechen vier Abstufungen der Wahrheit: 1. Die absolute Wahrheit (veritas ) ist bezüglich der nicht von unserem Geist geschaffenen Seienden unerreichbar. 2. Vernunfterkenntnis ist die höchste Weise der Annäherung an die bewusstseinsunabhängigen Dinge; sie erkennt die Koinzidenz der Gegensätze und erfolgt »in wahrer Weise« (vere ). 3. Verstandeserkenntnis ist an den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch gebunden und vollzieht sich »in einer dem Wahren ähnlich Weise« (verisimiliter ). 4. Am weitesten von der Wahrheit entfernt ist die Sinneswahrnehmung, die das Veränderliche jeweils in seinem Hier und Jetzt erfasst und der die Gründe der Phänomene nie präsent werden. Den vier Erkenntnisbereichen entsprechen vier metaphysische Einheitsregionen: Gott, Intelligenz, Seele, Körper. Unterscheidungsprinzip ist die Andersheit (alteritas ), die indessen kein Seinsprinzip ist und kein Seinsprinzip hat; sie ist gleichsam der Schatten des Nichts, der über die drei geschaffenen Einheitsregionen ausgebreitet ist und in jeder höheren Einheit schwächer wird. Gott selbst ist frei von Andersheit.

Die Welt als das eingeschränkt Größte erreicht ihre gesamte Wesensfülle weder in Gott, weil sie dann nicht mehr Welt, sondern Gott wäre, noch in den einzelnen Seienden, weil diese Einschränkungen von Welt sind. Somit erfordert die Welt etwas, das ineins eingeschränkt und nicht eingeschränkt, endlich und unendlich ist. Dieses ist der Gottmensch, der als Gott die absolute Einheit selbst ist, als Mensch aber in der Welt ist. In ihm erlangt die Welt ihre Seinsfülle. Dieser Ansatz führt zu einer philosophisch begründeten Christologie.

Nicolai de Cusa opera omnia iussu et auctoritate Academiae Litterarum Heidelbergensis ad codicum fidem edita , Leipzig [später Hamburg] 1932 ff.

Schriften des Nikolaus von Kues in deutscher Übersetzung , Leipzig [später Hamburg] 1936 ff.

Acta Cusana, Quellen zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues , im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hg. v. E. Meuthen / H. Hallauer, Hamburg 1976 ff.

Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft , Mainz [später Trier] 1961 ff.

E. Meuthen, Nikolaus von Kues 1401–1464 , 7. Aufl. Münster 1992

H. G. Senger, Nikolaus von Kues , in: Theologische Realenzyklopädie 24, 1994, S. 554–564

H. G. Senger, Ludus sapientiae: Studien zum Werk und zur Wirkungsgeschichte des Nikolaus von Kues , Leiden / Boston / Köln 2002

K. Bormann, Nikolaus von Kues , in: Großes Werklexikon der Philosophie hg. von F. Volpi, 1090–1099, Stuttgart 1999

M. de Gandillac, Nikolaus von Cues, Studien zu seiner Philosophie und philosophischen Weltanschauung , Düsseldorf 1953

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt