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Prof. Dr. Johannes Kreuzer

Nietzsche, Friedrich Wilhelm

(1844–1900): Geboren am 15. 10. in Röcken bei Lützen; von 1858 bis 1864 Gymnasium in Schulpforta; 1864 bis 1867 Studium in Bonn und Leipzig; 1869 außerordentlicher, 1870 ordentlicher Professur für klassische Philologie in Basel, Umgang mit Burckhardt und Overbeck; seit 1869 enge Beziehung zu, 1878 Bruch mit Richard Wagner und Cosima von Bülow; 1879 Niederlegung der Professur; am 3. Januar 1889 geistiger Zusammenbruch in Turin, in Weimar am 25. August 1900 gestorben. – Das in einem relativ kurzen Zeitraum entstandene Werk Nietzsches lässt sich in drei Phasen gliedern. Die erste ist die der Geburt der Tragödie . Die Unzeitgemäßen Betrachtungen , Menschliches, Allzumenschliches , Morgenröte und die Fröhliche Wissenschaft bilden den Übergang zum Hauptwerk Zarathustra . Dem schließen sich in einer dritten Phase Jenseits von Gut und Böse als das Vorspiel einer Philosophie der Zukunft und in immer gedrängterer Folge Zur Genealogie der Moral , Der Fall Wagner , die Götzen-Dämmerung , Nietzsche contra Wagner , Ecce homo , Der Anti-Christ – die einzige realisierte Schrift des Projekts einer »Umwertung aller Werte« – und die Dionysos-Dithyramben an. Begleitet wird Nietzsches Werk von 1869 bis 1889 von einer Vielzahl von Aphorismen, die den philosophischen Nachlass bilden. Aus diesen Nachlass-Fragmenten wurde zu Beginn des 20. Jhs. der Wille zur Macht – für Nietzsche selbst kein abgeschlossenes Buch, sondern ein programmatisches Stichwort – kompiliert. Diese Kompilation ist beispiellos verfälschend. Aber sie hat die Rezeption Nietzsches nachhaltig beeinflusst. Erst seit dem Erscheinen der Kritischen Gesamtausgabe (1967 ff.) – und für die breitere Öffentlichkeit seit dem Erscheinen der Kritischen Studienausgabe (1980) – liegt eine befriedigende Edition der Nachlassfragmente und damit eine zuverlässige philologische Basis für die Auseinandersetzung mit Nietzsche vor.

Nietzsche, der sich als »letzten Jünger des Philosophen Dionysos« bezeichnete, ist Seismograph und Kritiker seiner Zeit und einer der radikalsten Dialektiker der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung). Seine Stilmittel sind Fragment und Aphorismus. Daraus und aus der dem Geist der Musik verpflichteten expressiven Sprache Nietzsches dürfte sich der Reiz seines Werkes erklären. Er benutzt Sprache nicht als Instrument, sondern gebraucht sie als Akt der Vermittlung seiner ›Lehren‹. Wie bei Hamann, dem ersten Metakritiker der Kritik der reinen Vernunft , ist Nietzsches Werk Zeugnis einer ›Autorhandlung‹. Die vorgebrachten Lehren sind deshalb von der Art ihres Erscheinens nicht zu lösen und manches Missverständnis entsteht durch ein buchstäbliches Verständnis von aus ihrem meist polemischen Zusammenhang gelösten Sätzen.

Grundlegend für Nietzsches Werk und Philosophie ist die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik . Die Geburt der Tragödie ist die genealogische Deutung ihres Ursprungs in Mythos und Kultus. Nietzsche deutet mittels dieses dionysischen Phänomens die Tragödie als Ausdruck und als jenen Akt »tragischer Erkenntnis«, in dem Dionysisches und Apollinisches zusammengehören. Es sind zwei Aspekte ein- und derselben kulturgeschichtlichen Entwicklung, die mit der dithyrambischer Begeisterung entwachsenden Tragödie einsetzt. Die ›plastische‹ Erscheinungsform (der schöne Schein) des Apollinischen und der ›musikalische‹ Grund des Dionysischen sind weder zwei verschiedene Kunstformen, noch folgen sie in zeitlicher Hinsicht aufeinander. Sie gehören vielmehr wesentlich zusammen. Nietzsche erläutert das am Mythos von Dionysos-Zagreus, der aus seiner Zerstückelung und Zerrissenheit von Apollo wieder zusammengesetzt wird. Apollo (als Vergöttlichung des principium individuationis ) und Dionysos (als Gott des Rausches, des Leidens und des Leidenkönnens, des Selbstverlustes) sind die beiden einander bedingenden Momente dessen, was Nietzsche als die eigentlich metaphysische Tätigkeit des Menschen denkt. Nicht die Moral, d. h. die Bildung einer intelligiblen Hinterwelt, sei die eigentlich metaphysische Tätigkeit, sondern die Kunst. Vor dem Hintergrund dieser Metaphysik der Kunst ist auch der zweideutige Satz zu verstehen, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Welt »ewig gerechtfertigt« ist – ein Satz, der zeigt, dass Nietzsches Philosophie dem Denken und der Epoche des Jugendstils wesentlich angehört. Die Geburt der Tragödie ist Nietzsches erster Versuch, die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen und die Kunst unter der des Lebens. Damit hängt die ›antisokratische Tendenz‹ des Buches zusammen, die das wissenschaftliche Denken nicht als Lösung, sondern selbst als Problem sieht. Philosophischer Kronzeuge dieser antisokratischen »Artisten-Metaphysik« ist Heraklit. Auf ihn, insbesondere sein Fragment B 52, in dem die weltbildende Kraft mit einem Kind verglichen wird, das spielend Steine hin- und hersetzt und Sandhaufen aufbaut und zerstört, beruft sich Nietzsche, indem er das Aufbauen und Zertrümmern der Individualwelt als den Ausfluss einer Urlust – an ihre Stelle wird die Formel vom Willen zur Macht treten – denkt. Die (Be-)Deutung dieses Fragments von Heraklit bleibt grundlegend für Nietzsches Werk bis zum Ende.

Das gilt insbesondere für sein Hauptwerk Also sprach Zarathustra mit den kontrovers diskutierten Lehren von der »ewigen Wiederkunft«, vom »Übermenschen« und vom »Willen zur Macht«. Insbesondere die magische Formel des ›Willen zur Macht‹ ist zugleich eine der missverständlichsten. Denn sie steht nicht für den höchsten Willen eines Subjekts, das sich der Dinge bemächtigt. Der ›Wille zur Macht‹ meint vielmehr ein »heiliges Ja-Sagen«: jenen Gedanken, den Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft als das »größte Schwergewicht« bezeichnet. Es ist ein Ja-Sagen zum Werden der zeitlich veränderlichen Welt und das seiner selbst bewusste, sich selbst durchschauende Wollen, dass diese Welt des Werdens unendlich viele Interpretationen einschließt. Nietzsches Kritik der »zweitausendjährigen abendländischen Philosophie« ist eine Kritik bedeutungsplatonistischer »Hinterweltlerei«, die jenseits dieser Welt und ihres prozesshaften Werdens eine wahre und unveränderliche Welt des Intelligiblen und der Wahrheit (Ideen) ansetzt: Was Nietzsche als Moral bzw. Nihilismus kritisiert, sind Formen solcher Hinterweltlerei. Prototypisch für diese Kritik ist das Stück Von den drei Verwandlungen im Zarathustra . Beschrieben wird die Genealogie des sich durch selbst produzierte Hinterwelten und selbst verschuldete Unmündigkeiten abarbeitenden Geistes: Zunächst wird er zum ‹Kamel‹, das die Moral trägt, dann zum ›Löwen‹, der gegen dieses niederdrückende Jenseits moralischen Sollens protestiert und der die Position des ›Ich will‹ markiert, um schließlich zum ›Kind‹ zu werden, mit dem das heilige Ja-Sagen zum Spiel des Werdens gemeint ist. Die Rede vom Übermenschen als dem Sinn der Erde meint dieses Ja-Sagen und bedeutet keine Übersteigerung des Wollens, sondern dessen Selbsterkenntnis. Das ist der springende Punkt nicht nur des programmatischen Stichworts ›Wille zur Macht‹, sondern auch grundlegend für den Gedanken der ewigen Wiederkunft. Dieser lässt sich als die ewige Wiederkehr des Gleichen in dem Sinn verstehen, dass Welt als ein perpetuum mobile des Immergleichen zu denken ist. Die Pointe des Gedankens ewiger Wiederkunft liegt aber darin, dass jeder Augenblick in seiner Einzigartigkeit und Vergänglichkeit jedem anderen gleich ist. »In jedem Nu beginnt das Sein.« Es sind diese vorübergehenden »Augen-Blicke«, durch die das »Rad des Seins« als Prozess des Werdens läuft. Sie kehren ›ewig‹ wieder. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft ist der schöpferisch gedachter Ewigkeit. Ewigkeit ist das, was sich in der Zeit, im Werden und Vergehen und der dionysischen ›Zerrissenheit‹ der Dinge zeigt und wiederholt. Die Lust des Wollens ist das Ja-Sagen zu dieser ewigen Wiederkunft. Ihre Zeitform ist das Heute, in dem jeweils der große »Erden- und Menschenmittag« erscheint und die Welt vollkommen scheint. Mittag und Ewigkeit lautete der ursprüngliche Titel des Zarathustra .

Nietzsches Spätwerk ist Kritik. Seine Schwerpunkte bilden erstens die Kritik der Moral, zweitens die Kritik an der Fiktion, dass es – im Gegensatz zur scheinbaren Welt – eine ›wahre‹ gäbe und drittens die Kritik am Glauben an letzte (z. B. naturwissenschaftliche) Tatsachen und des Aberglaubens an das Ich mit seinem Willen. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass ›Welt‹ nichts Vorgegebenes, sondern etwas Produziertes ist: Erfahren und interpretieren fallen zusammen. Die Welt ist Interpretation. Die Faktizität der Welt ist Produkt der Perspektiven jeweiliger Auslegung und Interpretation. Aus dieser Einsicht in die jeweils mit zu beachtende Perspektivität des Erkennens ergibt sich Nietzsches Kritik der »Misch-Masch-Philosophie« der Positivisten wie seine Kritik der Reduktion von Philosophie auf Erkenntnistheorie. In seiner Kritik der Moral macht Nietzsche klar, dass die Behauptung ›objektiver‹ Wahrheit (und letztlich der Grund der Moral) tatsächlich die willentliche Verbergung von Interessen durch intelligible Hinter- oder Überwelten ist und damit Heuchelei. Die Versuchung, den Sinn der Welt jenseits dieser zu suchen und nicht in dieser Welt als einen Akt der Sinngebung zu erkennen, ist die »Circe der Philosophen«. Jenseits von Gut und Böse heißt damit die Perspektive, die moralischen Werte und Tugenden als Wertsetzungen und Moral als Geschichte der Umwertung von Werten selbst zu erkennen.

Nietzsches Kritik der Moral ist fundamentale Ideologiekritik, die es unternimmt, die Geschichte des Denkens als eines Organs der Herrschaft im Sinne der Dialektik der Aufklärung darzustellen. Polemischer Hauptbezugspunkt ist der Platonismus fürs Volk, als dessen Tradition die Geschichte ›des‹ Christentums – Nietzsche greift hier eine auf Augustinus zurückgehende Formulierung auf – gedeutet wird. Es sind dabei eminent christliche Motive, die Nietzsche in seiner Verurteilung des Christentums und als sein empfindlichster Seismograph mit Pathos gegen dessen geschichtliche Erscheinungsform wendet. Die ›wahre Welt‹ ist kein Jenseits, das auf diese Welt folgen würde. Aber nicht nur die ›Krudität‹ einer Trennung zwischen wahrer (jenseitiger) und scheinbarer (diesseitiger) Welt wird der Kritik unterworfen, sondern auch der »Subjekt- und Ich-Aberglaube«, d. h. die Vorstellung vom freien Willen, über den ein Ich wie über das Wollen selbst zu Zwecken der Herrschaft verfüge. Schon aus diesem Grund ist Nietzsches Formel vom Willen zur Macht nicht als Postulat höchster Gewalt zu verstehen, auch wenn dieses Missverständnis, das den ›Willen zur Macht‹ als äußerste Zuspitzung eines Beherrschenwollens deutet, durch manch berühmt-berüchtigtes Fragment nahe gelegt wird. Ein Ego als Substanz eines freien (oder unfreien) Willens und als dessen Subjekt zu denken, ist eine notwendige Projektion. Sie ist dem Glauben an die Grammatik, an das sprachliche Subjekt mit seinen Tätigkeitsworten und deren Objekten verpflichtet. Was Nietzsche mit Wille bezeichnet, meint aber keinen Singular und hat kein Subjekt. Der höchste Wille ist ein Wollen ohne Wille. Die Kräfte (Interessen, Bedürfnisse und Wille), die hierbei im Spiel sind und zum jeweiligen Handeln motivieren, gilt es zu erkennen. Denn es sind diese Kräfte der Welt des Werdens, die von dem, was wir als Subjekt denken – wie Dionysos von Apoll –, zu temporärer Identität zusammengefügt werden. Mit seiner Artisten-Metaphysik geht es Nietzsche um ein ›Ja-Sagen‹ zu dieser dionysischen Welt und – als rückhaltlose Erkenntnis – nicht um ein Weniger, sondern um ein Mehr an Erkenntnis.

G. Abel, Die Dynamik der Willen zur Macht und die ewige Wiederkehr , Berlin / New York 1984

T. Borsche, F. Gerratana, A. Venturelli (Hg.) ›Centauren-Geburten‹. Wissenschaft, Kunst und Philosophie beim jungen Nietzsche , Berlin / New York 1994

G. Figal, Nietzsche. Eine philosophische Einführung , Stuttgart 1999

V. Gerhardt, Vom Willen zur Macht , Berlin / New York 1996

M. Horkheimer, Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung , jetzt in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt/M. 1987

G. Wohlfart, »Also sprach Herakleitos«. Heraklits Fragment B 52 und Nietzsches Heraklit-Rezeption , Freiburg / München 1991

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt