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Dr. Hartmut Pätzold

Ethik

Es hat den Anschein, als ob die philosophische Ethik, die sich als Reflexion über Bedingungen, Prinzipien und Ziele menschlich-gesellschaftlichen Handelns versteht, angesichts des für die Spätmoderne charakteristischen Zusammenbruchs nahezu aller Orientierungsselbstverständlichkeiten seit den späten achtziger Jahren des 20. Jhs. immer mehr an Bedeutung für die Individuen und für die gesellschaftlichen Systeme insgesamt gewönne. Selbst in der politischen Diskussion über die abnehmende Bindekraft von Bräuchen, Sitten und Gewohnheiten taucht immer öfter die Forderung nach normativer Besinnung und Orientierung auf; Ethikunterricht wird als öffentliche Aufgabe definiert, weil das die westlichen europäischen Gesellschaften prägende multikulturelle Nebeneinander unterschiedlichster Sinnentwürfe dem einzelnen Menschen trotz der eher stärker gewordenen Verflochtenheit in übergeordnete wissenschaftlich-technische Evolutionsprozesse globalen Ausmaßes viel radikaler als in geschlossenen Gesellschaften die Möglichkeit vor Augen führt, sich in Spielräumen zu bewegen, in denen auf Grund verschiedenartiger Selbst- und Weltinterpretationen immer auch anders entschieden und gehandelt werden kann. Der Zwang, sich in solcher Vielfältigkeit zurechtfinden zu müssen, um dem möglichen Misslingen des individuellen Lebens zu entgehen, erzeugt ein Unbehagen, das durch Wegweisung gemildert oder sogar beseitigt werden soll. Es sind indes Zweifel angebracht, ob die in der philosophischen Ethik westlicher Prägung vorherrschenden kognitiven Orientierungsmodelle überhaupt der von einer verunsicherten Öffentlichkeit gewünschten Werteerziehung im erwarteten Umfang dienlich sein können.

Ethische Reflexionen bewegen sich auf vier Ebenenunterschiedlicher theoretischer Abstraktheit:

1. Die Fundamentalethikversucht durch ontologisch-normative, transzendentalphilosophische oder sozialtechnologische Reflexionen eine systematische Klärung der ethischen Grundlagenprobleme herbeizuführen. Sie analysiert die Bedingungen der Möglichkeit ethischer Theorien und unternimmt Letztbegründungsversuche, indem sie die Idee des Guten (Platon), den gutenWillen (Kant) oder das geglückte Leben (Aristoteles, Mill) zum Maßstab allen Handelns erhebt.

In diesem Zusammenhang werden auch drei wesentliche Prämissen ethischer Theoriebildung diskutiert: die Freiheitsprämisse, der zufolge der Mensch im Gegensatz zum Tier sich nicht ausschließlich instinkt- und triebgeleitet verhält, sondern Gestaltungsspielräume für sein Handeln besitzt; der Universalisierungsanspruch, der die prinzipielle Gleichartigkeit aller Menschen voraussetzt und dadurch bereits die Möglichkeit eines ethischen Relativismus bestreitet, und der Vernunftoptimismus, der die menschliche Vernunft grundsätzlich für fähig hält, eine Rangordnung von Handlungsnormen und -zielen zu bestimmen und sie in einer von allen Menschen nachvollziehbaren, widerspruchsfreien und deshalb einsehbaren Weise zu begründen. Der zunehmende Skeptizismus in Bezug auf die Allgemeingültigkeit von praxisbezogenen Erkenntnissen menschlicher Vernunft hat an die Stelle essenzialistischer Letztbegründungsversuche schon seit etwa 1900 vor allem im angelsächsischen Raum, aber auch im Umfeld des neupositivistischen Wiener Kreises um Carnap und Wittgenstein eine nicht metaphysische Variante der Metaethik treten lassen, die unter dem Namen analytische Ethik bekannt geworden ist. Ihre Vertreter konzentrieren sich auf die Analyse moralischer Aussagen in logischer, semantischer, pragmatischer oder linguistischer Hinsicht. Dabei wird der moralische Diskurs als unmittelbarer Ausdruck von Empfindungen angesehen und entweder in positivistischer Manier als sinnlos charakterisiert, weil er dem empirisch-wissenschaftlichen Rationalitätstypus von Aussagen nicht entspricht (so Ayer), oder aber als nur intuitiv zu begreifende Äußerung von Gefühlen beschrieben (so Moore und Stevenson), die durch eine willkürliche Setzung für Einzelne, eine Gruppe oder eine Gesellschaft imperativische Bedeutung gewinnen (so Searle und Hare).

Im Gegensatz zur sprachanalytisch verfahrenden Philosophie berücksichtigen die von Apel und Habermas entwickelten Modelle einer diskursethisch begründeten Handlungstheorie auch den kommunikativen Aspekt der Sprache, der sich nur einem hermeneutischen Zugang erschließt. Die Idee einer auf sprachlicher Verständigung beruhenden menschlichen Kommunikationsgemeinschaft, die in einer rationalen, auf universaler Verständigungs- und Geltungs-Gegenseitigkeit basierenden Argumentation mögliche und sinnvolle gesamtgesellschaftliche Handlungsziele ›aushandelt‹, hält an der Möglichkeit einer Vernunftethik auch unter den Bedingungen der Pluralisierung von Ansprüchen und Werten fest. Eine solche universalistische Makroethik (Apel) wird gegen die angloamerikanischen Verfechter von Ethnoethiken (z. B. MacIntyre) als unabdingbare Voraussetzung für eine gleichberechtigte Kooperation zwischen verschiedenen Kulturen und Ethostraditionen verstanden.

2. Die normative Ethik setzt mit ihrer dem Prinzip der rationalen Universalisierung verpflichteten Erörterung und Bewertung gesellschaftlich vermittelter Normen und Handlungsziele im Gegensatz zur Position der analytischen Ethik voraus, dass moralische Maßstäbe einer vernünftigen Rechtfertigung bedürftig und auch zugänglich sind, ohne den erforderlichen Letztbegründungsversuch selbst zu unternehmen. Die so entstandenen ethischen Theorien zielen auf eine Verbesserung menschlicher Praxis bei auftretenden Normen- oder Zielkonflikten durch die Bereitstellung von vernünftigen Rechtfertigungsstrategien zur Entscheidungsfindung.

Eine gängige Klassifizierung der in der Geschichte der Ethik entwickelten normativen Grundsatzpositionen orientiert sich an den obersten Prinzipien, von denen her Wertvorstellungen und Handlungszwecke beurteilt werden. Nach Auffassung der teleologisch argumentierenden Theoretiker bemisst sich der Wert einer Handlung ausschließlich an der Qualität der Handlungsfolgen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Güterethiken. Die als ›gut‹ ermittelten Handlungsziele ergeben sich entweder aus einem der Natur des Menschen unterstellten Endzweck wie Genussfähigkeit (Aristipp), Seelenruhe (Epikur), Freiheit von Furcht (Seneca), individuelle Selbstverwirklichung in einer funktionierenden staatlichen Gemeinschaft (Aristoteles) oder aber aus einem hedonistischen Kalkül, das abzuwägen sucht, wie angesichts bestehender Handlungsalternativen der größtmögliche Nutzen für möglichst viele Menschen erreicht werden kann (so der Nutzensummenutilitarismus von Mill bis Birnbacher). In den Kontext der Überlegungen im Umfeld teleologischer Ethiktheorien gehören auch die essenzialistisch oder sprachlogisch verfahrenden Glückstheorien, die das Glücklichsein als das letzte Ziel menschlichen Lebens einer genaueren Untersuchung unterziehen. Glück erscheint dabei als Fortuna (Boethius), als freudevolle seelische Gestimmtheit (Nietzsche, Freud, Schlick), als Charakterangelegenheit (Mitscherlich) oder als gelungener Lebensentwurf (von Aristoteles bis Rawls). Von der Güterethik grenzt sich die von Scheler und Hartmann ausgearbeitete materiale Wertethik insofern deutlich ab, als sie im Anschluss an Husserl von ›ideal-objektiven‹ Werten ausgeht, die sich nicht aus Willenszwecken ableiten lassen, sondern ihnen zu Grunde liegen. Eine menschliche Handlung ist danach ›gut‹, wenn das sie hervorrufende Wollen einen höheren Wert bejaht.

Die Vertreter deontologischer Handlungstheorien sind im Gegensatz zu den beschriebenen Konsequentialisten der Auffassung, dass der Wert einer Handlung ausschließlich vom Wert der zu Grunde liegenden Handlungsweise abhängt, also von der Gesinnung, die zu einer Handlung führt, und zwar unabhängig davon, ob diese im angestrebten Sinne erfolgreich ist oder nicht. Weil hier allein formale Bestimmungsgründe des Wollens wie der für Vernunftwesen einsichtige und deshalb verpflichtende kategorische Imperativ Kants oder die von Sartre hervorgehobene Verpflichtung zur ›Wahlfreiheit‹ zwischen verschiedenen Werten oder Zielen als Beurteilungsprinzipien für das menschliche Handeln anerkannt werden, spricht man in diesem Zusammenhang auch von formalen Ethiktheorien. Es wird zuweilen als Entlastung für das Individuum angesehen, wenn es die moralische Verantwortung für die keineswegs immer überschaubaren Folgen seines Tuns dann nicht mehr tragen muss, wenn es nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat.

3. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jhs. hat die Kritik an einem ethischen Intellektualismus zugenommen, der das Besondere menschlicher Handlungssituationen flieht und Tugendhaftigkeit mit dem (Bescheid)wissen über allgemeine Handlungsgrundsätze verwechselt (vgl. Arendt, Schnädelbach oder Hastedt). So erklärt es sich, dass die Moralprinzipien immer häufiger in Bereichsethiken wie der Tierethik (Peter Singer), der Umweltethik (Hans Jonas, Meyer-Abich) oder der Wirtschaftsethik (Rawls, Ulrich) so kontextualisiert werden, dass sie für das Besondere, für den Umgang mit Tieren ebenso wie für die eigene Ernährung, für die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts ebenso wie für energiepolitische Entscheidungen, für die Durchsetzung ökonomischer Gerechtigkeit ebenso wie für Fragen unternehmerischer Verantwortung, Bedeutung gewinnen.

Hier besteht allerdings die Gefahr, dass sich die philosophische Ethik von einem Platzhalter für den ›Gerichtshof der Vernunft‹ (Kant) zu einem Serviceunternehmen für die selbst ernannten Experten unseres Politik- und Wissenschaftsbetriebes entwickelt und deren Interessen voreilig durch willfährige Argumente mit scheinphilosophischer Argumentation versieht.

4. Die Gefahr einer solchen ideologischen Vereinnahmung wird noch größer, wenn auf der Ebene größtmöglicher Praxisnähe Einzelfragen wie die nach der Möglichkeit einer moralischen Akzeptanz von Sterbehilfe, Abtreibung, gentechnischer Manipulation oder von Präimplantationsdiagnosen bei in vitro erzeugten Embryonen gestellt und in einem philosophischen Diskurs erörtert werden.

Spätestens in solchen Zusammenhängen wird aber auch deutlich, dass eine Verbesserung des alltäglichen menschlichen Verhaltens im Sinne der Achtung vor der Würde des Menschen nicht allein durch vernünftige Überlegungen, ja nicht einmal durch die theoretische Anerkennung von Regeln und Zielen erreicht werden kann, wie wichtig auch immer Normen begründende Diskurse sein mögen. Das eigentliche Problem ist die Normendurchsetzung. Da kann es sein, dass verschiedene Normen miteinander kollidieren, dass die Grenzen des individuellen Handlungsspielraums zur moralischen Resignation führen, weil den moralischen Werten keine Rechtsregeln entsprechen, die ihre Beachtung erzwingbar machen. Da ist schließlich die Unberechenbarkeit eines jeden individuellen Willens, der vernünftige Einsichten nicht notwendigerweise auch in die Tat umsetzen muss. Wer mit Schopenhauer die Sympathie als Wegbereiter für die Offenheit anderen Menschen und Lebewesen gegenüber und das im Gefühl des Mitleids offenbar werdende »Bewusstsein der Kreatürlichkeit und ihrer Gefährdung« (Walter Schulz) als moralisch bedeutsame menschliche Empfindungen begreift, der gibt keineswegs die ethische Vernunft preis, sondern stellt sich der Tatsache, dass das Ethos des Handelnden nicht nur von der Einsicht in Vernunftgrundsätze bestimmt, sondern auch von einer moralischen Gestimmtheit der Empfindungen geprägt wird. Nur im Zusammenspiel von Vernunft und Gefühl kann der Wille zum Leben die durch den natürlichen Egoismus gesetzten Markierungen außer Kraft setzen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Prinzipien, Aufgaben und Zielen menschlicher Lebensgestaltung darf deshalb die Besinnung auf die Rolle der Gefühle und des Rechts aus dem Kontext moralisch verantworteten Handelns nicht ausklammern.

G. Bien, Glück – was ist das? , Frankfurt/M. 1999

Th. Gil, Ethik , Stuttgart 1993

H. Hastedt, Philosophische Ethik und Orientierung in der Moderne , In: S. Dietz u. a. (Hg.), Sich im Denken orientieren. Für Herbert Schnädelbach, Frankfurt/M. 1996, S. 156–171

W. Janke, Das Glück der Sterblichen. Eudämonie und Ethos, Liebe und Tod , Darmstadt 2002

J. Nida-Rümelin (Hg.) Handbuch angewandter Ethik , Stuttgart 1996

W. Schulz, Grundprobleme der Ethik , Stuttgart 1989

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt