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Dr. Wulff D. Rehfus

Dualismus

Alle Kulturen haben den Versuch gemacht, die Gesamtheit des Seienden (Sein) zu erklären und Handlungsnormen aufzustellen. Hochkulturen zeichnen sich u. a. dadurch aus, dass sie für die Bereiche des Seins, Denkens und Handelns oberste Prinzipien benennen, kraft derer diese Bereiche begründet, erklärt und gerechtfertigt werden. Wird dieser Versuch unternommen, gibt es drei Möglichkeiten: Für alle Bereiche wird nur ein Prinzip angesetzt (Monismus), es werden mehrere Prinzipien angesetzt (Pluralismus) oder es werden zwei Prinzipien angesetzt (Dualismus). Werden zwei oder mehrere Prinzipien angesetzt, dann ergibt sich immer das Problem, wie sie sich aufeinander beziehen. Daraus hat sich im Christentum die Dreifaltigkeit entwickelt und in der Philosophie das dialektische Denken.

Das dualistische Denken setzt seine Prinzipien in Opposition, sodass ontologisch und moralisch gesehen sich die Welt und das Weltgeschehen (d. h. die Entstehung, das Werden und das Vergehen der Gesamtheit des Seienden sowie das menschliche Geschehen) aus dem Kampf bzw. dem Widerspruch beider Grundprinzipien ergibt. Gemäß seinen Anwendungsgebieten lassen sich folgende Dualismen unterscheiden: Der moralisch-religiöse Dualismus, der ontologische, der metaphysische, der erkenntnistheoretische und der naturwissenschaftliche Dualismus; es gibt aber noch weitere wie etwa den anthropologischen Dualismus.

Der moralisch-religiöse Dualismus wurde Mitte des 6. Jh. v. Chr. in Persien von Zoroaster (Zarathustra) entwickelt, der einen guten und einen bösen Geist gegenüberstellt. Um 250 n. Chr. hat der Perser Mani dieses religiös-dualistische Denken aufgegriffen und im Manichäismus fortgesetzt, in dem die Welt als Kampf zwischen Licht und Finsternis verstanden wird, zwei Kräfte, die moralisch als ›gut‹ und ›böse‹ gedeutet werden. Das Christentum (insbesondere Augustinus, der eine Zeitlang Anhänger des Manichäismus war) grenzte sich später scharf gegen dieses Denken ab, ohne aber den Dualismus insgesamt aufzugeben. Die christliche Grundüberzeugung von Jenseits und Diesseits, die – zumindest in der Interpretation Nietzsches – eine Verbindung von ontologischem und moralischem Denken ist, hält an einer dualistischen Weltsicht fest, ebenso wie an der Kontrastierung des im Satan verkörperten Bösen mit dem Heilsgeschehen, der Gnade und der Erlösung. Es gibt die Zwei-Welten-Lehre des Augustinus und die Lehre der zwei Reiche bei Luther. Das Christentum bedient sich – in der Diskussion nämlich um die Erkenntnis der Wahrheit – auch eines erkenntnistheoretischen Dualismus: Die gesamte Scholastik diskutierte das Problem, wie weit die menschliche Vernunft (lumen naturale ) in der Lage sei, die göttliche Vernunft (lumen supranaturale ) zu erfassen. Dabei wurde das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft in allen Variationen so aufgefasst, dass die menschliche Vernunft allein nicht wahrheitsfähig sei.

Heraklit entwickelte einen ontologischen Dualismus: Alles Geschehen erfolge infolge eines Gegensatzes, berichtet Diogenes Laertius über ihn, und Aristoteles fügte an: Das Widerstreitende vereinige sich und aus den entgegengesetzten (Tönen) entstehe die schönste Harmonie und alles Geschehen erfolge auf dem Wege des Streits. Entsprechend sei die Welt aus einem göttlichen (›lebendigen‹) Urfeuer (Weltbrand) entstanden, dem Logos, aus dem dann durch Zwiespalt und Kampf die Vielheit der seienden Dinge hervorgegangen sei. In diesem Urfeuer verzehre sich die Welt jedoch wieder, um dann neu aus ihm hervorzugehen. Ähnlich auch Empedokles, von dem Aristoteles schreibt, »er scheint zu behaupten, dass zufolge der Notwendigkeit die Liebe und der Streit abwechselnd die Dinge beherrschen und in Bewegung setzen, während sie sich in der Zwischenzeit in Ruhe befinden.« Dieses dualistische Denken gipfelte dann in Platons Ontologie vom Reich der Ideen einerseits und vom Reich der Erscheinungen andererseits, wobei die Wahrheit im Reich der Ideen angesiedelt wird, demgegenüber die Erscheinungen nur Schattenbilder der Urbilder sind. Damit bekommt die Gesamtheit des Seienden einen minderen Grad an Realität (weniger Seinsgehalt) zugeschrieben, sodass – wie im Höhlengleichnis beschrieben – sich der Mensch aus seiner Scheinwelt lösen muss, um über die Dialektik schließlich bis zur Ideenschau und damit zur Wahrheit aufzusteigen.

Aristoteles überwindet den ontologischen Dualismus Platons, gibt aber das dualistische Denken nicht auf. Er konstruiert in seiner Metaphysik die Gesamtheit des Seienden aus den Grundprinzipien Materie (Stoff, hyle ) und Form (eidos ), bzw. Möglichkeit (dynamis ) und Wirklichkeit (energeia ) heraus. Insofern lässt sich von einem ›metaphysischen Dualismus‹ sprechen.

In der Neuzeit (A) wurde ein erkenntnistheoretischer Dualismus von Descartes entwickelt, der zwar monistisch die gesamte Welt aus einem einzigen Prinzip heraus erklären wollte, ein solches dann auch in der Gewissheit des cogito, ergo sum fand, jedoch schließlich bei einer Trennung von Denken (res cogitans ) und Materie (res extensa ) landete (Dualismus Leib – Seele). Ähnlich erging es Kant, der den ontologischen Dualismus Platons in einen erkenntnistheoretischen Dualismus verwandelte, in dem sich die Welt der Erscheinung (mundus sensibilis ) und die Welt des Dings an sich (mundus intelligibilis ) unvermittelbar gegenüberstehen. Zwar muss eine Welt an sich jenseits der erscheinenden angesetzt werden, jedoch ist es dem Menschen prinzipiell verwehrt, diese zu erkennen. Der Mensch erkennt nur die erscheinende Welt und das heißt, dass der Mensch die Welt aus den sinnlichen Erfahrungsdaten seiner Affektionen gemäß den Vorstellungsformen Raum und Zeit und den Kategorien konstituiert. Die Erkenntnisgründe sind dabei zugleich die Seinsgründe. Bei dieser Konstituierungsleistung des Menschen ist damit bei Kant ein weiterer erkenntnistheoretischer Dualismus gedacht, nämlich der zwischen Anschauung / Erfahrung und Denken.

Das dualistische Denken hat sich modifiziert auch in den modernen Naturwissenschaften gehalten. Am bekanntesten ist der Dualismus des Lichtes: Je nachdem, wie die Versuchsanordnung aufgebaut wird, verhält sich das Licht entweder wie ein Masseteilchen (Photon) oder aber wie eine Welle (also Energie), Dualismus Welle – Korpuskel.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt