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Prof. Dr. Johannes Rohbeck

Hume, David

(1711–1776): Das 18. Jh. gilt nicht nur als Zeitalter der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung), sondern auch als Blüte der Anthropologie. Nachdem durch die neuzeitliche Physik von Galilei bis Newton die äußere Natur erforscht worden war, rückte nun die ›Natur des Menschen‹ in den Mittelpunkt des philosophischen Interesses. So insbesondere bei David Hume, der in seiner ersten umfangreichen Schrift Ein Traktat über die menschliche Natur den nicht gerade unbescheidenen Anspruch erhob, zum Newton einer neuen ›Wissenschaft vom Menschen‹ zu werden. Diese Wissenschaft sollte wiederum die gesicherte Grundlage für eine neue Moralphilosophie bilden. Zum einen wollte Hume damit die Beliebigkeit antiker Ethiken überwinden; zum andern setzte er sich wie auch andere Aufklärer zum Ziel, die Ethik unabhängig von der Religion zu begründen. In dieser Aufgabe bestand das ursprüngliche Motiv Humes, das ihn zunächst in eine persönliche Krise stürzte und später den Aufbau seines philosophischen Werkes bestimmte.

Während seiner Kindheit hatte Hume, der am 26. April 1711 in Edinburgh geboren wurde, die religiöse Erziehung seiner Mutter und den streng calvinistischen Einfluss seines Pfarrbezirks erfahren. Am College in Edinburgh lernte er hingegen eine andere geistige Welt kennen, die Erkenntnistheorie Lockes und die Naturwissenschaft Newtons sowie die profane Grundlegung der Moral von Joseph Butler. Nach dem ersten Abschluss 1725 sah sich Hume gezwungen, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, da das väterliche Erbe aus dem schottischen Landadel nicht groß genug war, um davon leben zu können. Doch das Jurastudium gab er bald wieder auf, um sich dem Studium der Philosophie zu widmen. Durch diese Entscheidung geriet er offenbar in einen inneren Konflikt mit der Religion, an dem er psychisch und physisch schwer erkrankte. Nachdem auch eine Anstellung in einem Handelshaus gescheitert war, reiste Hume 1734 nach Frankreich und lebte bis 1737 in Reims und hauptsächlich in La Flèche. In dieser Zeit entstand der erwähnte Traktat , der 1739 und 1740 in London erschien.

Aber die Hoffnung auf Erfolg erfüllte sich nicht; wie sich Hume selbst eingestehen musste, »fiel der Traktat als Totgeburt von der Presse«. So besann sich Hume auf eine andere Stärke und veröffentlichte schon im Jahr 1742 seine Essays über Moral und Politik, mit denen es ihm gelang, den Publikumsgeschmack durch Themenwahl und brillanten Schreibstil besser zu treffen als im schwerfälligen Frühwerk. 1752 folgte eine weitere Sammlung politischer und ökonomischer Essays. Durch diese Erfahrung klug geworden, arbeitete Hume seinen Traktat völlig um; 1748 erschien das überarbeitete und gekürzte erste Buch, das seit 1758 als Untersuchung über den menschlichen Verstand bekannt ist; und 1751 publizierte Hume eine modifizierte Version des dritten Buches unter dem Titel Untersuchung über die Prinzipien der Moral . Gleichzeitig entstanden auch zwei Schriften zur Religionsphilosophie, die Naturgeschichte der Religion und die erst posthum 1779 herausgekommenen Dialoge über natürliche Religion .

Trotz des schriftstellerischen Erfolgs und der wachsenden Reputation als originärer Philosoph wurde Hume eine akademische Laufbahn verwehrt. Seine Bemühungen um einen Lehrstuhl in Edinburgh scheiterten am Widerstand der Geistlichen. Hume wurde schließlich Bibliothekar und nutzte diese Gelegenheit zur Abfassung einer vierbändigen Geschichte Englands , die in den Jahren 1754 bis 1762 erschien und ihn berühmt gemacht hat. Den größten Ruhm konnte Hume indessen in Frankreich genießen, als er 1763 als Sekretär an die englische Botschaft nach Paris ging und im Kreise der Enzyklopädisten begeistert empfangen wurde. Von 1767 bis 1769 war Hume noch im Londoner Außenministerium für die diplomatische Korrespondenz zuständig. Mittlerweile recht wohlhabend, kehrte er nach Edinburgh zurück, wo er am 25. August 1776 starb.

Die Essays zu moralischen, politischen und ökonomischen Themen vermitteln den sozialen Kontext, in den Hume seine Moralphilosophie zu stellen beabsichtigt. Er distanziert sich nicht nur von der Religion, sondern ebenso von den Resten absolutistischer Regierung und von der merkantilistischen Wirtschaftspolitik. Indem er für autonome politische Parteien, für Freihandel sowie für Meinungs- und Pressefreiheit eintritt, erweist er sich als Anhänger des Liberalismus. Dieses Engagement führt zu der sozialphilosophisch bedeutsamen Erkenntnis, dass die bürgerliche Gesellschaft ein sich selbst nach eigenen Gesetzen regulierendes System ist.

Auf analoge Weise konzipiert Hume die »Moral als öffentliche Meinung«, die gleichsam naturwüchsig aus den einzelnen Handlungen und deren Beurteilungen hervorgeht. Aus dem wechselseitigen Spiel der Beteiligten, in dem jeder Handelnder und Beobachter zugleich ist, soll eine Art Gemeinsinn entstehen, der die wünschenswerten Tugenden wie Wohlwollen, Zuneigung oder Menschenliebe erst ermöglicht. Tendenziell tritt an die Stelle eines göttlichen Gebotes, einer staatlichen Vorschrift oder eines absolut geltenden Vernunftgesetzes die gesellschaftliche Kommunikation. Es liegt daher nahe, Hume und die schottische Moralphilosophie insgesamt als Wegbereiter der modernen Soziologie zu betrachten.

Die Grundlage oder – wie es im Titel der überarbeiteten Fassung heißt – die »Prinzipien« einer solchen Moral sieht Hume also nicht mehr primär in der menschlichen Vernunft. Das ist schon kühn genug, wenn man sich vergegenwärtigt, dass seit der Antike und seit dem Mittelalter (A) bis zum Rationalismus des 17. Jhs. die Vernunft als diejenige Instanz galt, der allein zugetraut wurde, die egoistischen Affekte der Menschen im Zaum zu halten. Wenn nun Hume die Vernunft als Moralprinzip ausschließt, dann stellt er nicht nur dieses klassische Modell der Triebbewältigung in Frage, weil er die Vernunft dafür viel zu schwach hält; vielmehr verdeutlicht er, dass er die Moral dem Bereich der Lebenspraxis zuordnet. In moralischen Urteilen geht es nicht um ›wahr und falsch‹, sondern um ›gut und schlecht‹, d. h. um praktische Stellungnahmen in bestimmten Situationen sozialen Handelns. Dazu bedarf es nach Hume anstelle der kühlen und teilnahmslosen Vernunft bestimmter Emotionen, aus denen erst konkrete Handlungsmotive hervorgehen können. Nicht die Vernunft, sondern das Gefühl gehört demnach zu den Prinzipien der Moral.

Aber welche Art Emotion kommt zur Grundlegung der Moral in Frage, wenn doch früher gerade bestimmte Affekte wie Begierden und Leidenschaften als unmoralisch galten? Zur Lösung dieses Problems knüpft Hume an Anthony Shaftesbury und Francis Hutcheson an, die neben den eigennützigen Affekten einen speziell mitmenschlichen oder sozialen Affekt postuliert haben. Hume spricht in diesem Zusammenhang von einem besonderen »moralischen Gefühl«; es ist synonym mit ›Sympathie‹, d. h. mit der Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen Menschen hineinzuversetzen und sich dessen Perspektive zu eigen zu machen. Während jedoch Shaftesbury den moralischen Affekt als irgendwie angeboren unterstellte, der gleichberechtigt neben dem Egoismus fungieren sollte, entwickelt Hume diesen Ansatz zu einer Sozialphilosophie moralischer Urteile und Handlungen.

Im zweiten Buch des Traktats hatte Hume noch versucht, die Sympathie aus den übrigen Affekten abzuleiten, ohne einen plausiblen Grund für das »moralische Gefühl« angeben zu können, sodass er in seiner später erschienenen Moralphilosophie auf die Affekttheorie ganz verzichtete. Diese skeptische Position bildet denn auch den Kern seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand . Ursprünglich diente diese Untersuchung dem Ziel, die Affekttheorie und Moralphilosophie erkenntnistheoretisch zu untermauern.

Wenn sich Hume vor allem als Skeptiker in der Philosophiegeschichte einen Namen gemacht hat, so ist zu präzisieren, dass er dabei einen ›gemäßigten‹ Skeptizismus vertritt. Gegen jeden radikalen Zweifel, der die Existenz äußerer Gegenstände oder das Eintreten erfahrungsgemäßer Folgen in Frage stellt, macht Hume die alltägliche Praxis geltend. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebenskrise argumentiert er, dass die Menschen gar nicht überleben könnten, wenn sie nicht wie selbstverständlich annähmen, dass die Sonne am nächsten Tag aufgeht oder das verzehrte Brot sie ernährt.

Was Hume hingegen grundsätzlich bezweifelt, ist letzte Gewissheit im Bereich der Erfahrung. Weder lässt sich mit mathematischer oder logischer Stringenz beweisen, dass die wahrgenommenen Gegenstände vorhanden sind und auf unsere Sinnesorgane einwirken, noch lässt sich ein solcher Beweis für die Verknüpfung von Ursache und Wirkung erbringen. Besonders für den Fall der Kausalverbindung ist Humes Argumentation bedeutsam geworden. Wenn zwei Billardkugeln aufeinanderprallen – so Humes Beispiel –, dann erwartet der menschliche Beobachter, dass diese Kugeln sich so bewegen werden, wie es die bisherige Erfahrung gezeigt hat. Aber weil hier keine ›innere Kraft‹ wahrnehmbar ist und weil niemals alle Fälle eines solchen Vorgangs bekannt sein können, lässt sich die erwartete Folge nicht mit Notwendigkeit voraussagen. Die Beobachtung erlaubt nur den Erfahrungsschluss, dass von gleichartigen Ursachen gleichartige Wirkungen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind. Letztlich ist es nach Hume die Macht der Gewohnheit, die den Menschen nötigt, alle Erfahrung nach dem Muster regelmäßiger vergangener Erfahrung zu interpretieren.

In dieser psychologischen Wendung der Erkenntnistheorie zeigt sich eine Parallele zur Moralphilosophie, in der ja auf ähnliche Weise anstelle einer Vernunftwahrheit bestimmte Emotionen zu Grunde gelegt werden. Auf jeden Fall hat Humes Skepsis die Augen für ein Grundproblem menschlicher Erkenntnis geöffnet: Die Menschen können auf dem Feld der Tatsachen nicht mehr wissen, als sie aus ihren Wahrnehmungen und Erfahrungen gelernt haben. Mit dieser Einsicht stellte sich Hume in die Tradition des englischen Empirismus seit John Locke.

Während Hume bei den französischen Aufklärern als konsequenter Empirist gefeiert wurde, hat in Deutschland Kant eher den skeptischen Aspekt aufgegriffen. Berühmt geworden ist Kants Bekenntnis, Hume habe ihn aus dem »dogmatischen Schlummer« erweckt. Unabhängig von solchen Selbstdeutungen sahen sich alle Erkenntnistheoretiker nach Hume gezwungen, sich mit dessen Problematik auseinander zu setzen, auch wenn sie später andere Lösungswege vorschlugen.

D. Hume, Eine Untersuchung der Grundlagen der Moral , hg. von K. Hepfer, Göttingen 2002

D. Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand , hg. von R. Richter, Hamburg 1964

J. Kuhlenkampff, David Hume , München 1989

G. Streminger, David Hume. Sein Leben und sein Werk , Paderborn 1995

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt