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Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das UTB-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

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Lic. phil. Gerhild Tesak

Hobbes, Thomas

(1588–1679): Der englische Philosoph wurde durch seine These, der zufolge sich der Mensch nichts denken könne, was nicht zuvor (als Ganzes oder in seinen Teilen) in den Sinnen gewesen sei, zu einem der Wegbereiter des Empirismus. Bekannt und berühmt jedoch machten ihn seine Schriften zur Rechts- und Staatslehre, worin er die Idee des Gesellschaftsvertrags entwickelt. Seine Werke, worunter als die wichtigsten der Leviathan (1651) und seine dreiteilige Elementa philosophiae (1642–1658) zu nennen sind, zeugen von einem regen Interesse an den wissenschaftlichen und politischen Belangen seiner Zeit. Das Aufkommen der exakten Wissenschaften, die politisch instabilen Verhältnisse seiner Zeit und die Auseinandersetzung mit der Philosophie Descartes’ haben sein philosophisches Denken nachhaltig geprägt. Hobbes erklärtes Ziel bestand darin, ein philosophisches Gesamtsystem zu entwerfen, unter dessen methodischen Überbau sich alle Bereiche des Seins einordnen lassen. In Ablehnung jeglicher Metaphysik sollte dieses »Weltsystem« den modernen Naturwissenschaften wie den Realwissenschaften gleichermaßen gerecht werden. Hobbes’ Begeisterung für Mathematik und vor allem für die Geometrie, die in seinen Augen als Einzige zu sicherer Erkenntnis führen kann, lässt ihn diese zum methodischen Vorbild für sein philosophisches Gebäude nehmen und seine Theorie auf Begriffen der Kinematik und Mechanik begründen. Ausgehend von der Basis eines streng materialistischen Weltbildes werden alle Abläufe und Vorgänge in der Welt nach dem Prinzip rein mechanistischer Bewegungsabläufe erklärt. Gleich dem Bild eines Körpers, der durch den Anstoß eines andern in Bewegung versetzt wird, ist für Hobbes die causa efficiens einzige Ursache aller Vorgänge in einem Universum, in welchem es nur noch ›Körper‹ gibt (wobei er darunter nicht nur physikalische Körper versteht, sondern beispielsweise auch die Menschen und den Staat darunter zählt). Philosophie wird so zur Lehre von den anorganischen, organischen und sozialen Körpern, die sowohl den Ablauf sozialer Prozesse als auch das Zustandekommen menschlicher Erkenntnis nach dem Modell der Bewegungslehre erklärt. So kommt zum Beispiel die Sinnesempfindung nach Hobbes dadurch zustande, dass die äußeren Objekte, welche unabhängig von unserem Geist existieren, die Sinnesorgane des Menschen auf mechanische Art reizen, worauf wiederum die »inneren Lebensgeister« des Menschen reagieren, indem sie Vorstellungen im Gehirn erzeugen, welche dem äußeren Objekt entsprechen, von welchem die ›mechanischen‹ Reize ursprünglich ausgingen. Der gesamte Inhalt der sinnlichen Wahrnehmung kann somit als das Ergebnis der Einwirkung von bewegender und bewegter Materie auf die menschlichen Sinnesorgane verstanden werden. In analoger Weise erklärt Hobbes die Entstehung von Affekten, Werten und Willensakten in seiner Theorie. Sie werden durch vom Objekt ausgehende Reize im Subjekt mechanisch erzeugt und gelten deshalb als determiniert. Wieder spielen dabei die so genannten »Lebensgeister« eine wesentliche Rolle. Wird ihre Bewegung gesteigert, so entsteht dadurch Lust, und das Objekt, das diese Reaktion bewirkte, wird als gut empfunden. Dabei werden niemals die Dinge selbst, sondern immer nur die von den Dingen mechanisch erzeugten Vorstellungen zum Inhalt möglicher Erfahrung. So setzt Hobbes in seinem Verfahren methodisch zwar erklärtermaßen bei der Erfahrung bzw. bei der Sinnesempfindung an – und kann dadurch zu einem Vorbild für die Empiristen werden –, doch der unmittelbare Gegenstand der Philosophie sind immer nur Vorstellungsinhalte. Diese sollen mittels philosophischer Analyse in ihre elementaren Bestandteile zerlegt bzw. auf die ihnen zugrunde liegenden ersten allgemeinen Prinzipien zurückgeführt werden. Insofern die Aufgabe der Philosophie somit in der Suche nach den allgemeinen Gründen eines Sachverhalts liegt, ist sie Ursachenforschung. Das Analyseverfahren, welches einen Vorstellungsinhalt durch Zurückverfolgen der Kausalkette bis auf die ihn konstituierenden Prinzipien bestimmt, nennt Hobbes »genetische Definition«. Er benutzt diesen Weg zur Darstellung seiner Staatslehre, indem er die Entstehung des von ihm favorisierten Staatsmodells »genetisch« bis auf die ihm zugrunde liegenden Universalien zurückverfolgt. Insofern er dabei das Prinzip der Bewegung als erste Ursache für die Bildung von Staaten überhaupt erweist, fügt sich seine Staatslehre nahtlos in sein mechanistisches Natursystem ein und erweist sich durch das gemeinsam zugrundliegende »kinetische« Prinzip als mit allen anderen Teilen systematisch verbunden – gewissermaßen ›kompatibel‹. Insofern Hobbes sein Modell eines Staates solchermaßen kausal-mechanistisch direkt aus ersten unbezweifelbaren Prinzipien ableitet, führt er zudem den Nachweis, dass die von ihm dargestellte Staatsform keineswegs zufällig oder künstlich entstanden ist, sondern das notwendige Produkt eines kausal-mechanistisch determinierten Entwicklungsprozesses bildet. Wie ist diese Entwicklung nach Hobbes zu denken und wodurch zeichnet sich das von ihm entwickelte Modell aus?

Die erste Voraussetzung für menschliches Leben überhaupt sieht Hobbes in der Bewegung der bereits erwähnten Lebensgeister gegeben, deren Steigerung um der damit zusammenhängenden Lust willen erstrebt wird. Umgekehrt wird eine Schwächung der »Vitalgeister« als Unlust wahrgenommen, ihr völliger Stillstand bedeutet den Tod. Auf der Grundlage dieser Bewegungsstruktur erscheint menschliches Leben durch zwei Triebe beherrscht: Durch das Streben nach Selbsterhaltung und das Streben nach Lust. Im Gegensatz zu Aristoteles definiert Hobbes den Menschen somit nicht als von Natur aus ›geselliges‹ Wesen, sondern geht in seiner Staatslehre von einer egoistischen Motivationsstruktur desselben aus. In ›vorstaatliche‹ Zeiten zurückschauend, entwirft er das Bild eines Naturzustandes, wo der Krieg aller gegen alle herrscht. Jeder sucht nach Möglichkeit das eigene Leben zu bewahren und nimmt, um dieses zu schützen, keine Rücksicht auf das Leben der anderen. Aus diesem Grund ist nach Hobbes jeder Mensch des andern Menschen Feind (homo homini lupus ). Es herrscht natürliches Recht in dem Sinne, dass alle Anspruch auf alles haben und es jedem freigestellt ist, welche Mittel er zur Sicherung seines Lebens und zur Befriedigung seines Luststrebens anwendet. In dieser von Mord und Totschlag geprägten Situation kann keiner hoffen, sein Leben in Ruhe, Sicherheit, ja Wohlstand zu führen, da alle gleichermaßen bedroht sind. Die einzige Chance, diesem Zustand zu entkommen, bietet ein »Vertrag aller mit allen«, in welchem die Individuen auf einen Großteil ihrer natürlichen Rechte verzichten und sich somit gegenseitige Sicherheit voreinander zusichern. Das natürliche Recht des Stärkeren soll durch das bürgerliche Recht auf persönliche Sicherheit ersetzt werden. Um die Einhaltung dieses Vertrages zu garantieren, müssen sich alle der Gewalt eines einzigen Willens, dem Souverän, unterordnen. Durch den vertraglichen Zusammenschluss und die Abtretung der Macht an den Souverän, der durch eine Person oder eine Versammlung repräsentiert werden kann, konstituieren die Individuen den Staat. Die Übernahme der Macht durch den Inhaber der Staatsgewalt verpflichtet jenen im Gegenzug dazu, das Volk zu beschützen und Frieden, Recht und Ordnung im Staat aufrecht zu erhalten. Diese Aufgabe kann er nach Hobbes jedoch nur erfüllen, wenn ihm die absolute Macht im Staate unumschränkt, unveräußerlich und unteilbar zukommt. Eine Bedingung, die Hobbes in der absoluten Monarchie erfüllt sieht, aus welchem Grunde er sie als die zweckmäßigste Staatsform vorzuziehen scheint. In seinem Buch gleichen Titels gibt Hobbes dem Staat den Namen des biblischen Ungeheuers Leviathan . Der Staat als Leviathan wird beschrieben als künstlicher Körper, in welchem das Funktionieren der einzelnen Glieder, die wie mechanische (!) Rädchen ineinander greifen, das Funktionieren des ganzen Organismus gewährleistet. Nicht umsonst nennt Hobbes den Staat ein Ungeheuer: Nur er bestimmt Recht und Unrecht, trennt Glauben von Aberglauben, herrscht mit absoluter Macht über alles – und kann schließlich als einziger Sicherheit gewähren und Krieg verhindern.

Auch wenn Hobbes’ Bemühungen, den monarchischen Absolutismus theoretisch zu stützen und auf diese Weise auf die Politik seines von Bürgerkriegswirren erschütterten Landes Einfluss zu nehmen, nicht von großem Erfolg gekrönt waren, so zeitigte doch die von ihm (wenn auch nicht erfundene, so doch in dieser Weise zum ersten Mal) formulierte Theorie des Sozialvertrags, die später nicht nur von Locke und Rousseau aufgenommen wurde, eine nachhaltige Wirkung.

W. Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung , Hamburg 1992

H. Münkler, Thomas Hobbes , Frankfurt/M. 1993

R. Tuck, Hobbes , Freiburg 1999

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Das Buch

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt