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Prof. Dr. Hans-Ulrich Lessing

Gadamer, Hans-Georg

(1900–2002): Der deutsche Philosoph wurde am 11. 2. in Marburg geboren und starb am 13. 3. in Heidelberg. Er studierte von 1918 bis 1922 in Breslau und Marburg Philosophie, Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte (sowie von 1924–1927 Klassische Philologie). 1922 Promotion (bei Natorp) mit der Dissertation Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen . Habilitation 1929 (bei Heidegger) mit der Arbeit Interpretationen zum platonischen Philebos . Gadamer lehrte in Marburg und Kiel, wurde 1937 a.o. Professor in Marburg und 1939 Ordinarius in Leipzig. Von 1947 bis 1949 hatte er eine Professur in Frankfurt/M. inne, und von 1949 bis 1968 lehrte er (als Nachfolger von Karl Jaspers) in Heidelberg. Nach der Emeritierung nahm er zahlreiche Gastprofessuren im Ausland wahr und übte eine sehr ausgedehnte Vortrags- und Vorlesungstätigkeit im In- und Ausland aus.

Gadamers umfangreiches Œuvre, das inzwischen in einer zehnbändigen Ausgabe (Gesammelte Werke , 1985–1995 ) und einigen ergänzenden Sammelbänden vorliegt, umfasst u. a. Arbeiten zur griechischen und zur neueren Philosophie sowie zur Ästhetik und Poetik. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die Begründung einer philosophischen Hermeneutik, die er mit seinem 1960 erschienenen Hauptwerk Wahrheit und Methode unternahm.

Mit diesem Unternehmen schließt sich Gadamer an das frühe Projekt einer »Hermeneutik der Faktizität« seines Lehrers Heidegger an, das dieser in seinen Freiburger Vorlesungen zu Beginn der zwanziger Jahre inauguriert und in seinem Hauptwerk Sein und Zeit von 1927 seinem Versuch einer Fundamentalontologie zugrunde gelegt hatte. Mit seiner »Hermeneutik der Faktizität‹« bzw. »Hermeneutik des Daseins« radikalisiert Heidegger Diltheys späte Philosophie des Verstehens, die dieser im Kontext einer Theorie des »objektiven Geistes« entwickelt hatte. Heidegger wendet Diltheys Einsicht, dass sich der Mensch »immer schon« in einer verstandenen Welt vorfindet, die ihm zur Basis und zum Medium von Verstehensleistungen wird, zu der daseinsontologischen, d. h. quasi-anthropologischen Grundaussage, wonach das Verstehen nicht mehr nur als Methode der Geisteswissenschaften, also als eine spezifische Erkenntnisform zu begreifen ist, sondern vielmehr eine das Erkennen selbst ermöglichende und fundierende, dem Menschen ursprünglich zukommende existenziale Seinsart darstellt. Verstehen ist demnach – neben der Befindlichkeit – ein »Grundmodus des Seins« des menschlichen Daseins, d. h. ein »Existenzial«.

In Gadamers philosophischer Hermeneutik wird dieser von Heidegger in seiner Hermeneutik des Daseins entfaltete Begriff des Verstehens leitend. Dementsprechend verfolgt er – anders als die ältere Hermeneutik – mit seinem Entwurf nicht die Absicht, eine »Kunstlehre des Verstehens« vorzulegen; er entwirft keine Methodik der Geisteswissenschaften und leistet auch keinen unmittelbaren Beitrag zur Erforschung ihrer theoretischen Grundlagen. Stattdessen ist sein Anspruch ein dezidiert philosophischer: Er will das bewusst machen, was durch den Methodenstreit in den Geisteswissenschaften verdeckt wird und aller modernen Wissenschaft vorausliegt, d. h. sein Ziel ist der Versuch einer Aufklärung dessen, »was die Geisteswissenschaften über ihr methodisches Selbstbewusstsein hinaus in Wahrheit sind und was sie mit dem Ganzen unserer Welterfahrung verbindet«.

Diesseits aller methodologischen Überlegungen zum Verfahren des (philologischen) Verstehens begreift Gadamer mit Heidegger das Verstehen als eine Seinsweise des Daseins selber, und der Begriff der Hermeneutik bezeichnet entsprechend die »Grundbewegtheit des Daseins, die seine Endlichkeit und Geschichtlichkeit ausmacht«. Das Verstehen gehört nach Gadamer zur menschlichen Welterfahrung insgesamt und kann daher auch kein Gegenstand einer reinen Methodenerörterung sein. Da das Verstehen alle Weltbezüge des Menschen durchzieht und auch innerhalb der Wissenschaft eine selbstständige Geltung besitzt, widersetzt es sich dem Versuch, als bloße Methode der Wissenschaft aufgefasst zu werden. Gadamers Hermeneutik schließt sich an diesen Widerstand gegen den universalen Anspruch der (neuzeitlichen) wissenschaftlichen Methodik an und versucht dementsprechend, »Erfahrung von Wahrheit, die den Kontrollbereich wissenschaftlicher Methodik übersteigt«, freizulegen und hinsichtlich ihrer Legitimationsgrundlage zu befragen.

Gadamer findet für seine Grundintention einer Neubestimmung des Verstehens und der Hermeneutik in der Erfahrung der Kunst ein Modell, an dem sich eine angemessene Hermeneutik zu orientieren hat: sie vermag nämlich zu zeigen, dass das Verstehen als Teil des Sinngeschehens selbst zu denken ist, in dem sich der Sinn aller Aussagen bildet und vollendet.

Aufgrund dieser Einsicht in den Vorbildcharakter der Kunsterfahrung für eine philosophische Hermeneutik charakterisiert Gadamer ihre Aufgabe nicht als die einer »Rekonstruktion« (Schleiermacher), sondern vielmehr mit Hegel als »Integration«, denn das Wesen des geschichtlichen Geistes bestehe nicht in der Restitution des Vergangenen, sondern vielmehr in der »denkenden Vermittlung mit dem gegenwärtigen Leben«.

Diesen hegelschen Gedanken macht Gadamer in seiner Auseinandersetzung mit der älteren Hermeneutik (insbesondere Schleiermacher und Dilthey) fruchtbar, die er als unzureichend kritisiert. Die romantische, methodisch orientierte Hermeneutik reicht, wie er deutlich zu machen sucht, als Basis einer Historie nicht aus, und auch Diltheys Versuch, die geisteswissenschaftliche Objektivität am Vorbild der Naturwissenschaften zu orientieren, ist zum Scheitern verurteilt, denn Dilthey denkt – so Gadamers These – die Erforschung der geschichtlichen Vergangenheit als »Entzifferung« und nicht als Erfahrung und übersieht, dass die geisteswissenschaftliche Erfahrung eine andersartige, eigenständige Objektivität besitzt.

In Diltheys Philosophie der Geisteswissenschaften wird nach Gadamer die Geschichtlichkeit der geschichtlichen Erfahrung nicht wirklich bestimmend. Dies geschieht erst in Heideggers hermeneutischer Phänomenologie und seiner Analyse der Geschichtlichkeit des Daseins, durch die ein neuer Ansatz zur Ausarbeitung einer historischen Hermeneutik möglich wird. Diesen neuen Ansatz legt Gadamer mit seiner Theorie der hermeneutischen Erfahrung vor, deren Grundzüge er im II. Teil von Wahrheit und Methode entwickelt. Diese Theorie der hermeneutischen Erfahrung steht zunächst unter dem Postulat einer »Anerkennung der wesenshaften Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens«. Darin drückt sich die Einsicht aus, dass es legitime Vorurteile gibt, die als Bedingungen des Verstehens begriffen werden müssen. Folglich fordert Gadamer eine Rehabilitierung des Begriffs des Vorurteils und der Tradition. Da der Verstehende ständig in Überlieferungen steht, ist die Anerkennung der Unhintergehbarkeit von Tradition unabdingbar für ein angemessenes Begreifen des Verstehens und der geisteswissenschaftlichen Forschung. Verstehen ist daher für ihn keine »Handlung der Subjektivität«, sondern vielmehr ein »Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln«. Aus diesem Grunde ist der so genannte ›hermeneutische Zirkel‹ auch kein primär methodischer Zirkel, sondern beschreibt ein »ontologisches Strukturmoment des Verstehens«.

Weiterhin betont Gadamer die produktive Bedeutung des »Zeitenabstandes«, denn dieser enthüllt den wahren Sinn, der in einem Text liegt, und bildet das Fundament für die Unterscheidung von wahren und falschen Vorurteilen.

Bedeutsam für seine philosophische Hermeneutik ist außerdem das ›Prinzip der Wirkungsgeschichte‹, d. h. das Postulat, die eigene Geschichtlichkeit mitzudenken. Verstehen ist demnach kein unmittelbares, gleichsam objektivierendes Forschungsverhalten, sondern ein »wirkungsgeschichtlicher Vorgang«, denn im Verstehen unterliegen wir nach Gadamer den Wirkungen der Wirkungsgeschichte des zu verstehenden historischen Gegenstandes. Verstehen ist insofern ein Vorgang der »Horizontverschmelzung«.

Als das zentrale Problem einer Hermeneutik bezeichnet Gadamer schließlich das Problem der Anwendung, das nach seiner These von dem ästhetisch-historischen Positivismus im Gefolge der romantischen Hermeneutik verdeckt wurde. Ausgehend vom Modell der juristischen und theologischen Hermeneutik, bestimmt Gadamer die geisteswissenschaftliche Hermeneutik neu. Auch diese hat eine »Leistung der Applikation« zu vollbringen, denn die Interpretation eines Textes, das Verständnis seines Sinns erfordert, dass der Text auf die aktuelle hermeneutische Situation des Interpreten bezogen und dadurch der Zeitenabstand überwunden wird, der Interpret und Text trennt. Diese Vermittlung von Damals und Heute bezeichnet Gadamer als »Applikation«; sie ist also keine nachträgliche Anwendung, sondern das wirkliche Verständnis eines gegebenen Textes selbst.

Gadamer befreit in seiner Hermeneutik das Verstehen vom erkenntnistheoretischen Zugriff und zeigt die Grenzen einer bloß methodologischen Behandlung des Verstehens auf. Das Verstehen ist nach Gadamer nicht so sehr eine Methode der Zuwendung zu einem historischen Objekt und der objektiven Aneignung seines Sinns, die der Kontrolle eines erkennenden Bewusstseins untersteht, sondern hat vielmehr ein »Darinnenstehen in einem Überlieferungsgeschehen« zu seiner Voraussetzung. Verstehen ist damit weniger ein vom Subjekt vollzogener zielgerichteter Akt als ein Geschehen. Gadamers philosophische Hermeneutik, die sich zu einer umfassenden hermeneutischen Philosophie weitet, impliziert damit eine Entmächtigung der Subjektivität, erscheint doch der »Fokus der Subjektivität« angesichts des geschichtlichen Lebens als bloßer »Zerrspiegel«.

Die hermeneutische Erfahrung gründet Gadamer zufolge auf einer Dialektik von Frage und Antwort. Das Verstehen muss daher als ein Gespräch aufgefasst werden, in dem der Interpret einen Text zum Reden bringt; das Verstehen vollzieht sich somit im Medium der Sprache. Im abschließenden III. Teil von Wahrheit und Methode analysiert Gadamer in umfassenden, geschichtlich ansetzenden Untersuchungen diese Sprachlichkeit des Verstehens sowie die Sprachgebundenheit menschlicher Welterfahrung, d. h. das Faktum der Sprache als ein universales, umgreifendes Geschehen. Er begreift die Sprache als eine Mitte, in der sich Ich und Welt in ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit darstellen. Da das menschliche Weltverhältnis schlechthin sprachlich und damit verständlich ist, ist die Hermeneutik ein »universaler Aspekt der Philosophie« und nicht nur die methodologische Grundlage der Geisteswissenschaften.

Wahrheit und Methode hat eine Reihe von Debatten ausgelöst. Zu den wichtigsten Diskussionsrunden zählen die Auseinandersetzung mit Vertretern der so genannten ›traditionellen‹, d. h. methodisch orientierten Hermeneutik (insbesondere Betti und Hirsch), die Kontroverse um den »Universalitätsanspruch der Hermeneutik« (Habermas) und das Gespräch mit dem französischen Dekonstruktivisten Derrida.

Durch die Entwicklung seiner philosophischen Hermeneutik ist Gadamer zu einem der einflussreichsten Philosophen der Gegenwart geworden.

G. G. Figal (Hg.) Begegnungen mit Hans-Georg Gadamer , Stuttgart 2000

G. Figal, J. Grondin, D. J. Schmidt (Hg.) Hermeneutische Wege. Hans-Georg Gadamer zum Hundertsten , Tübingen 2000

J. Grondin, Hans-Georg Gadamer. Eine Biographie , Tübingen 1999

J. Grondin, Einführung zu Gadamer , Tübingen 2000

L. E. Hahn (Hg.) The Philosophy of Hans Georg Gadamer (The Library of Living Philosophers Volume XXIV) , Chicago / La Salle, lllinois 1997

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt