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Dr. Thomas Blume

Begriff

Umgangssprachlich wird kaum ein Unterschied zwischen einem Wort und einem Begriff gemacht. Der Begriff ›Hund‹ und das Wort ›Hund‹ werden zumeist als synonym behandelt. In der philosophischen Tradition unterscheidet man an einem Begriff zwischen Begriffswort, Begriffsinhalt oder Intension und Begriffsumfang oder Extension. Unter dem Inhalt eines Begriffs versteht man die durch den Begriff ausgedrückte Eigenschaft, unter dem Umfang eines Begriffs die Klasse oder Gesamtheit der Gegenstände, auf die sich der Begriff bezieht. So hat z. B. der Begriff ›Mensch‹ die Merkmale der Vernunftbegabtheit und Lebendigkeit zum Inhalt, als Umfang die Klasse derjenigen Dinge, die beide Merkmale zugleich aufweisen, also vernunftbegabt und lebendig sind.

Das vorrangige Interesse bei der Auseinandersetzung mit Begriffen galt historisch den Allgemeinbegriffen. Unter einem Allgemeinbegriff versteht man dasjenige, was allen mit einem bestimmten Wort bezeichneten Gegenständen gemeinsam ist und was in einer Definition Ausdruck findet. Da Begriffe nicht Worte sind, andererseits aber auch nicht mit den durch sie bezeichneten Gegenständen zusammenfallen sollen, stellt sich die Frage nach dem Ort ihrer Existenz, auf die die verschiedenen Autoren unterschiedliche Antworten gegeben haben. Platon hat vorgeschlagen, Begriffe (die so genannten Ideen) in einem von der materiellen Welt unabhängigen geistigen Reich anzusiedeln. Begriffe sind Platon zufolge die von den einzelnen Gegenständen unabhängigen Formen, an denen die Einzeldinge zwar teilhaben, die jedoch unverändert und ewig fortbestehen, gleichgültig, ob ein sie verkörperndes Ding existiert oder nicht. In einem Akt des Begreifens kann die Vernunft die Begriffe erfassen. Aus diesem Grunde bereitet es Platon keine Schwierigkeiten, seine Welt mit Gegenständen zu bevölkern, wie sie Zahlworten, substantivierten Eigenschaftsworten und dergleichen entsprechen. Unter den existierenden Dingen befinden sich für Platon nicht nur die konkreten, raum-zeitlich lokalisierbaren und sinnlich wahrnehmbaren Einzeldinge wie Menschen, Tiere usw., sondern auch mathematische Gegenstände und Eigenschaften wie die Röte oder das Gute. Eine Theorie, welche abstrakte Gegenstände und Universalien als unverzichtbare Bestandteile der Welt zulässt, bezeichnet man als Begriffsrealismus. In kritischer Absetzung von seinem Lehrer Platon bestreitet Aristoteles die unabhängige Existenz von abstrakten Begriffen und Universalien. Zwar lässt auch er die Existenz allgemeiner Begriffe zu, jedoch nur als etwas, das in den Dingen verkörpert ist. So kann z. B. ein und derselbe Wesenszug in mehreren Einzeldingen verwirklicht sein. Das Wesen des Menschen kann von vielen verschiedenen einzelnen Menschen verkörpert werden. Ohne diese Einzeldinge kann der Wesenszug jedoch nicht bestehen. Auch für Aristoteles sind aber Einzelding und allgemeiner Begriff etwas Verschiedenes. Die Allgemeinbegriffe gehen nicht vollständig in den Einzeldingen auf und sind daher nicht auf Einzeldinge reduzierbar. Eine Konzeption wie die aristotelische wird, da sie die Existenz allgemeiner Begriffe zulässt, diese jedoch an die Einzeldinge bindet, als gemäßigter Realismus bezeichnet. Im Unterschied hierzu bestreitet der Begriffsnominalist die Existenz von abstrakten Gegenständen und Universalien. Nach Auffassung des Nominalisten existieren nur Einzeldinge, also einzelne Menschen, Tiere usw. Daneben gibt es jedoch keine solchen Dinge wie abstrakte Individualbegriffe (z. B. ›die Menschheit‹), mathematische Gegenstände oder von den Dingen unabhängige Eigenschaften (z. B. ›die Röte‹).

Für die neuzeitliche Diskussion seit Descartes ist die Frage zentral, auf welchem Wege man zur Erkenntnis der Begriffe gelangt. Rationalisten wie Descartes gehen davon aus, dass es bestimmte einfache Begriffe gibt, aus denen sich alle unsere Gedanken zusammensetzen. Diese Begriffe sind uns angeboren. Der Geist verfügt von Anfang an über diese Begriffe, muss sie jedoch im Laufe seiner Entwicklung in sich entdecken. Bei den angeborenen Begriffen unterscheidet Descartes drei Arten: die Begriffe von den Dingen und von ihren Eigenschaften – hierzu zählen a) die Begriffe der allgemeinsten Dinge wie Substanz, Dauer, Ordnung und Zahl, b) die Begriffe von denkenden Dingen, d. h. alles, was zum Bereich des Vorstellens und Wollens gehört, c) die Begriffe von ausgedehnten Dingen wie Größe, Gestalt, Lage, Bewegung und Teilbarkeit, schließlich d) die auf ausgedehnte und denkende Dinge gleichzeitig bezogenen Begriffe wie die Begriffe von Hunger und Durst oder von Erregungen – sowie die von Descartes so genannten ›ewigen Wahrheiten‹ – hierzu zählen solche Begriffe wie, dass es unmöglich ist, dass aus Nichts etwas wird oder dass dasselbe Ding zugleich ist und auch nicht ist, aber auch, dass, wer denkt, während er denkt, existieren muss. Diese Begriffe können in einem Akt intuitiver Erkenntnis klar und deutlich erkannt werden.

Nimmt der Rationalist an, dass die Begriffe schon von Anbeginn im menschlichen Geiste liegen, so behauptet demgegenüber der Empirist, dass alle Begriffe ihren Ursprung ausnahmslos in der inneren und äußeren Erfahrung haben. Charakteristisch für den Empiristen ist die Vorstellung, dass die Seele bei der Geburt des Menschen einer unbeschriebenen Tafel (tabula rasa ) gleicht. Durch die Erfahrung der Sinne sowie durch Selbsterfahrung kommt es dazu, dass der menschliche Geist, auf rein passive Weise, einfache Ideen bzw. Begriffe aufnimmt. Diese aus der Erfahrung stammenden einfachen Begriffe bilden dann für den Empiristen die Bausteine, aus denen sich alle weiteren, komplexeren Begriffe zusammensetzen lassen.

Eine vermittelnde Stellung zwischen Rationalität und Empirismus nimmt Kant ein, indem er einerseits empirische Begriffe annimmt, die ihren Ursprung in der Erfahrung der Sinne haben, andererseits aber davon ausgeht, dass bestimmte, die Erfahrung strukturierende Begriffe nicht selbst aus der Erfahrung abgeleitet sein können. Letztere bezeichnet Kant als Vorstellungen bzw. Begriffe a priori , um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie nicht im Nachhinein, a posteriori , aus der Erfahrung gewonnen sind, sondern der Erfahrung vorausgehen und sie erst möglich machen. Kant fasst die apriorischen, nicht aus der Erfahrung stammenden reinen Verstandesbegriffe in einer Tafel der Kategorien unter den Titeln ›Qualität‹, ›Quantität‹, ›Relation‹ und ›Modalität‹ zusammen. Einer der zentralen apriorischen Begriffe bei Kant ist der Begriff der Kausalität, der eine Ursache mit einer Wirkung auf notwendige Weise verknüpft. Da wir, was Sinneserfahrung angeht, stets nur ein Nacheinander von Ereignissen erfahren, niemals aber eine notwendige Verbindung der Ereignisse, kann, so Kant, der Begriff der Kausalität seinen Ursprung nur im Verstand und nicht in der Sinneserfahrung haben.

Mit Frege beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Begriffs. Hatte nahezu die gesamte Tradition vor Frege Begriffe als Merkmale aufgefasst, die sich Gegenständen in Form von Prädikaten zu- oder absprechen lassen, so analysiert Frege den Begriff in Hinblick auf mathematische Funktionen. Ein Begriff ist nach Frege das, was übrig bleibt, wenn man aus einer Aussage einen Ausdruck, der für eine Person oder einen Gegenstand steht, durch eine Variable ersetzt. So lässt sich z. B. aus dem Satz ›Cäsar eroberte Gallien‹ der Begriff ›() eroberte Gallien‹ bzw. ›x eroberte Gallien‹, aber auch der Begriff ›Cäsar eroberte ()‹ bzw. ›Cäsar eroberte y‹, schließlich sogar der Begriff ›() eroberte ()‹ bzw. ›x eroberte y‹ bilden. In die Klammern bzw. an die Stelle von ›x‹ und ›y‹ sind, um den Begriff zu sättigen und in einen Satz zu verwandeln, Eigennamen bzw. Bezeichnungen von Gegenständen als Argumente einzusetzen. Auf dem Wege dieser Analyse gelingt es Frege, mehrstellige Beziehungen (Beziehungen, in denen mehrere Gegenstände zueinander stehen) auf angemessene Weise zu analysieren.

G. Frege, Funktion – Begriff – Bedeutung , hg. von M. Textor, Göttingen 2002

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt