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Dr. Axel Spree

Ästhetik

Gilt traditionell als Theorie des Schönen und der Kunst. Diese Definition ist allerdings in mehrfacher Hinsicht zu eng, und zwar sowohl in Bezug auf historische als auch auf zeitgenössische ästhetische Theorien. So stand bereits im 18. Jh. neben der Beschäftigung mit dem Kunstschönen immer auch die Frage nach dem Naturschönen. Des Weiteren befasste sich die Ästhetik neben dem Schönen immer auch mit anderen ästhetischen Wertqualitäten wie beispielsweise dem Erhabenen oder dem Tragischen sowie – man denke an die Rede von den ›nicht mehr schönen Künsten‹ – mit dem Hässlichen oder auch dem Interessanten. Schließlich fallen im 20. Jh. vermehrt Gegenstände in den Zuständigkeitsbereich der Ästhetik, die sich nicht mehr im engeren Sinn dem so genannten System der schönen Künste zurechnen lassen, wie z. B. Design, Videoclip oder Popmusik. Aufgrund dieser Vielzahl von ›ästhetischen‹ Gegenständen greifen manche Autoren bei der Bestimmung der Ästhetik und ihres Gegenstandsbereichs zu einer Tautologie: Die Ästhetik ist die Wissenschaft vom Ästhetischen.

Bei den Begriffen Ästhetik und ästhetisch ist eine grundsätzliche Doppeldeutigkeit zu berücksichtigen: Zum einen bezieht man sich mit ihnen auf das sinnlich Wahrnehmbare, genauer: auf die sinnliche Erkenntnis im Unterschied zur begrifflichen Erkenntnis. Diesen Schwerpunkt setzte auch Baumgarten, der in seiner Aesthetica (1758) die philosophische Disziplin Ästhetik als ›Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis‹ des Vollkommenen begründete. Die Gegenstände, anhand derer solche Erkenntnis vollzogen wird, wurden ursprünglich vor allem in der Natur gesucht. Erst später fand man in den Werken der Kunst den eigentlichen Ort der ästhetischen Erfahrung. Die Ästhetik muss deshalb zum Zweiten auch als Theorie der Kunst bzw. der Künste bestimmt werden, üblicherweise gegliedert in Kunst-, Literatur- und Musiktheorie. Es ist allerdings nach wie vor zweckmäßig, zwischen Ästhetik und Kunstphilosophie zu unterscheiden: Während Letztere den Schwerpunkt auf das Kunstwerk legt und beispielsweise die Beziehungen der Kunst zur Wahrheit, zum moralisch Guten oder zur Gesellschaft untersucht, ist Erstere vor allem an der sinnlichen Erfahrung interessiert und berücksichtigt demzufolge nicht nur das Schöne, sondern z. B. auch das Erhabene, und zwar nicht nur bei Werken der Kunst, sondern ebenso auch in der Natur. In diesem Sinne ist etwa Kants Ästhetik keine Philosophie der Kunst, wogegen z. B. Heideggers stark am Werkcharakter der Kunst orientierte Kunstphilosophie keine Ästhetik im genannten Sinn ist. Wenn auch die Unterscheidung zwischen Ästhetik und Kunstphilosophie keineswegs trennscharf ist und häufig verwischt wird (z. B. in der Anwendung von Kants Erhabenheitsbegriff auf die Werke der modernen und postmodernen Kunst durch Lyotard), so lässt sich doch die Geschichte der Ästhetik auch als ein Widerstreit dieser beiden Auffassungen verstehen: In vereinfachter Darstellung folgte auf die Ästhetik des 18. Jhs. (Baumgarten, Kant) die Kunstphilosophie des 19. Jhs. (Hegel), die im 20. Jh. teils weitergeführt (Heidegger, Adorno), teils durch eine Rückbesinnung auf das ursprüngliche Konzept einer ›sinnlichen Erkenntnis‹ abgelöst wurde (in den so genannten ›formalen Ästhetiken‹, beispielsweise bei N. Goodman).

Entsprechend der Vielzahl und Vielfalt ihrer Gegenstände sowie der Einbettung in unterschiedliche theoretisch-philosophische Zusammenhänge sind auch die – schon in der Antike vorzufindenden – Theorien über das Schöne und die Kunst äußerst vielgestaltig und divergent. Von einem systematischen Standpunkt lassen sich verschiedene Unterscheidungskriterien benennen. Grundsätzlich ist zu fragen, ob das Ästhetische als ein eigenständiger, autonomer Bereich aufgefasst oder aber unter Rückgriff auf außerästhetische Prinzipien erklärt werden soll. Dementsprechend kann zwischen Autonomie-Ästhetiken und Heteronomie-Ästhetiken unterschieden werden. Eine typische heteronom (nämlich metaphysisch) begründete Theorie des Schönen und der Kunst bietet die platonische Philosophie. Für Platon ist das letzte Prinzip der Schönheit nicht in der wirklichen Welt zu suchen, sondern in den Ideen. Die real vorzufindende Schönheit der Dinge ist nur ein Abbild dieser ›idealen‹ Schönheit; die Kunst ist als Nachahmung dieser Abbilder also noch weiter von den Ideen entfernt als die Natur. Auch wenn spätere idealistische Ästhetiken die mit dieser Theorie einhergehende Geringschätzung der Kunst aufgaben und in ihr manchmal sogar ein unmittelbares Anschauen der Ideen selbst ermöglicht sahen (so etwa bei Schopenhauer), ist ihnen allen doch die metaphysische Fundierung des Schönen und der Kunst gemeinsam. – Weitere heteronom begründete Ästhetiken verbinden das Schöne beispielsweise mit dem Moralischen (hier wird der ästhetische Wert eines Kunstwerkes nach dem moralischen Nutzen bestimmt, den es verspricht) oder dem Logischen (hier stellt die Schönheit eine Form der Wahrheit dar und das ästhetische Erleben folglich eine Form der Erkenntnis).

Gegen die heteronom begründete Ästhetik postulierte vor allem Kant die Autonomie des Ästhetischen, indem er – ausgehend vom ästhetischen Werturteil – das Schöne vom Wahren, Guten und Angenehmen abgrenzte. Wenn aber das Gebiet des Ästhetischen autonom, d. h. als von anderen Gebieten unabhängig bestimmt werden soll, dann stellt sich unvermeidlich die Frage nach dem ureigenen Wesen des Schönen und der Kunst. Die sicher wirkungsmächtigste Antwort auf diese Frage besteht in der vor allem auf Aristoteles zurückgehenden Auffassung, wonach das Wesen der Kunst in der Nachahmung der Natur bestehe. Da diese zunächst plausibel erscheinende Antwort jedoch mit einer Reihe von Schwierigkeiten behaftet ist, entwickelten sich bald so genannte ›gegenstand-ästhetische‹ Theorien, die statt des Verhältnisses von Kunstwerk und Dargestelltem die Beschaffenheit des ästhetischen Gegenstands selbst ins Auge fassten. Für die formale Ästhetik besteht der Wert des Kunstwerks nicht in dem, was, sondern wie etwas dargestellt wird, d. h. in den Formen, Verhältnissen und Proportionen der Darstellung. Dagegen betont die Gehaltsästhetik, dass der Wert des Kunstwerks im ›Lebensgehalt‹ oder auch im philosophischen Gehalt liege, der sich in ihm offenbare. Beide Ansätze wirken in unterschiedlicher Weise bis in die aktuellen ästhetischen Theorien nach; die Alternative kann bündig – wenn auch vergröbernd – mit der Formel ›Kant oder Hegel‹ umschrieben werden.

Eine weitere grundlegende Unterscheidung der ästhetischen Ansätze lässt sich anhand ihrer Normativität bzw. Deskriptivität durchführen, d. h. anhand der Frage, ob es angesichts der Vielzahl und der Variabilität ästhetischer Phänomene überhaupt die Aufgabe der philosophischen Ästhetik sein könne, nach allgemeinen Prinzipien des Schönen und der Kunst zu suchen, oder ob sie sich vielmehr mit der Beschreibung tatsächlicher ästhetischer Erfahrungen, Verhaltensweisen und Urteile zu begnügen habe. Alle bisher charakterisierten Positionen sind der normativen Ästhetik zuzurechnen (wenngleich zumindest Kant das Problem einer normativen Begründung gesehen hat). Zu den deskriptiven Ansätzen zählen die empirisch orientierte Ästhetik des 19. Jhs., die den Wandel des ästhetischen Verhaltens entweder entwicklungsgeschichtlich oder psychologisch erklären wollte, sowie vor allem die sprachanalytische Ästhetik des 20. Jhs. Am Beispiel dieser letztgenannten Richtung wird der Gegensatz zwischen normativen und deskriptiven ästhetischen Positionen besonders deutlich: Die sprachanalytische Ästhetik erklärt die Grundfrage der normativen (oder essenzialistischen) Ästhetik nach dem Wesen der Kunst bzw. des Schönen generell für unsinnig, also unbeantwortbar, und fordert stattdessen die Analyse solcher Begriffe wie Kunst, ästhetischer Wert u.ä. in ihrem tatsächlichen Gebrauch in der Sprache der Künstler, Wissenschaftler und Kritiker sowie in der Alltagssprache.

Wie bereits angedeutet, wirken viele der genannten, zum Teil einander entgegengesetzten ästhetischen Ansätze bis in die Gegenwart nach. So stehen phänomenologisch-ontologische und hermeneutisch-rezeptionsästhetische Positionen, die letztlich in der Nachfolge Hegels gesehen werden müssen, neben sprachanalytischen, symboltheoretischen oder auch strukturalistischen Positionen, als deren Gewährsmann eher Kant zu nennen ist. Darüber hinaus gibt es Mischformen, beispielsweise in der Kunstphilosophie Dantos, der sich als ehemals analytischer Philosoph u. a. durch seine These vom »Ende der Kunst« in die Nähe Hegels begeben hat. Eine deutliche Aufwertung bzw. Ausweitung erfährt das Ästhetische im Rahmen der postmodernen Philosophie, in der das umfassende Konzept des »ästhetischen Denkens« (Wolfgang Welsch) die philosophische Disziplin Ästhetik auflösen und zu einem generellen Verstehensmedium für die Wirklichkeit machen soll.

G. Plumpe, Ästhetische Kommunikation der Moderne. 2 Bde. , Opladen 1993

W. Jung, Von der Mimesis zur Simulation. Eine Einführung in die Geschichte der Ästhetik , Hamburg 1995

A. Gethmann-Siefert, Einführung in die Ästhetik , München 1995

N. Schneider, Geschichte der Ästhetik von der Aufklärung bis zur Postmoderne. Eine paradigmatische Einführung , Stuttgart 1996

B. Scheer, Einführung in die philosophische Ästhetik , Darmstadt 1997

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt