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Prof. Dr. Claudius Strube

Dilthey, Wilhelm

(1833–1911): Dass man zwei Arten von Wissenschaften – die Natur- und die Geisteswissenschaften – unterscheiden kann, gilt heute allgemein als selbstverständlich. Auch der methodische Dualismus von Erklären und Verstehen ist durchaus geläufig: dass wir für alle Naturerscheinungen Erklärungen suchen, bei allem Psychischen aber, allem Geschichtlichen, Gesellschaftlichen und bei allen Ausformungen der Kultur auf ein Verstehen dringen. Schließlich ist, vermittelt durch Heidegger und seine Schüler, insbesondere durch Gadamer, die Hermeneutik – als Theorie des Verstehens im Allgemeinen und der Auslegung als methodischem Verstehen von Texten im Besonderen – zu einem der Leitgedanken der Philosophie des 20. Jhs. geworden. Der geistesgeschichtliche Urheber all dieser Begriffsbestimmungen ist dagegen in der Öffentlichkeit zumeist unbekannt geblieben.

Wilhelm Dilthey wurde am 19. November 1833 in Biebrich bei Wiesbaden als Sohn eines nassauischen Hofpredigers geboren. Er studierte Theologie und Philosophie an der Berliner Universität, damals eine Hochburg des geschichtlichen Denkens. Hier hatte Niebuhr die historisch-kritische Methode entwickelt, was ein Meilenstein zur Konstituierung der Historie als Geschichtswissenschaft war; und hier hatte Savigny gelehrt, dass das Recht nicht das Erzeugnis einer zeitlosen Vernunft ist, sondern dem Wandel der geschichtlichen Kräfte eines Volkes unterworfen bleibt; und letztlich war hier immer noch das universalgeschichtliche Philosophieren des deutschen Idealismus (Fichte, Hegel, der späte Schelling) in lebendiger Erinnerung; Dilthey erlebte noch Jacob Grimm, Mommsen und vor allem Ranke. Unter diesem allgemeinen Einfluss bildete sich bei ihm allmählich der Gedanke, dass für alle Bereiche geistiger Erscheinungen ein Verfahren verfehlt sein müsse, das deren gegenwärtig gültige Formen als durch geographische, ökonomische, nationale und kulturelle Umstände bedingte Variationen konstanter Grundformen (der Staat überhaupt, die Religion überhaupt, die Kunst überhaupt usw.) ansieht, um sich dann gezwungen zu sehen, diese wegen ihrer vermeintlichen Konstanz – wenigstens hypothetisch – auf Naturkräfte zurückzuführen. Statt solcher Konstruktionen empfiehlt sich nach Dilthey, vorurteilslos das ganze feine Gewebe der in einer geschichtlichen Epoche bestehenden Beziehungen zwischen den geistigen Erscheinungen aufzuspüren, um so eine sichere Erfahrungsbasis zu gewinnen, die Entstehung und Wandel einer bestimmten Erscheinungsform zu verfolgen und so ihre geschichtliche Einmaligkeit zu entdecken erlaubt. Die Erkenntnis des tatsächlichen Wirkungszusammenhangs einer Epoche ermöglicht dann wiederum ein Verständnis der Besonderheiten eines Autors und seiner Werke. Die Ausführungen dieses Konzepts haben dafür gesorgt, dass der Name Diltheys sich fest mit dem Begriff ›Geistesgeschichte‹ verbunden hat. Berühmte Beispiele sind das Leben Schleiermachers und die Jugendgeschichte Hegels sowie die biographisch-literarischen Darstellungen über Goethe und Novalis, vor allem in ihrer überarbeiteten Form in der Spätschrift Das Erlebnis und die Dichtung , aber auch die zahllosen Längsschnittuntersuchungen zu systematischen Problemen wie z. B. Die Entstehung der Hermeneutik , Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert , Das 18. Jahrhundert und die geschichtliche Welt und Die Funktion der Anthropologie in der Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts .

Einen zweiten Anstoß für seine philosophische Entwicklung hat Dilthey erst außerhalb Berlins erfahren. Ab 1865 erhielt er Rufe nach Basel, Kiel und Breslau; 1882 wurde er nach Berlin zurückberufen. In dieser Zeit lernte Dilthey die verschiedenen Forschungsrichtungen der modernen Psychologie kennen. Die Entdeckung der sinnesphysiologischen Psychologie, dass selbst Empfindungen nicht bloß passiv die realen Qualitäten abbilden, sondern nicht ohne die Mitwirkung des Erkenntnissubjekts zustande kommen, wurde bestimmend für seine ›idealistische‹ Auffassung von der Eigenständigkeit des psychischen Lebens (Bewusstsein, geistiges Leben) im Aufbau jeder Erkenntnis. Dementsprechend sollte die Psychologie die Funktion einer Grundwissenschaft für den Aufbau der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis übernehmen. 1883 erschien der erste und einzige Band seines historisch-systematischen Hauptwerks Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte . Er enthielt die ersten beiden Bücher des auf fünf Bücher angelegten Werkes. Das erste, einleitende Buch zeigt zunächst, dass es auch für die Geisteswissenschaften einen universalen Wirklichkeitsbereich gibt. Dieser entsteht durch die Interaktionen psychophysischer Einheiten. Sofern diese Lebenseinheiten gemäß ihrer internen Beziehung des Psychischen auf ihr Physisches bereits einen Zusammenhang darstellen, sind sie Ganzheiten; als solche bezeichnen wir sie als Personen. Ihre ursprüngliche Ganzheit begründet, dass Personen nie in dem aufgehen, was sich durch ihre Interaktionen aufbaut. Sie lassen sich in ihrer Konstitution nicht nach den verschiedenen Systemen des gesellschaftlichen Lebens bzw. nach den in diesen Systemen erforderlichen Fähigkeiten aufteilen, sie sind im strengen Sinne Individuen. Die individuellen Personen dürfen daher nie betrachtet werden als gleich bleibende Bestandteile (letzte Elemente), aus denen sich alle Lebenszusammenhänge durchsichtig zusammensetzen ließen. Personen sind immer nur Glieder der Wirkungszusammenhänge des Lebens; und als Individuen können sie den einzelnen Wirkungszusammenhängen wie Recht, Staat und sozialen Gemeinschaften sowie der Kultur nie endgültig unterworfen werden. Im Gegenteil, gerade als Individuen können sie diesen Zusammenhängen stets Neues hinzufügen, sodass deren Weiterentwicklung nie wirklich abbrechen kann. Der universellste Wirkungszusammenhang des Lebens ist die Menschheit; in der Querschnittsbetrachtung wird diese als Gesellschaft (Kultur, Staat und soziales Leben), in Längsschnittuntersuchungen als Geschichte bezeichnet. Das zweite Buch zeigt die Entstehung und Herrschaft der Metaphysik in der Antike und im Mittelalter sowie ihren Verfall in der Moderne. Die Verfallsgeschichte sollte die Unmöglichkeit einsichtig machen, die einzelnen Geisteswissenschaften noch einmal auf Metaphysik, d. h. letzte Wesenserkenntnisse, gründen zu können. Die nicht erschienenen Bücher 3 bis 5 sollten schließlich die erkenntnistheoretisch-psychologische, die logische (kategoriale) und die methodologische Grundlegung der Geisteswissenschaften behandeln. An diesen systematischen Büchern hat Dilthey unaufhörlich bis zu seinem Tode (1. 10. 1911) gearbeitet. Die immer weiter zunehmenden Verzweigungen dieses systematischen Programms ließen einen Abschluss der Arbeiten nicht mehr zu. Nur zweimal noch hat Dilthey einen Einblick in die Ausarbeitung dieses Programms gegeben: in der einflussreichen Abhandlung Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894) und in der nicht minder bedeutsamen Abhandlung Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910) . Die Dispositionen und Fragmente zum ›zweiten‹ Band sind schließlich erst vor einigen Jahren aus dem Nachlass veröffentlicht worden (Bd. 19 der Gesammelten Schriften).

Diltheys Ausgangsproblem war die Frage nach dem wissenschaftstheoretischen Status derjenigen Erfahrungswissenschaften, die sich zunächst einmal durch ihre Themen von den klassischen Naturwissenschaften unterschieden: Psychologie, Historie, Rechtswissenschaft, Staatswissenschaften, Sozialwissenschaften, Literatur- und Sprachwissenschaften. Der Positivismus hatte aber die mathematische Naturwissenschaft zum Maßstab der Wissenschaftlichkeit einer jeden Disziplin erhoben. Damit wurde der thematische Unterschied der Disziplinen als vordergründig zurückgewiesen und ihre Wissenschaftlichkeit allein von der Befähigung zu mechanisch-kausaler Erklärung abhängig gemacht. Dementsprechend hatte Comte beispielsweise die Soziologie als soziale Physik verstehen wollen; die seit 1850 erhobenen Forderungen, die Psychologie und Historie endlich als Naturwissenschaften zu behandeln, waren ähnlich gemeint. Mit diesem Methodenmonismus unterstellte der Positivismus freilich, dass alle psychischen, kulturellen und sozialen Erscheinungen letztlich auf Naturerscheinungen reduziert werden könnten. Auf diese Tendenz antwortete Dilthey mit der These von der thematischen und methodischen Selbständigkeit der Geisteswissenschaften. Für ihn stand fest, dass in der Moderne eine humane Gestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens nur gelingen kann, wenn sich die hierauf bezogenen Disziplinen zu eigenständigen Wissenschaften auszubilden vermögen, und dass dies wiederum nur ungestört geschehen kann, wenn wir unser gesamtes Wissenschaftssystem als ein dualistisches begreifen lernen.

Die Bezeichnung ›Geisteswissenschaften‹ für die zweite Hälfte unseres Wissenschaftssystems war für Dilthey selbst nicht zwingend. Ihm schien nur, dass die Alternativen ›Kulturwissenschaften‹, ›Moralwissenschaften‹ (im Sinne von Verhaltenswissenschaften) ›Gesellschaftswissenschaften‹ und ›Humanwissenschaften‹ (heute vor allem in Amerika die vorherrschende Bezeichnung) alle mit Einseitigkeiten behaftet wären, der Titel ›Geisteswissenschaften‹ dagegen den Vorzug hätte, wenigstens einen zentralen Tatsachenkreis zu bezeichnen.

Denn das, was alle diese Wissenschaften bestimmt und daher ihr allgemeines Kennzeichen ausmacht, ist die in allen ihren Tatsachen entdeckbare Trias von »Erleben, Ausdruck und Verstehen«. In allen diesen Wissenschaften, ob in der Rechts- oder Literaturwissenschaft, geht es letztlich darum zu verstehen, warum sich Menschen in bestimmten Situationen (Interaktionen) persönlich so oder so verhalten können. Im Unterschied zur äußeren Erfahrung, bei der unser Selbst gewissermaßen ausgeschaltet bleibt, sind wir bei allem personalen Verhalten stets innerlich beteiligt. Wegen dieses lebhaften Interessiertseins bezeichnet Dilthey ein solches Verhalten als Erleben. Dieser Charakter überträgt sich auch auf die im Zuge solchen Verhaltens auftretenden Lebensäußerungen (Mienen, Gesten, sprachliche Ausdrücke, Gestaltungen und Taten), sodass uns generell kein Ausdruck gänzlich fremd oder unverständlich sein kann. Natürlich geschieht es dem Einzelnen, dass ihn ein bestimmter Ausdruck aufgrund des gegebenen Horizontes seiner Lebenserfahrung befremdet. Er möchte dann wissen, was dieser eigentlich bedeutet. Solches Verstehen wäre nun nach Dilthey nicht möglich, wenn wir – was alle an der Naturwissenschaft orientierten Erkenntnistheorien fordern – unsere Interessiertheit ausschalten würden und in bloßer Betrachtung des Ausdrucks seine Bedeutung herausklauben wollten. Vielmehr muss man seine allgemeine menschliche Interessiertheit gerade einschalten; es gilt, das ursprüngliche Erleben selbsttätig nachzubilden. Durch seinen lebendigen Bezug zum Erleben gibt jeder Ausdruck, auch der befremdliche, die Gelegenheit dazu, in ihm das geäußerte (objektivierte) Erleben wieder nachzuerleben. Für den Verstehenden ist dieses Nacherleben aber ein neues Erleben; der Horizont seiner Lebenserfahrung erweitert sich, und darin besteht der eigentliche Erkenntniseffekt.

Die einzelnen Geisteswissenschaften kommen mit dieser Grundform des Verstehens – Nachbilden von Erleben – selbstverständlich nicht aus. Sie erhalten ihre Themen ja dadurch, dass es bei fortschreitender Ausdifferenzierung der allgemeinen Lebenserfahrung und einer damit einhergehenden Generalisation der ausdifferenzierten Glieder zur Bildung verschiedener, sich gegenseitig abstoßender Systeme (Recht, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft, Verwandtschaft u. a.) kommt. Dem gemäß müssen die einzelnen Geisteswissenschaften auch höhere, artifizielle Formen des Verstehens entwickeln, Formen, die der Logik des thematisierten Systems (z. B. des Normensystems bei der richterlichen Gesetzesauslegung) entsprechen müssen. Dilthey hat sich mit der Frage der spezifischen Hermeneutik nicht mehr beschäftigt. Er war aber der Meinung, dass auch diese komplexeren Formen zuletzt wieder auf die Grundform des Verstehens zurückkommen müssen.

Für ihn war es genug, gezeigt zu haben, dass alle geisteswissenschaftlichen Tatsachen einen inneren Bezug von Erleben, Ausdruck und Verstehen aufweisen. Mit diesem Aufweis konnte als gegeben gelten, dass der Objekts- und Wirklichkeitscharakter des Ausdrucks ein ganz anderer ist als der des Dinges in der Natur. Und hierauf konnte er wiederum seine Forderung nach einer genuinen geisteswissenschaftlichen Methode gründen. Zur Bekräftigung pflegte er sich gern auf das Wort F. Bacons zu berufen: Natura parendo vincitur . Die Natur wird nur dadurch besiegt, dass man ihr gehorcht, d. h. nach Dilthey, dass sich unser Erkennen der Eigenart ihrer Objekte anschmiegt. Diesen Satz hat Dilthey sinngemäß verallgemeinert: Wenn die Natur der Objekte, wie das bei denen der allgemeinen Lebenserfahrung der Fall ist, eine andere ist als die, auf welche die Naturerfahrung stößt, dann bedarf es für sie auch einer anderen Methode als in der Naturwissenschaft, um sich ihrer begrifflich bemächtigen zu können. Diese wissenschaftliche Methode ist die Hermeneutik.

F. Fellmann, Symbolischer Pragmatismus, Hermeneutik nach Dilthey , Reinbek 1991

M. Jung, Dilthey zur Einführung , Hamburg 1996

C. Strube, Diltheys Systemprogramm. Die allgemeine Begründung der Geisteswissenschaften , Frankfurt/M. 2003

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt