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Dr. Thomas Zwenger

Transzendenz

Von lat. transcendere , ›überschreiten, übersteigen‹: Im Begriff der Transzendenz drückt sich die Urerfahrung des Menschen aus, ein ›endliches‹ Wesen zu sein. Denn wir finden uns zwar einerseits als Teile einer für uns durchschaubaren und begreifbaren Wirklichkeit vor, andererseits aber erleben wir diese Wirklichkeit durch die Endlichkeit unseres Erkenntnisvermögens ebenfalls als begrenzt. Diese doppelte Grenzerfahrung setzt für das Denken die notwendige Antizipation einer transzendenten Wirklichkeit, in welcher die immanente Realität unseres Daseins aufgehoben ist. Transzendenz ist also ein relationaler Begriff, dem der Begriff der Immanenz korrespondiert. Je nach Auffassung dieses Immanenz-Begriffs kommen als korrelative Begriffe zur Transzendenz Existenz, Erleben, Dasein etc. in Frage. X. Tillette meint, dass der eigentliche Gegensatz zur Transzendenz durch den Begriff der Deszendenz gebildet würde, was so viel wie Abstieg, Abfall, Niedersinken bedeutet. Er trägt damit dem für das Transzendenz-Verständnis wesentlichen Gedanken Rechnung, dass die vorhandene Wirklichkeit (Immanenz) stets als die unvollkommene und defiziente angesehen wird, der gegenüber der Überstieg zur transzendenten Wirklichkeit zugleich als Eintritt in eine höhere, wahrere und den Seinsgrund aller Realität bereitstellende Sphäre des Seins angesehen wird. Transzendenz zeigt die Differenz an »zwischen vorhandener Wirklichkeit, um die es dem Menschen nicht oder nicht allein geht, und jener Wirklichkeit, um die es ihm geht« (E. Simons).

Es ist deutlich, dass Transzendenz als Negation der unmittelbar erfahrenen Wirklichkeit zu den zentralen philosophischen Problemen überhaupt gehört. Als eine der Gründungsurkunden kann das berühmte platonische ›jenseits des Seins‹ (»da doch das Gute selbst nicht das Sein ist, sondern noch über das Sein an Würde und Kraft hinausragt«, Pol. 509 b) gelten, mit dem der transzendente Status der ›wahren‹ Wirklichkeit der Ideen gekennzeichnet wird. Freilich stammt der Begriff der Transzendenz erst aus dem lateinischen Mittelalter (A), wo das Transzendenz-Problem in seiner christlich-religiösen Ausprägung dominiert. Die platonische Vorstellung des aus sich selbst bestehenden Seins der Ideen (a se esse oder esse subsistens ) wird hier mit der vollkommenen Jenseitigkeit Gottes kombiniert, der die Immanenz alles geschöpflichen Seins untergeordnet ist.

In der neuzeitlichen Philosophie ist es zunächst die kritische Erkenntnistheorie Kants, in welcher Transzendenz vornehmlich den überschwänglichen, weil unerlaubterweise von der sinnlichen Erfahrung abgezogenen Gebrauch von Gegenstandsbegriffen bezeichnet. Solcher transzendenter Gebrauch ist bloß ›vernünftelnd‹ und kann keine objektive Erkenntnis begründen. In den spekulativen Bewusstseinsphilosophien des deutschen Idealismus (A) verschiebt sich demgegenüber die Transzendenz-Problematik in dialektisch begriffene Subjekt-Objekt-Gegensätze, in welchen der ontologische Gegensatz von ›jenseits‹ und ›diesseits‹ (Transzendenz – Immanenz) zum Geltungsgegensatz ›absolut‹ und ›bedingt‹ umgeformt wird. Im 20. Jh. erfährt die Transzendenz-Problematik durch phänomenologische, anthropologische und existenzial-ontologische Ausprägungen eine deutliche Reaktivierung. Bemerkenswert ist, dass auch in der gegenwärtigen Philosophie, die stark durch säkularisierte Formen eines anti-aufklärerischen ontologischen Realismus geprägt ist, meist unkritisch scheinbar wissenschaftliche Theorien der Transzendenz eingeführt werden (Theorien nicht-propositionalen Wissens, z. B. Mantik).

E. Bloch, Atheismus und Christentum , Frankfurt/M. 1968

W. Cramer, Grundlegung einer Theorie des Geistes , Frankfurt/M. 1957

M. Enders, Das daseinshermeneutische Transzendenz- und Weltverständnis M. Heideggers auf dem Hintergrund der neuzeitlichen Geschichte des Transzendenz-Begriffs , Frankfurt/M. 1999

L. Honnefelder, W. Schüssler (Hg.) Transzendenz. Zu einem Grundwort der klassischen Metaphysik , Paderborn 1992

H. Krings, Transzendentale Logik , München 1964

B. Lakebrink, Hegels dialektische Ontologie und die thomistische Analektik , Köln 1955

E. Simons, Art. Transzendenz , in: Handb. Phil. Grundbegriffe, 1540–56, München 1974

W. Theiler, Forschungen zum Neuplatonismus , Berlin 1966

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt