Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Dr. Thomas Zwenger

Wissen

Griech. episteme , lat. cognitio , engl. knowledge : Wissen gehört selbst zu den Bedingungen, unter denen überhaupt etwas definiert werden kann. Man findet daher in den Lexika unter dem Begriff Wissen meist zirkuläre Umschreibungen, die ihn selbst schon irgendwie enthalten. So wird Wissen oft als Kenntnis beschrieben.

Es soll deshalb hier nur darauf verwiesen werden, dass die Substantivform ›das Wissen‹ im Deutschen sowohl als Prozess des etwas Wissens oder des von etwas Wissens als auch als Bezeichnung für das subjektive Ergebnis dieses Prozesses, das Gewusste, verstanden werden kann. Da dieser geistige Prozess als Bewusstsein bezeichnet werden kann und Wissen stärker einen inhaltlichen als einen formalen Aspekt anspricht, kann man mit Wissen zunächst und allgemein den Inhalt menschlichen Bewusstseins bezeichnen bzw. diejenigen Vorstellungen, von denen Kant sagt, dass sie von einem ›ich denke‹ begleitet werden können. Dabei ist Wissen nicht auf personale Individuen eingeschränkt, sondern kann sich auch etwa auf das Wissen einer Gruppe, eines Volkes oder der gesamten Menschheit beziehen. Auch das, was vielleicht früher einmal gewusst wurde, nicht aber aktual in einem Bewusstsein präsent ist, fällt unter diesen Begriff.

Da seit dem Altertum (A) angenommen wird, dass nicht alles, was im Bewusstsein ist, Wissen ist, ist der Begriff qualitativ einzuschränken. In der griechischen Philosophie unterschied man das Wissen (episteme ) von anderen Bewusstseinsformen wie Meinen (doxa ), Glauben (pistis ) und Kunstfertigkeit (techne ). In der deutschen Sprache ist der Begriff des Wissens deutlich enger gefasst als der der Erkenntnis, von dem wir annehmen, dass er andere Bewusstseinsformen und Unterscheidungen wie theoretische/praktische Erkenntnis, intuitive/diskursive Erkenntnis, objektive/subjektive Erkenntnis, zufällige/notwendige Erkenntnis mit umfasst.

Zum Wissen im engeren Sinne (episteme ) gehört, wie Platon und Aristoteles feststellen, Theorie (theoria ). Das besagt, dass der Geltungsmodus des Wissens das Zutreffen oder Nichtzutreffen ist. Wissen ist nach Kant eine Art des ›Für-wahr-Haltens‹. Echtes (theoretisches) Wissen liegt vor, wenn streng begründete, z. B. überprüfte (rationale) Aussagen über das Zutreffen (Wahrheit) einer Behauptung oder eines Behauptungskomplexes gemacht werden können. Je nach Art dieser Überprüfungsinstanzen kann man von empirischem (Tatsachen-)Wissen, abstraktem oder logischem Wissen sprechen. Wissen kann demnach als eine ›sichere‹, abgeschlossene und objektive Erkenntnisform bezeichnet werden. Wissen ist extensional, d. h. auf Gegenstände bezogen (objektiv) und nicht reflexiv. Wegen seiner Rationalität ist es grundsätzlich an Begrifflichkeit bzw. Propositionalität gebunden. Wissen liegt sprachlich in Form entscheidbarer, d. h. wahrheitsdifferenter Aussagesätze vor. Während daher ein nicht propositionales Wissen streng genommen eine contradictio in adjecto ist, trifft dies nicht auf den Ausdruck einer nichtbegrifflichen Erkenntnis zu. Diese interessante, oft nicht bemerkte Problematik ergibt sich historisch aus der Tatsache, dass die englische Sprache, die sich im 20. Jh. zur führenden Wissenschaftssprache entwickelt hat, nicht zwischen Wissen im engeren Sinne (knowledge ) und dem philosophischen Begriff der Erkenntnis (ebenfalls knowledge ) unterscheidet.

Die Rationalität des Wissens, also die Tatsache, dass seine Bedeutung sein Wahrheitswert ist, macht, dass es logisch operationalisierbar, systematisierbar und institutionalisierbar in Form von Wissenschaften angelegt werden kann.

Aus dem Gesagten erhellt allerdings auch, dass es in der Philosophie nur zu einem äußerst geringen Teil um Wissen im engen Sinne geht. Philosophische Aussagen haben einen anderen Geltungsmodus als den der Wahrheit. Bei ihnen handelt es sich um Urteile, die argumentativ begründet werden und demnach entweder überzeugend sind oder nicht. Philosophische Argumente sind nicht wahr oder falsch, sondern liefern gute oder schlechte Gründe dafür, akzeptiert oder verworfen zu werden. Die philosophische Erkenntnis erfüllt alle Merkmale des antiken Begriffs der Meinung (doxa ): sie ist nicht wahrheitsdifferent, gilt bloß subjektiv (hat keinen Gegenstandsbezug), kann aber dennoch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit (Apriorizität) Anspruch erheben. Für die empiristischen und positivistischen Traditionen der Philosophie stellen diese Merkmale Makel der philosophischen Erkenntnis dar, weshalb sie – vielleicht auch verführt durch den oben beschriebenen Anglizismus der Identifizierung von Wissen und Erkenntnis – die Tendenz haben, die Philosophie selbst als positive Wissenschaft zu betrachten und reflexive und intensionale Erkenntnisse unter Sinnlosigkeitsverdacht zu stellen.

A. J. Ayer, The Problem of Knowledge , Harmondsworth/Middlesex 1956

M. Brüggen, Wissen , in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Bd. III, München 1974, Sp. 1723–39

R. M. Chisholm, Theory of Knowledge , 3. Aufl. Englewood Cliffs 1989

A. C. Danto, Analytic Philosophy of Knowledge , 2. Aufl. Cambridge 1985

J. Hintikka, Knowledge and Belief , New York 1962

H. Krings, H. M. Baumgartner, Erkennen, Erkenntnis , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. II, Darmstadt 1972, Sp. 643–62

P. Lorenzen, Methodisches Denken , Frankfurt/M. 1968

W. Stegmüller, Metaphysik, Skepsis, Wissenschaft , 2. Aufl. Darmstadt 1969

W. Wieland, Platon und die Formen des Wissens , Göttingen 1982

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hg. v. Wulff D. Rehfus
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt