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Prof. Dr. Armin G. Wildfeuer

Wert

Mit dem Sammel- und Einheitsbegriff ›Wert(e)‹ werden im Allgemeinen grundlegende, konsensuelle Zustimmung einfordernde, gleichermaßen normierend und motivierend wirkende Zielvorstellungen, Orientierungsgrößen und Qualitäten bezeichnet, die – weil sie sich mit Bezug auf anthropologische Grundkonstanten als unabdingbar oder mit Blick auf kontingent (historisch, situativ, kulturell) bedingte Bedürfnis- und Handlungskontexte als zuträglich erwiesen haben – auch tatsächlich angestrebt und gewünscht werden, sodass sich Individuen und Gruppen von ihnen bei ihrer Handlungswahl und ihrer Weltgestaltung leiten lassen. Trotz der bestehenden Schwierigkeiten einer präzisen Begriffsbestimmung, ja trotz zentraler philosophischer Schwächen des Begriffs, wird in der neueren Diskussion die Unverzichtbarkeit von Wertorientierungen für den Vollzug individuellen und sozialen Lebens nicht in Frage gestellt. Im Vordergrund steht dabei nicht mehr wie in der Wertphilosophie und Wertethik des 19. Jhs. die als obsolet eingeschätzte Frage nach dem Realitätsstatus von Werten, sondern die nach der basalen Funktion von Werten und Werturteilen. Denn die Orientierung an Werten trägt ihrer fundamental-anthropologischen Verortung und Funktion nach grundlegend in entlastender Weise (Entlastungsfunktion) zur Kompensation der »Instinktreduktion« des Menschen (Gehlen) und der hieraus resultierenden Verhaltensverunsicherung bei. Werten korrespondieren daher basale Bedürfnisse, wenngleich das konkrete Zuordnungsverhältnis schwer zu bestimmen sein dürfte. Dennoch erbringen Werte eine – historisch und kulturspezifisch variable, folglich auch bewusst gestaltbare und vielfach nur pragmatisch gültige – Selektionsleistung (Kluckhohn) für die Erkenntnis, das Erleben und das Wollen, indem sie das Kontinuum von Bedeutsamkeiten für die Individuen hierarchisch strukturieren, mithin Orientierung ermöglichen. Werte lassen sich daher als ›Beziehungsbegriffe‹ bestimmen, in denen Relationen zwischen Subjekten und Sachverhalten als Präferenzmodelle zum Tragen kommen. Dabei ist in der wertphilosophischen Diskussion strittig, ob sich die Beziehung eines Sachverhaltes zu Werten einer Relation zu subjektiven Einstellungen von Personen (Gefühlen, Interessen usw.) oder zu objektiven Werten verdankt. Unstrittig ist, dass Werte normierend für die Personen wirken, die unter ihnen handeln, und dass sie als geschichtlich gewachsene und soziokulturell vermittelte »Konzepte des Wünschenswerten« (Kluckhohn) faktisch den Charakter von obersten ›Zielen‹ haben. Sie fundieren und rechtfertigen daher in sinngebender Weise die mehr konkret ausgeprägten sozialen Normen, die für ein gegenseitig abgestimmtes, berechenbares Verhalten der Angehörigen einer Gesellschaft in den mannigfaltigen Situationen des Alltagslebens unerlässlich sind (Legitimationsfunktion). Insofern Werte dabei als Standards selektiver Orientierung für Richtung, Ziele, Intensität und Auswahl der Mittel des Handelns wirken (Orientierungsfunktion), können sie als »Orientierungsstandards« und »Zielgaranten« (Rockeach) bezeichnet werden. Sie können mithin auch als Regeln der Identifizierung von Zwecken begriffen werden, also als Regeln des Strebens, die in bestimmten situativen Kontexten Ziele des Handelns (auch des Erkennens) selektieren. Ihr Regelcharakter und der darin implizierte Zwang zu vernünftiger, mithin intersubjektiv nachvollziehbarer Rechtfertigung hebt sie grundsätzlich aus dem individuellen in den gesellschaftlichen Bereich.

Die primäre Orientierungsleistung von Werten besteht in der Bildung von Präferenzen. Funktionslogischer Ort von Werten sind daher Wertungen, die als Präferenzurteile die Bevorzugung einer Handlung vor einer anderen bzw. allgemein eines Gegenstandes oder eines Sachverhaltes vor einem anderen intendieren. Werte spielen dabei in Wertungen zum einen als der ausschlaggebende Grund oder Maßstab eine Rolle, der als Präferenz des wertenden Subjekts fassbar ist und mit Rücksicht auf den das eine dem anderen vorgezogen wird. Zum anderen kann auch das Ergebnis einer Wertung selbst als Wert bezeichnet werden, insofern diesem mit Bezug auf den Wertungsmaßstab Werthaftigkeit zugesprochen und es dadurch als erstrebenswertes Ziel anerkannt wird. Die tatsächliche Orientierung an und Bevorzugung von bestimmten Werten, in denen Vorstellungen gelungenen (Zusammen-)Lebens zum Tragen kommen, macht in ihrer Gesamtheit das Ethos von Gesellschaften und Gruppen aus.

Formal lassen sich unterschiedliche Werttypen, Wertkategorien, Wertebenen, Wertbereiche und Wertkonkretisierungsstufen unterscheiden, die sich – bezogen auf sektorale oder umfassende Wertekontexte – im Sinne einer begründungslogischen, am Zweck-Mittel-Schema orientierten Rangordnung in ein tendenziell hierarchisch strukturierbares Wertesystems (Werthierarchie, Axiologie) einbinden lassen. In der Wertehierarchie wird ein Wert umso höher angesiedelt, je unabdingbarer er – abhängig von der gewählten anthropologischen Grundüberzeugung und Vollkommenheitsvorstellung – für das Gelingen des Lebens angesehen wird. Dabei können grundsätzlich Ziel- und Dienstwerte unterschieden werden. Ziel- bzw. Terminalwerte bilden die obersten und letzten Gründe von Wertungen. Sie werden Selbst- oder Eigenwerte genannt und sind dann absolut, wenn sie ›an sich selbst‹ werthaft sind, mithin auch ohne Bezug auf übergeordnete Werte Grund von Wertungen sein können. Folgt man Kant, dann haben nur Personen, da sie als der Anlage nach vernünftige Wesen »als Zweck an sich« (Selbstzweck) existieren, bereits mit ihrem Dasein einen absoluten Wert, der qua Würde über allen Preis erhaben ist. Dienst- oder Nutzwerte dagegen sind weniger abstrakt und umfassend. Sie verdanken sich einem kontingenten, durch Schätzung und Abwägung entstandenen Übereinkommen zwischen Menschen über das ihnen Zu- bzw. Abträgliche. Sie sind nicht werthaft an sich, sondern relativ insofern, als sie in Wertungen Grund einer Bevorzugung nur durch Bezug auf einen übergeordneten Wert sind, z. B. als Mittel zu einem Zweck (instrumentaler Wert), als Teil zu einem Ganzen (partieller Wert), als Weg zur Realisierung und Konkretisierung von Zielwerten (Verfahrenswerte), als Folgerung aus einer Voraussetzung (hypothetischer Wert) oder als förderliches Element für den Zustand eines Systems (funktionaler Wert). Mit Bezug auf die Ausdehnung, Allgemeingültigkeit, Rechtfertigbarkeit und Geltung können ferner subjektive (individuelle, nicht verallgemeinerbare) von objektiven (transsubjektiven, intersubjektiven, verallgemeinerbaren) Werten unterschieden werden. Mit Bezug auf unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche lassen sich geistige Werte (moralisch-sittliche, intellektuelle, ästhetische, religiöse), nicht-geistige Werte (psychische wie Lust, biologische wie Gesundheit) und materielle Werte (Sachwerte) unterscheiden, wobei Letztere ihre Werthaftigkeit immer dem Bezug auf geistige Werte als ihrem eigentlichen Worumwillen verdanken. Orientiert am Ziel-Mittel-Schema lassen sich Werte daher auch zu Wertgruppen zusammenfassen, die sich jeweils um einen zentralen Basis- oder Zielwert gruppieren: so sind logische Werte auf das Wahre, ökonomische Werte auf den langfristigen Gleichgewichtspreis, technisch-pragmatische Werte auf das Richtige, ästhetische Werte auf das Schöne, moralisch-sittliche Werte auf das Gute und religiöse Werte auf das Heilige bezogen. Es lassen sich aber auch politische, demokratische, christliche, liberale etc. Werte zu Wertgruppen zusammenfassen und um einen oder mehrere Basis- oder Grundwerte gruppieren, die als unverzichtbare Voraussetzung sektorales Wertverhalten erst ermöglichen.

Da jede Handlung als wertrealisierender Akt gedeutet werden kann, kommt moralisch-sittlichen Werten (im allgemeinen Sinn) eine besondere Bedeutung zu. Folgt man einer grundlegenden, zumeist vernachlässigten inhaltlichen Differenzierung, dann müssen dabei Willensqualitäten als moralisch-sittliche Werte im engeren oder eigentlichen Sinn von objektiv vorgegebenen Gütern als Werte im präsittlichen oder weiteren Sinn unterschieden werden. Mit Werten im engeren Sinn (bonum morale ) sind bestimmte stereotype Werthaltungen (klassisch: Tugenden wie Gerechtigkeit, Treue, Solidarität etc.) gemeint, die nur als Qualitäten des Willens in Form fester Willenshaltungen als real existent angesehen werden können. Sie leiten als nicht-materielle Strebensziele den wertrealisierenden Akt. Als solche sind sie für das menschliche Handeln nicht nur objektiv vorgegeben und verpflichtend, sondern auch unverzichtbar. Bei Gütern – Werte im weiteren Sinn dagegen (bonum physicum ) – handelt es sich immer um reale Gegebenheiten, die unabhängig vom persönlichen Denken und Wollen existieren oder als objektiv gegeben gedacht werden müssen, mithin auch nicht in der freien Selbstbestimmung des Menschen ihren Ursprung haben. Weil sie unabdingbare Voraussetzung gelungenen (Zusammen-)Lebens sind und daher verantwortlichem menschlichen Handeln zur Beachtung aufgegeben sind, kann unser individuelles und zwischenmenschliches Handeln an ihnen nicht vorbeigehen. Denn Güter sind lediglich in den konkreten Realisationsformen, nicht aber in ihrem Anspruch kultur- und geschichtsvariant. In der Rechtsphilosophie spricht man meist von Rechtsgütern wie Leben, leiblicher Integrität, geistigem wie materiellem Eigentum, ferner von jenen objektgerichteten Wertschätzungen, die sich mehr auf konkrete Aspekte und Bereiche des soziokulturellen Lebenszusammenhanges beziehen (z. B. Gesundheit, Umweltschutz, Familie), aber auch den so genannten Freiheiten des Gewissens, der Meinungsäußerung oder von institutionellen Größen wie Ehe, Familie, Staat. Diese Güter als objektiv vorgegebene Ziele des Handelns sind nicht der Grund der sittlichen Verpflichtung, sondern sie sind ›Gegenstände‹, Objekte verantwortlichen Handelns. Als solche sind sie nicht sittliche oder besser präsittliche Werte. Sie sind meist im Grundrechtskatalog moderner Staaten festgeschrieben (z. B. GG Art. 1–19). Werden mit Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität etc., die sich als Leitbilder der freiheitlichen Demokratie bezeichnen lassen, nicht innere Willensqualitäten, sondern – im Sinne von ›realer freier Entfaltung aller‹, einer gerechten oder solidarischen Ordnung – real in sozialen Strukturen herzustellende und durch politisches Handeln zu ermöglichende Gegebenheiten gemeint, dann haben sie eher den Charakter von Gütern. Auch die Menschenwürde als objektive Vorgabe ist in diesem Sinne ein – wenngleich absolutes – Gut (ein präsittlicher Wert), das daher unbedingte Anerkennung, d. h. Respekt vor der Würde des Menschen und damit Wertverhalten im Sinne einer Willensqualität erfordert.

J. N. Findlay, Values and Intention , London / New York 1961

Ch. Hubig, Handlung – Identität – Verstehen , Weinheim 1985

H. Joas, Die Entstehung der Werte , Frankfurt/M. 1997

R. M. Lemos, The Nature of Value. Axiological Investigations , Gainesville 1995

H. Reiner, Die Grundlagen der Sittlichkeit , 2. Aufl. Meisenheim 1974

M. Rockeach, The Nature of Human Values , New York 1973

M. Scholl-Schaaf, Werterhaltung und Wertsystem , Bonn 1975

D. Wiggins, Needs, Values, Truth. Essay in the Philosophy of Values , Oxford 1998

G. H. von Wright, Normen, Werte und Handlungen , Frankfurt/M. 1994

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt