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Dr. Thomas Zwenger

Wahrnehmung

Griech. aisthesis , lat. perceptio , sensatio ; engl./frz. perception , sensation : In diesem Begriff kristallisiert sich wie in kaum einem anderen die ganze Ideenvielfalt der Philosophie wie auch ihre systematische Kernproblematik. Vom Alltagsverständnis ausgehend, darf zunächst angenommen werden, dass Wahrnehmung bei Mensch und Tier die über die Sinnesorgane vermittelten Prozesse der Aufnahme von Eindrücken bezeichnet. Allerdings sind alle für eine mögliche Beschreibung dieser Vorgänge nötigen Begriffe im Laufe der Ideengeschichte derartig strittig geworden, dass auch heute eine für die Philosophie generell verbindliche Definition von Wahrnehmung nicht gegeben werden kann. Weder ist klar, was ein Eindruck ist, noch, was unter dem einem Eindruck zu Grunde liegenden Gegenstand verstanden werden soll. Schließlich ist höchst ungewiss, was denn das diesen Eindruck Aufnehmende eigentlich ist.

Der moderne, an Psychologie, Biologie und Medizin orientierte common sense stellt sich Wahrnehmung unproblematisch naiv realistisch vor: Da gibt es eine alles Sein (und damit auch uns selbst) umfassende für sich bestehende Welt von Dingen, von der wir durch die Sinnesorgane, vergleichbar mit Kameras, Bilder produzieren, die in unserem Gehirn als Vorstellungen abgespeichert werden. Uns kümmert weder die Tatsache, dass wir von dieser für sich bestehenden Welt der Dinge keine Erfahrungserkenntnis besitzen, noch, dass uns die Struktur von Vorstellungen gänzlich unbekannt ist.

Auch die Geschichte der Philosophie beginnt mit einem Wahrnehmungs-Realismus. Jede Abbildtheorie, nach welcher die Dinge durch die »Tore der Sinne« (Heraklit) hindurch auf die Seele wirken, ist in dem Sinne realistisch, als sie Wahrnehmung als einen Vorgang innerhalb der Welt der Dinge ansieht. Wenn die Wahrnehmung ein Bild (oder – in einigen antiken Theorien, z. B. bei Epikur – Bildchen, griech. eidolon ) oder einen ›Abdruck‹ des wahrgenommenen Gegenstandes in der Seele verursacht, dann bedeutet das, dass die Sinneswahrnehmung die gesamte uns verfügbare Erkenntnis des Gegenstandes enthalten muss. Aber da es der Philosophie von Anfang an nicht um den Gegensatz von ›außen‹ und ›innen‹, sondern um das viel grundlegendere Verhältnis von Denken und Sein ging, wird noch in der vorsokratischen Phase der griechischen Philosophie, bei Demokrit, dieser Realismus unterminiert. Der atomistische Materialist Demokrit findet heraus, dass unter der so oder so sinnlich wahrgenommenen Oberfläche der Dinge die eigentliche, ›wahre‹ Struktur der Dinge, und das sind ihre atomaren Verhältnisse, verborgen ist. Dieses verborgene Wesen wird aber nicht wahrgenommen, sondern gedacht. Damit setzt sich der für die Philosophie seither maßgebliche Gedanke durch, dass Wahrnehmung nur einen Teil dessen liefert, was wir von den Gegenständen erkennen. Dieser Teil wird meist Empfindung genannt. Sie ist, wie Aristoteles bemerkt, ein »Erleiden (pas -chein ) der Seele, sofern sie mit dem Leibe verbunden ist« (De anima , II 11, 424 a).

Die Erkenntnistheorie streitet sich fortan und bis in unsere Tage darüber, welcher Rang der Empfindung in der Gegenstandserkenntnis zugesprochen werden soll. So erkennen Platon und Aristoteles, dass Wahrnehmung für sich genommen überhaupt kein Wissen (episteme ) schafft, weil sie nur das Veränderliche und Zufällige (das Kontingente) an den Dingen, nicht aber das diesen Eigenschaften zugrundeliegende Wesen enthält. Aristoteles stellt aber immerhin fest, dass mit der Wahrnehmung die Erkenntnis beginnt (Anal. post . II 19).

Im neuzeitlichen Rationalismus erneuert und verstärkt sich diese idealistische Auffassung. Nach Descartes ist die Wahrnehmung eine bloß verworrene Erkenntnis, die das (außerhalb des Bewusstseins) Existierende betrifft. Demgegenüber erkennen wir durch das Denken klar und deutlich das Wesen (Essenz) einer Sache. Diese Annahme ist im Kern die Begründung für die erfolgreiche Mathematisierung bzw. Geometrisierung der positiven Wissenschaften. Von besonderer Bedeutung ist auch seit der Scholastik die Frage, wie das Verhältnis der äußeren Wahrnehmung durch die Sinnesorgane zur inneren Wahrnehmung durch einen inneren Sinn (sensus communis ) zu beurteilen ist.

Man sollte meinen, dass das cartesische Programm der wissenschaftlichen Rationalität jeder Abbildtheorie der Wahrnehmung den Garaus machen würde. Dies ist aber nicht der Fall, denn zunächst mit dem Empirismus, dann in den methodisch auf die positiven Wissenschaften fixierten philosophischen Richtungen des Positivismus im 19., des Neupositivismus und der sprachanalytischen Philosophie des 20. Jhs. wird die Wahrnehmung wieder als einzig möglicher Erkenntniszugang zur Dingwelt postuliert. Dieser Wahrnehmungs-Realismus ist allerdings nicht naiv, denn er basiert auf der anticartesischen Voraussetzung, dass die ›Klarheit und Deutlichkeit‹ wissenschaftlicher Erkenntnis keine apriorische oder Wesenserkenntnis der Dinge liefert. »Nichts ist im Geiste, was nicht vorher in den Sinnen war«, gilt auch heute noch als wahrnehmungstheoretischer Grundsatz. Die Sicherheit und Objektivität wissenschaftlicher Erkenntnis gilt nicht absolut, sondern relativ und probabilistisch. Sie verdankt sich allein methodologischer Strenge und Präzision der angewandten empirischen Verfahren. Die Geltungsdiskussion ist nicht mehr Sache einer philosophischen Erkenntnistheorie, sondern einer pragmatischen Theorie des Wissens (Epistemology ) bzw. der Wissenschaftstheorie.

Kant hat gegen die empiristische Simplifizierung der Wahrnehmungstheorie zu Recht ins Feld geführt, dass sie dem »bloß rezeptiven Vermögen der sinnlichen Anschauung« bei weitem zu viel zumutet. Wahrnehmung würde hier nicht bloß die Gegenstände, »wie sie uns erscheinen« vorstellen, sondern vermeintlich »Dinge, wie sie an sich selbst sein mögen.« Kant argumentiert, dass es dem Empirismus (und wir dürfen anschließen: jeder Abbildtheorie der Wahrnehmung) aus logischen Gründen nicht gelingen kann, die mögliche objektive Geltung empirischer Erkenntnis zu begründen.

Die moderne Wissenschaftstheorie hat Kants Einwände nicht entkräften können. Sie unterläuft sie vielmehr, weil sie mit einem Federstrich den Begriff objektiver Geltung von Erfahrungserkenntnis einfach für obsolet erklärt.

Die philosophischen Überlegungen zum Wahrnehmungs-Begriff unterscheiden sich von den seit dem 19. Jh. in Psychologie, Medizin, aber auch Soziologie etablierten kognitiven Wahrnehmungstheorien dadurch, dass sie Wahrnehmung stets (erkenntnistheoretisch oder ontologisch) als metaphysische Bedingung der Weltbezogenheit des Wissens aufgefasst haben und nicht, wie die letzteren, als mit den Mitteln der empirischen Wissenschaften zu erforschenden innerweltlichen Kommunikationsprozess.

J. L. Austin, Sense and Sensibilia , Oxford 1962

E. Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit , Berlin 1906–1920

K. Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis , 4. Aufl. Frankfurt/M. 1973, 1978

R. McRae, Leibniz, Perception, Apperception and Thought , Toronto 1976

D. K. W. Modrak, Aristotle, The Power of Perception , Chicago 1987

G. Pitcher, A Theory of Perception , Princeton 1971

R. J. Swartz (Hg.) Perceiving, Sensing, and Knowing , New York 1965

J. W. Yolton, Perceptual Acquaintance. From Descartes to Reid , Minneapolis 1984

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt