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Dr. Brigitte Wiesen

Wahrheit

Die Frage, was Wahrheit sei, zählt zu den ältesten Fragen der Philosophie. Dabei ist Wahrheit nach Aristoteles keine Eigenschaft von realen Gegenständen oder idealen Wesenheiten, sondern sie ist zu suchen in der Relation zwischen den vom Subjekt formulierten Aussagen über eine Erkenntnis und dem erkannten Objekt. Die Frage, ob eine Aussage wahr sei, wird von verschiedenen Wahrheitstheorien mit unterschiedlichem Ergebnis beantwortet.

In der aktuellen Diskussion unterscheidet man die Korrespondenztheorie (Adäquatio-Theorie, zentraler Vertreter: Aristoteles) und die semantische Theorie der Wahrheit (zentraler Vertreter: Tarski). Es gibt außerdem die Evidenztheorie der Wahrheit (zentraler Vertreter: Spinoza), die Kohärenztheorie (zentraler Vertreter: Rescher), die Konsenstheorie (zentraler Vertreter: Kamlah) und die pragmatisch-empirische Wahrheitstheorie (zentraler Vertreter: Peirce).

In der Korrespondenztheorie wird Wahrheit bestimmt als Übereinstimmung der aus der Erkenntnis gewonnenen Aussagen mit der Realität. Diese Auffassung kommt dem Alltagsverständnis von Wahrheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sehr nahe.

Die Formulierung ›Übereinstimmung mit der Realität‹ wird jedoch in der Wissenschaftsgeschichte als problematisch angesehen. Die moderne Philosophie bietet als Interpretation von ›Übereinstimmung mit der Wirklichkeit‹ die umkehrbar eindeutige Zuordnung zwischen Aussage und Realität an. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt eine Strukturgleichheit zwischen Sprache und Wirklichkeit gibt. Diese Frage wird in der modernen Philosophie sowohl bejaht als auch verneint. Darüber hinaus war in der klassischen Korrespondenztheorie das Problem der Antinomien (›Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen‹) nicht gelöst.

Bei der semantischen Theorie der Wahrheit handelt es sich um eine Wahrheitstheorie für wissenschaftlich formalisierte Sprachen, die versucht, die Korrespondenztheorie der Wahrheit zu präzisieren. Um Antinomien zu vermeiden, darf man keine Sprachen verwenden, die neben Ausdrücken auch deren Namen enthalten und darüber hinaus noch semantische Termini wie ›wahr‹ in Bezug auf Aussagen der Sprache. Man muss dazu verschiedene Sprachstufen unterscheiden, nämlich: die Objektsprache, die Sprache über die wir sprechen, und die Metasprache, in der wir über die Objektsprache reden. Berücksichtigt man diese Unterscheidung mit entsprechenden Forderungen an Objekt und Metasprache, kann man in Anlehnung an die klassische Korrespondenztheorie Wahrheit widerspruchsfrei und inhaltlich zufriedenstellend definieren als: X ist wahr genau dann, wenn p. (Hierbei bezeichnet p eine beliebige Aussage der Sprache und X den Namen dieser Aussage.) Veranschaulichen lässt sich diese Definition an folgendem Beispiel: Die Aussage ›Schnee ist weiß‹ ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist.

Die Evidenztheorie geht davon aus, dass die Wahrheit gewisser Aussagen dem Intellekt unmittelbar einleuchtet. Evidenz wird in diesem Zusammenhang benutzt als Einsicht im Sinne eines absoluten Wissens. Evidenz wird auch betrachtet als Kriterium für die Korrespondenz einer Aussage mit der Wirklichkeit. Es stellt sich jedoch das Problem, ob subjektive Evidenzerlebnisse als Kriterium für die Wahrheit einer Aussage gelten können.

Die Kohärenztheorie baut wesentlich auf syntaktischen Überlegungen auf. Will man entscheiden, ob eine Aussage wahr ist oder falsch, muss man überprüfen, ob sie sich widerspruchsfrei in ein Gesamtsystem von Aussagen einordnen lässt. Es wird also nicht die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, sondern die Übereinstimmung mit anderen Aussagen benutzt, um die Wahrheit einer Aussage zu definieren. Auch hier ergibt sich jedoch ein Problem, wenn man das Gesamtsystem näher beschreiben muss, mit dem verglichen wird. In der Wissenschaftsgeschichte sind konkurrierende Gedankengebäude nicht ungewöhnlich und damit stellt sich die Frage: Welches Gedankengebäude muss man wählen?

In der Konsenstheorie wird die Übereinstimmung von Meinungen als Kriterium für die Wahrheit von Aussagen formuliert. Die Konsenstheorie erklärt eine Aussage für wahr, wenn sie von anerkannten Wissenschaftlern akzeptiert wird. Ähnlich wie die Kohärenztheorie ist auch die Konsenstheorie entstanden aus einer kritischen Position gegenüber der Korrespondenztheorie. Auch für die Konsenstheorie muss man Einschränkungen formulieren: Ein Konsens hier und jetzt erscheint als Wahrheitskriterium oft nicht ausreichend. Sinnvoll wäre ein langfristiger Konsens im Sinne eines Prozesses der Annäherung an die Wahrheit.

In der pragmatisch-empirischen Wahrheitstheorie werden die praktischen Konsequenzen aus einer Aussage als Kriterium für ihre Wahrheit überprüft. Wahr ist, was sich bewährt. Aussagen und Theorien gelten in dieser Theorie als wahr, wenn sie sich in der wissenschaftlichen Praxis bewährt haben, wenn durch Experimente festgestellt werden konnte, dass diese Aussagen / Theorien wissenschaftliche Probleme richtig erklärt / gelöst haben. Es bleibt bei dieser Theorie jedoch die Frage offen, ob der Begriff Wahrheit nicht mit dem Begriff der Bewährung gleichgesetzt wird. Eine subjektivistische Variante der pragmatischen Theorie lautet: Kriterium für die Wahrheit einer Aussage ist die Bewährung in der Praxis durch den jeweils erzielten Nutzen. Hierbei ergibt sich jedoch das Problem, dass der jeweils erzielte Nutzen für verschiedene Menschen sehr unterschiedlich sein kann. Wahrheit ist somit nicht mehr eindeutig.

G. Skirbekk, Wahrheitstheorien , Frankfurt 1977

L. B. Puntel, Wahrheitstheorien in der neueren Philosophie , Darmstadt 1978

B. Wiesen, Das Problem der empirischen Wahrheit in der Analytischen Philosophie , Düsseldorf 1977

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt