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Dr. Thomas Zwenger

Wahrhaftigkeit

Eine grundlegende praktische Bestimmung des Menschen. Der Ausdruck deckt eine Bandbreite unterschiedlicher Bedeutungen ab. Als Qualifikation der gesamten Persönlichkeit wird er oft mit Ausdrücken wie Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit, Integrität oder auch Charakter umschrieben. Wahrhaftig ist, wer stets die Wahrheit sagt und nicht lügt; wer die Wahrheit stets ausspricht und nichts verschweigt oder verschleiert; wer schließlich in seinem gesamten Verhalten sich selbst und anderen gegenüber sich nicht verstellt und stets ›mit offenen Karten spielt‹. Auch hinsichtlich des Handelns kann man von Wahrhaftigkeit sprechen, wenn jemand seinen Überzeugungen treu ist, ohne andere übervorteilen zu wollen. Wahrhaftigkeit ist also ein ethischer Begriff, weil er die besondere Fähigkeit eines Menschen bezeichnet, den eigenen Überzeugungen gemäß zu handeln und zu sprechen, selbst dann, wenn ihm diese Überzeugungen keinen Vorteil einbringen oder sie sogar auf Irrtümern beruhen. In diesem Sinne fasst Aristoteles Wahrhaftigkeit als Tugend auf (Nikomachische Ethik , Buch IV, Kap. 13).

In der philosophischen Tradition wird der Begriff oft aus einer Untersuchung seines Gegenbegriffs, der Lüge, abgeleitet (so bei Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin). Wahrhaftigkeit entspringt hier dem Fehlen einer Täuschungsabsicht. Im (rationalistischen) Staatsdenken der Neuzeit (A) und insbesondere in der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) wird Wahrhaftigkeit sozusagen vertragstheoretisch mit dem Recht des Diskurspartners auf die Wahrheit der Äußerungen des anderen begründet. In dieser Linie liegt auch Kant, der ein »vermeintliches Recht« auf Lügen in bestimmten Situationen mit Hinweis auf die moralische Verpflichtung auf Wahrheit schlechterdings ablehnt. Die rechtstheoretische Funktion der Wahrhaftigkeit kehrt in den modernen Versionen der Diskurstheorie (z. B. bei Habermas) wieder, wo sie neben Wahrheit und Richtigkeit zu den Geltungsansprüchen gezählt wird, die mit jeder diskursfähigen sprachlichen Äußerung erhoben werden.

Im Bereich lebens- und existenzphilosophischer Überlegungen wird diesem ›äußeren‹ Wahrhaftigkeits-Begriff häufig ein Begriff ›innerer‹ Wahrhaftigkeit gegenübergestellt. Diese bezeichnet die Forderung nach Aufrichtigkeit der Existenzaufhellung der Person, in ihr wird die »Wahrheit der Person« (Lipps) als verantwortliches Wesen offenbar. In der christlichen Tradition wird darauf hingewiesen, dass die »letzte Begründung der Wahrhaftigkeit als der alles umspannenden Grundtugend … nur auf theistischer Basis« (J. Klein) möglich ist.

O. F. Bollnow, Wahrhaftigkeit , in: Die Sammlung 2 (1947), S. 234–245

J. Ebbinghaus, Kants Ableitung des Verbotes der Lüge aus dem Rechte der Menschheit , in: Sittlichkeit und Recht. Praktische Philosophie 1929–1954. Ges. Schriften I, hg. v. H. Oberer / G. Geismann, Bonn 1986, S. 407–420

J. Habermas, Wahrheitstheorien , in: H. Fahrenbach (Hg.), Wirklichkeit und Reflexion. Walter Schulz zum 60. Geburtstag, Frankfurt/M. 1973, S. 211–265

J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns I , Frankfurt/M. 1981, 1995, S. 364–452

P. Keseling, Einführung , in: Augustin(us), Die Lüge und Gegen die Lüge, Paderborn 1953

G. Müller, Die Wahrhaftigkeitspflicht und die Problematik der Lüge. Ein Längsschnitt durch die Moraltheologie und Ethik unter besonderer Berücksichtigung der Tugendlehre des Thomas v. Aquin und der modernen Lösungsversuche , Freiburg 1962

P. Schmidt-Sauerhöfer, Wahrhaftigkeit und Handeln aus Freiheit. Zum Theorie-Praxis-Problem der Ethik Immanuel Kants , Bonn 1978

P. Wilpert, Die Wahrhaftigkeit in der aristotelischen Ethik , in: Phil. Jb. 53, 1940, S. 324–338

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt