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Dr. Günther Mensching

Voltaire

(1694–1778): Eigentlich François Marie Arouet; Schlüsselfigur des 18. Jhs. In seinem Werk vereinigen sich die geistigen Strömungen der Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung), sei es, dass er selbst an ihnen partizipierte, sei es, dass er sie kritisierte und bekämpfte. Kaum ein anderer Autor genügt so sehr wie er dem Sinn, den der Begriff des philosophe in der französischen Kultur seiner Zeit angenommen hat: Alles andere als ein akademischer Systematiker, ist er vor allem ein Weltbürger, dessen Denken überall eine politisch-moralische Absicht hat. Wie viele andere zeitgenössische philosophes unterhält er einerseits recht enge Beziehungen zu den politisch und gesellschaftlich Mächtigsten und Einflussreichsten, wie der höfischen Aristokratie und dem Großbürgertum, und ist andererseits ein scharfer Kritiker des politischen Systems und seiner geistigen Stütze, der christlichen Religion. Er kannte, wie viele seiner weitaus radikaleren Freunde, das ancien régime von innen und von der Seite seiner Profiteure, was seiner kämpferischen Aktivität gegen das Unrecht der Herrschaft umso größere Wirksamkeit verschaffte.

So wenig wie Diderot, Rousseau, Helvétius oder Holbach kam es ihm unmittelbar auf das überzeitlich Wahre an, sondern stets zunächst auf das je Gegenwärtige. Sein enormes schriftstellerisches Talent entfaltete sich in fast allen literarischen Gattungen und hat den französischen Stil weit über seine Epoche hinaus geprägt. Seine Schriften hatten zumeist einen aktuellen Anlass, über den ihr Gehalt freilich oft weit hinaus weist. Die Kritiken, Satiren und Polemiken ebenso wie die scheinbar ganz klassischen Dramen, Gedichte und Erzählungen und auch die weit ausholenden historischen Traktate sind Literatur in praktischer Absicht. Ihr treibendes Interesse freilich ist von der Vielfalt der Anlässe und der Formen, von der Verschiedenheit der Adressaten und von den zahlreichen taktischen Rücksichten im politischen Kampf nicht berührt. Mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit hat Voltaire seine philosophischen Intentionen durchgehalten, deren Aktualität ihre historischen Umstände bis heute überdauert hat. Eine seiner Grundüberzeugungen war, dass die scheinbar rein objektiven philosophischen Positionen stets eine politische Bedeutung haben, dass aber die Politik sich an der reflektierten praktischen Vernunft zu messen hat.

Voltaire wurde als François Marie Arouet am 20. November 1694 in Paris geboren. Den Namen Voltaire nahm er erst 1718 nach seinen ersten schriftstellerischen Erfolgen an. Sein Vater war Notar und Königlicher Rat, seine Mutter stammte aus einer Adelsfamilie des Poitou. Mit zehn Jahren wurde er Schüler des von Jesuiten geführten Collège Louis-le-Grand in Paris, wo er eine solide klassische und literarische Bildung erhielt. Zu Beginn seines Jurastudiums wurde er in den freigeistigen Club ›Temple‹ eingeführt, wo er zum ersten Mal mit Protagonisten jener literarischen Öffentlichkeit in Berührung kam, die in privaten Clubs und Salons die intellektuelle Avantgarde bildete.

Erste literarische Veröffentlichungen machten Voltaire schnell bekannt, brachten ihm aber wegen ihres regimekritischen Charakters sogleich auch die Bekanntschaft mit der Bastille, jenem Staatsgefängnis ein, in dem das ancien régime , oft ohne jede rechtliche Grundlage, seine politischen Gegner verschwinden ließ. Die Zeit seiner Haft nutzte er, um sein erstes historisches Werk, die Henriade , zu konzipieren. Der erste große Erfolg war 1718 die Aufführung seiner Tragödie Oedipe , welcher ihn dazu bestimmte, nicht Jurist, sondern Schriftsteller zu werden. Weitere erfolgreiche Inszenierungen seiner Stücke in der Comédie Française schlossen sich an und begründeten Voltaires Ruhm als Theaterdichter, der in seinen antiken Stoffen und Vorlagen recht unverhohlen Kritik an höfischer und klerikaler Politik transportiert. Feindschaften, die hieraus entsprangen, veranlassten ihn, 1726 für zwei Jahre nach England zu gehen, wo er mit der liberalen bürgerlichen Gesellschaft vertraut wurde, die von da an seine eigenen politischen Vorstellungen bestimmte. Der literarische Niederschlag dieser Erfahrungen sind die Lettres philosophiques , die offen Kritik an den französischen Zuständen üben und deshalb sogleich nach ihrem Erscheinen 1736 zur Verbrennung verurteilt wurden. Um weiteren Repressalien zu entgehen, flüchtete Voltaire nach Cirey auf das Schloss seiner Lebensgefährtin, der Marquise du Châtelet, wo er bis 1749 blieb.

Schon 1745 erreichte er, dass sein neuestes Stück, die Princesse de Navarre , am Hofe von Versailles aufgeführt wurde. Durch die Unterstützung der Madame de Pompadour erhielt Voltaire sogar das Amt eines königlichen Historiographen und wurde in die Académie française aufgenommen. Damit wandelte er sich aber keineswegs zum neutralisierten Würdenträger und ließ sich auch nicht von seiner Kritik an den politischen Zuständen abhalten. Daher musste er den Hof bereits zwei Jahre später wieder verlassen.

1749, nach dem Tode der Marquise du Châtelet, nahm Voltaire die Einladung Friedrichs II. an, nach Potsdam an seinen Hof zu kommen, wo er sich bis 1753 aufhielt. Das Verhältnis zum König war Schwankungen unterworfen und Voltaire musste schließlich feststellen, dass der preußische Hof nicht die versprochene Philosophenkolonie war. 1753 nahm er seinen Abschied, um sich 1755 in Les Délices bei Genf niederzulassen. Nach einigen geschickten und zum Teil anrüchigen Finanzgeschäften hatte er sich die Mittel verschafft, um 1759 in derselben Gegend das Schloss Ferney mit ausgedehnten Ländereien zu kaufen, wo er wie ein aufgeklärter Monarch und zugleich als bürgerlicher Unternehmer und Intellektueller bis fast zu seinem Tode residierte.

In dieser Zeit entwickelte sich Ferney zu einer uneinnehmbaren Festung der kämpferisch werdenden Aufklärung. In distanzierter, aber sehr loyaler Freundschaft unterstützte und beriet Voltaire die Enzyklopädisten in ihren publizistischen Strategien, zu denen er, oft anonym, nach Kräften mit beißend witzigen Satiren und Polemiken beitrug. Hauptziele seiner Angriffe waren die Rechtlosigkeit der herrschaftlichen Gewalt, die Korruption des Rechtssystems, vor allem aber die moralische Heuchelei der katholischen Kirche, die im Ancien régime der wichtigste und konstanteste Machtfaktor war. Ecrasez l'infâme (»Zermalmt die Niederträchtige!«) war sein berühmter Schlachtruf. In diese Zeit fallen auch seine erfolgreichen Bemühungen, horrende Fehlurteile einiger verblendeter Gerichte zu korrigieren, die, wie in der Affäre Calas, zu Justizmorden geführt hatten. Zu Beginn des Jahres 1778 reiste Voltaire zum ersten Mal seit 28 Jahren nach Paris, wo er triumphal empfangen wurde und die Uraufführung seines letzten Stückes Irène erlebte. Am 30. Mai 1778 starb er ebendort.

Das eigentlich philosophische Werk Voltaires ist von seinen literarischen Produktionen, historischen Abhandlungen und politischen Kampfschriften nur gewaltsam zu trennen. Die Dramen, Gedichte und Romane sind philosophische Lehrstücke. Die historischen Untersuchungen, Das Jahrhundert Ludwigs XIV. (Le siècle de Louis XIV ), erschienen 1739 , und vor allem der Versuch über die Sitten und den Geist der Nationen (Essai sur les moeurs et l’esprit des nations , 1756 ) entwickeln einen neuen Typus von Geschichtsschreibung, der soziale und kulturelle Momente in die Betrachtung einbezieht und zugleich eine materiale Geschichtsphilosophie darlegt. Der Begriff Geschichtsphilosophie stammt von Voltaire. Die politischen Pamphlete sind als Stücke einer aufklärerischen Ethik zu verstehen, die sich nicht mit den Regeln individuellen Verhaltens begnügt, sondern die politische Realität verändern will.

Wenn also das gesamte Werk Voltaires philosophisch geprägt ist, so sind doch seine wichtigsten Lehren einigen Schriften zu entnehmen. Dabei fällt auf, dass sich Voltaires Grundüberzeugungen im Laufe seines Lebens gar nicht wesentlich verändert oder entwickelt haben. Schon in den Philosophischen Briefen (Lettres philosophiques , 1729–34 ) ist deutlich, dass Voltaires Position sich an Locke anschließt. Sowohl die Kritik der rationalistischen Metaphysik, die in der Metaphysischen Abhandlung (Traité de métaphysique 1734–38 ) wiederholt wird, wie die liberale Rechts- und Staatsphilosophie haben bei Locke ihre Entsprechungen. Die Religionskritik ist vielfach dokumentiert, besonders ausführlich in der Wichtigen Untersuchung des Lord Bolingbroke (Examen important de Milord Bolingbroke , 1746 ). Die Kritik des metaphysischen Optimismus, der lehrt, die gegenwärtige Welt sei die beste aller möglichen, findet sich nach 1755, dem Jahr des vernichtenden Erdbebens von Lissabon, sehr oft.

Voltaires metaphysische Lehren gehen von einer Kritik der theologischen Kosmologie und Ethik aus. Gott ist zwar das höchste Wesen, aber sein Wille nimmt nicht Einfluss auf die einzelnen Ereignisse in der von ihm geschaffenen Welt. Die Gesetzmäßigkeit der Natur, die in den Fortschritten der Wissenschaft immer offenkundiger wird, lässt immerhin auf eine erste intelligente Ursache schließen. Voltaire war hier fasziniert von der newtonschen Mechanik und Astronomie, die er in seinen Eléments de la philosophie de Newton (1738) auf dem Kontinent überhaupt erst bekannt gemacht hat. Auf diese Wissenschaft stützt sich der voltairesche Deismus. Dessen Hauptgedanke ist, dass die Welt zwar nicht das auf einen obersten Zweck gerichtete Ganze ist, aber doch ein intelligent eingerichteter Mechanismus, eine Uhr, die ihr Schöpfer ihrem gesetzmäßigen Lauf überlässt. Dies gilt auch für die moralischen und politischen Angelegenheiten der Menschen. Aber die historischen und gesellschaftlichen Prozesse sind nicht naturgesetzlich determiniert. Vielmehr ist den Menschen die bürgerliche Freiheit gegeben, um sich in einem gerechten und rationalen Rechtssystem zu organisieren. Die moralische Weltordnung Voltaires verzichtet freilich auf die Stütze des metaphysischen Optimismus, für den die beste aller möglichen Welten wirklich ist. Diesen leibnizschen Gedanken hat Voltaire nach dem Erdbeben von Lissabon vor allem in seinem berühmten Roman Candide (1759) kritisiert, nicht um Skeptiker zu werden, sondern um das Gute und das Böse allein als Wirkungen des menschlichen Handelns erkennbar zu machen. Gott ist hierzu eine regulative Idee. Gegen den Atheismus hat er eingewandt, man müsse Gott erfinden, wenn er nicht existierte.

Religiöse Toleranz ist die oberste Norm, die eine künftige bürgerliche Ordnung verwirklichen soll. Nur ein vollkommen laizistischer Staat mit unbeschränkter Religionsfreiheit für den Einzelnen kann der Rahmen einer humanen Gesellschaft sein, in der die Aufklärung den kirchlich verbreiteten Aberglauben auflöst. Voltaire versprach sich die fällige Modernisierung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse allerdings, anders als viele seiner radikaleren Freunde, von einem aufgeklärten Monarchen und nicht von einer aus einer Revolution hervorgegangenen Republik. Trotz solcher konservativer Momente steht Voltaires Denken bis heute für die Idee einer vernünftigen Gesellschaft, die auf dem Willen mündiger Personen und der Meinungsfreiheit der politischen Gegner beruht.

Die Wirkungsgeschichte Voltaires ist widersprüchlich. In der Revolution stand er wegen seiner monarchistischen Neigung am Rande, im 19. Jh. aber wurde seine antiklerikale Position vom Liberalismus aufgenommen. So wurde nach 1871 in der Dritten Republik die Trennung von Kirche und Staat unter Berufung auf Voltaire durchgesetzt. In kirchlichen Kreisen gilt Voltaire als zynischer Prediger eines verderblichen und gotteslästerlichen Amoralismus. Sein wahrhaft moralischer Geist ist hier von jeher verleugnet und geschmäht worden, während die Linke in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. seine bürgerlichen Präokkupationen tadelte und sein moralisches Engagement allzu pauschal für Ideologie hielt.

Th. Besterman, Voltaire , München 1971

J. Orieux, Das Leben des Voltaire , Frankfurt/M. 1968

R. Pomeau, Voltaire en son temps , 5 Bde., Oxford 1985–1994

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt