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Prof. Dr. Armin G. Wildfeuer

Vitalismus

Von lat. vita , Leben: In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. im Zusammenhang mit der Entwicklung der Embryologie, der Vererbungslehre und der Untersuchung des Phänomens der Regeneration (Epigenismus) eingeführte Bezeichnung für eine naturphilosophische Lehre, die drei Behauptungen umfassen kann:

1. In Organismen, mithin in lebenden Systemen, sind ontologisch andere Kräfte oder Substanzen, nämlich Lebenskräfte und Vitalsubstanzen, vorhanden als in unbelebten. Sie müssen daher als Seiende eigener Art betrachtet werden, bei denen im Unterschied zum unbelebten Sein immaterielle Faktoren eine ausschlaggebende Rolle spielen.

2. Epistemologisch können Strukturen und Funktionen lebender Systeme nicht allein mit den Mitteln der physikalisch-chemischen Naturwissenschaften und deren Verweis auf materielle und kausal-mechanisch wirkende Eigenschaften, sondern nur durch Verweis auf immaterielle Faktoren erklärt werden, die planmäßig, zielstrebig (teleologisch) und eigengesetzlich (autonom) Gestalt und Funktion von Organismen mitbedingen, sodass sie einen selbstzentrierten Sinn und eine sinnstiftende, die Selbstregulation bestimmende Ganzheitsform haben. Die vitalistische Naturphilosophie nennt das überstoffliche, die organische Ganzheit zielstrebig verwirklichende Prinzip vis vitalis (Louis Dumas), vis essentialis (»Lebenskraft«, C. F. Wolff) bzw. nisus formativus (»Bildungstrieb«, Blumenbach) oder – im Anschluss an den aristotelischen Vitalismus, der bis zum mechanistischen Paradigmenwechsel in der Naturbetrachtung bei Descartes die mittelalterliche und frühneuzeitliche Wissenschaft (z. B. Harvey, Stahl) geprägt hat – Entelechie, mithin die Form, die sich im Stoff verwirklicht, das aktive Prinzip, welches das Mögliche erst zum Wirklichen macht und dies zur Vollendung seines Daseins bringt.

3. Methodologisch sind daher die Vorgehensweisen der anorganischen Naturwissenschaften für die Erforschung der Phänomene des Lebendigen unangemessen. Kant versucht in der Kritik der Urteilskraft (1790) zwischen Mechanismus und Vitalismus zu vermitteln. Nach einem Aufschwung des Vitalismus im Gefolge der romantischen Naturphilosophie (z. B. Oken) und nach heftiger Kritik im 19. Jh. (z. B. Lotze, Helmholtz) erlebte der Vitalismus seit Beginn des 20. Jhs. in den Arbeiten u. a. von P. von Uexküll und insbesondere Driesch (Neuvitalismus) als Reaktion auf die Reduktionismen des positivistischen Wissenschaftsideals eine Renaissance. Die indirekt auf vitalistischen Fundamenten basierende These einer Autonomie der Biologie ist von Biologen und Physikern wie Bohr und Delbrück vorgebracht worden, während kybernetisch orientierte Biologen den Vitalismus für wissenschaftlich widerlegt halten. Im Gegensatz zum ontologischen und epistemologischen Vitalismus, dessen Behauptungen sich jeder naturwissenschaftlichen Nachprüfbarkeit entziehen, ist nach dem Niedergang des Behaviorismus heute ein methodischer Vitalismus für Teilbereiche der Biologie (z. B. die Verhaltensforschung) jedoch weitgehend anerkannt.

H. Driesch, Geschichte des Vitalismus , 2. Aufl. Leipzig 1922

H. Driesch, Philosophie des Organischen , 2 Bde, 4. Aufl., Leipzig 1930

R. Koltermann, Grundzüge der modernen Naturphilosophie , Frankfurt/M. 1994

H. Rehder, Evolution anders gesehen. Ein Beitrag zur Überwindung des Materialismus und zur Rechtfertigung des Vitalismus , München 1986

B. Reutsch, Biophilosophie auf erkenntnistheoretischer Grundlage. Panpsychistischer Identismus , Stuttgart 1968

G. Wolters, Vitalismus , in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. von J. Mittelstraß, Bd. 4, Stuttgart / Weimar 1996, S. 551–553

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt