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Dr. Thomas Zwenger

Vermögen

Griech. dynamis , lat. potentia , potestas , facultas , vis , engl. power . Der Begriff gehört in die Gruppe der Bezeichnungen für Kraft bzw. Macht. Vermögen ist das, über das etwas verfügen muss, um an sich selbst oder einem anderen etwas zu verändern. In diesem allgemeinsten Sinne definiert Aristoteles in seiner Metaphysik (Met. 1020a) den Begriff der dynamis als das Ermöglichungsprinzip von Veränderung (im Gegensatz zum Begriff der energeia , Akt, Tätigkeit, Wirksamkeit). Dem liegt die Einsicht zugrunde, dass das Seiende (Sein) sich nicht von selbst verändert, sondern dass eine jede Veränderung in der Welt eines ›Aufwandes‹ bedarf. Unklar ist, in welcher Weise ein Seiendes als ›Tätiges‹ über dynamis im Sinne von Vermögen verfügt. Denn das Vermögen, eine Veränderung zu bewirken, muss zwar als ›immer‹ (prinzipiell) in dem Seienden vorhanden, nicht aber als stets manifeste Eigenschaft oder gar als selbstständiger Zustand oder besondere Wesenheit gedacht werden. In der modernen Wissenschaftstheorie gibt es Vorschläge, den Begriff der (kausalen) Ursache im Sinne des Vermögensbegriffs zu deuten (Cartwright). Gegenstände oder auch Zustände hätten demnach gewisse Vermögen, unter bestimmten Randbedingungen bestimmte Wirkungen zu verursachen. – Der allgemein anerkannte wissenschaftstheoretische Nachfolgebegriff zum Vermögen ist der der ›Disposition‹. Das Problem dieses Begriffs ist, dass unter den Bedingungen einer strengen extensionalen Beobachtungssprache Gegenstände und Zustände nur mit Hilfe manifester Eigenschaften beschrieben werden können. So kann man beispielsweise die Farbe eines Gegenstandes immer beobachten, nicht aber seine Disposition der Zerbrechlichkeit. Dispositionen lassen sich nur äußerst umständlich unter Definition so genannter Normalsituationen und Wahrscheinlichkeitsaussagen zuordnen (ein Glas kann ›zerbrechlich‹ sein, obwohl es unter bestimmten Bedingungen zufällig nicht zerbricht).

Der Vermögensbegriff ist von besonderem philosophischen Interesse, wenn es sich bei dem ›Tätigen, die Veränderung Bewirkenden‹ um ein ›beseeltes‹ oder ›geistiges‹ bzw. des Handelns fähiges Wesen handelt. Als Vermögen bezeichnet man hier die Fähigkeit oder Möglichkeit (facultas ) der Seele, des Geistes oder der Person, Intentionen auszuführen. Seit der Antike gelten Denken, Fühlen, Wollen als die Bereiche des Seelenlebens, hinsichtlich derer dem Menschen (aktive oder passive, spontane oder rezeptive) Vermögen zugeschrieben werden. Ein subtiler Höhepunkt kritischer Vermögensphilosophie findet sich bei Kant. Er bestimmt in seiner dreigliedrigen Kritik der Vernunft das menschliche Bewusstsein als Erkenntnisvermögen. Zu beachten ist dabei, dass Kant den Vermögensbegriff rein funktional als Strukturbegriff auffasst. Das bedeutet, Sinnlichkeit und Verstand, Urteilskraft und Vernunft sind keine metaphysischen oder gar psychologischen Wesenheiten, sondern logische, d. h. strukturelle Momente der Erkenntnis: Von Erkenntnis kann sinnvollerweise nur gesprochen werden, wenn in ihr die Ermöglichungsbedingung des (rezeptiven) ›Zur-Kenntnis-Nehmens‹ eines Gegebenen (Vermögen der Sinnlichkeit) vorausgesetzt ist. So auch die anderen, ›oberen‹ und ›unteren‹ Erkenntnisvermögen Der Aufklärer Kant erkennt die Freiheit der Vernunftwesen in deren kraftbegabtem (vermögenden) Willen zur Selbstbestimmung.

Im nachaufklärerischen, ›finsteren‹ 19. Jh. geht diese Einsicht weitgehend verloren. Vermögen wird hier hauptsächlich substanzialistisch im Sinne einer positivistischen Vermögenspsychologie verstanden, gegen die dann wiederum vor allem aus dem angelsächsischen Bereich funktionalistische und behaviouristische Einwände erhoben werden (James).

I. Bandau, Vermögen und Möglichkeit in der Ontologie des Aristoteles , Diss. Köln 1964

N. Cartwright, Nature’s Capacities and their Measurement , Oxford 1989

J. A. Fodor, The Modularity of the Mind , Cambridge/Mass. 1983

T. Roelcke, Die Terminologie der Erkenntnisvermögen , Tübingen 1989

G. Stern, A Faculty Theory of Knowledge , Lewisburg 1971

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt