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Prof. Dr. Armin G. Wildfeuer

Utilitarismus

Von Hobbes und Hume vorbereitete, der Sache nach von Bentham begründete, dem Begriff nach erstmals in Mills Hauptwerk Utilitarianism (1863) so benannte, von Sidgwick am differenziertesten ausgebaute und bis heute in der englischsprachigen Welt wichtigste Richtung einer normativen empiristischen Ethik, die durch die Kombination von vier Prinzipien die Möglichkeit bieten soll, Handlungen und Normen auf empirisch-rationaler Basis zu beurteilen und Kriterien für deren sittliche Verbindlichkeit aufzustellen: 1. Konsequenzenprinzip: Die moralische Beurteilung von Handlungen erfolgt ausschließlich auf Grund der zu erwartenden Handlungsfolgen, Konsequenzen oder Auswirkungen. 2. Utilitätsprinzip: Kriterium ist der Nutzen, die Utilität der Handlungskonsequenzen für die Verwirklichung des in sich Guten. 3. Hedonismusprinzip: Das in sich Gute besteht hedonistisch in der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen, also in der Lust, der Freude, dem (hedonistisch verstandenen) Glück und in der Vermeidung von Unlust, Schmerz und Leid. 4. Sozialprinzip: Im moralischen Kalkül geht es nicht bloß um das Glück des Handelnden selbst, sondern um das Glück aller von der Handlung Betroffenen, um das »größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl« (Bentham, Formel schon bei Helvétius) und letztlich um den sozialen Nutzen aller Menschen überhaupt. Handlungen sind genau dann moralisch richtig, wenn ihre Folgen für das Glück aller Betroffenen optimal sind. Sidgwick formuliert das Kriterium des Utilitarismus als Kriterium eines empiristischen Hedonismus wie folgt: »Nach ihm haben wir in jedem einzelnen Fall alle Freuden und Schmerzen, die sich als wahrscheinliche Ergebnisse der verschiedenen sich darbietenden Alternativen des Verhaltens vorhersehen lassen, zu vergleichen und diejenige Alternative anzunehmen, die geeignet scheint, zum größten Glück im ganzen zu führen« (Methods of Ethics , 1875 , Kap. IV, § 1).

Es haben sich mit Blick auf die Ermittlung des Nützlichen zwei grundsätzliche Richtungen des Utilitarismus herausgebildet: Der klassische Utilitarismus oder so genannte Handlungsutilitarismus basiert auf der Auffassung, dass die Richtigkeit oder Falschheit einer Handlung anhand der guten oder schlechten Konsequenzen einer einzelnen Handlung bestimmt werden muss. Der so genannte Regelutilitarismus dagegen, der auf den Einwand reagiert, sittliche Pflichten seien immer gültig und nicht nur dann, wenn sie dem sozialen Wohlergehen dienen, basiert auf einem zweistufigen Beurteilungsverfahren, wobei gefordert wird, dass erstens Einzelhandlungen mit Arten oder Regeln von Handlungen übereinstimmen müssen, und dass zweitens Handlungsregeln im Sinne des utilitaristischen Kalküls zu beurteilen sind. Es ist allerdings umstritten, ob die Unterscheidung von Handlungs- und Regelutilitarismus tatsächlich einen Fortschritt darstellt. Im Utilitarismus der Gegenwart wird Nutzen vielfach auch als Wunscherfüllung interpretiert (»Präferenz-Utilitarismus«, Singer) und das Nutzensummenkriterium durch das Kriterium des Durchschnittsnutzens ersetzt (J. C. Harsanyi).

Gegen den Utilitarismus wird grundsätzlich eingewandt, dass er im Gegensatz zu sittlichen Überzeugungen steht, nach denen die Grundrechte eines jeden zugunsten des Wohlergehens von anderen nicht verletzt werden dürfen (Rawls). Das Sozialprinzip des Utilitarismus dagegen fasst den sozialen Nutzen additiv-quantitativ als Nutzensumme oder Durchschnittsnutzen. Damit aber wird der Gesichtspunkt der distributiven (verteilenden) Gerechtigkeit bzw. der Fairness ausgeblendet. Zwar haben manche Utilitaristen Gerechtigkeits-, Fairness- bzw. Gleichheitsprinzipien als Ergänzung ihrer ethischen Theorie angenommen. Jedoch lassen sich derartige deontologische Prinzipien auf dem Boden einer empiristischen Ethik nicht begründen, sodass mit Blick auf die utilitaristische Theoriekohärenz Gerechtigkeit nur insofern in den Blick kommen kann, um die Nutzensumme zu vergrößern. Mit Blick auf das hedonistische Wertprinzip (Lust, Freude, Glück), das nach Bentham nur quantitativ (also aufgrund seiner Intensität, Dauer etc.) unter Absehung aller qualitativen Differenzen gefasst werden kann, bleibt zweifelhaft, ob qualitativ völlig heterogene Lustarten quantifiziert und für den utilitaristischen Kalkül kommensurabel gemacht werden können. Zudem ist fraglich, ob es überhaupt das hedonistisch bestimmte Glück ist, das wir im glückenden Leben erstreben. Nicht weniger zweifelhaft ist, wie die Konsequenzen von Handlungen, insbesondere von relevanten Handlungen anderer, prognostiziert werden können und ab welcher ›Entfernung‹ von meinem Handeln Folgen aufhören, dem Handelnden zugerechnet werden zu können. Zudem fehlt dem Utilitarismus insgesamt eine zureichende Begründung des Nützlichkeitsprinzips.

R. Barrow, Utilitarianism. A Contemporary Statement , Vermont 1991

U. Gähde, W. H. Schrader (Hg.) Der klassische Utilitarismus. Einflüsse, Entwicklungen, Folgen , Berlin 1992

O. Höffe (Hg.) Einführung in die utilitaristische Ethik. Klassische und zeitgenössische Texte , 2. Aufl. Tübingen 1992

A. Quinton, Utilitarian Ethics , 2. Aufl. London 1989

J.-C. Wolf, Utilitaristische Ethik , in: A. Pieper (Hg.), Geschichte der neueren Ethik, Tübingen / Basel 1992, Bd. 1, S. 151–180

O. Schwemmer, Utilitarismus , in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hg. v. J. Mittelstraß, Bd. 4, Stuttgart / Weimar 1996, S. 460–463

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hg. v. Wulff D. Rehfus
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1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt