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Dr. Thomas Zwenger

Universalgeschichte

Engl. Universal History , frz. Histoire Universelle : Geschichtsphilosophischer Begriff einer Weltgeschichte, die die geschichtliche Entwicklung der gesamten Menschheit in ihrem inneren Zusammenhang darstellt. Ziel einer Universalgeschichte ist also nicht die bloß summarische Zusammenstellung des gesamten historischen Wissens über die Nationen, Kulturkreise und Epochen hinweg; sie will vielmehr unter einem universalen Gesichtspunkt Einheit und Strukturprinzipien der Menschheitsentwicklung explizieren. Gegenbegriff ist die Polyhistorie, in welcher Geschichte stärker empiristisch als Auseinandersetzung mit einzelnen historischen Gegenständen betrachtet wird. Der Begriff der Universalgeschichte ist geschichtsphilosophisch problematisch, setzt das Konzept doch eine Reihe komplexer metaphysischer Gesichtspunkte voraus, die aber das Projekt in bestimmten Phasen der Geistesgeschichte immer wieder attraktiv gemacht haben:

Die Idee verdankt sich der Doppeldeutigkeit des Geschichtsbegriffs, der sowohl den Zusammenhang der historischen Geschehnisse selbst als auch die Einheit der Geschichtserzählung bedeuten soll; nur so ist garantiert, dass Universalgeschichte nicht bloß ein Archiv als den äußerlichen Zusammenhang von Ereignissen im Sinne einer Aufzählung (Chronik) darstellt, sondern dass diesem äußeren Zusammenhang der innere Zusammenhang aller die Menschheit betreffenden Ereignisse ›wirklich‹ entspricht. Wie jede Geschichte, so muss auch die Universalgeschichte ein Subjekt haben, das die Geschichte erzählt. Dieses Subjekt legt die Perspektive fest, von der aus die Geschichte betrachtet wird. Für die Universalgeschichte muss also stets ein kollektives Subjekt angenommen werden, das außerhalb der Geschichte steht und sozusagen from a god’s eye view alle menschlichen historisch relevanten Geschehnisse überblickt. Diesem Subjekt muss in der Universalgeschichte ein Begriff von Menschheit, Menschenvernunft oder Weltkultur als einheitliches Objekt gegenüberstehen. Ohne solche Einheit wäre nicht einsichtig, warum beispielsweise Kulturkreise, die sich sowohl räumlich als auch zeitlich vollkommen disparat entwickelt haben, in den Rahmen einer gemeinsamen Geschichte zu stellen wären. Diese begriffliche Einheit des Objekts legt zugleich die Kriterien fest, nach welchen die für die Geschichte relevanten Ereignisse ausgewählt werden; so kann etwa ausgeschlossen werden, dass eine Universalgeschichte auch die gesamte Naturentwicklung der Erde (Naturgeschichte) mit umfasst.

Zu diesen notwendigen Bedingungen des Konzepts der Universalgeschichte kommt noch das spezifisch geschichtsphilosophische Interesse hinzu, in der gesamten Geschichte so etwas wie ein für den Menschen bedeutendes Allgemeines zu erblicken bzw. durch die Konstruktion eines Anfangs bzw. Endes so etwas wie einen ›Bewegungssinn‹ der Universalgeschichte zu gewinnen.

Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Überlegungen können einige markante Perioden universalgeschichtlichen Denkens in der europäischen Geistesgeschichte benannt werden:

1. Das Christentum entwickelt das erste geschichtsphilosophisch bedeutsame Konzept einer Universalgeschichte. Die Geschichte wird hier überhaupt als universaler Ausdruck des göttlichen Handelns verstanden, als ein einheitlicher, unumkehrbarer Prozess, der mit der Weltschöpfung beginnt und dem der göttliche Heilsplan der Erlösung der Menschen in einem Reich Gottes zugrunde liegt. In der Bibel findet sich im Buch Daniel die aller christlichen Universalgeschichte als Modell zugrunde liegende Vier-Weltalter-Lehre. Bedeutsame Vertreter dieser geschichtsphilosophischen Ideen sind im Mittelalter (A) Joachim von Fiore, in der Neuzeit (A) dann Bossuet (Discours sur l’Histoire Universelle , Paris 1681).

2. Die Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) hat das Konzept wieder aufgenommen und dabei das transzendente Prinzip des göttlichen Heilsplans durch die immanente Fortschrittsidee der allgemeinen Menschenvernunft ersetzt. Durch die unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen des menschlichen Lebens hindurch wird die Geschichte der ganzen Menschheit als ein vernunftgeleiteter Fortschritt von der Barbarei zur sittlich-moralischen Vollendung, von der Sklaverei zur Freiheit der autonomen Vernunft konzipiert. Stationen dieser Theorie sind Montesquieu (Lettres Persanes , 1721 ) sowie Voltaire (Essai sur l’Histoire universelle , 1754/58 ). In Deutschland sind vor allem Schlözer und Schiller (Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? 1789 ) sowie Schlosser (Weltgeschichte für das deutsche Volk , 1844/56 ) als Vertreter universalgeschichtlicher Ideen zu nennen.

3. Während der Historismus dem generalisierenden Konzept der Universalgeschichte eher ablehnend gegenübersteht und sich individualisierenden Methoden zuwendet, entwickeln die bürgerlichen Geschichtsphilosophen des 19. Jhs. (Hegel und seine marxistischen Nachfolger) ein wiederum kaum noch an der Aufklärung orientiertes Konzept der Universalgeschichte als einer sich in dialektischen Stufen vollziehenden Entfaltung des ›Weltgeistes‹. Dasselbe Schema in seiner materialistischen Umkehrung ist die durch Marx begründete Geschichtsdialektik als Entfaltungsprozess der durch die Produktionsverhältnisse bestimmten Gesellschaftsordnungen.

4. Ebenfalls als typische Erscheinung des 19. Jhs. und in gewisser Nähe zur marxistischen entwickeln sich positivistische Geschichtstheorien. So lässt sich Comte zufolge Geschichte analog zu den positiven Wissenschaften als Systematik allgemeiner soziologischer Aussagen auffassen. Sein geschichtsphilosophisches Drei-Stadien-Gesetz, nach welchem ein theologisches von einem metaphysischen und einem ›positiven‹ Weltalter gefolgt wird, bildet das Schema der positivistischen Universalgeschichte.

5. Auch die so genannte Kulturmorphologie entwirft in der Analogie mit naturwissenschaftlichen Methoden, hier der Biologie, eine universalgeschichtliche Geschichtsphilosophie. Universalgeschichte wird hier gleichsam evolutionistisch als wellenförmige Entfaltung bzw. Untergang sich ablösender Kulturbereiche verstanden (O. Spengler, Der Untergang des Abendlandes , 1919 ). Einen unbestrittenen Höhepunkt der Universalgeschichte bildet A. J. Toynbees A Study of History (1934–1961) , die unter dem kulturmorphologischen Einfluss Spenglers entsteht. Toynbees zentrale geschichtsphilosophische Begriffe sind die von challenge und response , mit deren Hilfe Auf-, Abstiegs- und Ablösungsphasen der Weltkulturen erläutert werden. Die Religionen bilden dabei die diese Prozesse vereinheitlichenden Perspektiven.

6. Auch die Gegenwart bietet wieder Ansätze für ein universalhistorisches Verständnis, das an dem sich ständig verstärkenden Bewusstsein der realhistorischen Globalisierungsprozesse anschließt. Wichtig ist aber, dass die universalhistorische Perspektive nun wie im Positivismus des 19. Jhs. keinen aufklärerischen Impetus mehr enthält, sondern sich ausschließlich an der weltweiten Auswucherung der wissenschaftlich-technischen Industriekultur, insbesondere der globalisierten Kommunikationstechnologien orientiert.

A. Heuß, Einleitung , in: G. Mann (Hg.), Propyläen Weltgeschichte. Eine Universalgeschichte, Bd. I, Berlin, Frankfurt/M. 1961, 1991, S. 13–22

A. Heuß, Zur Theorie der Weltgeschichte , Berlin 1968

G. Hübinger, J. Osterhammel / E. Pelzer (Hg.) Universalgeschichte und Nationalgeschichten , Freiburg 1994

R. Koselleck, Geschichte, Historie , in: O. Brunner / W. Conze / R. Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. II, S. 593–717, Stuttgart 1975, 1992

H. Lübbe, Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie , Basel 1977

G. Scholtz, Geschichte, Historie , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. III, Darmstadt 1974, Sp. 344–398

E. Schulin (Hg.) Universalgeschichte , Köln 1974

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt