Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Dr. Thomas Zwenger

Transzendentalphilosophie

→Kant, der den Begriff geprägt hat, bezeichnet mit Transzendentalphilosophie das System derjenigen Begriffe und Prinzipien, deren transzendentale Geltung aufweisbar und zu rechtfertigen ist (KrV , B 25).

Dabei handelt es sich insofern zunächst um eine erkenntnistheoretische Konzeption, als die Philosophie hier über das Sein nicht im Sinne von etwas ›Für-sich-Bestehendem‹ aufklärt, sondern es als ›Gegenständlichkeit in einer Erfahrungswelt‹ auffasst. Im Gegensatz zum Empirismus wie zum schulphilosophischen Rationalismus seiner Zeit vertritt Kant die Auffassung, dass die Konstitution dieser Erfahrungsgegenstände in den subjektiven Geltungsbedingungen der Erkenntnis begründbar ist. In der von ihm so genannten kopernikanischen Wende fordert er eine radikale »Umänderung der Denkungsart«, nach welcher an den Gegenständen nunmehr nur dasjenige allgemein gültig (objektiv) erkannt wird, was der erkennende Verstand a priori (vor der Erfahrung) in sie hineingelegt hat. Diese Reflexion auf die subjektiven Möglichkeitsbedingungen von Gegenstandserkenntnis nennt Kant transzendental. Ihr Anspruch, der weit über die skeptischen Vorbehalte der Empiristen hinausgeht, besteht nicht allein im Aufweis bzw. der Explikation der für die Erfahrungserkenntnis konstitutiven Verstandesleistungen, sondern in deren lückenloser Rechtfertigung. Sie ist »die noch wenig versuchte Zergliederung des Verstandesvermögens selbst, um die Möglichkeit der Begriffe a priori dadurch zu erforschen, dass wir sie im Verstande allein, als ihrem Geburtsorte, aufsuchen und dessen reinen Gebrauch überhaupt analysiren; denn dieses ist das eigenthümliche Geschäfte einer Transscendental-Philosophie« (KrV , B 90/91). Transzendentalphilosophie in diesem strengen Sinne ist eine Strukturanalyse der Erfahrungserkenntnis, die die Möglichkeitsbedingungen der Objektivität von Erfahrungsurteilen (»synthetische Sätze a priori «) prüft. Die Kritik der reinen Vernunft versteht Kant als Propädeutik des ganzen Systems der Transzendentalphilosophie.

Zwar macht Kant vielerorts klar, dass ein regelrechtes System der Philosophie, nämlich in den zwei Teilen einer Metaphysik der Natur bzw. einer Metaphysik der Sitten der Propädeutik einer transzendentalen Kritik der Vernunft erst zu folgen hätte, doch fordert sein aufklärerischer Impetus dessen ungeachtet, dass Transzendentalphilosophie das Prinzip jeglichen ›wissenschaftlichen‹ Philosophierens sein müsse. Sie ist nach Kant Ontologie, also die Auseinandersetzung mit dem Seienden als solchem, »… diejenige Wissenschaft (als Theil der Metaphysik), welche ein System aller Verstandesbegriffe und Grundsätze, aber nur so fern sie auf Gegenstände gehen, welche den Sinnen gegeben, und also durch Erfahrung belegt werden können, ausmacht. Sie berührt nicht das Übersinnliche, welches doch der Endzweck der Metaphysik ist, gehört also zu dieser nur als Propädeutik, als die Halle, oder der Vorhof der eigentlichen Metaphysik, und wird Transscendental-Philosophie genannt, weil sie die Bedingungen und ersten Elemente aller unserer Erkenntniß a priori enthält« (AK XX, 260).

So ist Transzendentalphilosophie andererseits nicht nur eine erkenntnistheoretische Konzeption, sondern ein reflexives Verfahren, das dem Philosophierenden überhaupt die selbstkritische Aufgabe stellt, sich noch – logisch, nicht zeitlich – ›vor‹ der inhaltlichen Arbeit an den philosophischen Problemen zuerst der rationalen Funktionsbedingungen dieser Arbeit selbst zu vergewissern. Nur eine Philosophie, die sich ständig an den Geltungsbedingungen von Rationalität orientiert, kann nach Kant Anspruch auf »Wissenschaftlichkeit« erheben. Dieser Anspruch ist leider nur allzu oft in dem Sinne missverstanden worden, als wollte Kant mit der Kritik der reinen Vernunft Metaphysik als Wissenschaft in der modernen Version einer positiven Wissenschaft begründen. Die Idee der Transzendentalphilosophie ist demgegenüber das dezidiert aufklärerische Programm einer konsequenten Selbstbegründung des Denkens und die Philosophie erweist sich nur so als »die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntniß auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis humanae )« (KrV , B 867), die die Kennzeichnung durch einen Weltbegriff verdient.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt