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Dr. Thomas Zwenger

Transzendental

Von lat. transcendere , ›überschreiten, übersteigen‹: Transzendental bezeichnet ein besonderes Merkmal bestimmter Vorstellungen, die Kant unter dem Begriff Erkenntnis zusammenfasst. Als Merkmal von Erkenntnis-Vorstellungen ist transzendental somit ein Geltungsbegriff. Kandidaten für transzendentale Geltung sind diejenigen Vorstellungen, die Erkenntnisgegenstände bestimmen können, Anschauungen und Begriffe, allerdings auch Urteile.

Der Begriff transzendental hat zwar eine Geschichte, er ist in der Philosophie aber heute fast nur in der Bedeutung im Gebrauch, die ihm Kant gegeben hat: »Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt« (KrV , B 25). Später präzisiert Kant, »dass nicht jede Erkenntnis a priori , sondern nur die, dadurch wir erkennen, dass und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden, oder möglich sind, transzendental (d. i. die Möglichkeit der Erkenntnis oder der Gebrauch derselben a priori ) heißen müsse« (KrV , B 80).

›Nicht sowohl … sondern‹ ist in der Sprache der Zeit als ›nicht nur … sondern auch‹ oder ›nicht primär … sondern vielmehr‹ zu verstehen. Dann sagt Kants Definition aus, dass es sich bei transzendental um eine a priori geltende (also nicht empirische) Erkenntnis handelt, die Gegenstände nicht direkt, sondern genau dadurch, dass sie die Art und Weise, wie wir Gegenstände erkennen, bestimmt. Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass das Seiende für endliche Vernunftwesen ausschließlich in Form von Erfahrungserkenntnis, also als Gegenstand von Erkenntnis zugänglich ist. Und über die Konstitution solcher Gegenstände wird man folglich nur genau das mit Sicherheit sagen können, was man über die Struktur der Erkenntnis sagen kann. »Die Bedingungen a priori einer möglichen Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung« (KrV , A 110).

Der springende Punkt dieser Definition ist, dass das transzendentale Funktions-Merkmal einer Vorstellung ist, dass sie a priori gilt und (auf Gegenstände) ›angewandt‹ werden kann. Dies ist nur dann kein Widerspruch, wenn diese nicht-empirische Anwendung als Konstitution, aber nicht von konkreten Gegenständen, sondern der Gegenständlichkeit von Gegenständen überhaupt verstanden wird. Die transzendentalen Vorstellungen sind somit abstrakte Ermöglichungsbedingungen objektiver, nämlich tatsächlich auf Gegenstände bezogener Erkenntnis. Dies wird in modernen Interpretationen häufig außer Acht gelassen. Transzendentale Erkenntnis besteht im Kern in einer Strukturanalyse der subjektiven Bedingungen vorliegender Erfahrungserkenntnis, die Kant eine transzendentale Logik nennt. Entsprechend der von ihm namhaft gemachten zwei »Quellen der Erfahrungserkenntnis«, Sinnlichkeit und Verstand, besteht diese Strukturanalyse aus zwei Teilen, einer transzendentalen Ästhetik, die die apriorischen Anschauungsbedingungen von Gegenständlichkeit ermittelt, und einer transzendentalen Analytik, die besondere Begriffe des Verstandes (Kategorien) festlegt, die die Gegenständlichkeit der Gegenstände konstituieren:

Als »einfache Vorstellungen« können Anschauungen nur dann a priori , also allgemein und notwendig gelten, wenn sie, wie Kant sagt, »rein« formal, nämlich als »Formen des Anschauens« überhaupt (Raum und Zeit) gedacht werden. Insofern aber, als sie gar nicht anders, denn auf ein in den Sinnen »gegebenes« Mannigfaltiges anzuwenden sind, erfüllen sie eben die Bedingung, unserer »Erkenntnisart von Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt« anzugehören. Ein Begriff gilt a priori , wenn er erstens »zugleich mit seiner Notwendigkeit«, und zweitens »in strenger Allgemeinheit gedacht … wird« (KrV B 3). Ein solcher Begriff kann also, wie Kant sagt, »nicht von der Erfahrung abgeleitet« (B 4) sein. Wenn er aber »vor aller Erfahrung« auf Gegenstände der Erfahrung angewandt werden soll, so wird er logischerweise den Gegenstand nicht in seiner empirischen Realität bestimmen können (eben dann wäre er ja von dieser abgeleitet), sondern nur in denjenigen allgemeinen Bestimmungen, die ihn überhaupt zum Gegenstand qualifizieren. So kann beispielsweise vor der Erfahrung von Gegenständen gesagt werden, dass sie nur als in gewissen Kausalrelationen erkannt werden können.

Daraus ergibt sich eine erhebliche Ausweitung der Wortbedeutung des Begriffs ›transzendental‹: Er erweist sich als Geltungsbegriff zweiter Stufe, der die Bedingungen der Geltung von Erkenntnis selbst noch thematisiert. Er muss somit als eine Funktionskennzeichnung philosophischer Erkenntnis selbst verstanden werden. Denn die Reflexion der Erkenntnis auf ihre eigenen apriorischen Bedingungen ist überhaupt nur dann sinnvollerweise konzipierbar, wenn unterstellt ist, dass das Vernunftwesen über das Vermögen verfügt, im spontanen Vollzug »reflektierter Reflexivität« (Baumanns) sich urteilend auf die Geltungsbedingungen dieses Urteilens zu beziehen.

Wenn man dieses auf sich selbst reflektierende Vermögen des Selbstbewusstseins negiert und transzendentale Geltung auf ein bloß methodisches Element eines Begriffsschemas reduziert, wie dies in den durch Strawson angeregten analytischen Diskussionen um die so genannten transcendental arguments geschieht, geht die kritische Funktion als philosophischer Fundamentalbegriff schnell verloren. Kant hat diese Gefahr der Missdeutung sehr wohl gesehen und betont daher mehrmals den kritisch-aufklärerischen Aspekt des Begriffs. »Das Wort transscendental aber, welches bei mir niemals eine Beziehung unserer Erkenntniß auf Dinge, sondern nur aufs Erkenntnißvermögen bedeutet, sollte diese Mißdeutung verhüten. Ehe sie aber dieselbe doch noch fernerhin veranlasse, nehme ich diese Benennung lieber zurück und will ihn (sc. seinen Gebrauch, T. Z.) den kritischen genannt wissen.« (Prolegomena , AK IV, 293)

P. Baumanns, Kants Philosophie der Erkenntnis , Würzburg 1997

R. Bittner, transzendental , in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Bd. 5, München 1974, Sp. 1524–1539

E. Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit , Bd. 4, 3. Aufl. 1922 [Nachdr. Darmstadt 1972]

J. G. Fichte, Über das Verhältnis der Logik zur Philosophie oder transzendentale Logik , in: Sämtl. Werke, hg. v. I. H. Fichte, Berlin 1971 [Nachdruck der Ausgaben Berlin 1845/46 und Bonn 1834/35], Bd. 9

I. Kant, Kritik der reinen Vernunft , 2. Aufl. 1787

H. Krings, System und Freiheit , Freiburg / München 1980

P. F. Strawson, The Bounds of Sense , London 1966

B. Stroud, Transcendental Arguments , in: Journal of Philosophy, 65 (1968), 241–56

H. Wagner, Philosophie und Reflexion , 3. Aufl. München / Basel 1980

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt