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Dr. Herbert Wiesen

Theorie

Die Bedeutung des Begriffs ist in den Untersuchungen der traditionellen und der modernen Philosophie und erst recht in den verschiedenen Einzelwissenschaften sehr weit gefächert. Bei Platon bedeutet theoria die Schau der Idee und damit der Wahrheit. Bei aller Differenzierung dessen, was man unter Theorie versteht, steht jedoch soviel fest, dass Theorien ein Ordnungsgefüge für etwas Vorgegebenes darstellen (was immer dies sei). Im weiteren Sinne versteht man unter Theorie jede Hypothese, jede Verallgemeinerung, jedes Gesetz oder eine Konjunktion derselben. Nach Popper gilt sogar: Jeder Satz hat den Charakter einer Theorie. Selbst der Satz ›Hier steht ein Glas Wasser‹ ist theoretisch, weil er allgemeine Begriffe (Glas, Wasser) enthält, die nicht durch unmittelbare Erlebnisse verifiziert werden können. Mit dieser Darstellung weicht Popper zwar klar von der üblichen Auffassung ab; er will jedoch dadurch das wesentliche Charakteristikum von Theorien betonen, dass nämlich eine Theorie das unmittelbar Gegebene überschreitet. Diese Transzendenz des Gegebenen wird in der herkömmlichen Auffassung erfahrungswissenschaftlicher Theorien besonders deutlich: So deutet man eine Theorie beispielsweise als ein deduktives System, das aus gewissen Anfangshypothesen an der Spitze und empirisch prüfbaren Generalisationen an der Basis beruht. Solche Systeme nennt man hypothetisch-deduktive Systeme, da alle Aussagen logische Konsequenzen aus einer Menge von grundlegenden Annahmen sind.

Bei der allgemeinen Charakterisierung von Theorien kann man einen formalen und einen materialen Aspekt unterscheiden: Theorien sind ihrer Form nach Satzmengen und nach ihrem kognitiven Inhalt Aussagenmengen. Weiterführende Ansätze gehen sogar so weit, den gesamten empirischen Gehalt einer Theorie durch eine einzige unzerlegbare Aussage – den zentralen empirischen Satz, auch Ramsey-Sneed-Satz der Theorie genannt – wiederzugeben. Dabei wird also versucht, alle in der Theorie steckenden empirischen Behauptungen (z. B. durch Konjunktionen und mit Hilfe der ordnenden Struktur mathematischer Funktionen) zu einer einzigen Aussage zu verknüpfen. Leider ist die praktische Handhabung eines solchen Ramsey-Sneed-Satzes jedoch sehr komplex.

Andere Ansätze betonen die zumindest teilweise Veränderbarkeit einer Theorie. So kann man spezielle Gesetze eliminieren, hinzufügen oder abändern, ohne sagen zu müssen, die ganze Theorie habe sich geändert. Dies geschieht dadurch, dass man einen Kern von Fundamental-Aussagen (Axiomen, Gesetzen oder Korrespondenzregeln) auszeichnet und als charakteristisch für die Theorie bezeichnet, während man die übrigen Aussagen der Theorie (die als Konjunktion der Theorie im engeren Sinne und ihrer Zuordnungsregeln aufgefasst werden) als abänderbare und nicht unbedingt theorie-charakterisierende Spezialaussagen oder Kernerweiterungen auffasst. Unter diese letzte Rubrik fallen vor allem die Hypothesen und Randbedingungen, die immer nötig sind, um aus einer allgemeinen Theorie spezielle Aussagen herzuleiten.

Eine interessante Variante dieser Kennzeichnung von Theorien liefert Lakatos mit seiner Methodologie der Forschungsprogramme: Ein Forschungsprogramm besteht synchronisch gesehen aus einem harten Kern und einem schützenden Gürtel von Zusatzhypothesen; diachronisch gesehen aus einer Folge von Theorien, die sich durch progressive oder degenerative Problemverschiebungen verändern. Am harten Kern wird dabei auch bei experimentellen Schwierigkeiten festgehalten, wogegen im schützenden Gürtel Anpassungen vorgenommen und Hilfshypothesen aufgestellt werden können. Beurteilt werden bei Lakatos also nicht isolierte Theorien, sondern Folgen von Theorien, die als erfolgreich / progressiv (bei steigendem Gehalt) oder degenerierend (bei sich verminderndem Gehalt) erkannt werden sollen. Dem oben gekennzeichneten Begriff der Theorie entspricht hier der Begriff des Forschungsprogramms.

Damit erfasst man, dass immer das gleiche Forschungsprogramm (im obigen Sinne: die gleiche Theorie) vorliegt, obwohl sich der Wissensstand teilweise nicht unerheblich ändert und somit jeweils andere Theorien als Glieder eines Forschungsprogramms (im obigen Sinne: Theorien mit verschiedenen Kernerweiterungen) vorliegen.

Sobald man nicht mehr nur in den verschiedenen Theorien arbeitet (Objekt-Ebene), sondern über sie reflektiert (Meta-Ebene), kann man versuchen, in der Vielfalt von Theorien gemeinsame strukturierende Merkmale zu erkennen. Die in der Wissenschaft gebräuchlichen Theorien sind – wegen der unendlichen Vielfalt der in ihnen enthaltenen Aussagen und der Tatsache, dass die theoretischen Begriffe immer nur indirekt interpretiert werden können – nicht mehr direkt empirisch kontrollierbar und vergleichbar. Erst recht ist es nicht möglich zu sagen, diese Theorie stimmt und eine konkurrierende Theorie stimmt nicht. Deshalb ist es umso wichtiger, die Theorien auf der metatheoretischen Ebene durch möglichst viele ihrer Eigenschaften (so genannte Charaktere) weitestgehend zu charakterisieren. Die Bedeutung der Charaktere liegt darin, dass sie gewisse, zumeist wünschenswerte Eigenschaften von Theorien angeben, die auf eine Theorie zutreffen (Konsistenz, Ableitungsrichtigkeit, Unabhängigkeit, Vollständigkeit, Abgeschlossenheit, Fruchtbarkeit, Einfachheit, …) oder aber auch gewisse Funktionsweisen betreffen, die die Theorie erfüllen soll (erklären, voraussagen, …) oder Eigenschaften, die für das Arbeiten mit der Theorie nötig oder zumindest förderlich sind (empirische Signifikanz, Einfachheit, …) bzw. es erfolgversprechend erscheinen lassen (Gehalt, Bewährtheit, …).

Neben dieser bloßen Angabe nützlicher oder wünschenswerter Eigenschaften (deskriptive Funktion) – es gibt natürlich auch durchaus unerwünschte – können Charaktere auch als Bewertungsmoment dienen (normative Funktion); z. B.: Die Theorie soll einfach sein / Die Theorie ist zu einfach. Sofern ein Charakter zumindest in der komparativen Begriffsform gegeben ist, liegt eine weitere Funktion der Charaktere darin, dass sie die Grundlage für den Vergleich von Theorien bilden (komparative Funktion).

K. R. Popper, Logik der Forschung , Tübingen 1971

W. Stegmüller, Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie , Band II, Berlin 1973

H. Wiesen, Charaktere von Theorien , Düsseldorf 1978

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
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1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt