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Prof. Dr. Armin G. Wildfeuer

Teleologie

Von griech. telos , ›Ende, Ziel, Zweck‹ und logos , ›Lehre‹: Der Sache nach wurde telos von Aristoteles eingeführte, dem Begriff nach erstmals von Chr. Wolffs so genannter Lehre von der Zielgerichtetheit 1. von Vorgängen in der Natur, 2. von menschlichen (technischen wie moralischen) Handlungen sowie 3. des Geschichtsverlaufs insgesamt, wobei teleologische Erklärungen auf Wozu-Fragen mit der Angabe eines Zieles oder Zweckes antworten. Teleologie begegnet einerseits in einer ontologischen Variante als Lehre von den realen Wirkkräften des ablaufenden Geschehens, andererseits als methodologisch-heuristisches Prinzip, mit dem sich das Geschehen darstellen, erklären und deuten lässt.

1. Nach Aristoteles, der erstmals methodische Überlegungen zur Teleologie anstellte (vgl. Physik II), können Naturprozessen natürliche Endzustände und Organismen sinn- und zweckvolle Einrichtungen (z. B. das Fell als Kälteschutz etc.) zugeschrieben werden, sodass Ziel- und Zweckkategorien zur Erklärung naturaler Vorgänge geeignet erscheinen. Auf dem Hintergrund der christlichen Vorstellung von der Erschaffung der Welt durch Gott erweitert die scholastische Philosophie des Mittelalters (A) das antike, nur zur Erklärung von naturalen Einzelvorgängen herangezogene Denkmodell zu einer universellen kosmologischen Teleologie, in der alle Dinge einen Platz in einer auf den Menschen hin ausgerichteten Ordnung (Ordo-Gedanke) einnehmen und in ihrer zweckvollen Zusammenstimmung vom Ganzen her erklärbar sind. Dieses Sinnverstehen des Geschehens im Ganzen diente zum einen dem Beweis der Existenz Gottes als des Schöpfers dieser Ordnung (teleologischer Gottesbeweis, vgl. auch die Physikoteleologie und Physikotheologie des 18. Jhs.) sowie zur Rechtfertigung des Existenz des Leidens in der Welt angesichts der Gerechtigkeit Gottes (Theodizee), zum anderen der Legitimation sozialer und moralischer Normen und zur Erklärung des dem Menschen Zu- und Abträglichen. Die Ablösung des Realismus durch den Nominalismus bereits im spätmittelalterlichen Universalienstreit sowie die Subjektzentriertheit der Neuzeit (A) zerstörten den metaphysisch-ontologischen wie den theologischen Rahmen der Teleologie, sodass bereits F. Bacon von der Unfruchtbarkeit der Teleologie für die Praxis der Naturerklärung überzeugt war. An ihre Stelle tritt in der neuzeitlichen Physik die mechanistische Erklärung der Naturvorgänge. Folgt man Kant, dann ist zwar eine ›objektive Teleologie‹ unmöglich, aber die Zuschreibung von Zwecken für das Verständnis der Organismen ist als heuristisches Prinzip unverzichtbar. Während die Wissenschaftstheorie des 20. Jhs. Teleologie als Pseudoerklärung weitgehend verwirft, versucht die so genannte organismische Biologie Teleologie methodologisch als Systemgesetzlichkeit zu rekonstruieren, und unter dem Stichwort Teleonomie versuchen kybernetische Modelle, zielgerichtetes Verhalten auf das Wirken eines (evolutionär entstandenen) Programms zurückzuführen.

2. Teleologie meint eine Methode moralischer Begründung, die nicht, wie deontologische Ethiktypen (Pflichtethik, Ethik des kategorischen Imperativs, Kant) nach dem moralisch Notwendigen oder unbedingt Gesollten (griech. to deon ), sondern nach dem letzten Ziel oder dem höchsten Gut des Handelns fragt, das als außermoralisches Gut um seiner selbst willen erstrebenswert wird. Die Realisierung dieses Guts als Folge der Handlung (Konsequentialismus) ist daher das einzige Kriterium der sittlichen Richtigkeit einer Handlung. Je nachdem, ob als Ziel der Handlung ein einzelnes Gut (z. B. die Lust) oder mehrere Güter (z. B. persönliche Zuneigung, ästhetisches Erleben) angenommen werden, lassen sich monistische (z. B. die verschiedenen Formen des Hedonismus) und pluralistische (z. B. der ideale Utilitarismus Moores) Theorien unterscheiden. Zu unterscheiden sind ferner egoistische (ausschließlich die Folgen für den Handelnden sind zu berücksichtigen) und universalistische (eine Handlung oder Handlungsregel ist dann und nur dann richtig, wenn sie im Universum ein mindestens so großes Übergewicht von guten gegenüber schlechten Folgen herbeiführt) Theorievarianten. Gegen den teleologische Ethiktyp wird eingewandt, dass sich, wie Sidgwick zu Recht hervorhebt, Gerechtigkeitsprinzipien nicht teleologisch begründen lassen, zumal jeder Mensch Rechte hat, die auch im Interesse der Realisierung außermoralischer Güter nicht aufgehoben werden dürfen, soll die Person nicht zum bloßen Mittel gemacht werden.

3. Teleologie ist grundlegendes Denkmodell der klassischen Geschichtsphilosophie, wonach entweder a) das Geschehen der Geschichte nicht planlos und zufällig, sondern einer inneren Notwendigkeit oder einem Plan gehorchend zielgerichtet erfolgt, oder b) als solche methodologisch interpretiert und gedeutet werden muss, um überhaupt geschichtliche Prozesse (re-)konstruieren zu können.

H. Busche, Teleologie , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10, Basel 1998, Sp. 970–977

B. Grünewald, Teleonomie und reflektierende Urteilskraft , in: Wahrheit und Geltung. Festschrift für Werner Flach, hg. v. R. Hiltscher / A. Riebel, Würzburg 1996, S. 63–84

W. Kullmann, Aristoteles und die moderne Wissenschaft , Stuttgart 1989 [v. a. Kap. IV]

J.-E. Pleines (Hg.) Teleologie. Ein philosophisches Problem in Geschichte und Gegenwart , Würzburg 1994

H. Poser (Hg.) Formen teleologischen Denkens , Berlin 1981

N. Rescher (Hg.) Current Issues in Teleology , Lanham Md. 1986

F. Ricken, Allgemeine Ethik , 3. Aufl. Stuttgart 1998, S. 215–240

R. Spaemann, R. Löw, Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens , München / Zürich 1982

D. Witschen, Gerechtigkeit und teleologische Ethik , Freiburg/Br. 1992

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt