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Prof. Dr. Alois Huning

Technikphilosophie

Bereichsdisziplin der Philosophie, deren Gegenstand die Technik ist, mit der sie sich philosophisch auseinandersetzt. Technikphilosophie ist als Philosophie bestimmt, die mit den ihr eigenen Methoden ihr Objekt – die Technik – untersucht. Es kommt daher darauf an, zunächst den Gegenstandsbereich zu bestimmen. Die erste Frage dieser Disziplinen ist daher: Was ist Technik? Die zweite Frage liegt in der Zugangsweise: Welche Art von Philosophie ist hier angemessen? Wie ist die Technikphilosophie als Philosophie näher zu bestimmen?

Zur Frage, wie die Technik zu bestimmen sei, gibt es eine lange historische Diskussion, die auf Platon – mit dem Gedanken der Teilhabe und der Nachahmung immer bestehender Ideen – und Aristoteles – mit der Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Realität – zurückgeht. Dabei gibt es ein weites Verständnis von Technik und ein engeres: Die weitere Bedeutung von Technik, die alles menschliche Tun in einer Umwelt umfasst, steht dem engeren Verständnis gegenüber, nach dem Technik ein auf wissenschaftlichem Verständnis der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten in Analyse und Synthese beruhendes Handeln ist.

Während die Natur durch Werden (von selbst) bestimmt ist, bedeutet Technik immer ein zielgerichtetes Machen. Als natürlich gilt das Resultat des Werdens, als technisch-künstlich gilt das Resultat des Machens, im engeren Sinne das Machen und seine Resultate, wenn der Mensch das handelnde Subjekt ist; im weiteren Sinne spricht man auch von Technik bei tierischem Handeln, etwa beim Nestbau, beim Wabenbau, beim Beutemachen, bei der Nahrungsbeschaffung oder bei der Revierabgrenzung. Tierische Technik ist weitgehend natürlich oder instinktiv, aber es gibt auch Lernen und damit verbundene ›intelligente‹ Leistungen bei tierischer Technik. Beim Menschen stehen Intelligenz und Wille durch Ausnutzung natürlicher Gegebenheiten (Materialien und Gesetzmäßigkeiten) im Vordergrund.

Damit ist die Entwicklung der Technik vom frühgeschichtlichen Eingreifen in die Natur und von ihrer unmittelbaren Ausnutzung bis zu Gestaltungen verstehbar, die auf wissenschaftlichen Einsichten beruhen und mit dem Fortschritt der Wissenschaften immer neue technische Nutzungen ermöglichen. Damit vergrößert sich zugleich der Bereich der Wirklichkeit, der technischer Gestaltung zugänglich ist – von der materiellen Welt außerhalb des Menschen über die biologische Umwelt (es gab schon früh Agrartechnik und Tierzucht), bis zum Eingriff in Körper und Psyche des Menschen. Besonders wichtig ist seit einigen Jahren der zwar materieller Grundlage bedürftige, aber doch wesentlich immaterielle Bereich der Information. Damit wird der engere Technikbegriff auch anwendbar auf Bereiche, die früher nur unter einem weiten Technikbegriff erfassbar waren.

Technik wird dabei vor allem verstanden als ein Mittelsystem, das Anstrengungen erspart, das der Beseitigung von Mangel- und Notsituationen dient und wirtschaftliche Bedarfe erfüllt, das insgesamt ein Mittel zur Entlastung und Gestaltung des Lebens darstellt; Technik kann aber auch eingesetzt werden, um dem menschlichen Macht-, Herrschafts- und Ausbeutungswillen zu dienen. Technik ist immer auch Befreiung des Menschen von den Grenzen und Schranken, die ihm biologisch vorgegeben sind, die er aber dank seiner Geistbegabung überschreiten kann. Diese Geistbegabung ermöglicht auch die Orientierung an Zielen, die sich aus dem Bestreben nach Vervollkommnung des Menschen und aus dem Bestreben nach Vollendung der in der Natur angelegten Möglichkeiten ergeben – hier würde auch Heideggers Technikdeutung als »Entbergen« der Natur und als Bestellen des naturgegebenen Bestandes ihren Platz finden, aber auch seine negative Beurteilung der Technik als »Gestell«, das den Zugang zur Wahrheit des Seins verstellt. Technik als Tätigkeit des Menschen ist zugleich immer Objektivierung menschlicher Arbeit und Leistung und damit äußeres Zeichen des Selbstverständnisses, das der Mensch von sich in seinem Werk zum Ausdruck bringt. Technik kann deshalb definiert werden als das Gesamt und die Einzelmomente der Theorie und der Wirklichkeit von Gegenständen und Verfahren, die als Mittel zur Erfüllung individueller und gesellschaftlicher Bedürfnisse und Zwecke durch konstruktive Leistung im Rahmen der Naturgesetze geschaffen werden und insgesamt weltgestaltend wirken.

Diesem Bereich wendet sich die Philosophie mit der Vielfalt ihrer Methoden und Unterdisziplinen zu. Sie widmet sich der Technik phänomenologisch-hermeneutisch oder analytisch oder systemtheoretisch. Wissenschaftstheoretisch ist nicht nur die Herausarbeitung der Unterschiede etwa zu Natur- und Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ein Thema der Technikphilosophie. Technik ist nicht einfache Anwendung von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen; auch die Zielsetzung bestimmt die Art des Handelns und die Ergebnisse. So ist etwa zu fragen: Was geschieht beim Übergang von der wissenschaftlichen Analyse zu einer neuen Synthese, der vielleicht – wie vor allem in der chemischen Technik – längere Umwege vorausgehen? Der Systemaspekt der Technik ist wissenschaftstheoretisch zu reflektieren. Dieser Systemaspekt umfasst sowohl die Analyse von individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen und die daraus resultierenden Zielvorstellungen wie die wissenschaftlichen Analysen der jeweiligen materiellen und sozialen Voraussetzungen zur Erfüllung daraus resultierender Aufgaben als auch die verschiedenen Informations- und Vermittlungsebenen bis zur Realisierung der gewünschten Verfahren und Gegenstände.

Anthropologisch relevant ist die Frage, wie der Mensch sich selbst versteht, wenn er nicht nur die materielle Umwelt gestaltet, sondern in eigener Verantwortung seinen Körper und seine Psyche verändert. Die menschliche Freiheit ist auch hier die transzendentale Bedingung der Gestaltung der Natur zur Welt. Die anthropologische Frage mündet nicht nur in der Metaphysik, sondern vor allem in der Ethik: Wie weit geht die Verfügungsmacht und das Verfügungsrecht des Menschen über sich und seine Mitmenschen? Technikphilosophie ist daher vor allem auch Ethik, und zwar Ethik des technischen Schaffens wie Ethik der individuellen und gesellschaftlichen Techniknutzung; es gilt daher, eine Berufsethik der Technikschaffenden zu entwickeln, aber auch – vor allem im Blick auf künftige Generationen – Technikfolgenabschätzung und Technikbewertung als gesellschaftliche Ethik der Technik zu institutionalisieren. Ein besonderes Problem bilden ethisch die Techniken, die für Nichtspezialisten am schwersten zu durchschauen und zu beurteilen sind; das sind die Techniken an den beiden Extremen des Kleinsten und des Größten, etwa die Nutzung der Kernkraft und der Gentechnologie. Besonders hier zeigt sich deutlich, dass Technikphilosophie nicht allein aus allgemeinen Prinzipien urteilen kann, sondern dass auch sachlich-fachliche Kompetenz, zumindest aber intensive Kommunikation mit Technikern und Technikwissenschaftlern unentbehrlich für philosophische Kompetenz im Bereich der Technik ist. Technikphilosophie ist als Anthropologie immer auch Kulturphilosophie. Die Ästhetik geht über bloße Zweckmäßigkeit hinaus; sie will eine dem Menschen und seinem Empfinden angenehme Welt gestalten, in der der Mensch nicht bloß überleben, sondern sich wohlfühlen kann. Neben Bedürfnissen und ethischen Werten bestimmen also auch ästhetische Qualitätsansprüche die menschliche Weltgestaltung.

Auch die Beziehungen zu anderen Wissensgebieten sind im Rahmen der Technikphilosophie zu reflektieren, etwa zur Wirtschaft – unter Einschluss der Umweltproblematik – und zur Kulturumgebung unter dem Gesichtspunkt der Sozialverträglichkeit oder zur Politik: Soll sie sich an Werten orientieren oder nur effektiv technokratisch organisieren? Technik lässt sich philosophisch nur als ein umfassendes sozio-ökonomisch-politisch-technisches Gesamtsytem verstehen. Technikphilosophie muss sich daher ihrem Gegenstandsbereich mit allen ihren Disziplinen und deren jeweils eigenen Methoden zuwenden.

Chr. Hubig, A. Huning, G. Ropohl (Hg.) Nachdenken über Technik. Die Klassiker der Technikphilosophie , Berlin 2000

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt