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Matthias Schulze

Systemtheorie

Auch allgemeine Systemtheorie, engl. General System Theory ; die Theorie der allgemeinen Prinzipien, die die verschiedenen, in den einzelnen Wissenschaften untersuchten Systeme gemeinsam haben. Die allgemeine Systemtheorie versteht sich als Metatheorie der einzelwissenschaftlichen Systemtheorien, als Paradigmen einer neuen Einheit in der immer unübersichtlicheren Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse. Während die am Vorbild der klassischen Physik orientierten (Natur-)Wissenschaften auf der Suche nach allgemeinen Gesetzen die untersuchten Phänomene isoliert hatten, hat die systemtheoretische Betrachtungsweise das Ganze des jeweiligen Systems und die Beziehungen unter seinen Elementen im Blick; sie untersucht nicht einzelne Objekte und einzelne lineare Kausalreihen, sondern die Gesamtheit der Wechselwirkungen zwischen den Objekten. Die Proteinsynthese in der Zelle lässt sich z. B. erst aus der Wechselwirkung der verschiedenen chemischen Prozesse erklären, ebenso macht nur die Betrachtung eines Landschaftsausschnitts als Ökosystem die Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Pflanzenfressern, Fleischfressern usw. erkennbar.

Wissenschaftsgeschichtlich gesehen und auch in ihrer Terminologie ist die Systemtheorie vor allem von der Biologie und von der Kybernetik geprägt; sie findet jedoch heute Anwendungen in den unterschiedlichsten Gebieten von der Computerforschung bis zur Soziologie und zur Psychologie: Die einzelne Zelle und das Gehirn, die Familie und die Gesellschaft werden gleichermaßen als System verstanden. Dies wurde nur möglich dadurch, dass der Systembegriff immer weiter entwickelt und differenziert wurde. Gegenstand der Systemtheorie sind heute nicht mehr unorganisierte Gleichgewichtssysteme (z. B. der Thermodynamik), sondern selbst organisierende dynamische Systeme; es geht auch nicht um das Verhältnis der Teile zum Ganzen, sondern um die Differenz von System und Umwelt und die Relationen der Teile untereinander. Ein System wird daher als eine Menge von Objekten definiert, die zueinander und zur Umwelt in bestimmten Relationen stehen. Diese Relationen können häufig mit mathematischen Mitteln formuliert werden, was die Simulation von Systementwicklungen im Computer ermöglicht.

Entscheidend für die Entwicklung des Systembegriffs war die Anwendung der Kybernetik auf biologische Organismen (u. a. durch Bertalanffy); deren besondere zweckmäßige Struktur, die sich kausaldeterministisch nicht beschreiben ließ, konnte so ohne klassisch-teleologische bzw. vitalistische Voraussetzungen erklärt werden. Ein Organismus wird als ein offenes System aufgefasst, das, im Gegensatz zum geschlossenen System, in Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht. Es ›agiert‹ zielgerichtet, d. h. im einfachsten Fall, es erhält in Reaktion auf Umwelteinflüsse einen vorgegebenen Gleichgewichtszustand aufrecht, und zwar nach dem kybernetischen Modell der Rückkopplung, wie man sie z. B. von der Funktion eines Thermostats her kennt. Die meisten Systeme in der Biologie und anderen Gebieten beschränken sich aber nicht auf reaktive Gleichgewichtserhaltung, sie entwickeln sich vielmehr autonom weiter, im Austausch mit ihrer Umwelt und in einem dynamischen Ungleichgewicht. Differenziertere Konzepte der Kybernetik und der Systemtheorie ermöglichen die Beschreibung solcher selbst organisierenden dynamischen Systeme. Die Differenz von System und Umwelt ist bei ihnen Ergebnis der Selbstorganisation; sie wird innerhalb des Systems durch interne Differenzierung reproduziert, wenn sich nämlich Teilsysteme bilden, für die der Rest des Systems wieder Umwelt ist. Die so genannten autopoietischen Systeme leisten über die bloße Selbstorganisation hinaus sogar Selbstreproduktion, d. h. sie erzeugen sich selbst. Durch Einwirkungen der Umwelt sind solche Systeme nicht gezielt beeinflussbar; wie sie solche Einwirkungen verarbeiten, ist nur durch ihre eigene innere Struktur bestimmt. Um sich selbst neu schaffen zu können, muss ein autopoietisches System ein Bild von sich selbst haben, es muss sich auf sich selbst beziehen können. Selbstbezüglichkeit oder Selbstreferenz ist ein zentrales Thema der neueren Systemtheorie: Die Beziehung eines Systems auf sich selbst, in der Tradition allein dem Denken bzw. dem (Selbst-)Bewusstsein vorbehalten, wird zum gemeinsamen Merkmal unterschiedlichster Systeme; Geist (Bateson) und Erkenntnis im Sinne von Selbstorganisation und Selbstreferenz wird auch z. B. Zellen oder gesellschaftlichen Systemen zugesprochen.

Die Leistungsfähigkeit der modernen Systemtheorie zeigte sich u. a. bei der Erklärungen der molekularen Prozesse, die zur Entstehung des Lebens führten (durch Prigogine und Eigen), und in einer umfassenden Theorie der Evolution (u. a. durch E. von Weizsäcker). In der Soziologie fasst z. B. Luhmann die Gesellschaft als autopoietisches Kommunikationssystem, das heißt, das System Gesellschaft besteht aus Kommunikationen, die es selbst produziert und reproduziert. Indem festgelegt wird, worüber sinnvoll kommuniziert werden kann, wird die Komplexität der Welt reduziert; dies ermöglicht überhaupt erst Orientierung in einer Welt, die sonst zu unübersichtlich wäre. Sinn ist für Luhmann nicht eine Leistung des Subjekts, sondern die Weise, in der das System Gesellschaft die Möglichkeiten des Zugangs zur Welt zu begrenzt; die Welt bleibt dabei immer Horizont für mögliche neue Sinnsetzungen. Da sich das System Gesellschaft die Strukturen der Kommunikation autopoietisch selbst schafft, kommt die Umwelt – also alles, was nicht Kommunikation ist (einschließlich der Menschen in ihrer physischen Existenz) – in ihm nur insofern vor, als über sie innerhalb dieser Strukturen kommuniziert wird. Entsprechendes gilt auch für die Teilsysteme der Gesellschaft; so können etwa im Teilsystem Recht gesellschaftliche Themen nur als Rechtsfragen wahrgenommen und bearbeitet werden. Die immer weitere Differenzierung in solche Teilsysteme ist für Luhmann das wesentliche Kennzeichen der Evolution des Systems Gesellschaft, spezielles Merkmal der modernen Gesellschaft ist dabei, dass an die Stelle der vormodernen hierarchischen eine funktionale Differenzierung tritt. Dabei wird in jedem Teilsystem alles auf dessen jeweiligen ›Code‹ bezogen, z. B. auf Geld in der Wirtschaft oder auf Wahrheit in der Wissenschaft.

Vor allem in ihrer Popularisierung wird die Systemtheorie (bzw. die Ökologie) häufig zu einer Art Überwissenschaft: Zum einen werden Ergebnisse spezieller Systemwissenschaften wie der Ökologie unbedenklich auf ganz andere Bereiche übertragen, zum anderen erwartet man von der Systemtheorie die Überwindung des reduktionistisch-mechanistischen Naturverständnisses. Dagegen wird eingewandt, dass die Systemforschung zwar das Ganze eines (Öko-)Systems erfasse, aber nur unter einem bestimmten funktionalen Aspekt; die qualitativ-individuelle ›Fülle der Natur‹ entgehe ihr ebenso wie der traditionellen Naturwissenschaft.

Dem systemtheoretischen Ansatz in der Soziologie wird u. a. von Habermas vorgeworfen, in seinem Verzicht auf jede normative Beurteilung von außen das störungsfreie Funktionieren des Systems implizit als Ziel zu setzen. Dies ist über die systemtheoretischen Einschätzungen einzelner politischer Fragen hinaus ein prinzipielles Problem: Da das selbstreferenzielle System das Subjekt als Grundlage praktischer wie theoretischer Geltungsansprüche abgelöst hat, gibt es keine Möglichkeit einer normativen Beurteilung des Systems ›von außen‹. Eine der zentralen Fragen der philosophischen Diskussion über die Systemtheorie ist daher, ob der theoretische Gegenstandsbezug wirklich auf das Modell von Erkenntnis als Systemeigenschaft reduziert und erkenntnistheoretische Reflexion damit durch Systemtheorie ersetzt werden kann.

H. Maturana, F. J. Varela, Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens , Bern / München 1987

N. Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie , Frankfurt/M. 1984

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt