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Prof. Dr. Karl Bormann

Sokrates von Athen

(um 470–399): Hinrichtung durch Gift im März. Sokrates verzichtete auf jede Schriftlichkeit. Die antiken Zeugnisse über ihn präsentieren kein einheitliches Bild, sondern bieten viele voneinander abweichende und sogar widersprüchliche Darstellungen, wobei zu berücksichtigen ist, dass die Mitglieder des Kreises um Sokrates ganz verschiedene philosophische Richtungen einschlugen. Möglicherweise vereinigte Sokrates in seiner Person so viele Merkmale, dass sich aus den antiken Berichten kein einheitliches Bild ergeben kann, und allem Anschein nach gingen von Sokrates Anregungen aus, die in unterschiedlicher Weise aufgenommen und realisiert wurden. Das wird dadurch bestätigt, dass alle Sokratiker sich auf Sokrates berufen; eine Unterscheidung von ›echten‹ und ›falschen‹ Sokratikern ist nicht möglich. Dabei wird Sokrates nur umrisshaft erkennbar, zumal er keine systematischen philosophischen Lehren vortrug, sondern zum philosophischen Denken anregte. Insgesamt liegen bis zu Aristoteles sechs Gruppen von Sokrates-Zeugnissen vor: 1. Sokrates in der Komödie, besonders bei Aristophanes; von anderen sind einige Fragmente überkommen; 2. Xenophon; 3. Anhänger des Sokrates außer Platon; 4. Platon; 5. Aristoteles; 6. die Ablehnung durch Athen. Diese sechs Gruppen sind kurz zu skizzieren.

1. Der ›ungewaschene‹ Sokrates galt offenbar als besonders geeignetes Objekt für die Komödie; abgesehen hiervon ist die von Aristophanes vorgeführte Karikatur des Sokrates als eines großen Sophisten sehr verzeichnet; Sokrates verkaufte seine Methode der Fragestellung nicht für Geld und unterschied sich wesentlich von den Sophisten. Während diese bestritten, dass sichere Erkenntnis als Gegensatz zur veränderlichen Meinung möglich sei, führte Sokrates in seinen Gesprächen jeweils den Nachweis, dass das, was seine Gesprächspartner zu wissen meinten, alles andere als Wissen ist. Er selbst beanspruchte nicht, etwas zu wissen, außer dass er nichts wisse, war aber sein ganzes Leben hindurch auf der Suche nach Wissen.

2. Xenophon bringt Sokrates höchste Verehrung entgegen und hebt hervor, dass Sokrates trotz seiner Armut in größter Genügsamkeit lebte, standhaft gegenüber allen Verlockungen war und sich mit seinen Gesprächspartnern, sofern sie ihn um Rat fragten, so unterhielt, wie er es als richtig erachtete; er besaß praktische Klugheit in Verbindung mit ethischer Vortrefflichkeit, und eben dieses, praktische Klugheit und ethische Vortrefflichkeit, wollte er seinen Gesprächspartnern vermitteln.

3. Von den engsten Freunden des Sokrates sind außer Platon lediglich Antisthenes, Aristipp und Euklid von Megara als Philosophen kenntlich; sie nahmen Anregungen des Sokrates in unterschiedlichster Weise auf. Antisthenes sieht in Sokrates das Ideal einer Ethik, welche absolute Bedürfnislosigkeit fordert und hiermit eine strenge Disputationsauffassung verbindet: Widerspruch und Irrtum sind unmöglich, weil Wortbedeutungen einerseits und Dinge sowie Sachverhalte andererseits in engster Relation zueinander stehen. Aristipp sieht in der hedone (Freude, Lust) das höchste Gut. Gemäß Euklid von Megara ist das Gute Eines, einen Gegensatz zu ihm gibt es nicht, was durch eine Disputationsweise erwiesen wird, welche nicht die Voraussetzungen, sondern die aus den Voraussetzungen sich ergebende Schlussfolgerung verwirft. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang Aischines von Sphettos, dessen Sokratesdarstellung (nur wenige Fragmente sind erhalten) in der Antike als besonders verlässlich galt: Sokrates überzeugt seine jeweiligen Gesprächspartner, dass sie nicht wissen, was das Gute ist.

4. In Platons Werken wird ein Sokrates vorgeführt, der a) disputiert, zur Einsicht in das Nichtwissen führt und im Eingeständnis des Nichtwissens verweilt, was nicht bedeutet, dass Sokrates gar nichts weiß; er weiß, dass er nichts weiß und dass es besser ist, nach Einsicht zu streben als diesbezüglich untätig zu sein; der b) gelegentlich positive Ergebnisse im Sinne Platons vorträgt; der c) die platonischen Lehren vorlegt (Lehre von der Seele, Ideen- und Staatslehre); der d) allmählich in den Hintergrund tritt (Sophistes , Politikos und Timaios ), der e) nicht mehr am Gespräch beteiligt ist (Gesetze ). In Platons frühen Schriften kann Sokrates es im Streitgespräch mit jedem Sophisten aufnehmen, indem er mit Trugschlüssen und Wortverdrehungen operiert. Dass der historische Sokrates tatsächlich in dieser Weise argumentierte, ist anzunehmen, zumal in Platons Schriften mehrmals gesagt wird, Sokrates sei das, was er den Sophisten zum Vorwurf mache, nämlich ein Wortverdreher. Weiterhin ist anzunehmen, dass wohl auch die gebildeten Athener in solcher Weise argumentierten. Hieraus dürfte sich ergeben, dass die sokratische Elenktik (Widerlegungskunst) sich der gleichen Mittel bedient, die Sokrates’ Gesprächspartner anwenden, diese aber alsbald in Widersprüche verwickelt und zum Eingeständnis des Nichtwissens zwingt.

5. Gemäß Aristoteles bemühte Sokrates sich nicht um Erkenntnis der gesamten Natur, sondern um die ethischen Vortrefflichkeiten und suchte diesbezüglich als Erster allgemeine Definitionen aufzustellen; hinzu kommen als Leistung des Sokrates Argumente aus der Analogie.

6. Aufgrund der Anklage, die Staatsgötter nicht anzuerkennen, neue Gottheiten eingeführt zu haben und die Jugend zu verderben, wurde Sokrates mit 280 zu 221 Stimmen schuldig gesprochen. Diese nicht sonderlich große Mehrheit ändert nichts an der Tatsache, dass die meisten Athener Sokrates ablehnten. Wohl um dem wachsenden Einfluss der Sokratiker entgegenzutreten, schrieb der Redner und Politiker Polykrates von Athen nach 394, vielleicht 392, eine als Anklageschrift verfasste Polemik gegen Sokrates, die er Anytos, einem der Ankläger Sokrates’, in den Mund legte. Die Sokratiker antworteten mit heftigem Widerspruch, Platon mit der Apologie , Xenophon in den Commentarii , Lysias mit einer nicht erhaltenen Verteidigungsrede, Isokrates kritisierte die Methode des Polykrates und warf ihm Tatsachenverdrehung vor, und noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert schrieb Libanios eine Verteidigungsrede des Sokrates. – Was ergibt sich aus diesen verschiedenartigen Bezeugungen, von denen Platons frühe Schriften und Aristoteles’ knappe Bemerkungen die gewichtigsten sind, mit einiger Wahrscheinlichkeit für den historischen Sokrates? Sein Fragen richtet sich auf das richtige menschliche Verhalten, richtiges Verhalten ist am Guten orientiert und bemüht, es zu verwirklichen; folglich setzt Bemühen um Verwirklichung des Guten Wissen vom Guten voraus. Dieses Wissen ist immer auf die Praxis bezogen. Praktisches Wissen schließt Kenntnis der ethischen Vortrefflichkeiten ein. Für eine Wissenschaft vom richtigen menschlichen Verhalten, d. h. für eine wissenschaftliche Ethik, ergeben sich also zwei Hauptfragen: Was ist das Gute? Was ist das Wesen ethischer Vortrefflichkeit, ohne die richtiges, d. h. gutes Leben unmöglich ist. Praktisches Wissen und Wissen vom Guten glauben fast alle zu haben; es liegt demgemäß für Sokrates, der weiß, dass er dieses Wissen nicht hat, nahe, im Gespräch Belehrung zu suchen und die erteilten Antworten zu prüfen. Die erteilten Auskünfte erweisen sich jeweils als falsche Meinungen; sie werden widerlegt, sodass der Irrtum offenkundig ist. Das wiederholt sich immer wieder; das Ergebnis ist jeweils dasselbe: Keine Antwort hält einer kritischen Überprüfung stand. Hieraus ergibt sich für Sokrates, dass das praktische Wissen, das alle zu haben glauben, nicht vorhanden ist. Da auch er dieses Wissen nicht besitzt und es trotz fortwährenden Suchens und Fragens nie erlangte, ergibt sich als Konsequenz das Eingeständnis des Nichtwissens. Dieses Eingeständnis ist keineswegs Zeichen einer Resignation, sondern Wissen des Nichtwissens oder ›belehrte Unwissenheit‹. Sie ist die dem Philosophen angemessene Grundhaltung, die ihn immer wieder veranlasst, nach dem Guten und den Vortrefflichkeiten zu suchen und die erteilten Antworten, auch die eigenen, kritisch zu überprüfen in der Erwartung, dass kein vermeintliches Ergebnis der Widerlegungskunst standhalten wird. Dass Sokrates annahm, eine Annäherung an das Gesuchte sei möglich, ist wahrscheinlich, weil ansonsten Streben nach Einsicht sinnlos wäre. Das ändert aber nichts daran, dass er das Wissen des Nichtwissens als höchste Weise menschlicher Erkenntnis betrachtete. Gut und richtig ist nicht das, was in Tradition und Gegenwart dafür ausgegeben wird – hierin berührt Sokrates sich mit den Sophisten –, sondern etwas wesentlich anderes, das fortwährend zu suchen Aufgabe des Philosophen ist, wenngleich es sich letztlich der Erkenntnis entzieht, und hierdurch unterscheidet sich sokratisches Streben nach Weisheit von jeder anderen Grundhaltung. Aus dem Wissen des Nichtwissens ergibt sich die oft genannte sokratische Ironie (Verstellung). Sie bedeutet nicht, dass Sokrates die Antwort auf die Fragen, die er an den Gesprächspartner richtet, schon kennt – solches mag zwar gelegentlich vorkommen –, sondern dass er im Bewusstsein seines und aller Menschen Nichtwissens dem Dialogpartner zeigt, dass dessen vorgebliches Wissen einer kritischen Überprüfung nicht gewachsen ist, also Unwissen ist, und ihn dann auffordert, im gemeinsamen Gespräch die Wahrheit zu suchen. Dieses Suchen endet zwar abermals im Eingeständnis des Nichtwissens, aber das Nichtwissen ist jetzt nicht mehr einfachhin Ignoranz, sondern belehrte Unwissenheit. Nicht im Zurschaustellen der eigenen Leistung, erst recht nicht in einer Prunkrede nach Art der Sophisten leitet Sokrates als Lehrer die mühevolle Suche nach der Wahrheit, sondern im Verkleinern und Verbergen der eigenen Leistung. Nicht um Vermittlung eines philosophischen Systems, weder eines eigenen, das er nicht hat, noch um das eines anderen, geht es Sokrates, sondern darum, andere unter Zurücknahme seiner eigenen Fähigkeiten auf den Weg zur Wahrheitssuche zu geleiten. Dass diese Art von Ironie als Arroganz missverstanden wird, ist einleuchtend; denn Sokrates ist von seiner Unwissenheit und der aller Menschen überzeugt. Diese Überzeugung hat Konsequenzen hinsichtlich dreier dem Sokrates beigelegten Aussagen, nämlich Vortrefflichkeit sei Wissen (dem wird hinsichtlich der Politiker, Dichter, Handwerker nachgegangen), woraus folgt, dass niemand mit Wissen Unrecht begeht, und ferner, die Sorge um die Seele sei wesentliche Voraussetzung eines wirklich guten Lebens. Dass Vortrefflichkeit (arete , bester Zustand) in handwerklichen Berufen Sachkenntnis erfordert, konzediert Sokrates, aber diese Sachkenntnis richtet sich nicht auf das menschliche Gute, welches sich in der Betätigung ethischer Vortrefflichkeiten äußert. Die Dichter verfassen ihre Werke ›aufgrund einer gewissen Naturanlage‹, nicht aufgrund von Wissen und Weisheit; und die Politiker wissen gar nichts. Das praktische Wissen vom Guten erfordert Selbsterkenntnis; wenn wir unsere eigene Wesenheit kennen, wissen wir zugleich, was das Ziel unseres Lebens ist. Hieraus folgt das fortgesetzte Bemühen des Sokrates um Selbsterkenntnis zusammen mit dem Bemühen, kein Unrecht zu begehen, was sich auch darin zeigt, dass er sich weigerte, aus dem Gefängnis zu entweichen, obwohl er die Möglichkeit dazu hatte, und dadurch gegen die Gesetze Athens zu verstoßen. Entscheidend ist die Sorge um die Seele, die der Mensch im eigentlichen Sinne ist; und diese Sorge verstand Sokrates anscheinend weniger im religiösen als vielmehr im philosophischen Sinne: Streben nach Erkenntnis des Guten und leben entsprechend der persönlichen Überzeugung. Hierbei ließ Sokrates sich von einer inneren Kraft leiten, die er sein daimonion nannte, unter der wohl kaum das Gewissen zu verstehen ist; denn das daimonion wird immer als abratend, nicht als zuratend beschrieben. Dass Sokrates an ein Weiterleben nach dem Tod glaubte, das über ein Schattendasein im Hades hinausging, ist wegen der ›Sorge um die Seele‹ wahrscheinlich; etwas darüber zu wissen verneinte er. Wie Sokrates über die Staatsreligion und über die ansatzweise vorhandene philosophische Theologie dachte, ist unbekannt.

Im 4. nachchristlichen Jahrhundert schrieb Kaiser Julian: »Alle, die jetzt ihr Heil in der Philosophie finden, verdanken dies Sokrates.« Hiermit ist Sokrates’ Bedeutung trefflich hervorgehoben.

O. Gigon, Sokrates, sein Bild in Dichtung und Geschichte , Bern 1947 [2. Aufl. 1979]

H. Kessler (Hg.) Sokrates, Gestalt und Idee , Sokrates-Studien 1, Zug 1993

A. Patzer, Sokrates, Das Gute , in: Grundprobleme der großen Philosophen, hg. von J. Speck, 4. Aufl. Göttingen 1990

Geschichte der Philosophie , hg. von W. Röd: Die Philosophie der Antike 2, Sophistik und Sokratik, Plato und Aristoteles, von A. Graeser, München 1983

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt