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Lic. phil. Gerhild Tesak

Sensualismus

Bezeichnung für diejenige erkenntnistheoretische Position, nach welcher alle Erkenntnis auf sinnlicher Wahrnehmung beruht. Eine Beteiligung des Geistes beim Zustandekommen der Erkenntnis wird im strengen Sensualismus völlig abgelehnt, in schwächer ausgeprägten Formen desselben auf ein Minimum reduziert. Die Wahrnehmungen beziehungsweise die Wahrnehmungsinhalte selbst werden als primär und unverfälscht Gegebenes verstanden. Eine klare Trennung in Denken und Wahrnehmen besteht nicht. Vielmehr wird das Denken selbst als eine Art Wahrnehmung oder als das Produkt derselben verstanden, sodass sich prinzipiell auch alle Denkinhalte auf Sinneseindrücke zurückführen lassen. Denkinhalte sind in dieser Sicht von der Sinnesempfindung abgeleitete Vorstellungen, wobei es zur Ableitung selbst keiner weiteren Prinzipien oder Fähigkeiten bedarf.

Der Sensualismus als erkenntnistheoretischer Standpunkt findet sich in zwei Ausformungen: dem psychologischen und dem wissenschaftstheoretischen Sensualismus. Der psychologische Sensualismus beschäftigt sich mit der Entstehung der sinnlichen Wahrnehmung bzw. mit demjenigen Prozess, der im Ausgang von sinnlichen Wahrnehmungsempfindungen schließlich zur Erkenntnis führt. Der wissenschaftstheoretische Sensualismus dient dem Ziel einer rein deskriptiven Wissenschaft, deren Sätze durch Reduktionsverfahren auf zugrunde liegende Elementarsätze über Sinneseindrücke zurückgeführt und dadurch als in der Empirie verankert erwiesen werden können. Der sensualistische Standpunkt entwickelt und definiert sich vor allem durch seine Opposition zu allen spekulativen Ansätzen. Während sich einzelne Vertreter der sensualistischen Perspektive über alle Zeiten hinweg verteilt finden (die antiken Philosophen Protagoras, Epikur, Demokrit und der Begründer des Empiriokritizismus, Mach, seien hier nur als Beispiele genannt), hat sich der Sensualismus nur in Frankreich als eigentliche Schule oder Lehre konstituiert. Er ist entstanden aus der Rezeption, Weiterführung und vor allem der Radikalisierung des englischen Empirismus und wird von einigen Autoren als eine Sonderform desselben verstanden. Wie die Entstehung des Empirismus, so ist auch die Entstehung des Sensualismus in einem engen Zusammenhang mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften und dem damit verbundenen Bedürfnis zu sehen, ihre Erkenntnisse auf eine sichere empirische Grundlage zu stellen. In Anlehnung an antike Vorbilder wendet sich das Interesse der Zeit intensiv der Untersuchung der sinnlichen Wahrnehmungserfahrung zu. Die Schriften von Bacon, Hobbes, Locke, Hume und Berkeley bilden die empiristische Grundlage, auf der die Philosophen des Sensualismus ihre Systeme aufbauen. So findet sich bereits bei Hobbes die Formulierung des sensualistischen Prinzips, welches besagt, dass man sich nichts denken könne, was nicht zuvor als Ganzes oder in seinen Teilen in den Sinnen erzeugt worden sei. Auch Hobbes’ Verständnis der Vorstellungsinhalte als mentale Entsprechungen, nicht als Abbildungen der äußeren Dinge stößt auf die Zustimmung der Sensualisten. Hobbes deutet den Wahrnehmungsprozess mechanistisch, indem die von äußeren Dingen durch Bewegung verursachte Einwirkung auf die menschlichen Sinnesorgane eine Reaktion der ›inneren Lebensgeister‹ provoziert, welche zu der Erzeugung der mentalen Vorstellungsinhalte führt. Neben dem Einfluss der anderen erwähnten Autoren ist es jedoch vor allem Locke, auf den sich die Sensualisten immer wieder beziehen. In seiner Theorie unterscheidet er die Wahrnehmung der äußeren Sinne von der inneren Selbstwahrnehmung des Geistes und sieht in ihnen die Grundlage und Ursache aller dem Menschen möglichen Erkenntnis. Diese These erfährt eine deutliche Radikalisierung durch Condillac. Indem er die lockesche Selbstwahrnehmung als möglichen Ursprung von Ideen ausschaltet und in Konsequenz alle Vorstellungsinhalte nur noch als Produkte ausschließlich der äußeren Sinneswahrnehmung bestimmt, führt er den Empirismus in einen Sensualismus über. Condillac und mit ihm viele spätere Sensualisten verstehen diesen Schritt als konsequente Weiterführung der empiristischen Theorie. So richtig das in gewisser Hinsicht auch sein mag, so stimmt auch, dass mit dieser Reduktion ein klarer Wechsel der Blickrichtung verbunden ist. Erkenntnistheoretische Aspekte treten in den Hintergrund (respektive verschwinden gänzlich), und das ganze Interesse richtet sich auf die genetische Untersuchung. Die empiristische Suche nach einem sicheren Ausgangspunkt für die Erkenntnis mündet im Sensualismus in der Psychologie. So verwundert es nicht, dass bereits die erste publizistische Erwähnung des Sensualismus (Ch. Villers in seiner Philosophie de Kant von 1801) diesen Namen in abwertender Weise gebraucht und von einer »neuen französischen Metaphysik« spricht. Wenn auch der Sensualismus als erkenntnistheoretische Position nicht überzeugen konnte, so war er doch in anderer Hinsicht äußerst erfolgreich. Interessanterweise bildet er das theoretische Fundament für eine Reihe der radikalsten französischen Aufklärer, die von den sensualistischen Grundlagen ausgehend ihre Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen formulieren. Wie diese Verbindung zwischen Gesellschaftskritik und Sensualismus konkret zu denken ist, soll für drei seiner prominentesten Verfechter dargelegt werden: Condillac, Helvétius und Condorcet.

In seinem Traité des sensations (1754) vertritt Condillac die These, dass nicht nur alle Vorstellungen des Menschen auf sinnliche Erfahrungen zurückzuführen sind, sondern dass auch sämtliche seiner Fähigkeiten erst durch dieselben erworben werden. Anhand der Vorstellung einer Statue, die nach und nach zum Leben erwacht, demonstriert er, wie er sich den Erwerb all derjenigen Fähigkeiten, die den Menschen ausmachen, durch bloße Sinneserfahrung vorstellt. Wenn aber der Mensch, wie es das Beispiel nahe legen soll, tatsächlich erst durch seine Erfahrungen zu dem wird, was er ist, so kann aus dieser Annahme in letzter Konsequenz auf die Gleichheit der Menschen vor aller ›Formung‹ durch die Erfahrung geschlossen werden (auch wenn der Autor selbst darauf an jener Stelle verzichtet). Auch Helvétius fordert in seiner posthum erschienenen Schrift De l'homme, de ses facultés intellectuelles et de son éducation (1773) den Leser auf, sich einen Menschen vorzustellen, der (beispielsweise von Feen aus der Wiege geraubt und auf ein einsames Schloss entführt) noch bar jeglicher ›Vorstellungen‹ und ›Leidenschaften‹ auf dieser Welt existiert. Weil ohne Vorstellungen und Leidenschaften, sei er aber auch gänzlich ohne ›Charakter‹ auf diese Welt gekommen, woraus sich ergibt, dass von Geburt aus alle Menschen gleich sind. Die späteren Unterschiede und Ungleichheiten zwischen den Individuen sind sämtlich das Ergebnis von Umwelteinflüssen: »Der Mensch ist nur das Produkt seiner Erziehung.« Die Ursache für die großen sozialen Spannungen seiner Zeit liegen nach Helvétius darin, dass die Repräsentanten der zeitgenössischen Moral und Politik von einem gänzlich falschen Bild der beherrschten Untertanen ausgehen. Dieses Menschenbild gilt es in erster Linie in Hinblick auf die beschriebenen menschlichen Grundlagen zu korrigieren. In der danach erfolgenden Anwendung des Gelernten muss der Gesetzgeber der Erziehung eine Schlüsselrolle in Gesellschaft und Politik einräumen. Obwohl auch Condorcets Überlegungen im Sensualismus ihren Ausgangspunkt haben, versucht dieser seine Forderungen (bürgerliche Gleichberechtigung der Protestanten, Humanisierung des Strafrechts, Abschaffung der Sklaverei usw.) in anderer Weise als Condillac und Helvétius aus den sensualistischen Grundannahmen zu entwickeln. Ausgehend von der Annahme (die auch von den beiden Obgenannten geteilt wird), dass die Sinnesempfindung die Grundlage jeder (Er-)Kenntnis darstellt, der Mensch also aus seinen Erfahrungen lernt, schließt Condorcet, dass die Lernfähigkeit der Menschen prinzipiell unendlich ist und somit die Grundbedingung für einen unendlichen zivilisatorischen, moralischen und intellektuellen Fortschritt eigentlich erfüllt sei. In einem gigantischen Abriss der Menschheitsgeschichte entwirft er das Bild dieses permanenten Fortschritts, der schließlich irgendwann in der Zukunft zur Beseitigung aller Ungleichheit in und zwischen den Völkern und zur Vervollkommnung der Menschen in jeder Hinsicht führen wird.

W. Windelband, Die Geschichte der Neueren Philosophie. Erster Band: Von der Renaissance bis Kant , Leipzig 1911, S. 407–414

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt