Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Prof. Dr. Claudius Strube

Seneca

(um 4 v. Chr. – 65): Lucius Annaeus Seneca ist der bedeutendste Vertreter der römischen Stoa, der letzten Ausformung dieser großen hellenistischen Philosophie, die 301 v. Chr. in der stoa poikile (bunte Halle), einer mit Gemälden Polygnots geschmückten Halle am Markt von Athen, gegründet worden war. Im Mittelpunkt dieser Schule stand nicht mehr wie bei den griechischen Klassikern Platon und Aristoteles der ›politische‹ Mensch, d. h. der am staatlichen Leben der Polis mitwirkende und für diese Teilhabe sich bildende Bürger, sondern das Individuum mit seinen elementaren, unpolitischen Lebensproblemen wie dem Umgang mit von Naturgewalten oder politischen Mächten erfahrenen Schicksalsschlägen. Bedeutsam sind sodann: die Schwierigkeit der Selbstfindung angesichts der Verwicklungen in das gesellschaftliche Leben, die Verarbeitung von Rückschlägen bei der Gewinnung charakterlicher Festigkeit durch das Ausmaß unkontrollierter Affektivitäten und schließlich die für ein gelingendes Leben entscheidende Klärung dessen, was wirklich als das Eigene und Wichtige im Leben angesehen werden kann. Diese Wendung der Philosophie zur individuellen Seelenleitung war umso dringlicher geworden, weil mit der Entstehung des alexandrinischen Territorialstaates der Lebensraum des griechischen Stadtstaates verschwunden war.

Der Hoffnung der gebildeten Bürger, in freier Diskussion und in direkter Mitwirkung ein wohl geordnetes Gemeinwesen errichten zu können, in dem die Verwirklichung eines wahrhaften Menschseins möglich sei, war der Boden entzogen worden. Der Bezugsbereich des so zwangsweise ›entpolitisierten‹ Individuums konnte nach Auffassung der Stoiker darum nicht mehr die staatlich verfasste Gemeinschaft sein, sondern einzig die Menschheit. Diese von den Stoikern erstmals entwickelte Idee eines abstrakten Gemeinwesens, dem jeder Mensch jenseits seines sozialen Status, seiner Volks-, Staats- oder Religionszugehörigkeit in erster Linie zugehöre, wurde die Grundlage des von Cicero und Seneca eindringlich und für spätere Zeiten vorbildhaft vorgetragenen Humanismus (A Renaissance – Humanismus). Um des Zieles willen, die Humanität in uns zu wecken, gibt Seneca der Philosophie eine andere Aufgabe. Sie ist nicht mehr wie noch bei Aristoteles primär Theorie, d. h. spekulative Einsicht in die wesentliche Ordnung aller Dinge, sowie argumentative Diskussion über die Mittel und Wege, zu einer solchen theoretischen Erkenntnis zu gelangen. Stattdessen betont Seneca: »Handeln lehrt die Philosophie, nicht reden.« Statt der theoretischen Diskussion ist in erster Linie verlangt, dass jemand Sorge um sich selbst trägt. Wer das officium sapientiae , das Philosophisch-Werden, auf sich nimmt, muss sich um die stete Verbesserung des eigenen Lebenswandels bemühen. Eine solche Verbesserung kann aber nicht in der Anpassung an eine zuvor erkannte Güterordnung und Werthierarchie bestehen. Denn das hieße den gebildeten Bürger voraussetzen, der in der Lage ist, zuvor eine solche Einsicht in die wahrhafte Güterordnung zu erreichen. Seneca nennt daher nur ein allgemeines, aber so doch von jedem erfüllbares Kriterium: dass bei allem, was einer tut, die Taten stets mit den Worten übereinstimmen sollen, oder – noch allgemeiner – dass jeder, wo er auch sei, sich selbst gleich bleiben soll. Mit der Bestimmung, dass es im Leben zuallererst auf Wahrhaftigkeit ankommt und nicht auf die Erfassung von Wahrheiten (Wesensordnungen), hat Seneca nachhaltig auf Montaigne, die französischen Moralisten (La Rochefoucauld u. a.), Nietzsche und die Existenzphilosophie wirken können.

Senecas Geburtsjahr wird ganz unterschiedlich bestimmt (von 4 v. Chr. bis 1 n. Chr.). Sein Vater, ein römischer Ritter aus Cordoba in Spanien, ließ ihn schon als Kleinkind nach Rom bringen, um ihm von Anfang an eine klassische Ausbildung zukommen zu lassen. Darauf folgte der Unterricht bei einem Rhetor und bei einem Rechtsgelehrten. Auf beiden Gebieten erzielte Seneca später (seit 31) beachtliche Erfolge. Unter Kaiser Gaius (37–41), genannt Caligula (Soldatenstiefelchen), trat er in Beziehung zu dessen Schwestern, besonders zu Agrippina. Damit wurde er freilich auch in die höfischen Konkurrenzen und Intrigen verwickelt. Sogleich bei Regierungsantritt des Kaisers Claudius (41–54) ließ ihn dessen Frau Messalina auf die trostlose Insel Korsika verbannen. Dieser Schicksalsschlag – plötzlich herausgerissen zu werden aus einem kulturell und politisch höchst interessanten Leben, ohne auf Rückkehr hoffen zu dürfen – wurde zur Prüfzeit, vor allem für die gerade neu angeeignete stoische Philosophie. Nach 8 Jahren konnte Agrippina, die neue Gattin des Kaisers, Senecas Rückkehr mit dem Argument durchsetzen, einen hochkarätigen Erzieher für ihren aus einer früheren Ehe stammenden, vom Kaiser aber adoptierten Sohn Nero zu benötigen. Bei dessen Thronbesteigung im Jahre 54 wurde Seneca folgerichtig Ratgeber für alle öffentlichen Auftritte des inzwischen siebzehnjährigen Kaisers. Durch diese Funktion und die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Prätorianerpräfekten Burrus, dem die Hauptverantwortung für die Exekutive zukam, nahm Seneca zentral an der Regierung des römischen Staates teil. Die nächsten fünf Jahre galten allgemein als eine goldene Zeit für das Weltreich. Danach schwand der Einfluss Senecas, das persönliche Regiment Neros wurde zunehmend unkalkulierbarer. Seneca wollte dafür nicht länger die Verantwortung übernehmen und bat um seinen Abschied, der ihm aber offiziell verweigert wurde. Im Jahre 65 beschloss die Verschwörung um Piso, den wahnsinnigen Kaiser zu beseitigen und Piso oder auch Seneca zum Prinzeps zu erheben. Die Verschwörung wurde entdeckt, und obwohl Seneca keine Mittäterschaft nachgewiesen werden konnte, zwang ihn der misstrauische Nero zur Selbsttötung. Das wurde noch einmal eine Prüfung für den, der sich auf den Weg gemacht hatte, ein stoischer Weiser zu werden. Seneca ließ sich die Adern öffnen, das Blut floss aber nur langsam und so nahm er zusätzlich Schierlingsgift. Da es von seinem kalten Körper nicht richtig aufgenommen wurde, stellte er sich in eine Wanne mit warmem Wasser. Als dies aber den Tod noch immer nicht beschleunigte, schlachteten ihn die ungeduldig gewordenen Schergen schließlich wie ein Stück Vieh ab. Tacitus hat uns den langen Tod in allen Einzelheiten geschildert. Rubens hat hiernach sein Bild Der sterbende Seneca geschaffen, es hängt heute in der Alten Pinakothek in München.

Die erste philosophische Arbeit Senecas (Ad Marciam de consolatione ), bereits in der Regierungszeit Caligulas verfasst, gehört zur großen antiken Gattung der Trostschriften. Die überlange Trauer, die Depression, galt in der Antike als der Affekt, der anders als Wut, Zorn, Hass und Misstrauen der Vernunft am wenigsten zugänglich ist. Gerade im Hinblick auf diese Einschätzung leuchtet das neue ›psychotherapeutische‹ Konzept der Stoiker ein, die Affektivität nicht etwa bloß der Vernunft zu unterwerfen (wie bei den Platonikern) oder gelegentlich sogar zu akzeptieren (wie bei den Aristotelikern: der so genannte ›gerechte Zorn‹), sondern gänzlich, wenn auch schrittweise, aufzulösen. Auch in seinen nach griechischen Vorbildern verfassten Tragödien ist die Gewalt des Affektes das eigentliche Thema: die Wut einer verletzten und beleidigten Seele, das Beharren auf Rache, der Selbsthass und das Leiden unter Gewissensbissen.

Die Themen von Senecas Werken – vor allem Über den Zorn , Über die Standhaftigkeit des Weisen , Über das glückselige Leben , Über die Seelenruhe und Über die Kürze des Lebens – finden sich schließlich alle wieder in seinem in der Zeit der Entmachtung entstandenen Hauptwerk: Epistulae morales ad Lucilium , oft mit Briefe über Ethik übersetzt; sachlich treffender wäre aber Briefe über die persönliche Lebensführung . Es handelt sich um ein literarisch-philosophisch höchst kunstvoll komponiertes Briefwerk. Es besteht aus 124 sorgfältig aufeinander aufbauenden Kunstbriefen, in denen wie bei wirklichen Briefen oft von zufälligen Anlässen und Erlebnissen oder von früher Erwähntem und nur den Briefpartnern Vertrautem ausgegangen wird, um dann ein bestimmtes Thema – die Aufgabe der Philosophie, die Gefahr der seelischen Verformung durch eine zu starke Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, die übermäßige Todesfurcht der meisten, der Nutzen einer ausgeglichenen Sinnesart – anzuschlagen, um schließlich in einer Ermahnung oder Sentenz zu enden, wie z. B. »Derjenige ist ein überaus glücklicher und unbesorgter Besitzer seiner selbst, der das Morgen ohne Unruhe erwartet.« Das gesamte Werk ist in mehrere Zyklen gegliedert, denen jeweils bestimmte pädagogische Phasen entsprechen und in denen früher Gewonnenes variiert und vertieft wird. Seneca beansprucht nicht, bereits ein Weiser zu sein; auch er ist nur einer, der auf dem Wege ist (proficiens ). Gegenüber seinem Schüler betont er daher lediglich, schon ein Stück weiter zu sein.

Den pädagogischen Grundgedanken des Briefkursus nennt Seneca bei der Antwort auf die Frage, warum niemand seine Fehler eingesteht. Weil wir alle noch so in Fehlhaltungen befangen sind wie einer, der sich noch im Traum befindet und noch nicht in der Lage ist, ihn anderen zu erzählen. Aufgabe der Philosophie ist es daher, uns wachzurütteln und uns die Chance zu geben, unsere Fehler einzugestehen. Denn dies ist das erste Zeichen unserer seelischen Gesundung. Dies begründet Seneca wiederum mit der interessanten psychologischen Auffassung, dass offen gelegte Fehlhaltungen schon erheblich an negativer Wirkung verloren haben. Die Parallelen mit der heutigen Psychoanalyse sind verblüffend.

Die Hauptquelle für unser Fehlverhalten – das Thema, bei dem Seneca ganz und gar originell ist – besteht im falschen oder nachlässigen Umgang mit unserer eigenen Lebenszeit. Die Zeit ist zwar eine flüchtige und höchst unsichere Sache, aber sie ist andererseits die einzige, die wir von Natur aus besitzen. Alles andere müssen wir erst erwerben, daher kann es uns jederzeit vom Schicksal wieder genommen werden. Es kommt also alles darauf an, der Zeit endlich den Wert beizulegen, der ihr wirklich zukommt. Ein großer Teil des Lebens entgleitet uns, wenn wir unrecht handeln, der größte Teil, wenn wir überhaupt nicht handeln, das ganze Leben aber entgleitet uns, wenn wir immer wieder nur ›anderes‹ tun, indem wir uns mit allem Möglichem beschäftigen und nicht mit dem, was für uns wirklich wichtig ist, oder wenn wir nicht das tun, was jeweils jetzt verlangt ist, sondern alles auf ein Morgen verschieben. Von daher ist der grundlegende Rat zu verstehen, mit dem Seneca den ersten Brief eröffnet: »Handle so, mein Lucilius: Eigne dir dies endlich an, das dir immer schon gehört hat. Sammle und hüte die Zeit, die dir gegeben ist!«

G. Maurach, Seneca – Leben und Werk , Darmstadt 1991

E. Hachmann, Die Führung des Lebens in Senecas Epistulae morales , Münster 1995

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt