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Lothar Aßmann

Sein – Seiendes

Wenn wir davon sprechen, dass etwas ist, meinen wir zunächst die Dinge unserer Umgebung, die wir wahrnehmen, mit denen wir praktisch umgehen. Aber es gibt auch Träume, Wünsche, Hoffnungen und all die anderen Modifikationen des Seelischen und uns selbst, die wir dies erleben. Demzufolge umfasst der Begriff Sein alles Denk- und Vorstellbare.

In der abendländisch-philosophischen Tradition hat die Auseinandersetzung mit dem Begriffspaar ›Sein – Seiendes‹ eine zentrale Rolle gespielt (Ontologie), wobei die Frage nach dem Sein auf den allgemeinen, begrifflichen Inhalt und die nach dem Seienden auf die Bedingungen der konkreten Vereinzelung abzielte. Bis in die Anfänge der ionischen Naturphilosophie lässt sich das Seinsproblem zurückverfolgen. Deren Vertreter bemühten sich, die Mannigfaltigkeit der Welt, das sich in ihr zeigende Entstehen und Vergehen verständlich zu machen und sie auf ein Grundprinzip zurückzuführen. An die Stelle tradierter Mythologien tritt die rationale Welterklärung. Während sie noch in bestimmten Naturphänomenen das Urprinzip alles Seienden zu erkennen glaubten – für Thales von Milet war dies das Wasser – wird die Seinsfrage zum ersten Mal von Parmenides völlig abstrakt gestellt: Nach seiner Lehre ist die wahrgenommene Welt Schein, denn ihre Gegenstände sind einem ständigen Prozess des Entstehens und Vergehens ausgesetzt. Dies würde aber bedeuten, dass sie zugleich sind und nicht sind. Für Parmenides ist dies ein Widerspruch, denn nur das Seiende ist und das Nichtseiende ist nicht. Für ihn ist das Seiende unveränderliche, zusammenhängende, in sich undifferenzierte und mit dem Denken identische Einheit.

Platon teilt zwar in der Tendenz die Erfahrungskritik von Parmenides, löst aber die gestaltlose Einheit der Seinslehre des Parmenides in eine gegliederte und strukturierte Vielheit von Ideen auf. Auch den erfahrbaren Objekten gesteht er, im Gegensatz zu Parmenides, einen gewissen Seinsstatus zu. Dieser gründet aber in der Teilhabe an den Ideen. Gleichwohl ist nach Platon das Seiende in zwei Bereiche aufgespalten: in eine unvollkommene Erfahrungswelt und eine jenseitige Ideenwelt, der allein wahrhaftes Sein zukommt. Aristoteles ist bestrebt, diesen Bruch zu überwinden, indem er die platonischen Ideen als Wesensbegriffe der sinnlich erfahrbaren Einzelgegenstände interpretiert. Damit werden sie aus der jenseitigen Ideenwelt quasi ins Innere der Dinge verlegt, als das dem Denken begreifliche und damit zugängliche Allgemeine. Unter diesen Begriffen gibt es eine Hierarchie im Hinblick auf Allgemeinheitsgrad. Die jeweils an der Spitze stehenden, keiner Verallgemeinerung mehr fähigen und unter keinen Oberbegriff subsumierbaren bezeichnet er als Kategorien. Für Aristoteles ist die Substanzkategorie die wichtigste, sie drückt in besonderer Weise das Wesen des Seienden aus.

Die mit Descartes beginnende Bewusstseins- und Subjektsphilosophie hat der Frage nach dem Sein kaum Beachtung geschenkt. Nach Descartes kann das Sein als solches nicht vernommen werden, für Kant ist es kein reales Prädikat in Urteilen und für Hegel ist Sein der abstrakteste Begriff, der inhaltlich ebenso leer und unbestimmt ist wie der Begriff Nichts.

Erst in der Philosophie Heideggers findet eine Neubesinnung auf die Seinsproblematik statt. Heidegger kritisiert an der traditionellen Seinslehre, der Ontologie, dass sie den Begriff Sein immer in der Perspektive eines existierenden Seienden analysiert und ihn damit im Ansatz verfehlt habe. Im Besonderen trifft diese Kritik die Philosophie Descartes und dessen Zwei-Substanzen-Lehre, den ausgedehnten und denkenden. Hier sei in besonders einseitiger Form Sein auf Vorhandensein von Dingen reduziert. Nach Heidegger verweist die Seinsfrage auf den zurück, der diese Frage stellt, auf den Menschen. Er ist ein Seiendes, das immer schon eine Auslegung von sich und gleichzeitig der Welt, ›Seinsverständnis‹, hat. Um diese Besonderheit der menschlichen Existenz deutlich zu machen, nennt er den Menschen Dasein. Das Sein des Daseins ist dadurch näher bestimmt, dass es sich einerseits nicht selber geschaffen hat, somit in die ›Welt hineingeworfen wurde‹ und sich andererseits aus seinen zukünftigen Möglichkeiten versteht und wählt. Die Struktureinheit von geworfenem Entwurf bezeichnet Heidegger als ›Sorge‹. Die Sorge wiederum gründet in der Zeitlichkeit des Daseins. Somit ist für Heidegger klar, dass im Gegensatz zur klassischen Ontologie, die Sein als zeitloses Phänomen gedeutet hat, das Seinsproblem nur im Kontext einer durch das Dasein getätigten ursprünglichen Verzeitlichung gelöst werden kann.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt