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Dr. Eva-Maria Sewing

Schönes

Das Schöne ist der zentrale Begriff der Ästhetik, ein Wertbegriff zur Bezeichnung subjektiven Gefallens an sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen oder Objekten. Je nach Perspektive bezeichnet das Schöne eine Eigenschaft des Gegenstands (objektivistische Ästhetik, Edmund Burke) oder den Anteil der Erkenntniskräfte an der Wahrnehmung des Gegenstands (subjektivistische Ästhetik). Nach Auffassung einer phänomenologisch ausgerichteten Ästhetik entsteht das Schöne eher aus einer Korrespondenz der Eigenschaften des Gegenstands und der ästhetischen Wahrnehmung. Im Schönen treffen Bestimmungsmerkmale des Gegenstandes und dessen Wirkung auf das betrachtende Subjekt zusammen. Es benennt somit keine Eigenschaft der Dinge, sondern eher eine Beziehung zwischen Objekt und Subjekt.

Als Relationsbegriff unterliegt der Begriff des Schönen keiner festen Bestimmung und wurde zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich festgesetzt. So galten den klassizistischen Perioden Symmetrie und Harmonie als besondere Kriterien für das Schöne, während der Barock eher das Ausdrucks- und Prunkvolle hoch schätzte. Mit der Epoche der Romantik erfährt das Verständnis des Schönen eine Akzentverlagerung vom Sinnen- zum Seelenhaften. In der Gegenwart verschwimmen die Grenzen zwischen Schönem und Hässlichem – insbesondere in der avantgardistischen Kunst werden das Hässliche und das Dissonante aufgewertet.

Die bis in die Gegenwart relevante Bedeutung des Begriffs des Kunstschönen wurde von Baumgarten grundgelegt: Im Gegensatz zu den auf wahre Erkenntnis zielenden intellektuellen Fähigkeiten des Menschen ist für das ästhetische Werturteil des Schönen dessen Subjektivität ausschlaggebend. Das subjektive Geschmacksurteil ist das Ergebnis nichtrationalen Weltverhältnisses und somit unabhängig von erkennender Vernunft und sittlichem Gefühl. Kant charakterisiert das ästhetische Urteil näher als interesseloses Wohlgefallen, welches sich nicht auf die reale Existenz des angeschauten Gegenstands richtet, sondern Gefallen an dessen innerer Zweckmäßigkeit ohne Gedanken an einen praktischen Zweck findet. In der so begründeten Seinsweise des Schönen als Schein (frei von menschlichem Nützlichkeitsdenken) ist die bis heute gültige Forderung nach Kunstautonomie begründet.

Im Gegensatz zum eher beliebigen Gefühl des Angenehmen zeichnet sich der Begriff des Schönen durch Allgemeingültigkeit aus: Für Kant ist schön das, was die Erkenntniskräfte in einen harmonischen Zustand versetzt (freies Spiel der Erkenntniskräfte, nämlich Einbildungskraft und Verstand. Schön ist die Form der inneren Zweckmäßigkeit ohne Zweck, die im menschlichen Betrachter ein freies Spiel dieser Erkenntniskräfte hervorruft (Der Begriff ist folglich insofern inhaltlich gefüllt als den Regeln des Verstandes zuwider laufende Unwahrscheinlichkeiten im Kunstwerk nicht als schön gelten können, genauso wie im Gebot der inneren Zweckmäßigkeit Forderungen wie Stimmigkeit und Harmonie erhoben werden.). Im ästhetischen Spiel erreicht für Schiller der Mensch den Gipfel seines Menschseins: die Einheit eines fühlenden Geist-Wesens. Diese Auffassung ist die Grundlage für die kunstpädagogische Auffassung des deutschen Idealismus (A), der das Schöne als Erscheinung der Freiheit sieht. Das Schöne erhält hier neben dem Ästhetischen eine ethische Dimension. In der zeitgenössischen Moderne wird zunehmend Kritik am schönen Schein der Kunst deutlich. Angesichts der universellen widersprüchlichen Struktur der gesellschaftlichen Wirklichkeit würde Adorno zufolge die Harmonie des schönen Scheins zur Lüge. Das Ideal des Schönen wird so zu Gunsten des Hässlichen aufgegeben und die im schönen Schein festgehaltene Utopie wird nur noch negativ aufbewahrt.

Der die Moderne bestimmende Begriff des Schönen entspricht jedoch nicht dem ursprünglichen Begriffsverständnis. Für Platon ist Schönheit eine Eigenschaft des Seienden und eines dieses im Sinne eines Urbilds übersteigenden Seins. Dieses wird bestimmt als Einzelideen, die alle Anteil haben an der höchsten Idee, nämlich der des Guten, wobei im Guten auch das Schöne und Wahre mitgedacht ist. Das Schöne hat also in der griechischen Antike ontologische und metaphysische Bedeutung. Insofern hat die Erkenntnis des Schönen Wahrheitscharakter, eine Auffassung, die trotz der vom ontologisch-metaphysischen Begriffsverständnis abweichenden ästhetischen Ausrichtung der Moderne implizit auch diese prägt, zum Beispiel in Hegels Bestimmung des Kunstschönen als sinnlichem Scheinen der Idee, in dem ästhetischen Programm des sozialistischen Realismus oder auch in einer avantgardistischen Ästhetik des Hässlichen. In der christlich-theologischen Ästhetik des Mittelalters (A) wird in einer religiösen Abwandlung des antiken Verständnisses das Schöne zum Symbol Gottes: so bei Augustinus (splendor ordinis ), bei Albertus Magnus (splendor formae ) und bei Thomas von Aquin (splendor veritatis ). Der ontologisch-metaphysische Begriff des Schönen zerfällt mit der Einsicht in dessen Geschichtlichkeit und mit der Bevorzugung des Kunstschönen vor dem Naturschönen auf Grund des im deutschen Idealismus von Kant, Fichte und Hegel (nicht so von Schelling) unterstellten Vorrangs des Geistes vor der Natur.

I. Kant, Kritik der Urteilskraft , in: Werke in sechs Bänden. Hg. v. W. Weischedel, Bd. V, Darmstadt 1966

F. Schiller, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen , in: Sämtliche Werke. Hg. von G. Fricke und H. Göpfert, Bd. V, Darmstadt 1993

Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie , Frankfurt/M. 1970

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt